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Ilias

Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Ilias (Begriffsklärung) aufgeführt.

Die Ilias (altgriechisch Ἰλιάς, heute Ιλιάδα) gilt gemeinhin als das homerische Epos vom Trojanischen Krieg, jedoch ist der Krieg nur der vorausgesetzte Hintergrund für die Auseinandersetzung zwischen dem „Völkerfürsten“ Agamemnon und dem stärksten Mann des griechischen Heeres, Achilleus. Ihre menschlichen Vorzüge, aber auch Fehler werden in der Ilias dargestellt. Leitmotiv der Ilias ist der verderbliche Zorn[1] des Achilleus, dessen zeitweilige Weigerung, am Kampf teilzunehmen, ungezählten Achaiern den Tod bringt. Ein zweiter Erzählstrang innerhalb der Gesänge ist der Kampf der Götter parallel zu dem auf dem Schlachtfeld. Athene, Hera und Poseidon stehen dabei auf der Seite der Griechen, während Ares, Aphrodite und Apollon auf Seiten der Trojaner stehen.

Das Epos gilt als das älteste erhaltene Werk der griechischen und damit der abendländischen Literatur. Seine Niederschrift wird in etwa auf die Zeit um 730 v. Chr. datiert. (Die Diskussion gibt beiderseits 50 bis 100 Jahre Spielraum.) Die vermutlich später entstandene Odyssee, die womöglich von einem anderen Dichter stammt (auch dies ist umstritten), beschreibt die Rückkehr des Odysseus aus dem Trojanischen Krieg.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Die Ilias beginnt mit dem 'Zorn des Achilleus' genannten Prooimion:

Μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
οὐλομένην, ἥ μυρί’ Ἀχαιοῖς ἄλγε’ ἔθηκε,
πολλὰς δ’ ἰφθίμους ψυχὰς Ἄιδι προίαψεν
ἡρώων, αὐτοὺς δὲ ἑλώρια τεῦχε κύνεσσιν
οἰωνοῖσί τε πᾶσι, Διὸς δ’ ἐτελείετο βουλή,
ἐξ οὗ δὴ τὰ πρῶτα διαστήτην ἐρίσαντε
Ἂτρείδης τε ἄναξ ἀνδρῶν καὶ δῖος Ἀχιλλεὺς.
Mẹ̄nin aeịde, theạ, Pēlẹ̄iadeọ̄ Achilẹ̄os
Oụlomenẹ̄n, hē mỵri' Achaịois ạlge' ethẹ̄ke,
pọllas d' ịphthimoụs psychạs Hadị proiạpsen
hẹ̄rōọ̄n, autoụs de helọ̄ria teụche kynẹssin
oịōnoịsi te pạsi, Diọs, eteleịeto boụlē,
ẹx hou dẹ̄ ta prọ̄ta diạstētẹ̄n erisạnte
Ạtreidẹ̄s te anạx andrọ̄n kai dịos Achịlleus

Deutsche Übersetzung von 1793 von Johann Heinrich Voß:

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet:
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.

Von dem zehnjährigen Krieg zwischen Griechen und Trojanern, der aus der Sage bekannt ist, stellt Homer nur 51 Tage (und auch davon nur einige detailliert) dar:

Achilleus, der stärkste achaiische Kriegsheld und Agamemnon, der Heerführer der Achaier, geraten über die Sklavin Briseis in Streit, mit der Folge, dass Achilleus nicht mehr am Kampf teilnimmt. Die Trojaner unter ihrem Vorkämpfer Hektor nutzen diese Gelegenheit und bedrängen die Achaier schwer. Achilleus erlaubt seinem Freund Patroklos, an seiner Stelle in den Kampf zu ziehen. Patroklos wird in der Schlacht von Hektor getötet. Darauf kommt es zum Zweikampf zwischen dem trauernden Achilleus und Hektor, der in diesem Zweikampf fällt. Der Tod Hektors besiegelt das Schicksal Trojas; das Epos aber endet thematisch mit dem Ende des Grimms und dem einsetzenden Mitleid des Achilleus, der Hektors Vater Priamos den zuvor geschändeten Leichnam seines Sohnes endlich zur Bestattung zurück gibt.

Der homerische Held

Der homerische Heros zeichnet sich durch vier Charaktereigenschaften aus: aidós (Respekt und Rücksicht auf gesellschaftliche Stellung), éleos (Mitleid), kléos (Ruhm) und timé (Ehre). Des Weiteren ist er durch eine Vielzahl innerer und äußerer Kräfte beeinflusst und gelenkt. Ihm fehlt die Entscheidungsfreiheit, weil er einerseits göttlichem Lenken und dem Schicksal unterworfen, andererseits in gesellschaftliche Zwänge eingebunden ist. Seine Maxime lautet, immer der Beste zu sein und den anderen überlegen. (Aien aristeuein kai hypeirochon emmenai allon.) Die Helden der Ilias sind Aristokraten. Ihr Verhalten wird von den niedrigeren Schichten nur vereinzelt kritisiert, z. B. durch den Soldaten Thersites im 2. Gesang. Ihre gesellschaftliche Stellung spiegelt sich im Kampfverhalten wider. Sie möchten Ruhm und Ehre zu Lebzeiten erlangen, an ein Weiterleben nach dem Tod glaubten die Griechen nicht (siehe Hades). Dem Glanz der Heroen, die ihr Heldentum in Kämpfen („Aristien“) beweisen, stehen die schlichten Menschen verachtet gegenüber.

Charaktere als Ideale

Die dargestellten Charaktere können als Paradigmen für bestimmte Eigenschaften gesehen werden. Hektor als Verteidiger der Heimat, Helena als die Schöne.

Kampf der Götter

Ein zweiter Erzählstrang behandelt die Kämpfe zwischen der Göttin Athene, die auf Seiten der Griechen steht, sowie dem Gott Ares als Patron der Trojaner. Auch andere Gottheiten wie Zeus, Apollo, Hera und Aphrodite sind vertreten, spielen aber keine tragende Rolle in der Handlung.

Im fünften Gesang verwundet Athene Ares, indem sie eine Lanze „zuunterst gegen seinen Bauch“ führt. Dieser flieht gedemütigt aus der Schlacht und kehrt zum Olymp zurück, wo er auf Geheiß des Zeus von Paiëon geheilt wird.

Die Götter stellen die äußeren Einflüsse (göttliche Lenkung und Schicksal) dar, denen der Held unterworfen ist.

Die Sprache

Die Ilias ist in daktylischen katalektischen Hexametern geschrieben. Sie ist in einem ionisch-äolischen Mischdialekt geschrieben, dessen Besonderheiten unkontrahierte Formen, Langformen und kurzvokalische Konjunktive sind. Jedoch finden sich auch bereits Attizismen, welche bei späteren Überarbeitungen eingefügt wurden, weil bereits im klassischen Griechenland Formen der epischen Kunstsprache unbekannt waren. Die damalige griechische Sprache ist noch nicht diejenige der klassischen Zeit, sondern viel altertümlicher. Die Unterscheidung von Haupt- und Nebensatz ist verschwommen, Konstruktionen enden teilweise in Anakoluthen. Die Ilias weist auch noch viele Formen auf, die sich im späteren attischen Dialekt anders darstellen.

Man geht gemeinhin davon aus, dass die heutige Version der Ilias die gleichsam „eingefrorene“ Fassung eines alten, mündlich tradierten Heldengesanges ist. Inwiefern das Werk inhaltlich noch konkrete Erinnerungen an die ausgehende Bronzezeit bewahrt hat, ist hingegen seit langem in der Forschung umstritten.

Die „Ilias“ in der Neuzeit

Nach der Neuentdeckung Homers setzt im 17. Jahrhundert die analytische Betrachtung seiner Dichtung ein.

Nach den historischen Bezügen im Werk selbst und seiner Überlieferungsgeschichte muss die Handlung im 12. oder 13. Jahrhundert v. Chr. angesetzt werden. Die Philologie hat starke Indizien dafür gefunden, dass die Rahmenhandlung der Ilias durch Gesänge in Hexameter-Form von mykenischer Zeit bis in die Epoche Homers überliefert wurde. Homer hätte somit eine seinem Publikum bis in Details bekannte Geschichte in besonders gelungener Form und unter ungewöhnlichen Vorzeichen (Der Groll des Achilleus) dargeboten.

In letzter Zeit hat die seit langem währende Kontroverse um einen möglichen historischen Gehalt der Ilias (s. o.) aufgrund zahlreicher neu gefundener Indizien verstärkt Schlagzeilen gemacht. Archäologische Funde aus Mykene sind identisch mit Homers Beschreibung von Gegenständen, die man zu seinen Lebzeiten bereits nicht mehr verwendete. In der Ilias listete Homer zudem mit größter Genauigkeit die Schiffe auf, mit denen die Griechen nach Troja segelten. Er nannte sogar die Herkunft ihrer Besatzung (178 Ortsnamen). Viele dieser Ortschaften existierten zu Homers Lebenszeit nicht mehr und ließen sich auch nicht mehr genau lokalisieren. Ihre Existenz wurde jedoch u. a. auf einer Tontafel aus der Bronzezeit nachgewiesen, deren Schriftzeichen sich als eine Vorform des antiken Griechisch entpuppten; hier finden sich die Ortsnamen aus der Ilias wieder. Nicht alle Forscher schließen sich dieser Argumentation an – eine starke Strömung innerhalb der Geschichtswissenschaft geht weiterhin (in Anschluss an Moses I. Finley) davon aus, dass sich die homerischen Epen primär auf ihre Entstehungszeit im 9./8. Jahrhundert beziehen und nur wenige, historisch wertlose Erinnerungen an die mykenische Zeit bewahren. Der Ausgang der Debatte ist offen.

Die Ilias und ihre Bedeutung im Konflikt zwischen Griechen und Persern

Es ist bekannt, dass Solon einen Vers hat einschieben lassen (vermutlich, jedoch nicht mehr beweisbar, über Bestechung des Schreibers), um den Anspruch Athens auf die Insel Salamis zu stärken (siehe auch Seeschlachten um Salamis). Auch kann man die ‚Tugenden‘ des Homer (s.o.) als eine Inspiration für die Bevölkerung betrachten (leichtere Identifikation).

Der Humor der Götter

Zwei Szenen aus dem ersten Buch der Ilias lassen den Olymp unter „unauslöschlichem Gelächter“ (homerisches Gelächter) erbeben. In der ersten Szene versucht Hephaistos einen Streit seiner Eltern, Hera und Zeus, zu schlichten, indem er seiner Mutter gut zuredet, sie solle im Hinblick auf Zeus’ Jähzorn nachgeben damit die Götter in Ruhe weiter speisen können. Anschließend nimmt er sich den Krug mit Nektar und schenkt den Göttern hinkend (Hephaistos hat seit seiner Kindheit ein lahmes Bein) ein, was unter diesen Gelächter hervorruft. Auch im achten Buch der Odyssee findet sich eine ähnliche humorvolle Szene.

Sonstiges

Bearbeitungen

Der Stoff der Ilias wurde in der Folge immer wieder aufgenommen und neu bearbeitet, vgl.:

Siehe auch

Literatur

Werkausgaben

Die bekannteste Übersetzung des griechischen Originals stammt von Johann Heinrich Voss, der man das Alter – sie stammt aus dem Jahr 1793 – anmerkt. Sie ist wie das griechische Original in Hexametern abgefasst und lässt einiges an Genauigkeit vermissen, damit im Deutschen der Hexameter eingehalten werden kann. Andererseits muss man Voss zugute halten, dass er der deutschen Sprache damit den Hexameter geschenkt hat, und für die Ilias und die Odyssee so etwas wie eine eigene Sprache erfunden hat. Was die Genauigkeit der Details angeht, so lag er intuitiv bei vielem sehr richtig, wo später bspw. Schadewaldt wissenschaftlichen Fehlern aufgesessen ist:

Moderner und leichter lesbar gilt eine in der DDR (1972) im Prosastil übertragene Übersetzung in zwei Bänden von Gerhard Scheibner, erschienen im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, bei der bewusst auf Hexameter und Versstil verzichtet wurde. Ebenso eine Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt (1975). Sie ist in freien Versen abgefasst, also nicht in Hexametern. Schadewaldt hat aber (weitgehend) jeden Vers des griechischen Textes in einen deutschen Vers übersetzt.

Von 2005 bis 2007 arbeitete Raoul Schrott im Auftrag des Hessischen Rundfunks an einer neuen Übersetzung, die vom Deutschlandfunk gesendet wird. Zur Person Homers und dem Vorbild für die Stadt Troja vertritt er in der FAZ eigene Thesen.[4]

Nacherzählungen

Da die Übersetzungen nur verständlich sind, wenn man mit der griechischen Mythologie und Geschichte vertraut ist, hat es schon früh verschiedene Nacherzählungen gegeben, die die Geschichte allgemein verständlich erzählen:

Wissenschaftliche Interpretationen

Das Wikisource-Projekt bietet Texte im Original: ΙΛΙΑΣ (griech.) und The Iliad (engl.)

Belege

  1. Das Epos beginnt stichworthaft sogleich mit Mēnin („[den] Ingrimm“, vgl. gr. manía, dt. „Manie“, „Wahn“): „Den Zorn besinge, Göttin, des Peleiaden Achilleus“)
  2. buechernachlese.de.vu Rezension von Ulrich Karger zu Birgit Brandau, Hartmut Schickert, Peter Jablonka: Troia – wie es wirklich aussah
  3. Rezension von Jens Jessen: Odysseus lebt. Deutsch und Griechisch sind einander recht nah, und der Hexameter bildet keine große Hürde In: Die Zeit Nr. 50 vom 06.12.2007
  4. "Homer und seine „Ilias“ in völlig neuem Licht". In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Dezember 2007 auf den Seiten Z1, Z3 und Z5