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Shiva

Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Shiva (Begriffsklärung) aufgeführt.

Shiva (Sanskrit, शिव, Tamil, சிவன், m., Śiva, in einigen indischen Sprachen Siva; wörtl.: „Der Gütige“, [ɕɪvʌ]) ist eine der wichtigsten Formen des Göttlichen im Hinduismus. Im Shivaismus gilt er den Gläubigen als die wichtigste Manifestation des Höchsten. Häufige Beinamen sind Shankar, Mahadeva (Sanskrit: „Großer Gott“) und Nataraja (Sanskrit: „König der Tänzer“). Im Westen dagegen wird der Begriff in der Neotantra-Szene auch einfach synonym zu Mann gebraucht.

Die Übersetzung des Wortes „Shiva“ aus dem Sanskrit lautet „der Gütige“, „der Gnädige“ oder auch „der Freund“. Als Bestandteil der „hinduistischen Trinität“ (Trimurti) mit den drei Aspekten des Göttlichen als Brahma, der als Schöpfer gilt, und Vishnu, dem Bewahrer, verkörpert Shiva das Prinzip der Zerstörung. Außerhalb der Trinität verkörpert er aber alles, Schöpfung und Neubeginn ebenso wie Erhaltung und Zerstörung. Durch seinen Tanz symbolisiert er den Kreislauf der Zeiten oder den rasenden Tanz der Zerstörung und der Schöpfung. Shiva ist dadurch auch der Gott oder das Prinzip der Ekstase. Er besitzt 108 weitere Namen.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung und Legende

Die Hinduistische Ikonographie stellt Shiva meist mit weißer oder aschegrauer Haut dar – oft mit blauem Hals als Nilakanta, dann ist er der Retter, der das Gift des Urmeeres getrunken und dadurch das Universum errettet hat. Auf seiner Stirn befindet sich das dritte Auge und drei waagerechte Aschestriche. Oft schlingt sich eine Schlange um seinen Hals, aus dem langen und offenem Haar ragt eine Mondsichel. Gelegentlich sieht man Wasser aus seinem Haar fließen, welches die Göttin Ganga (Gangesfluss) darstellt, die nach der Mythologie vom Himmel sprang, von seinem Haar aufgefangen wurde und dadurch sanft auf die Erde rann. Die meisten Darstellungen zeigen Shiva mit seinem Dreizack Trishul und der Trommel Damaru in der rechten Hand.

Zusammen mit Shiva werden oft sein Reittier, Vahana, der Stier Nandi, seine Frau Parvati, seine Söhne Kartikeya bzw. Murugan (nord-/südindisch) oder Ganesha abgebildet. Die Dreiheit Shiva/Parvati/Ganesha gilt als göttliche Familie.

Nach der Legende hat Shivas Gattin Parvati während seiner Abwesenheit einen Sohn modelliert und zum Leben erweckt, damit sie eine eigene Wache habe. Sie bat ihren Sohn, an der Tür zu wachen, während sie badete. Ganesha, wie er später genannt wurde, verwehrte auch Shiva den Eintritt und dieser schlug ihm den Kopf ab. Aus Reue für die Tat erweckte er ihn wieder zum Leben, indem er einen Elefanten tötete, und ihm dessen Haupt anstelle aufsetzte. (Die Geschichte gibt es in sehr vielen Variationen.)

Shiva war jedoch nicht immer mit Parvati verheiratet. Es heißt, in erster Ehe sei er mit Sati verheiratet gewesen. Jedoch mochte Satis Vater Shiva nicht und Sati war in ihrem Stolz als Ehefrau so gekränkt gewesen, dass sie sich bei lebendigem Leib verbrannte um sich an ihrem Vater zu rächen. Nachdem sie dies getan hatte, verschlang sie die Erde und Sati wurde unter dem Namen Parvati wieder geboren. Nach dem Tod seiner Frau hatte sich Shiva in eine ewige Meditation versenkt, aus der ihn nichts heraus holen konnte. Um ihren Gemahl zurückzugewinnen, stand Parvati Millionen Jahre auf einem Bein und Pflanzen wuchsen an ihr empor, sodass sie selbst zum Baum wurde. Shiva war so von dieser Frau gerührt, die er nicht wieder erkannt hatte, dass er aus seiner Ekstase aufwachte und diese Frau heiratete.

Shiva als Nataraja, tanzend auf dem Apasmara (Chola, 11. Jhd.)

Einige Puranas bezeichnen Shiva als höchste Manifestation des Einen, weswegen er auch Mahadeva, 'der große Gott' genannt wird. Shiva gilt auch als Gott der Asketen, der auf seinem Berg Kailash in tiefste Meditation versunken verharrt. Er ist der Gott der Gegensätze: Bildet er einerseits mit Parvati und Ganesha die 'Heilige Familie', erscheint er andererseits als großer Asket. Verkörpert er einerseits die Zerstörung, sehen Gläubige in ihm gleichzeitig den allgegenwärtigen Gnädigen, der das schlechte Karma seiner Verehrer tilgt.

Häufig wird Shiva als Natraj, 'König des Tanzes' im „kosmischen Tanz“ dargestellt, tanzend auf dem 'Dämon der Unwissenheit', Apasmara. Im Tanz zerstört Shiva die Unwissenheit und das Universum und schafft es wieder neu. Hier drücken meist vier oder acht, gelegentlich auch mehr Arme seine kosmischen Tätigkeiten aus. Eine Hand deutet die Schutz gewährende Mudra (Handstellung) an, die andere die Gnade gewährende, während seine anderen beiden Hände die kleine Trommel und ein Feuer tragen. Da es keine einheitliche hinduistische Ikonographie gibt, kann auch die Interpretation dieser Darstellung sehr unterschiedlich sein. Das Feuer ist jedoch meist ein Hinweis auf Vernichtung.

In einer archaischen, aber sehr populären Form wird Shiva in Gestalt eines Linga (Zeichen, Symbol) verehrt, eines konisch geformten Steins, oft als Phallus interpretiert. Unterschiedlichen Volksüberlieferungen zufolge gibt es in Indien etwa sieben bis zwölf wichtige Naturheiligtümer, Jyotirlingas, in denen jeweils ein von der Natur geformter Lingam steht, wie etwa in einer Höhle in Armanath im Himalaya, wo sich in bestimmten Zyklen eine Eissäule bildet und wieder schwindet. Diese Plätze sind wichtige Wallfahrtszentren.

Die Verehrung Shivas in Form des Linga ist möglicherweise auf den Einfluss anikonischer Steinkulte zurückzuführen. Die Schöpferkraft wird hier durch den Linga (oft als stilisierter Phallus interpretiert) und der Yoni (oft als stilisierte Vagina interpretiert) dargestellt. An Festtagen übergießen Gläubige in einer feierlichen Zeremonie den Linga zunächst mit einer Mischung aus Milch und Honig (symbolisch für Amrita, Trank der Unsterblichkeit) und dekorieren ihn anschließend mit Blumen. Der Höhepunkt der Zeremonie versinnbildlicht die „Unio mystica“, die Vereinigung zwischen dem Göttlichen und dem Weltlichen, zwischen Atman und Brahman, oder im tantrischen Shivaismus die Vereinigung von Linga und Yoni. Die meisten Hindus jedoch verehren ein Linga nicht im Bewusstsein, einen Phallus vor sich zu haben. Das Wort Linga bedeutet „Zeichen“, ein Zeichen, in dem alle Formen sich auflösen. Shivaitische Schriften betonen immer wieder die Formlosigkeit des Göttlichen. Daher wird Shiva von seinen Gläubigen selten in personhafter, sondern hauptsächlich in symbolischer Form, dem Linga oder dem Dreizack, verehrt.

Der wichtigste Feiertag zu Ehren Shivas ist Shivaratri, die 'Nacht Shivas' (auch Mahashivaratri genannt) bei dem die Verehrung des Linga im Mittelpunkt steht.

Anthropologische und historische Wurzeln

Die Hypothese von führenden Wissenschaftlern der Indus-Kultur wie Asko Parpola und Iravatham Mahadevan, dass Shiva ein Gott jener Hochkultur, respektive ein Gott der Draviden war, fand durch einen Harappa-Fund, dem Pashupati-Siegel, große Unterstützung.[1][2] Darauf sieht man eine Figur mit drei oder vier Gesichtern in jede Himmelsrichtung gerichtet, neben Tieren im Lotussitz sitzen. Er scheint eine Art Kopfschmuck zu tragen. Daher kamen einige zu dem Schluss, es handle sich um Shiva in seinem Pashupati-Aspekt. Des Weiteren fand man an den Fundorten der Indus-Kultur Lingams, die eine sehr alte Verehrung, wie sie auch heute stattfindet, bezeugt. Die Theorie, dass Shiva ein nichtvedischer Gott ist, wird unter anderem auch mit einer Geschichte aus den Puranas erklärt, in der Shiva ein „Vedabahya“ („außerhalb der Veden“) genannt wird. Tatsächlich erscheint der Name „Shiva“ auch nicht in den Veden. Für Gläubige in hinduistischen Traditionen ist Shiva oft mit Rudra identisch. So wurde dieser in der Svetasvatara Upanishad erstmals Shiva genannt[3]. Wissenschaftlich dagegen ist die Frage der Identität des vedischen Rudra mit Shiva umstritten. Historisch durch Inschriften und Münzfunde gesichert ist die Verehrung Shivas erst seit den Kushanas. Verbreitet ist der Shiva-Kult in Nordindien erst bei den Guptas (ca. 300 - 550 n.Chr.), in Südindien erst ab dem 7. Jahrhundert.[4]

Rezeption in Europa

In der westlichen Interpretation wurde Shiva oft nur die Rolle als Weltzerstörer zugeschrieben, und er wurde einseitig als Gott der Asketen und Sadhus interpretiert. Seine Rolle besteht jedoch sowohl im Erhalt als auch in der Zerstörung der Welt. Wenn Shivas Tanz aufhört, so sagen überzeugte Shivaiten, dann geht die Welt unter, aber Shivas Tanz wird nie aufhören, also wird die Welt nie untergehen. Daher ist Shiva, insbesondere in seiner Form als Nataraj, der Inbegriff und die Repräsentation des zyklischen Zeitverständnisses gläubiger Hindus.

Shiva wurde zunächst zum „Lieblingsgott“ der Hippies, die in den späten 60er Jahren nach Indien reisten. Viele fühlten sich vielleicht auch davon angezogen, dass eines der Kräuter, die Shiva zugeordnet werden, Ganja ist (Hanf, Marihuana).

Einzelnachweise

  1. http://www.harappa.com/script/parpola16.html
  2. http://www.harappa.com/script/maha15.html
  3. Michaels, Axel (2004):Hinduism: Past and Present. Princeton, New Jersey: Princeton University Press., Seite 217
  4. Axel Michaels, Der Hinduismus, München, 2006: S. 240

Quellen

Literatur


Siehe auch