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Identifikation mit dem Aggressor

Identifikation mit dem Aggressor bezeichnet ein tiefenpsychologisches Phänomen, bei dem eine Person, die von einem Aggressor körperlich und/oder emotional misshandelt oder unterdrückt wird, sich unbewusst mit ihm identifiziert. Die Identifikation mit dem Aggressor ist ein Abwehrmechanismus.

Die Person introjiziert (verinnerlicht und übernimmt) dabei ohne ihr bewusstes Wissen und oft gegen ihren bewussten Willen Persönlichkeitseigenschaften, Werte und Verhaltensweisen des Aggressors und macht sie zu Selbstanteilen / Ego-States. Neben traumatischen Erfahrungen im Erwachsenenleben führen vor allem solche in der Kindheit, bei denen das Maß der erlebten Ohnmacht und Abhängigkeit besonders groß ist, zur Ausbildung dieser Reaktion – angefangen bei der Auslieferung an Exponenten einer autoritären und repressiven Erziehungsstruktur. Die Reaktion dient dem Schutz des eigenen psychischen Systems und hat den Charakter einer „letzten Notbremse“ vor einem drohenden Zusammenbruch des Selbst angesichts überwältigender und nicht integrierbarer Attacken. Psychisch von hoher Bedeutung, um hilfsweise die Funktionsfähigkeit des Selbst aufrechtzuerhalten, wirken die Folgen der Identifikation mit einem Aggressor sich tatsächlich jedoch in hohem Maße gegen die Integrität und das Wohlergehen des Selbst aus, da die Entwicklung persönlicher Autonomie unterdrückt wird.

Da Identifikationen mit einem Aggressor potenziell lebenslang wirksam sind, werden die traumatisierenden Erfahrungen ungeachtet willentlicher Absichten direkt oder indirekt fast immer an die nächste Generation weitergegeben. In vielen Familiengeschichten lässt sich eine Kette innerfamiliärer Gewalt über mehrere Generationen feststellen.

Inhaltsverzeichnis

Zwei theoretische Positionen

Anna Freud beschreibt im Kapitel „Die Identifikation mit dem Angreifer“ ihres Buches Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936) lebhafte Gewaltausbrüche von Kindern als Reaktion auf eher geringfügige oder auch nur vermutete Bedrohungen. Damit bleibt sie im Rahmen des theoretischen Modells ihres Vaters Sigmund Freud, der die Rolle äußerer Faktoren bei der Entstehung von Neurosen, nachdem er die "Verführungstheorie" (in der reale Umweltbedingungen für die Entstehung von Neurosen angenommen werden) aufgegeben hatte, gering veranschlagte und die Hauptursache in der innerpsychischen Disposition und Dynamik sah.

Schon Sándor Ferenczi stellte diese Theorie 1932 in einem Vortrag [1] Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind infrage, indem er auf die Häufigkeit realer Missbrauchserfahrungen hinwies. In diesem Zusammenhang formulierte er erstmals, dass die von den Kindern erlebte Angst und Hilflosigkeit sie zwinge, „sich selbst ganz vergessend sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren[2]. Ferenczi zufolge ist das Kind erfüllt vom Wunsch nach zärtlichen, aber nicht nach sexuellen oder gewalttätigen Beziehungen zu den Erwachsenen. Solche Anmutungen übersteigen und überfordern die kindlichen Verständnis- und Verarbeitungsmöglichkeiten weitestgehend, was dazu führt, dass es einen Angreifer „introjiziert“, also in seiner (unbewussten) Phantasie in sich hineinnimmt, um ihn als äußere Realität zum Verschwinden zu bringen: Statt sich aktiv mit ihm auseinanderzusetzen, wozu es nicht fähig ist, macht es ihn zu einem fremden Teil seiner selbst, was bei wiederholten Gewalterfahrungen zu einer regelrechten Zerstückelung der Persönlichkeit (Ferenczi sagt „Atomisierung“) führen kann. Das überwältigte, emotional verwirrte Kind identifiziert sich dabei insbesondere mit den Schuldgefühlen des Angreifers; abgewehrt werden sie, indem es Hass entwickelt, der seinerseits aber wiederum Schuldgefühle beim Kind hervorruft und daher verdrängt und unbewusst gegen das eigene Selbst gewendet werden muss. So kommt es in der Folge beispielsweise häufig zu Depressionen, aber auch zu schweren Beziehungsstörungen und nach außen gerichteter Aggressivität, was zur Fortsetzung der Gewalt führt.

Heute werden die realen Bedingungen, die zu psychopathologischen Störungen führen, innerhalb der Psychoanalyse stärker akzentuiert und systematisch untersucht.

Auslöser und Behandlungsmöglichkeit

Die Identifikation mit einem Aggressor erfolgt jedoch nicht nur in der Kindheit als Versuch der psychischen Abwehr massiver Gewaltanmutungen. In entsprechenden Konstellationen kann auch ein Erwachsener in dieselbe Situation geraten und sich mit demjenigen, der ihn verfolgt oder ihm Gewalt antut, identifizieren.

Als Täter, mit dem ein Kind oder Erwachsener sich unbewusst identifiziert, kommen alle Personen in Frage, die sich in einer aus Sicht des Opfers absoluten Machtposition ihm gegenüber befinden und denen das Opfer physisch und/oder psychisch ausgeliefert ist. Die Person, mit der die Identifikation geschieht, kann älter oder jünger, gleich- oder andersgeschlechtlich, innerfamiliär oder außerfamiliär positioniert sein – es sei nochmals daran erinnert, dass es sich bei der Identifikation mit einem Aggressor um einen unbewussten Vorgang handelt. Eine gewalttätige Mutter, ein sexualisierte Gewalt anwendender Vater oder Bruder, ein sadistischer Lehrer, ein grandios auftretender Besatzungssoldat, ein Folterer in einem Konzentrationslager können Personen sein, mit denen die unbewusste Identifikation erfolgt. Wer für das Bewusstsein der ärgste Feind ist, kann psychisch gerade der sein, mit dem eine Identifikation eintritt. In Autobiografien von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung wird der Mechanismus, soweit er erkannt wurde, gelegentlich zur Sprache gebracht.

Entscheidend sind allgemein die Heftigkeit der Überwältigung und u.a. die Dauer und Schwere des Traumas; bei Kindern als Opfer kommen zusätzliche Parameter hinzu. Grundsätzlich gilt, dass eine Identifikation mit einem Aggressor als Abwehr gegenüber der Unfähigkeit des Opfers geschieht, einen Angriff auf die eigene körperliche und psychische Integrität zu verstehen und psychisch zu integrieren.

Aufgedeckt und ggf. aufgehoben werden kann eine unbewusste Identifikation mit einem Aggressor im Zuge einer analytisch orientierten Psychotherapie. Die Erkenntnis und Aufhebung der Identifikation mit einem Aggressor ist die Voraussetzung dafür, die eigenen Gewalterfahrungen nicht (auch unwillentlich) bewusstlos weiterzugeben. Durch empathisch unterstützende Behandlungsformen wie zum Beispiel das Reparenting können in einer Therapie die Folgen einer Identifikation in gewissem Umfang beeinflusst und begrenzt werden.

Ein weiteres bekanntes Beispiel einer Identifikation mit dem Aggressor ist das sogenannte Stockholm-Syndrom.

Siehe auch

Literatur

Fußnoten

  1. Ein Vortrag allerdings, den Ferenczi, wäre es nach den Vertretern des engsten Kreises um Freud, des sog. „Geheimen Komitees“ gegangen, nicht mehr hätte halten und schon gar nicht hätte publizieren sollen; in ihm kulminiert der theoretische Dissens Ferenczis zur Freudschen Orthodoxie. Vgl. hierzu: J.M. Masson: Was hat man dir du armes Kind getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie. Reinbek b. Hamburg 1984, sowie zum problematischen Verhältnis und Verhalten der Freudschen Orthodoxie zu Person und Ideen Ferenczis: H. W. Schuch: Bedeutsame Akzentverschiebungen [1]
  2. Schriften zur Psychoanalyse II, S. 308, kursiv im Original.