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Arnold Odermatt

Arnold Odermatt ( * 29. Mai 1925 in Oberdorf, Kanton Nidwalden) ist ein Schweizer Polizeiphotograph, dessen Photographien seit einigen Jahren in der Kunstszene große Beachtung finden. Arnold Odermatt trat 1948 in die Polizei ein und wurde 1990 als Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwaldner Kantonspolizei pensioniert.

Anfangs der neunziger Jahre wurden Arnold Odermatts Photographien von seinem Sohn Urs Odermatt bei den Recherchen zu seinem Spielfilm Wachtmeister Zumbühl entdeckt und zu einem zentralen Thema der Geschichte gemacht. Urs Odermatt stellte die Arbeiten zu den Werkgruppen Meine Welt, Karambolage, Im Dienst und In zivil zusammen und gibt Arnold Odermatts Werk seither heraus, zusammen mit der Frankfurter Kunsthistorikerin Dr. Beate Kemfert und der Berliner Galerie Springer & Winckler.

Arnold Odermatts Photographien wurden 2001 von Harald Szeemann für die 49. Biennale Venedig ausgewählt. 2002 zeigte sie James Rondeau in einer Einzelausstellung im The Art Institute of Chicago und Urs Stahel 2004 im Fotomuseum Winterthur.

Inhaltsverzeichnis

Biographie

Arnold Odermatt wurde am 29. Mai 1925 in Oberdorf, Kanton Nidwalden, Schweiz, geboren und trat 1948 in die Nidwaldner Polizei ein. Seinen ursprünglichen Brotberuf Bäcker und Konditor musste er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Als der Polizist Arnold Odermatt zum ersten Mal mit seiner Rolleiflex an einer Unfallstelle auftauchte, um die polizeiliche Berichterstattung mit Photos anzureichern, löste er Befremden aus. Die Photographie war damals noch alles andere als ein selbstverständliches Mittel der Beweisführung bei der Polizei.

Ein Kollege beobachtete Arnold Odermatt misstrauisch bei seinen dienstlichen Aufnahmen. Sofort wurde er zum Rapport befohlen. Es gelang Odermatt, seine Vorgesetzten von seiner Innovation zu überzeugen. Sie erlaubten ihm, eine alte Toilette des Wachtpostens in Stans in eine provisorische Dunkelkammer zu verwandeln. Als die Wachte Jahre später in ein neues Gebäude umzog, erhielt der erste Polizeiphotograph der Schweiz sein eigenes Labor.

Arnold Odermatts großes Vorbild war der berühmte Magnum-Photograph Werner Bischof. Er traf ihn einmal zufällig, als er bei einem Sicherheitseinsatz auf dem Bürgenstock den Schauspieler Charlie Chaplin photographieren wollte. Odermatts eigener Stil war geprägt von Nüchternheit und Authentizität. Der spartanische sprachliche Ausdruck, den seine Polizeiberichte auszeichnete, findet sich auch in Odermatts Aufnahmen wieder. Die handwerkliche Meisterschaft ist unbestreitbar, nichts Wesentliches entgeht seinem photographischen Auge. In KARAMBOLAGE, seiner berühmtesten Werkreihe, sind nicht die versehrten Opfer zu sehen, sondern der Realität entrückte, surreale Schrottskulpturen. So sanft melancholisch wie Jacques Tati blickt er auf die Folgen der Rapidité, der Hast der modernen Zeiten.

Vierzig Jahre lang hielt Arnold Odermatt den Nidwaldner Polizeialltag in Photos fest. Nur gelegentlich interessierte sich die Lokalpresse, das Gericht oder eine Versicherung für seine Aufnahmen. Erst als sein Sohn, der Film- und Theaterregisseur Urs Odermatt, die Aufnahmen in Frankfurt am Main in einer Einzelausstellung erstmals zeigte, begann sich die Kunstszene für die Arbeiten zu interessieren. Nach der begeisternden Ausstellung folgte der Bildband "Meine Welt". Plötzlich hatten die Alltagsbeobachtungen aus der Innerschweizer Provinz den Stellenwert des Werks seines weitgereisten Vorbilds Werner Bischof.

Als Arnold Odermatt in seinen jungen Dienstjahren die Kamera für die Bestandsaufnahme von Verkehrsunfällen nutzte, war das eine revolutionäre Neuheit in der Schweizer Polizei. Würde der Polizist Arnold Odermatt heute am Tatort mit seiner Kamera aufkreuzen, müsste er sich sagen lassen, dass das Photographieren nicht seine Sache sei, sondern die Aufgabe eines speziell geschulten Polizeiphotographen.

Stimmen zum Werk

Dr. Matthias Winzen

Als Arnold Odermatt, heute 77 Jahre alt, im Jahr 1990 als Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwaldener Polizei pensioniert wurde, blickte er nicht nur auf 42 Berufsjahre bei der Polizei zurück, er hatte auch für die nächste Zukunft Pläne: ein Buch mit Landschaftsphotographien. Die vielen Photographien von Autounfällen, die er für die Polizei angefertigt hatte, konnten für die Landschaft - oder besser gesagt: für die kunstvolle und konzentrierte Art, mit der Arnold Odermatt das scheinbar nebensächliche Drumherum eines Autounfalls, eben u.a. die Landschaft, stets behandelte - also: die Beweisaufnahmephotos für polizeiliche Zwecke konnten für die Landschaft bestenfalls eine Nebenfunktion tolerieren. Alles, was uns hier und heute die Photographien von Arnold Odermatt so interessant, so übersituativ kunstvoll und gestaltet erscheinen lässt - all das war für die juristische Verwertung der Photographien bestenfalls nicht störendes Beiwerk.

Es muss also in all den Jahren, in denen Arnold Odermatt die juristische und versicherungswirtschaftliche Tatsachenfeststellung mit seinen Photographien polizeidienstlich korrekt beliefert hat, ein anderes Element gegeben haben, eine künstlerische Verselbstständigung innerhalb dieser photographischen Praxis, einen Überschuss: Diese Photos waren von Anfang an viel zu gut, viel zu nuanciert, viel zu szenisch gekonnt an den Rändern beschnitten und damit ins Bild gerückt, um nur Gebrauchsphotos für die Polizei zu sein. In diesem Überschuss, in diesem Viel-zu-gut-Sein für den funktionalen Zweck, steckt die tiefe Komik der Photographien von Arnold Odermatt. Man muss sich das vorstellen: Da knallt es, alle laufen durcheinander - tatütata - die Polizei kommt - und einer stellt sich hin und macht konzentriert und kunstvoll Photos, die den Moment meilenweit überragen und überdauern - lange, nachdem die Versicherungen gezahlt haben, die Alkoholsünder ihren Führerschein schon wieder zurückerhalten haben o.a.

1990 also beschließt Arnold Odermatt, der lange Berufsjahre lang sozusagen stillschweigend und geradezu eulenspiegelhaft die visuelle Doofheit faktenversessener Versicherungs- und Justizfachleute mit seinen viel zu kunstvollen Photographien grotesk überboten hatte, sich endlich dem stets an die Seite gedrängten Eigentlichen seines photographischen Könnens zu widmen. Er bittet seinen Sohn, Urs Odermatt, um Unterstützung für ein Buchprojekt mit Landschaftsphotographie, und der Sohn, ein Film-, Fernseh- und Theaterregisseur, ahnt sofort die Gefahr, dass der Vater gegen sein eigentliches Talent etwas Konventionelles produzieren könnte.

"Wenn schon ein Buch, dann mit deinen Polizeifotos", fordert der Sohn, und gemeinsam staunt man auf dem Speicher, wie viele Negative es noch gibt. Und mehr und mehr stellt sich heraus, dass das Eigentliche nicht die an den Rand gedrängte Landschaft und die photographische Professionalität jenseits und abgetrennt von der Unfallsituation ist, sondern dass vielleicht das Eigentliche der Photographien von Arnold Odermatt in der unglaublichen und grotesk engen Verknüpfung von banalem Alltagsgeschehen und landschaftlich-romantischer Überhöhung liegt, von funktionalem Beweiszweck und theatralischer Inszenierung durch den Photographen (der Beleuchtung, Standpunkt etc. wie ein Regisseur wählt).

Liegt das Eigentliche dieser Photographien nicht darin, dass uns der Photograph Odermatt am dokumentarischen Realitätsgehalt von Photographie leise zweifeln lässt, wenn wir die kinoartig über den Abgrund taumelnden Autowracks und die Kopfstand übenden Kraftfahrkörper sehen? Nutzt Odermatt nicht das Realismusmedium Photographie, um uns zweifeln zu lassen, wie realistisch kalkulierbar eine Realität ist, in der es sehr plötzliche Richtungsänderungen oder absolut verbindliche Halts geben kann, verbindlich bis zur Todesfolge? Was uns auf den ersten Blick an diesen Photos sachlich und ernst erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick als absurd und komisch. Und auf den dritten Blick erscheinen uns diese Bilder - und das ist vielleicht ihre tiefste Wirkung - komisch und todernst zugleich.

Aus: Dr. Matthias Winzen, Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden: Rede zur Eröffnung der Ausstellung, Baden-Baden 2003.

Klaus Honnef

(...) Zunächst näherte er sich den Objekten seines photographischen Interesses aus der Distanz. Hinter einem Spalier von Kollegen, Neugierigen und Zeugen entdeckte er sie. Dann legte er seine Scheu ab. Alsbald füllen die jäh zum Halten gebrachten, zerbeulten, zertrümmerten, zerlegten und jetzt immobilen Fahrzeuge formatfüllend seine Abzüge. Doch stets fehlen Opfer und Täter. Angesichts mancher Wracks ist schwer vorstellbar, daß niemand verletzt wurde, niemand an der Unfallstätte starb. Kein Kranken-, kein Leichenwagen weit und breit. Lediglich die verformten Automobile geben das Bildthema, als hätte ein herkulischer Künstler sie gewaltsam zertrümmert, hochgekantet, ins Wasser geworfen und zusammengepreßt. Gleichwohl dient das ästhetische Moment seiner Photographie nur der Präzisierung dessen, was sie vergegenwärtigen. Denn ein zweiter Blick auf die schlichten Schwarz-Weiß-Bilder im streng dokumentarischen Stil verrät die geschärfte Wahrnehmung des Polizisten. So entschieden in der Regel die besonderen Umstände des Ereignisses über das Ausmaß des Abstands zwischen Photograph und Gegenstand. Die meisten Aufnahmen Odermatts zeigen nämlich nicht nur den Ort der Tat, sondern zugleich seine möglichen Ursachen: eis- und regenglatte Straßen, abgefahrene Reifen, ein langsam fahrender oder plötzlich abbiegender Traktor - und mutmaßliches Fehlverhalten der Beteiligten. Manchmal zeigen sie auch die Helfer beim Beseitigen der Reste sowie die gaffenden Neugierigen. Als Chef der Verkehrspolizei des Kantons Nidwalden erreichte Odermatt im Jahr 1990 die Pensionsgrenze.

Aus: Klaus Honnef, Prof. em. für Theorie der Photographie an der Kunsthochschule Kassel: Arnold Odermatt, in: (Tat)Orte, Katalog der Ausstellung im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Düsseldorf 2006.

Urs Odermatt

Am Anfang stand der Wunsch von Arnold Odermatt nach einem schönen Buch mit seinen Arbeiten. Und wie jeder vernünftige Photograph dachte er natürlich an einen prächtigen Farbband, der die Schönheiten seiner Heimat Nidwalden von der besten Seite zeigt. Ich gebe zu, ich habe gezögert, als mein Vater mich um Schützenhilfe für so ein Projekt bat. Zu viele halbbatzige Büechli mit bunten Farbföteli gibt es auf dem Markt, als dass ich diesem Stapel noch ein weiteres mit meiner Mithilfe zumuten wollte. Die zündende Idee für ein eigenständiges Projekt kam mir erst, als ich bei der Motiv- und Stoffrecherche für meinen Spielfilm Wachtmeister Zumbühl in alten Archiven und Bibliotheken kramte: Einen Bildband mit dem Lebenswerk eines photographierenden Polizisten. Das hatte ich noch in keinem Verlagsprogramm gesehen. Hier lag genau das Photobuchthema, das den wahren, authentischen Arnold Odermatt mit einer möglichen Marktlücke verbindet - das Tagebuch eines Uniformierten, im Dienst und zivil! Jetzt hat allerdings mein Vater gezögert: Er hätte lieber ein Buch mit modernen Farbaufnahmen gesehen, und nicht eines mit dem altem Chabis.

Seit ich mich erinnern kann, galt aber seine photographische Leidenschaft immer dem Schwarzweissmaterial. Es sind - wenn ich ehrlich bin - vor allem Erinnerungen an beissende Gerüche aus dem elterlichen Badezimmer. Da das Nidwaldner Polizeikommando lange Zeit kein eigenes Labor besass und mein Vater als furchtbar rechtschaffener Mann auch später sein privates photographisches Tagebuch stets ohne Rücksicht auf unsere Nase im Badezimmer unserer Wohnung entwickelt und vergrössert hat, hat sich in meiner Kindheit die Photographie vor allem als eine übelriechende Form des kreativen visuellen Ausdrucks eingeprägt. Dies stand ganz im Gegensatz zu meinen romantischen Vorstellungen von Kunst, die ich mir vielleicht hässlich, aufrüttelnd und verstörend vorstellen konnte, aber immer nur wohlriechend und niemals von so beissendem Gestank wie jener, der aus unserem Badezimmer drang. Vielleicht habe ich deshalb die Arbeiten meines Vaters so spät entdeckt.

Aus: Urs Odermatt: Notizen zu einer späten Karriere - Arnold Odermatt, in: Nidwaldner Kalender, Stans 2002.

Einzelausstellungen

Gruppenausstellungen

Bücher

Film

In den sechziger Jahren dokumentierte Arnold Odermatt den frühen Schweizer Autobahnbau bei Acheregg und Loppertunnel mit umfangreichem Photo- und 16mm-Schwarzweissfilmmaterial. Urs Odermatt hat 1991 aus diesem historischen Filmmaterial den Dokumentarfilm Lopper zusammengestellt.

Als Standphotograph hat Arnold Odermatt in den neunziger Jahren bei den Kinofilmen Rotlicht!, Gekauftes Glück und Wachtmeister Zumbühl von Urs Odermatt die Dreharbeiten begleitet.

Siehe auch

Personendaten
Odermatt, Arnold
Schweizer Polizeifotograf
29. Mai 1925
Oberdorf NW, Kanton Nidwalden, Schweiz