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Claude Lanzmann

Claude Lanzmann (* 27. November 1925 in Paris) ist ein französischer Regisseur von Dokumentarfilmen und Produzent. Er ist Herausgeber des von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Magazins Les Temps Modernes. Sein jüngerer Bruder Jacques Lanzmann ist als Texter der Chansons von Jacques Dutronc bekannt, seine Schwester ist die Schauspielerin Evelyne Rey. Er war verheiratet mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Claude Lanzmann wurde als Sohn eines Dekorateurs und einer Antiquitätenspezialistin und Enkel jüdischer Immigranten aus Osteuropa geboren. Als Schüler des Lycée Condorcet nahm er wahr, wie der Antisemitismus immer mehr um sich griff. Im Jahr 1940 nahm sein in der Résistance engagierter Vater ihn, seinen jüngeren Bruder Jacques und seine Schwester mit in die Auvergne, wo er die Kinder zu Misstrauen und aktivem Pessimismus anhielt und ihnen beibrachte, sich spurlos in Sicherheit zu bringen. Claude Lanzmann organisierte seinerseits als 18-jähriger Schüler den Widerstand im Lycée Blaise Pascal in Clermont-Ferrand (1943) und nahm an mehreren Partisanenkämpfen (La Margeride, Mont-Mouchet) und im Cantal und in der Haute-Loire an Angriffen deutscher Besatzer aus dem Hinterhalt teil.

Nach dem Krieg studierte er ab 1947 in Tübingen Philosophie und arbeitete 1948/49 als Lektor an der Freien Universität Berlin. Lanzmann gehörte zum Freundeskreis von Jean-Paul Sartre (1905-1980) und Simone de Beauvoir (1908-1986). Mit Simone de Beauvoir unterhielt er ab 1952 eine sechs Jahre dauernde Liebesbeziehung und blieb ihr bis zu ihrem Tod freundschaftlich verbunden [1]. Gleichzeitig arbeitete er ab 1952 auch an der von Sartre und Beauvoir gegründeten Revue `Les Temps Modernes´ mit und wurde später deren Mitherausgeber. Im Mai 1958 reiste er beruflich nach Korea. Gegen Ende des Algerienkrieges (1954-1962) engagierte er sich für den Antikolonialismus und gehörte zu den Unterzeichnern der als „Manifest der 121“ (6. September 1960) bekannten „Erklärung über das Recht zum Ungehorsam im Algerienkrieg“, wofür er gemeinsam mit mehreren Mitunterzeichnern verhaftet und verhört wurde.

Bis 1970 widmete Claude Lanzmann sich hauptsächlich seiner journalistischen Tätigkeit und der Revue „Les Temps Modernes“, seither wirkt er auch als Filmschaffender. In seinem ersten Film `Pourquoi Israel?´ (1973) beschäftigte er sich mit der eigenen jüdischen Identität. Ein Jahr später nahm er die langwierige Arbeit an dem Film `Shoah´ (1985) auf.

Claude Lanzmann wurde 2001 als Professor für Dokumentarfilm an die European Graduate School in Saas-Fee, Schweiz berufen, wo er im Sommer Workshops unterrichtet.

Auszeichnungen

Werk

Eines der bekanntesten Werke Claude Lanzmanns ist der neunstündige Dokumentarfilm Shoah (1985) über die Erinnerung an den Holocaust, in dem er nur Zeitzeugen interviewt, aber kein Archiv- oder anderes Beweismaterial präsentiert. Der Film besteht aus zwei Teilen. Lanzmann selbst teilte „Shoah“ in einen ersten und einen zweiten Film: In dieser Unterteilung wurde der Film auch im Fernsehen ausgestrahlt.[3]

So konnte etwa der polnische Widerstandskämpfer Jan Karski erst in Lanzmanns Dokumentarfilm Shoah sein Schweigen brechen, das auf tiefer Enttäuschung Karskis über die Erfolglosigkeit seiner Mission beruhte. Claude Lanzmann wandte sich 1977 zum ersten Mal mit der Idee an Karski, ihn in seinen geplanten Dokumentarfilm einzubeziehen, der nur auf den Aussagen von Zeugen, Opfern und Tätern basieren sollte. Über ein Jahr lang versuchte Lanzmann in Briefen und Telefongesprächen, Karski zur Mitwirkung zu überreden, ohne dessen Weigerung zu akzeptieren. Nach Lanzmanns Überzeugung hatte Karski eine historische Verantwortung, in dem Film Zeugnis abzulegen. Schließlich drehten Lanzmann und sein Team im Oktober 1978 zwei Tage lang in Karskis Haus. Die Befragung dauerte dann jeweils vier Stunden; der Zusammenschnitt aus den Interviews mit Karski nimmt in der Endversion vierzig Minuten ein. Lanzmann strich fast alles, was Karski über seine Versuche, die Welt aufzurütteln, erwähnte.

Karski machte deutlich, dass er es bevorzugt hätte, wenn auch die Teile des Interviews, die sich mit seiner Aufgabe im Westen befassten, gezeigt worden wären. Er verurteilte den Film jedoch nicht, sondern verlangte einen "ebenso großartigen, ebenso wahrheitsgetreuen" Film, der "eine zweite Realität des Holocaust" enthüllt, "...nicht um der zu widersprechen, die Lanzman zeigt, sondern um diese zu ergänzen". [4]

Für Claude Lanzmanns epische «Shoah»-Filmdokumentation las und kommentierte Raul Hilberg Auszüge aus dem Tagebuch von Adam Czerniakow, der bis zu seinem Selbstmord Vorsitzender des "Judenrates" vom Warschauer Getto war. Am Ende der Sequenz bemerkte Lanzmann: „Du warst Czerniakow“. Lanzmann sah in Hilberg einen Wesensverwandten von Czerniakow, dem nüchternen Chronisten des Untergangs.[5]

In «Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr» verarbeitete Lanzmann Material über den Aufstand im Vernichtungslager Sobibor, das in `Shoah´ keine Verwendung gefunden hatte [6]. Dem Film liegt ein bereits 1979 für die damals geplante Shoa-Filmdokumentation aufgenommenes Gespräch zugrunde, in dem der aus Polen stammende Jude Yoshua Lerner berichtet, wie er im Vernichtungslager Sobibor einen deutschen Offizier erschlug und damit den Beginn des Aufstandes und Ausbruchs aus dem Konzentrationslager einleitete [7].

Interviews

Filmographie

Wirkung von "Shoah" in Polen

Der Film "Shoah", insbesondere jene Szenen, die in Polen spielen, hat die polnische Nation moralisch erbeben lassen. Noch vor der polnischen Premiere erhob die Botschaft der Volksrepublik offiziell beim französischen Außenministerium Einspruch. Regisseur Claude Lanzmann hat es erreicht, was niemandem seit der Einführung des Kriegsrechtes in Polen gelungen ist: Die sozialistische Regierung, die katholische Kirche und fast die gesamte Nation verbündeten sich - gegen ihn.

Daniel Passent, 1986 [8]

Quellen

  1. Vgl. Deirdre Bair: Simone de Beauvoir (Biografie)
  2. Video: Claude Lanzmann at the European Graduate School 2004
  3. Sequenzprotokoll des FilmsGrundlage dieses Protokolls: die 4-Kassetten-Ausgabe des Films
  4. E. Thomas Wood, Stanislaw M. Jankowski: Jan Karski - Einer gegen den Holocaust, 2. Auflage 1997, Bleicher Verlag
  5. „Den Tätern auf der Spur“, Berliner Zeitung, 7. August 2007
  6. [1]
  7. "Ich will den Heroismus zeigen":Interview mit Claude Lanzmann
  8. „Die Fahne beschmutzt.“ Die Zeit, 1986, Nr. 11
Personendaten
Lanzmann, Claude
französischer Filmregisseur
27. November 1925
Paris