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Zehnfingersystem

Das Zehnfingersystem ist ein System, das zum rationellen Schreiben (umgangssprachlich Tippen) auf einer Tastatur oder Schreibmaschine verwendet wird. Das Schreiben nach dem Zehnfingersystem wird auch als Blind-, Tastschreiben oder 10-Finger-Tastschreiben bezeichnet. Volkstümlich spricht man beim Tastschreiben mitunter von „tippen“; vor dem Siegeszug der Textverarbeitung am Computer wurde es gewöhnlich „Maschinenschreiben“ bzw. „Maschinschreiben“ (in Österreich) genannt.

Üblicherweise werden dafür die Positionen der Tasten „auswendig gelernt“. Die Finger befinden sich dabei in der so genannten Grundstellung über der mittleren der drei Buchstabenreihen, die Daumen schweben über der Leertaste. Die zum Erreichen jeder Taste nötige Fingerbewegung prägt man sich beim Erlernen ein (Automatisierungsvorgang, motorisches Lernen); insofern ist die Bezeichnung „Tastschreiben“ (ähnlich wie das englische „touch typing“) etwas irreführend, weil der Schreibende nicht die Tastatur abtastet. Vor Einführung des Fachbegriffs „Tastschreiben“ sprach man von „Griffwegen“.

Gegenüber einer unsystematischen Schreibtechnik erlaubt das Zehnfingersystem eine Steigerung der Schreibgeschwindigkeit, die Senkung der Fehlerquote und eine ergonomisch günstigere Eingabetechnik. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, das Ergebnis auf dem Monitor mitzuverfolgen bzw. beim Abschreiben nicht ständig zwischen Textvorlage und Bildschirm hin- und herschauen zu müssen.

Inhaltsverzeichnis

Schreibgeschwindigkeit

Die erreichbare Schreibgeschwindigkeit ist von der Trainingszeit sowie der persönlichen Prädisposition abhängig. Geübte Zehnfingerschreiber erreichen bei einem 10-Minuten-Test 200 bis 400 Anschläge pro Minute. Auf internationalen Wettbewerben werden derzeit bis zu 900 Anschläge pro Minute erreicht.

Dabei zählt auch das Anschlagen der Umschalttaste und jeder anderen Taste mit, z. B. Akzente bei französischen Texten. Ausnahme: Bei Weltmeisterschaften sind die Texte seit einiger Zeit in „Zeichen/min“ ausgezählt. Als physisch maximal erreichbare Höchstgrenze gelten 750 Anschläge/min. Leistungen, die darüber liegen, können nur mit dem Einsatz von Tastaturkürzeln (s. u.) erzielt werden.

Wettbewerbe

Der aktuelle Weltrekord (ca. 1000 Anschläge/min) wird von Ing. Helena Matouskova aus Prag gehalten. Im Training können Spitzenschreiber Ergebnisse von mehr als 1200 Anschläge/min leisten. Selbst damit liegt ihre Datenerfassungsrate noch immer deutlich niedriger als die mit der Stenografie erreichbare.

Deutsche Spitzenschreiber sind z. B. Martina Wichers aus Scheeßel (Niedersachsen) oder Peter Dudziak aus Haltern am See. Zu den früheren deutschen Weltmeistern zählt z. B. Sigrid Lude aus Stuttgart. Beim Bundesjugendschreiben (ein jährlich durchgeführter Schreibwettbewerb der Bundesjugend für Computer, Kurzschrift und Medien) können auch körperlich Behinderte teilnehmen. Weltmeisterschaften finden alle zwei Jahre statt und werden von der Intersteno (Internationale Föderation für Informationsverarbeitung) ausgerichtet.

Kürzungssysteme

Um die Datenerfassungsrate beim Tastschreiben zu erhöhen, entwickeln die derzeit weltweit führenden tschechischen PC-Schreiber seit etwa 1997 ein Kürzungssystem am Computer. Die Auflösung der Kürzel funktioniert (ebenso wie bei Ersetzungen durch die „Autokorrektur“ von Textverarbeitungsprogrammen) in Echtzeit. Auf dieser Basis können für bestimmte Wörter Abkürzungen (Tastaturkürzel) eingegeben werden, die durch das Textverarbeitungssystem sofort in die Langform umgesetzt werden. Somit liegt die reale Anschlagszahl um einiges niedriger als die nominale. Dieses Verfahren („kürzendes Tastschreiben“) wird – wenn auch noch nicht sonderlich ausgefeilt – in Deutschland ebenfalls von zahlreichen PC-Schreibern angewandt.

Über eine standardisierte Kürzelliste für die häufigsten Wörter wird in der deutschsprachigen Fachwelt erst seit 2004 ausführlicher diskutiert, obwohl die erste Veröffentlichung hierzu schon 1995 erschien (Alfred Waize: „Computer-Kurzschrift“, Schriftenreihe der Forschungsstätte für Textverarbeitung). Die Kürzungstechnik steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. In Österreich und in Italien, wo die Entwicklung bereits weiter fortgeschritten ist, werden Tastaturkürzel (wie auch in Tschechien) vereinzelt schon an Schulen unterrichtet.

Abgrenzung

Das Gegenteil des Zehnfingersystems wird umgangssprachlich-karikierend Adlersystem („Kreisen und Stechen“) bzw. Adlersuchsystem genannt, da die Finger bei ungeübten Schreibern wie ein Adler über der Tastatur kreisen, bis sie die richtige Taste gefunden haben.

Streng genommen wird von den wenigsten Schreibern das Zehnfingersystem als solches angewendet, sondern müsste eigentlich Neunfingersystem heißen. Denn je nach Präferenz wird die Leertaste meist nur mit einem bestimmten Daumen (der rechten oder der linken Hand) angeschlagen. Einer der Daumen bleibt bei den meisten Schreibern in Ruhestellung und wird niemals verwendet.

Unterricht im Zehnfingersystem

Schulunterricht im Tastschreiben gibt es im beruflichen und zum Teil im allgemein bildenden Bereich (z. B. an bayerischen Realschulen und Wirtschaftsschulen). In den letzten Jahren finden auch für Grundschüler Kurse und AGs im Tastschreiben statt. Es hat sich als ergonomisch sinnvoll und gesundheitsschonend herausgestellt, Kinder bereits zu Beginn ihrer intensiveren Beschäftigung mit Computertastaturen (also ab ca. 9 Jahren) mit der richtigen Beherrschung der Tastatur vertraut zu machen. Diese Erkenntnis geht auch auf US-Forschungen zum amerikanischen Grundschulfach „Keyboarding“ zurück. Das Fach Tastschreiben wird in Deutschland (idealerweise) unterrichtet durch staatlich geprüfte Lehrer der Textverarbeitung oder staatlich geprüfte Lehrer der Informationstechnologie. Erlernt werden kann das Tastschreiben auch an Volkshochschulen, in Vereinen oder mittels verschiedener Software.

Grundhaltung für deutsche Tastatur

Auf fast jeder neueren Tastatur ist auf den Tasten F und J eine kleine Erhebung angebracht, um mit den Zeigefingern die Grundposition zu erfühlen.

Bedienung der Tasten

Da die Tasten Steuerung, Alt, Alt Gr sowie Windows und Menu (bzw. Apfel, Alt auf Apple-Tastaturen) original nicht auf den Schreibmaschinen vorkamen, gehören sie eigentlich nicht zum Zehnfingersystem. Sie sind auch nicht essentiell für die Eingabe der Textdaten erforderlich – und dieses ist der Sinn des Zehnfingersystems. Die Steuerung-Taste kann am bequemsten mit dem kleinen Finger betätigt werden. Die Alt-Tasten können auf den neueren PC-Tastaturen am besten mit den Daumen erreicht werden. Die Benutzer der Apple- sowie der älteren PC-Tastaturen würden eher den kleinen Finger vorziehen.

Die Umschalttaste wird wenn nötig immer mit der Hand bedient, die nicht gerade eine Zeichentaste bedient.

Abwandlungen des Zehnfingersystems

In einigen Ländern (z. B. in den Vereinigten Staaten) wird das Zehnfingersystem etwas anders gelehrt. Der Unterschied betrifft die obere Tastenreihe. Der kleine Finger links bedient die Taste am linken Rand sowie die Taste 1, Ringfinger — 2, Mittelfinger — 3, Zeigefinger — 4 und 5. Die Finger der rechten Hand werden für folgende Tasten gebraucht: Zeigefinger — 6 und 7, Mittelfinger — 8, Ringfinger — 9, kleiner Finger — 0 sowie die restlichen Tasten rechts von der Taste 0. In der Praxis spielt es nur bei der Herstellung (bzw. der Wahl) der ergonomischen Tastaturen, wo das Tastenfeld in der Mitte geteilt ist, eine Rolle.

Alternative Layouts

Hauptartikel: Tastaturbelegung

Das normale QWERTZ-Tastaturlayout wird teilweise als unergonomisch kritisiert. So liegt gerade die rechte Hand in der Ruheposition auf Tasten für statistisch selten auftretenden Buchstaben. Das J tritt beispielsweise nur mit einer Häufigkeit von 0,27 % auf, während die häufigsten Buchstaben E (17,4 %) und N (9,8 %) an vergleichsweise schlechten Positionen liegen. Trotzdem sind Alternativlayouts nur wenig verbreitet. Am bekanntesten ist das Dvorak-Tastaturlayout. Ein weiteres, welches besonders auf die deutsche Sprache hin optimiert ist, ist das NEO-Tastaturlayout.