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Naturbildung

Naturbildung ist die handlungsorientierte Verknüpfung von Naturerleben und ökologischer Bildung anhand konkreter Natur-Phänomene als Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Der Begriff der Naturbildung ist in der umweltpädagogischen Debatte noch relativ neu und bislang weniger bekannt als der der Umweltbildung. Er wurde Ende der 1990er Jahre von Gerhard Trommer und Wilfried Janßen in die Diskussion eingebracht, um die erkennbaren Defizite der klassischen Umweltbildung herauszustellen und die besondere Bedeutung konkreter Naturerfahrungen für zukunftsfähige Bildungsprozesse im Rahmen der Nachhaltigkeits-Debatte zu betonen.

Inhaltsverzeichnis

Umweltbildung und Naturerleben

In der Umweltbildung zeichnete sich in den 90er Jahren eine starke Tendenz zur rein „technischen“ Behandlung des Umweltproblems ab: Im Mittelpunkt der Bildungsprozesse standen Wassersparen, Energieeffizienz, verändertes Konsumverhalten, Eine-Welt-Aktionen und ein Mobilitäts-Wandel. Zu wesentlichen Orten einer erfolgreichen didaktischen Vermittlung wurden die Medien und der reguläre Schulunterricht erklärt. Die originäre Naturbegegnung im Freien spielte in den entsprechenden Konzepten fast keine Rolle. Dieses einseitige Bildungsverständnis spiegelt sich heute in einer ganzen Reihe von Bildungsprojekten für Nachhaltige Entwicklung noch wider.

Als Gegenbewegung zum klassischen Umweltbildungs-Verständnis präsentierte sich das Naturerleben, die subjektiv bedeutungsvolle Wahrnehmung von Naturphänomenen. Mit Hilfe von Naturerlebnis-Spielen à la Joseph Cornell und einer intuitiven Einfühlung in die Natur sollten wichtige Impulse zur Rettung der Erde gegeben werden. Neue Ansätze zum ökologischen Verständnis kommen aus dem Bereich der Tiefenökologie, die die grundlegende Verbundenheit des Menschen mit der Natur heraushebt und die Verknüpftheit allen Lebens (und somit auch des Menschen als Teil der Natur) verdeutlichen will.

Definition

Das Konzept der Naturbildung will die scheinbaren Gegensätze zwischen Umweltbildung und Naturerleben aufheben und die originäre Naturbegegnung auf eine klar fundierte theoretische Basis stellen. Sie versteht sich als notwendige Ergänzung zum klassischen Konzept der Umweltbildung und kann wie folgt charakterisiert werden:

Naturbildung ist die handlungsorientierte Verknüpfung von Naturerleben und ökologischer Bildung anhand konkreter Natur-Phänomene als Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung.

In dieser Definition werden die wichtigsten Parameter der Naturbildung sichtbar: Handlungs- und Erfahrungslernen, originäre Naturbegegnung, ökologische Bildung, Betonung des Lernens als affekt-logischer, selbst gesteuerter Prozess und die Einbindung in die Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

Parameter

Mit der Betonung des Handlungs- und Erfahrungslernens erweist sich die Naturbildung als ein reformpädagogisches Konzept, erlebnispädagogische Ansätze spielen ein große Rolle. Die orginäre Naturbegegnung steht – ähnlich wie in der amerikanischen Naturinterpretation – im Mittelpunkt der Naturbildung: Alle Lernprozesse finden in unmittelbarem Zusammenhang mit konkreten Naturphänomenen statt. Hierbei unterstreicht der Ansatz des Naturerlebens die Bedeutung der subjektiv-emotionalen Mitwelt-Wahrnehmung. Im Begriff der Bildung, der bewusst anstelle von „Pädagogik“ (Naturpädagogik, Naturerlebnis-Pädagogik) gewählt wird, zeigt sich das Verständnis von Lernen als primär selbst gesteuertem Prozess, wie es im pädagogischen Konstruktivismus zum Ausdruck kommt. Der ökologische Bildungsansatz bietet einen konzeptionellen Rahmen für die Zielausrichtung der Bildungsprojekte. Die Naturbildung versteht sich somit als Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung und geht damit weit über ein in Naturschutz-Fachkreisen verbreitetes Verständnis hinaus, das Naturbildung mit „naturschutzbezogener Bildung“ gleichsetzt und lediglich die Akzeptanz von Naturschutzmaßnahmen in der Bevölkerung steigern möchte.

Typische methodische Bausteine von Naturbildungsprojekten sind das elementare Naturerleben, der ästhetische und rekreative Naturbezug, das Spiel, das ökologisch-erkundende Forschen und die partizipative Reflexion. Als elementares Naturerleben werden originäre Begegnungen mit den Urkräften der Natur, z.B. den vier Elementen Erde, Feuer, Wasser, Luft in herausfordernden Situationen verstanden, die mit Hilfe von einfachen Survival-Techniken der Naturvölker bewältigt werden. Je nach Einsatzort kann die Naturbildung in verschiedene Teildisziplinen aufgeteilt werden: Wildnisbildung für Wildnisgebiete wie z.B. Nationalparke, Kulturlandschafts-Bildung für Naturparke und Biosphärenreservate sowie Naturbildung in der städtischen Zivilisation. Ein Beispiel hierfür ist die Einrichtung von städtischen Naturerlebnis-Räumen. Naturbildungs-Konzepte eignen sich hervorragend für moderne Bildungsprojekte in Großschutzgebieten.

Naturbildung und Nachhaltige Entwicklung

Die Forschungen von Susanne Bögeholz und Armin Lude zur Bedeutung des Naturerlebens für Umweltbewusstsein, Umweltwissen und Umwelthandeln haben eine Trendwende in der wissenschaftlichen Beurteilung originärer Naturerfahrungen eingeläutet. Es zeigte sich, dass Kinder und Jugendliche, die über viele Naturerlebnisse verfügen, ein weitaus höheres Umweltbewusstsein zeigen als solche, die nur mediales oder (Buch-)Wissen über die Natur erworben hatten. Deutlich wurde aber auch, dass einfaches Naturerleben nicht ausreicht: Erst die Einbettung von Naturerlebnis-Aktionen in klare Bildungskonzepte erbringt effektive Lernerfolge. Auch im Rahmen einer kognitiv ausgelegten ökologischen Urteils- und Gestaltungskompetenz stellt das subjektive Naturerleben jene "Basiserfahrungen" bereit, die es vielen Kindern und Jugendlichen überhaupt erst ermöglichen, Naturstücke positiv zu bewerten. Mit seinen Forschungen zu Naturbildern von Jugendlichen hebt auch Rainer Brämer die besondere Bedeutung von originären Naturerfahrungen für das Umweltbewusstsein hervor. In Schülerbefragungen zeigte sich eine starke Naturentfremdung von Jugendlichen, die sich erst einmal durch mangelnde Kenntnisse über die Natur auswies. Auf der anderen Seite offenbarte sie darüber hinaus in den Köpfen der Schüler Bilder einer paradiesisch-harmonischen Natur, in der der Mensch nur als „Störenfried“ gilt. Mit diesen unrealistischen Naturvorstellungen ist es kaum möglich, ein Verständnis für die nachhaltige Nutzung der Mitwelt zu entwickeln – Nutzung wird hier generell mit Zerstörung gleichgesetzt. Während die Umweltbildung im Rahmen der Bildung für Nachhaltige Entwicklung ihren Schwerpunkt auf die Vermittlung von Gestaltungskompetenzen legt, ist für die Naturbildung aufgrund dieser Befunde die Förderung von psychisch-mentalen Lernprozessen von zentraler Bedeutung. In ihrem Mittelpunkt steht die Reflexion über das Verhältnis von Mensch und Natur und einen veränderten Umgang mit der Mitwelt. Fünf Aspekte sind hierbei besonders wichtig:

Eine zentrale Aufgabe der Naturbildung ist es, Bildungsprojekte zu entwickeln, die diese Aspekte in den Mittelpunkt stellen und für verschiedene Zielgruppen erlebbar machen.

Quellen und weiterführende Informationen

Quellen

Weiterführende Literatur