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104. Sinfonie (Haydn)

Joseph Haydn schrieb seine 104. Sinfonie in D-Dur (Hob I:104), welche die letzte seines Schaffens ist, im Jahre 1795 in London und führte sie dort auch im selben Jahr auf. Sie zählt zu den berühmten Londoner Sinfonien, die er für seine zwei Aufenthalte in London geschrieben hatte. Der Beiname London führt auf diese Tatsache zurück, obwohl er natürlich zu jeder seiner dort aufgeführten Sinfonien (Nr. 93–104) gepasst hätte.

Die 104. Sinfonie bildet den krönenden Abschluss eines umfangreichen sinfonischen Schaffens. Bereits das einleitende Adagio in d-Moll, in einer dramatischen Geste, die sich im Allegro kontrastreich in ein graziöses D-Dur-Thema auflöst, nimmt neue Dimensionen an. Das beschwingte und originelle Menuett hat nur noch wenig mit simpler Tanzmusik gemeinsam. Der Schwerpunkt der Sinfonie liegt allerdings unbestritten auf dem Finale, ein kunstvoll gestaltetes Sonatenrondo, dem eine kroatische Volksmelodie zu Grunde liegt.

Die Form der Sinfonie ist typisch für die damalige Zeit und folgt dem Schema Schnell - langsam - Menuett - schnell:

  1. Satz: AdagioAllegro
  2. Satz: Andante
  3. Satz: Menuett: Allegro
  4. Satz: Finale: Spirituoso

Besetzung: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, Streicher (Violine 1 u. 2, Viola, Violoncello, Kontrabass)

Das Werk gehört mit seinen fünf Vorgängern zu den einzigen Sinfonien des Komponisten, in denen er die erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts sich im Orchester durchsetzende Klarinette vorsieht.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Hintergrund

Haydns 104. Sinfonie ist die letzte Sinfonie, die er für seinen London-Aufenthalt schrieb, und somit auch die letzte seines gesamten Schaffens. Am 4. Mai 1795 wurde sie bei einem Benefizkonzert zu Ehren des Komponisten im Londoner Haymarket Theatre uraufgeführt. Haydn war zu dieser Zeit bereits 63 Jahre alt. Das Konzert, an dem die besten Musiker aus ganz London mitwirkten, wurde ein großer Erfolg. In seinem Tagebuch vermerkte der Komponist: „Die ganze Gesellschaft war äußerst vergnügt und auch ich. Ich machte diesen Abend 4000 Gulden. So etwas kann man nur in England machen.“
Die Gattung der Sinfonie war durch Haydn äußerst beliebt geworden, da sie anspruchsvolle und intellektuelle Aspekte mit unterhaltenden Werten verband. „Die Symphonie ist zum Ausdruck des Großen, des Feyerlichen und Erhabenen vorzüglich geschickt. Ihr Endzweck ist, ... alle Pracht der Instrumentalmusik aufzubieten“, stand 1771 in Johann Georg Sulzers Allgemeiner Theorie der schönen Künste geschrieben. Haydn bestätigt mit seiner letzten Sinfonie die Ästhetik des späten 18. Jahrhunderts mustergültig.

1. Satz: Adagio - Allegro

Der erste Satz der Sinfonie hat die Struktur der Sonatenhauptsatzform mit langsamer Einleitung und steht im 2/2-Takt (alla breve). Der Satz ist monothematisch, was bedeutet, dass ihm nur ein Thema zugrunde liegt. Als Seitenthema nimmt Haydn das Hauptthema in der Dominant-Tonart, in A-Dur.

Allegro-Thema des ersten Satzes. Bildet um eine Quinte erhöht (in der Dominante) ebenso das Seitenthema


Eine langsame und relativ groß angelegte Einleitung in d-Moll, der Molltonika, führt den Hörer in das Geschehen ein. Zweimal ertönt ein Unisono-Tutti im Intervall der Quinte beziehungsweise Unterquarte (D-A), welches von einer Figur aus großen Sekunden in den zweiten Violinen und kleinen Sekunden in den ersten Violinen beantwortet wird.
In der darauf folgenden Exposition in D-Dur stellen die Streicher das Hauptthema vor. Dieses moduliert in die Dominante A-Dur und die Holzbläser bilden daraus ein zweites Thema. Nach einem kurzen Schlusssatz folgt die Durchführung, die in der Tonikaparallele h-Moll beginnt. Der Rhythmus aus vier Vierteln und zwei Halben, gebildet aus dem dritten und vierten Takt des Hauptthemas, zieht sich durch verschiedene Stimmen, bis das ganze Orchester die Durchführung zu Ende bringt. In der Reprise erklingt das Hauptthema erneut in D-Dur. Der erste Satz schließt mit einer Coda, welche ebenfalls in der Grundtonart steht.

2. Satz: Andante

Der zweite Satz ist ein Variationswerk in G-Dur. Er beginnt mit einer marschartigen Liedmelodie, welche anschließend drei Mal variiert wird, einmal in Moll und zweimal in Dur.

Variationsthema des Andante-Satzes


Die Mollvariation, etwa in der Mitte des Satzes, ist zunächst bloß das Hauptthema in Moll, welches von den Flöten vorgetragen wird. Nach wenigen Takten allerdings setzt das ganze Orchester ein und eine leidenschaftliche Fortepassage erklingt. Die Streicher und Fagotte lassen diese ausklingen, bis eine Dur-Variation des Themas in der Grundtonart des Satzes erscheint. Haydn variiert nun die Themen, indem er sie mit Achtel und Sechzehntelnoten in der Begleitung ausfiguriert und die Dynamik wechselt. Das Thema selber erklingt auch, punktiert oder triolisch, in rhythmisch verwandelter Form. Zum Schluss des zweiten Satzes erklingt ein ruhiges Horn-Solo.

3. Satz: Menuett und Trio, Allegro

Den dritten Satz bilden ein Menuett und ein Trio. Das Menuett in der Grundtonart D-Dur ist mit der Tempobezeichnung allegro betitelt und ähnelt bereits dem später fast ausnahmslos gebräuchlichen Scherzo. Das acht Takte lange Thema - zu beachten sind die Sforzati auf der dritten, normalerweise leichten Zählzeit - wird gleich zu Beginn auf bombastische Weise vom kompletten Orchester vorgestellt und mit einem Triller zu Ende gebracht. Anschließend wird es wiederholt, wobei die Dynamik zum Leisen hin wechselt. Das Material des anschließend Themas in variierter Form weiterverwertet. Kennzeichnend ist die letzte Variation des Menuettthemas, bei der nach einem hohen D der Streicher eine kurze, überraschende Pause folgt, wonach der erste Teil des Menuetts mit einem langen Triller zu Ende gebracht wird.

Thema des Menuetts; wird von der 1. Violine und Viola anschließend piano wiederholt


Nun folgt das Trio in B-Dur. Oboen und Geigen spielen die Melodie, welche von den restlichen Streichern zupfend (pizzicato) begleitet wird.

Thema des Trios; Oboenstimme wird vom Fagott abgelöst


Mit einem Dominantseptakkord auf A kehrt das Stück in die Grundtonart zurück und das Menuett beginnt von vorne.

4. Satz: Finale, Spirituoso

Der letzte Satz der London-Sinfonie stellt einen bemerkenswerten Abschluss in Haydns 104 Sinfonien umfassenden Schaffen dar. Er steht in der Tonika D-Dur und verbindet in seiner Struktur Elemente der Rondo - und der Sonatenhauptsatzform. Diese Form wird auch Sonatenrondo oder klassisches Rondo genannt. Ungewöhnlich ist bereits der Beginn: der Bass (Fagott, Cello, Kontrabass) stellt ein tiefes D in den Raum. Kurz danach jedoch erklingt das erste Thema, eine kroatische Tanzmelodie («Oj Jelena»), welche von den Streichern vorgestellt wird. Anschließend wird es eine Oktave höher wiederholt, wobei die Bläser hinzutreten. Es folgt ein lautes Orchester-Tutti, welches das Material des ersten Themas verarbeitet.

Das Thema des vierten Satzes wird eine Oktave höher wiederholt


Nach dem Tutti folgt ein ruhigeres Zwischenthema, welches von den Streichern und Fagott vorgetragen wird. Kurz danach moduliert allerdings wieder das ganze Orchester von A-Dur in die Tonika D-Dur zurück und das bishere Geschehen wird - mit dem Hauptthema beginnend - wiederholt. In der Durchführung, welche in die Tonikaparallele h-Moll moduliert, werden die Themen der Exposition wieder aufgegriffen. Der erste Teil des Satzes wird nun getreu Rondoform leicht variiert wiederholt. Mit einer Coda, die in d-Moll beginnt, jedoch bald wieder in die Tonika übergeht, bringt das komplette Orchester die Sinfonie zum Ende.

Bedeutung

Haydns letzte Sinfonie ist nicht wie etwa bei Beethoven als Startschuss in eine neue Epoche zu werten. Vielmehr stellt sie ein monumentales Abschlusswerk einer künstlerischen Epoche dar, das Beethoven schließlich 5 Jahre später mit seiner ersten Sinfonie ermöglichen wird, ein neues Kapitel Musikgeschichte zu beginnen. Die bemerkenswert tiefsinnige Einleitung entfaltet sich in einem der klarsten Sonatensätze überhaupt. Bestechend ist die Selbstverständlichkeit an Perfektion in puncto Formbewusstsein, Instrumentationskunst und motivisch-thematischer Arbeit. Das Menuett stellt vielleicht das reifeste Beispiel für den neuen Tonfall in seiner Abkehr vom höfischen Tanz hin zu an das breitere Bürgertum gerichteter und dennoch kunstvoller Tonsprache. Die überwältigend geistreiche Stringenz des Finalsatzes, der Satzbezeichnung spirituoso vollends gerecht werdend, war es möglicherweise, die Goethe später dazu veranlasste, Haydns Musik in den folgenden Worten zusammenzufassen:

"Diese seine Werke sind eine ideale Sprache der Wahrheit, in ihren Teilen notwendig zusammenhängend und lebendig. Sie sind vielleicht zu überbieten, aber nicht zu übertreffen."

Diskografie

Nicht wenige Dirigenten und Orchester befassten sich mit Haydns späten Sinfonien und stellten sich der schwierigen Aufgabe, Witz, Humor und Leichtigkeit der Werke hörbar zu machen. Der Dirigent Adam Fischer vollzog mit dem Österreich-Ungarischen Haydn Orchester, das sich u.a. aus Spielern der Wiener Philharmoniker zusammensetzt, eine Komplettaufnahme der haydnschen Sinfonien mit modernen Instrumenten. Auch Herbert von Karajan orientierte sich bei der Aufnahme der 12 Londoner Sinfonien mit den Berliner Philharmonikern an der modernen Aufführungspraxis. Mehr auf historischen Klang konzentriert sind die Einspielungen mit Nikolaus Harnoncourt. Speziell bei dieser Sinfonie ist Harnoncourts Wahl ungewöhnlicher Tempi bemerkbar - vor allem das Menuett kommt äußerst schnell daher. Um eine bekannte Aufnahme der Londoner Sinfonien handelt es sich auch bei Sir Georg Solti und dem London Philharmonic Orchestra

Siehe auch