Heim

John Maynard

John Maynard ist der Titel einer bekannten Ballade von Theodor Fontane, die zuerst 1886 in der „Berliner Bunten Mappe. Originalbeiträge Berliner Künstler und Schriftsteller“ (Verlagsort: München) erschien.

Die Ballade handelt von einem Schiffsbrand auf dem amerikanischen Erie-See nahe Buffalo im US-Bundesstaat New York. Der Steuermann John Maynard harrt mitten in Feuer und Rauch achtern am Ruder aus, bis das Schiff das Ufer erreicht hat. Dann heißt es: „Gerettet alle. Nur einer fehlt.“

Inhaltsverzeichnis

Die Ballade

Der diensthabende Rudergänger hieß in Wirklichkeit nicht John Maynard, sondern Luther Fuller, der betroffene Seitenraddampfer hieß in Wirklichkeit "Erie", nicht "Schwalbe". In George Salomons Artikel „Wer ist John Maynard?“ [1] heißt es:

Fullers Name steht unter vielen anderen in der zweiten Verlustliste der Lokalpresse. Vor der Kommission, die in den folgenden Tagen das Unglück untersuchte, erklärte Kapitän Titus, selbst er wäre als letzter von Bord gegangen, und fuhr dann fort: 'Meines Wissens hat Fuller das Steuerrad nicht verlassen, sondern ist dageblieben, bis er zu Tode verbrannte. Er war schon immer ein entschlossener Mann, wenn er Befehle auszuführen hatte.
John Maynard!

„Wer ist John Maynard?“

„John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Die "Erie" (-bei Fontane "Schwalbe") verließ Buffalo am 8. August 1841 um 16:10 Uhr mit Ladung und Passagieren für Chicago; an Bord waren etwa 200 Menschen, davon die meisten deutsche und schweizerische Zwischendeckspassagiere. Erster Hafen sollte Dunkirk sein; dort wollte man gegen 20:30 Uhr eintreffen.

*:*:*
Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –

Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere, mit Kindern und Frau’n
Im Dämmerlicht schon das Ufer schau’n
Und plaudernd an John Maynard heran

Tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?

Der schaut nach vorn und schaut in die Rund’:
„Noch dreißig Minuten .. Halbe Stund’.“

Gegen 20 Uhr gab es eine Explosion; das Schiff begann zu brennen. Der Kapitän ließ sofort Kurs auf die Küste nehmen, von der man zu diesem Zeitpunkt noch 8 Meilen entfernt war.

An Bord waren sechs Anstreicher, die Terpentin und Farben mitgenommen hatten; sie wollten in einem Hafen ein Schiff anstreichen. Ihre Kanister lagerten sie an einer Stelle genau über dem Heizraum. Ein Besatzungsmitglied bemerkte die gefährliche Stelle und räumte das Zeug weg, aber nach einiger Zeit lag es wieder am alten Platz. Dass diese Materialien sich infolge Überhitzung selbst entzündet haben und dann als Brandbeschleuniger wirkten, ist unbestritten. Man spekuliert, ob mangelnde Wärmeisolierung des Heizraums zur Überhitzung beigetragen hat.

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
Da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,

„Feuer“ war es, was da klang,

Ein Qualm aus Kajütt’ und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,

Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,

Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich’s dicht,
Und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo,

Die "Clinton" war am Morgen des gleichen Tages aus Buffalo ausgelaufen und war wegen des Windes in Dunkirk eingelaufen. Dort lag sie bis fast zum Sonnenuntergang, dann lief sie in westlicher Richtung wieder aus. Als man an Bord etwa 20 Meilen hinter sich das Feuer sah, kehrte sie um und hielt darauf zu. Sie erreichte die "Erie" gegen 22 Uhr. Die "Lady", eine kleine Motorbarkasse, verließ Dunkirk nach Entdeckung des Feuers und kam kurz nach der "Clinton" an die Unglücksstelle. Beide Schiffe suchten nach Überlebenden. Gegen 1 Uhr nachts war jedoch alles still. Die "Clinton", unterstützt von der inzwischen ebenfalls eingetroffenen "Chautaqua", versuchte, die "Erie" zur Küste zu schleppen, aber die "Erie" sank in der Morgendämmerung 4 Meilen vor der Küste in 11 Faden (etwa 20 m) Wassertiefe.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,

Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“

„Ja, Herr. Ich bin.“

„„Auf den Strand! In die Brandung!““
„Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus. Halloh.“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

Laut einem Zeitungsartikel von 1841 [2] waren ungefähr 200 Personen auf dem Schiff, von denen etwa die Hälfte starb.


„„Noch da, John Maynard?““ Und Antwort schallt’s

Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe was Stein,
Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

Rettung: der Strand von Buffalo!

*:*:*
Das Schiff geborsten. Das Feuer verschweelt.
Gerettet alle. Nur Einer fehlt!

Unmittelbar nach dem Unglück erschienen Berichte in den örtlichen Zeitungen. Eine schon etwas mehr ausgeschmückte Version erschien anonym (schon hier hieß der Rudergänger „John Maynard“); später nahmen sich John Bartholomew Gough (ein Mäßigkeitsredner) und Horatio Alger (ein Groschenschriftsteller und Sozialarbeiter) des Themas an; Gough in Prosa, Alger in Gedichtform. Wann Theodor Fontane das Thema bekannt wurde, weiß man nicht genau. Er hatte familiäre Kontakte nach Amerika und las auch amerikanische Zeitungen.

*:*:*
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
Himmelan aus Kirchen und Kapell’n,

Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,

Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr
Und kein Aug’ im Zuge, das thränenleer.
Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
„Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand,
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard.“

Quellennachweis

  1. http://homepage.mac.com/joel_huberman/JohnMaynard/Salomon/S-M3.htm
  2. http://www2.canisius.edu/~huberman/1841.html

Historischer Hintergrund

Die Ballade beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich in der Nacht vom 8. zum 9. August 1841 ereignete. Der Seitenraddampfer Erie (unterwegs nicht nach, sondern von Buffalo) geriet nach einer Verpuffung von falsch gelagertem Malerbedarf (Terpentin u.ä.) in Brand und hielt Kurs auf die acht Meilen entfernte Küste, ohne sie jedoch zu erreichen. Im Gegensatz zur Balladenschilderung wurden von den ca. 200 an Bord befindlichen Menschen, darunter viele schweizerische und deutsche Zwischendeckspassagiere, nur 29 gerettet. Auch sonst unterscheidet sich der wahre Verlauf in einigen Details von dem Gedicht. So hieß der diensthabende Rudergänger, der in der Tat bis zuletzt auf seinem Posten ausharrte nicht John Maynard, sondern Luther Fuller. In der Ballade stirbt John Maynard, der tatsächliche Rudergänger Luther Fuller aber überlebte schwer verletzt, erholte sich aber seelisch von dem furchtbaren Unglück nicht mehr. Er verfiel dem Alkohol und starb als Trinker in einem Armenhaus.

Über die Katastrophe existieren mehrere (teils faktenorientierte, teils stark literarisch-journalistisch stilisierte) Zeitungsveröffentlichungen; John Bartholomew Gough, ein als Alkoholgegner bekannter Redner, formte die Geschichte zu einem Vortragsstück; Horatio Alger, ein Groschenschriftsteller, dichtete eine Ballade mit dem Titel John Maynard. Welche dieser Fassungen Fontane als Vorbild diente, kann kaum abschließend entschieden werden.

Rezeption

Da die Gestalt des John Maynard sehr bekannt ist, suchen viele deutsche Besucher in Buffalo nach dem im Gedicht beschriebenen Grabstein und sind enttäuscht, dass sie ihn nicht finden können. Um den Besuchern Enttäuschungen zu ersparen, wurde 1997 eine Tafel in Buffalo errichtet, die an die Legende von John Maynard und an das Gedicht erinnert. Diese Tafel findet man in der Erie St. unweit der HSBC Arena (Stadion der Buffalo Sabres). Der Autor des Tafeltextes nahm zur Vorlage weniger den Tatsachenbericht als die Erzählung "Der Steuermann" von John Bartholomew Gough. In dieser Erzählung wird das Geschehen sehr ähnlich wie in der Ballade geschildert.

Vertonung

Literatur

Norman Barry: Fontanes "John Maynard": Neue Entdeckungen der Quellenforschung. In: Fontane Blätter 85/2008, S. 150-170.

 Wikisource: John Maynard (Fontane) – Quellentexte