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Geschichte Libyens

Die Geschichte Libyens reicht von der Gegenwart bis weit in die Antike zurück.

Libya ist das griechische Wort für Afrika (wobei im Altertum dabei ursprünglich nur an das von Libyern bewohnte Gebiet westlich von Ägypten, später an ganz Nordafrika gedacht wurde).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

bis zum Altertum

Die frühesten Spuren menschlicher Besiedlung reichen bis ins 10. Jahrtausend v. Chr. als die feuchtere Sahara von Jägern und Sammlern durchzogen wurde. Von diesen stammten auch die ersten Felsmalereien und Gravuren, die auf 9.000 v. Chr. datiert werden. Es wird vermutet, dass diese Menschen Vorfahren der heutigen Fulbe in Westafrika gewesen sind. Mit der zunehmenden Austrocknung seit 3.000 v. Chr. entwickelte sich die Sahara zu der uns heute bekannten Wüste.

Erste historische Nachrichten über Libyen stammen aus Ägypten, das seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. immer wieder von Kämpfen mit Libyern berichtet. Seit 2.300 v. Chr. drangen sie in das Niltal ein und siedelten sich in den Oasen an. Seit 1.200 v. Chr. bedrängten sie die Ägypter, was zu Kämpfen führte. Pharao Ramses III. siedelte einige libysche Stämme an, die sich mit der einheimischen Bevölkerung assimilierten. Um 946 v. Chr. wurde ein libyscher Häuptling als Scheschonq I. König von Ägypten. Seine Dynastie erstreckte sich über zwei Jahrhunderte.

Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. wurde die libysche Küste von Griechen und Phöniziern besiedelt. Die Griechen ließen sich in der Kyrenaika (Cyrenaika), dem östlichen Teil des heutigen Libyen, nieder und gründeten u. a. Kyrene (631 v. Chr.), Tauchira, Ptolemais, Barka und Euhesperides (Banghazi). 331 v. Chr. geriet die Kyrenaika unter die Herrschaft Alexanders des Großen, nach dessen Tod die Ptolemäer Ägypten und die Kyrenaika im Zuge der Diadochenkämpfe an sich rissen. Ihre Herrschaft dauerte bis 96 v. Chr., als das Land römisch, mit der Reichsteilung ab 395 oströmisch wurde.

Die Ausgrabungsstätte Sabratha

In Tripolitanien, dem westlichen Teil, gründeten die Phönizier die Städte Sabratha, Oea (Tripolis) und Leptis Magna, die aber schon im 6. Jahrhundert v. Chr. unter die Kontrolle von Karthago kamen und bis 200 v Chr. zur karthagischen Provinz gehörten. Anschließend war dieser Landesteil dem Königreich Numidien einverleibt, ehe er 46 v. Chr. römische Provinz wurde.

Im 1. Jahrhundert v. Chr. eroberte das Römische Reich Tripolitanien und die Kyrenaika. Nur die Garamanten, Berber-Stämme in der Fessan-Wüste im Süden, konnten ihre Unabhängigkeit bewahren. Die römische Herrschaft war eine Zeit großer wirtschaftlicher und kultureller Blüte. Vor allem die Städte profitierten von der blühenden Landwirtschaft und durch den Transsaharahandel mit der Sahelzone, wovon noch heute die prachtvollen Ruinenstädte zeugen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markiert die Herrschaft von Kaiser Septimius Severus (190-211), der seine Geburtsstadt Leptis Magna sowie die anderen Städte der Region erweitern und ausschmücken ließ.

Nach der Teilung des Römischen Reiches 395 wurde Tripolitanien an das Weströmische, Cyrenaika an das Oströmische Reich angegliedert. Nach der Vertreibung der Vandalen, die 450 in Tripolitanien eingefallen waren, war der westliche Landesteil ab 533 ebenfalls Bestandteil des Oströmischen (Byzantinischen) Reichs.

Mit dem Niedergang des Römischen Reiches begann auch der Abstieg der Region, als Kamelnomaden zunehmend das Hinterland der Städte verwüsteten und diese durch Erdbeben oder die Einfälle der Vandalen zerstört wurden. Zwar konnte Byzanz nach der Eroberung des Vandalenreiches und einem Sieg über die Nomaden das Land wieder befrieden, doch verhinderte die weitere Austrocknung der Sahara die wirtschaftliche Erholung.

in Mittelalter und Neuzeit

Schon kurz nach der muslimischen Eroberung von Ägypten (640) wurde auch die Kyrenaika (643) und Tripolitanien (647) besetzt. Durch die Vorstöße der Araber in die Sahara ging das Reich der Garamanten in Fessan endgültig unter. Der Widerstand der Berber wurde 670 endgültig gebrochen. Das Land wurde islamisiert. In der Folgezeit wurde Tripolitanien von den arabischen Dynastien der Aghlabiden, Fatimiden, Almoraviden, Almohaden, Ziriden und Hafsiden in Ifriqiya beherrscht, während die Kyrenaika sich eher unter der Kontrolle Ägyptens befand. Mit der Invasion des Beduinenstamms der Banu Hilal um 1050, wurden in den Küstengebieten Libyens die letzten Reste römischer urbaner Kultur zerstört, so dass das Nomadentum bis ins 20. Jahrhundert wirtschaftliche Grundlage des Landes war. Die Einwanderung der Beduinen führte auch zur Arabisierung der Berberbevölkerung.

Nachdem im 14. Jahrhundert die Piraterie der Korsaren von Tripolis stark zugenommen hatte, kam es immer wieder zu Angriffen der christlichen Seemächte Genua und Aragon. 1509 wurde Tripolis schließlich von Spanien erobert, das die Stadt dem Malteserorden im Jahr 1530 als Lehen überließ. Erst 1551 konnte die Stadt von den Türken unter Dragut Pascha erobert werden. In der Folgezeit unterstand Tripolis wie das übrige Libyen (letzteres schon seit 1517) der osmanischen Oberhoheit, doch errang Ahmad Qaramanli (1711-1745) die Macht in Tripolis und begründete die Dynastie der Qaramanli (1711-1835). Ahmad Qaramanli gewann auch die Kontrolle über die Cyrenaika und den Fessan. Allerdings blieb die Piraterie der Korsaren weiterhin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, weshalb Tripolis mehrmals von den Flotten Britanniens und Frankreichs bombardiert wurde. Die erfolgreiche Bekämpfung der Korsarenflotte durch die USA (1801-1805) führte zum Niedergang der Qaramanli und 1835 zur Erneuerung der osmanischen Herrschaft, die sich auch in Fessan und der Cyrenaika durchsetzte. Neben den osmanischen Statthaltern regierte ab 1843 auch die Senussi-Bruderschaft in Libyen. Sie wehrte sich gegen die zunehmenden europäischen Einflüsse.

Italienische Kolonie

Hauptartikel: Italienisch-Türkischer Krieg

Libyen wurde 1911/1912 im italienisch-türkischen Krieg von Italien, der spätesten europäischen Kolonialmacht, besetzt; in Libyen wurden auch erstmals Kampfgas und Kampfflugzeuge eingesetzt. Die italienischen Truppen stießen auf den heftigen Widerstand der Beduinen unter Scheich Baruni in Tripolitanien und des Senussi-Ordens unter Umar Mukhtar in der Cyrenaika. Da die Aufständischen während des Ersten Weltkrieges von den Mittelmächten mit Waffen versorgt wurden, konnten sich die italienischen Truppen nur in den Küstenstädten halten. Nach einem Friedensabkommen, das 1917 zur Anerkennung lokaler Regierungen in Tripolitanien und in der Cyrenaika führte (unter Anerkennung der italienischen Oberhoheit), beruhigte sich die Lage. Italien hatte Tripolitanien und die Cyrenaika ab 1921 wieder fest in der Hand.

Es eroberte nach der Machtergreifung Mussolinis bis 1925 auch den südlichen Fessan und erwarb 1926 den Sitz der Senussi, die Oase Djaghabub. 1934 wurde aus den Eroberungen die italienische Kolonie Libia gebildet. Erst 1935 konnte mit der Einnahme der Kufra-Oasen der letzte Widerstand gebrochen werden. In der Folgezeit wurden 100.000 italienische Kolonisten in Libyen angesiedelt. Schon im Zweiten Weltkrieg wurde die Cyrenaika und Tripolitanien aber von britischen und der Fessan von französischen Truppen erobert (1942). In die schweren und wechselvollen Kämpfe waren Italiener und das deutsche Afrikakorps unter Rommel (von 1940 bis 1943) verwickelt.

Königreich

Nachdem Italien 1947 auf seine Besitzungen in Libyen verzichtet hatte, wurde Libyen am 24. Dezember 1951 nach einem UN-Beschluss ein unabhängiges Königreich unter Idris, dem religiösen Oberhaupt des Senussi-Ordens. Zu dieser Zeit gehörte das Land zu den ärmsten der Welt. 1953 wurde Libyen Mitglied der 1945 gegründeten "Arabischen Liga". König Idris I. überließ Großbritannien und den USA Militärstützpunkte und zentralisierte 1963 die staatliche Verwaltung. Politische Parteien bildeten sich nicht. 1958 wurden im Lande die ersten Ölquellen in der Großen Syrte entdeckt. Durch den Beginn der Erdölförderung konnte die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ab 1961 aber erheblich forciert werden. Staat und Oberschicht kamen zu Reichtum. Libyen finanzierte die Rüstung Ägyptens und anderer arabischer Staaten gegen Israel.

Republik

Allerdings verbreitete sich mit der zunehmenden Öffnung des Landes panarabisches Gedankengut in der Bevölkerung. Im Rahmen dieser Bewegung wurde die Monarchie am 1. September 1969 von Offizieren unter Führung von Oberst Muammar al-Ghaddafi gestürzt. Die italienischen Siedler mussten 1970 das Land verlassen. Banken, Versicherungen und ausländische Erdölgesellschaften wurden verstaatlicht. Die praktizierte panarabische Politik Ghaddafis und Fusionspläne mit anderen islamischen Staaten blieben erfolglos. Die westlichen Militärstützpunkte wurden aufgekündigt. 1977 wurde Libyen verfassungsrechtlich zur islamischen, sozialistischen Volksrepublik umgestaltet. 1200 Volkskomitees sollten nach dem Prinzip der direkten Demokratie die Verwaltung aller politischen, sozialen und vieler ökonomischer Angelegenheiten übernehmen.

Im März 1979 trat Muammar al-Gaddafi von den Staatsämtern zurück, blieb aber als Revolutionsführer Machthaber im Lande. Offiziell übernahm eine aus den Volkskomitees hervorgegangene "Allgemeine Volkskonferenz" die Legislative.

Im Ersten Golfkrieg unterstützte Libyen ab 1985 den Iran gegen den Irak. In das Nachbarland Tschad rückten während des Bürgerkriegs im Jahr 1980 libysche Armeeteile in den Norden ein. Nach Festigung des libyschen Einflusses zogen sie sich sieben Jahre später zurück. 1989 kam es zu einem Friedensvertrag beider Länder. Nach einem Richterspruch des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag räumte Libyen 1994 auch den strittigen Aouzou-Streifen im Tschad.

In den 1980er und 1990er Jahren unterstützte Libyen terroristische Organisationen und insbesondere deren gegen die USA oder Israel gerichtete Anschläge. Nach einer Attentatsserie, unter anderem auf die West-Berliner Diskothek "La Belle", die Libyern als Verursachern zugeschrieben wurde, verhängten 1986 die USA ein Wirtschaftsembargo gegen das nordafrikanische Land und verübten Luftangriffe auf Tripolis und Bengasi. Wegen Unterstützung des Terrorismus und vermuteter Verwicklung in den Lockerbie-Anschlag 1988 beschloss auf Druck der USA 1992 der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Embargomaßnahmen gegen den sog. Schurkenstaat Libyen. Ende 1993 wurde eine Militärrevolte in Tripolis niedergeschlagen.

Die UN-Sanktionen wurden 1999 nach einem Einlenken Ghaddafis in der Terrorismusfrage und Überstellung zweier Tatverdächtiger am Lockerbie-Attentat an ein internationales Gericht in den Niederlanden wieder ausgesetzt. Im Zweiten Golfkrieg stellte sich Libyen auf die Seite des Irak. Nachdem Libyen das Lockerbie-Attentat eingestanden und Entschädigungen für die Angehörigen dieser sowie der Opfer eines Bombenanschlags auf ein französisches Verkehrsflugzeug 1989 (170 Tote) geleistet hatte, wurden die Embargomaßnahmen im September 2003 vollständig aufgehoben.

Punkte bei westlichen Staaten machte Libyen ferner dadurch gut, dass es im August 2000 erfolgreich bei islamischen Terroristen auf den Philippinen vermittelte, was zur Freilassung gefangener westlicher Geiseln führte. Das nordafrikanische Land ist neuerdings bestrebt, seine jahrzehntelange politische Isolierung auf internationaler Bühne zu überwinden. Nach den Terroranschlägen auf das amerikanische World Trade Center am 11. September 2001 verurteilte Muammar el Gaddafi die Gewaltakte und akzeptierte ausdrücklich ein US-amerikanisches Recht auf Selbstverteidigung. Im Dezember 2003 erklärte Gaddafi den Verzicht Libyens auf Massenvernichtungswaffen und ließ Anfang 2004 zahlreiche Komponenten für chemische Waffen vernichten.

2000 löste das Parlament auf Vorschlag Gaddafis die Zentralverwaltung des Landes weitgehend auf und übergab Gesetzgebung und Regierungsgewalt formell an regionale Parlamente und Ausschüsse. Die äußerst bedenkliche Menschenrechtslage im Innern Libyens hat sich jedoch trotz der außenpolitischen Öffnung der letzten Jahre kaum entspannt. Die Presse- und Meinungsfreiheit ist noch immer völlig inexistent, sämtliche Nachrichtenmedien werden weiterhin von Ghaddafis Personenkult dominiert. Im September 2000 gab es Pogrome libyscher Arbeitsloser gegen afrikanische Gastarbeiter, wofür im Januar 2001 331 mutmaßliche Täter angeklagt wurden.

Siehe auch

Literatur