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Hermeneutischer Zirkel

Das Bild des Hermeneutischen Zirkels (von griech. ἑρμηνεύω [hermēneúō]: "auslegen, erklären, übersetzen") charakterisiert in der Sprachphilosophie die Interpretation eines Textes als fortschreitende Annäherung an dessen Sinn: Ausgangspunkt für das Verständnis von Texten ist das eigene (Vor-)Wissen. Der eigentliche Verstehensprozess besteht aus

  1. der Bildung von Vorurteilen (Vorwegnahmen), in denen Vermutungen über den Sinn eines Textes (oder eines Textabschnittes) vorausgeworfen werden
  2. der anschließenden Erarbeitung des Textes (oder Textabschnittes). Dieser Prozess führt zur Änderung und Weiterentwicklung des ursprünglichen Vorwissens - die Bereitschaft zur Revidierung der eigenen Vorurteile vorausgesetzt (Offenheit, Empfänglichkeit - Gadamer).

Mit diesem überarbeiteten Vorwissen kann der Verstehensprozess erneut angestoßen werden. Im Prinzip kann dieser Kreis endlos wiederholt werden.

In der Erkenntnistheorie ist vor allem der von Martin Heidegger in Sein und Zeit dargestellte Ansatz bedeutsam geworden, der den hermeneutischen Zirkel „ontologisch“ begründen will. Danach liegt der Anfang des hermeneutischen Zirkels in einer ursprünglichen Grundevidenz der Wahrheit. Nur weil der Mensch „immer schon“ in der Wahrheit seines Seins stehe, könne er die Wahrheitsfrage über den Sinn seines Menschseins stellen und diese weiter ausbauen.

Demzufolge ist jede Aussage, die von einem Individuum getroffen wird, für das selbige ein hermeneutischer Zirkel, da dieses sowohl die Wahrheit als auch die "Erkenntnis" der Wahrheit schon inne hat, oder anders formuliert, sich die Frage nach der Wahrheit nicht stellen kann, da es diese ja schon ist.

Diese Grundlage ist von Hans-Georg Gadamer in seiner Hermeneutik weiterentwickelt worden.

Der Hermeneutische Zirkel wird oft als Methode sui generis in den Geisteswissenschaften verstanden, durch die sich die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften unterscheiden. Von Seiten der analytischen Wissenschaftsphilosophie wird in diesem Zusammenhang kritisiert, dass das Bild des Hermeneutischen Zirkels erstens kein Zirkel (sondern eine "hermeneutische Spirale"), zweitens keine Methode und drittens kein Unterscheidungsmerkmal zwischen geisteswissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Erkenntnis ist.

Grundlage für die Interpretation anhand des Hermeneutischen Zirkels ist die Ergriffenheit beim Leser. Aus diesem Grund sind Gebrauchstexte von dieser Methode ausgeschlossen. Emil Staiger umschrieb dies folgendermaßen: "Dass wir begreifen, was uns ergreift." (Emotionales muss rational erklärt werden, Faszination führt zu Analyse).

Inhaltsverzeichnis

Hermeneutischer Prozess

Vorstadium
Vorverständnis erforderlich; Beherrschen der Sprache; Vorstellung über damalige Verhältnisse
1. Stadium − Der hermeneutische Entwurf
Horizontverschmelzung zwischen Verstehenshorizont und Bedeutungshorizont
2. Stadium − Die hermeneutische Erfahrung
Vorverständnis wird erweitert und korrigiert
3. Stadium − Der letzte verbesserte Entwurf
tieferes Verständnis, Reifung des Vorverständnisses

Literatur

Apel, Karl-Otto: Transformation der Philosophie, 2 Bände, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973 (Bd. I: Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik; Bd. II: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft)

Wolfgang Stegmüller: Der sogenannte Zirkel des Verstehens. In: ders.: Das Problem der Induktion: Humes Herausforderung und moderne Antworten. Darmstadt 1996 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Siehe auch