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Nosferatu (Sagengestalt)

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Nosferatu ist angeblich der Name einer besonderen Spezies von Vampiren in Rumänien.

Der Name wurde erstmals von der schottischen Reiseschriftstellerin Emily Gerard (en) in ihrem Buch The Land beyond the Forest. Facts and Fancies from Transylvania (Edinburgh und New York 1888) erwähnt und mit Untoter übersetzt. Bereits drei Jahre zuvor hatte sie in einem Magazin über den Volksglauben der Bewohner von Siebenbürgen berichtet. Ihre Schilderungen wurden von Bram Stoker für seinen Roman Dracula als Informationsquelle genutzt. Im 18. Kapitel des Romans wird der Name von Abraham Van Helsing benutzt. Aufgrund der Verfilmung des Romans unter dem Titel Nosferatu durch Friedrich Wilhelm Murnau (1922) wurde der Begriff allseits bekannt, obwohl er im Film kaum eine Rolle spielt. Seit dem Vampirboom der 1990er Jahre erscheint der angebliche Vampirtypus Nosferatu in verschiedenen Vampirhandbüchern und Vampirlexika und scheint von einigen Autoren nachträglich mit allerlei phantasievollen Eigenschaften angereichert worden zu sein. Erstaunlicherweise kennen die Fachautoren (in chronologischer Reihenfolge: Summers, Senn, Perkowski und Kreuter) diese Spielart des Vampirs nicht, weil er in der rumänischen Volksmythologie nicht vorkommt. Auch in den etymologischen Wörterbüchern des Rumänischen ist der Begriff nicht zu finden.

Emily Gerard war mit einem Offizier der kaiserlichen und königlichen Kavallerie polnischer oder slowakischer Herkunft verheiratet, der in Temesvar stationiert war. Daher nannte sich die Autorin oft auch die Laszowska. Da sie an Land und Leuten interessiert war, unternahm sie häufiger Ausflüge ins benachbarte Siebenbürgen, auch als Transsilvanien bekannt. Angesichts ihrer mangelnden Kenntnisse des Rumänischen (ein Teil der Einheimischen) sowie des Ungarischen (k.u.k.-Monarchie) bediente sie sich eines Dolmetschers, der vermutlich die Aussagen der nach ihrem Volksglauben befragten Rumänen nicht wortgetreu übersetzte. Es ist anzunehmen, dass die Autorin sich an die Gebildeten unter den Rumänen wandte, also an die griechisch-orthodoxen Geistlichen. Von ihnen erfuhr sie wohl vom Glauben an ein dämonisches Wesen, dessen Namen sie als Nosferatu notierte und mit dem Vampirglauben, wie sie ihn interpretierte, in Verbindung brachte, nämlich als eine besondere Spielart des Blutsaugers. Woher Emily Gerard die einzelnen Bestandteile ihrer Schilderung vom Nosferatu genommen hat, ist unklar. Es scheint, dass sie verschiedene Bruchstücke, die sie gesammelt hatte, zu einem Vampirbild verschmolz, das rumänischen Glaubensvorstellungen nur sehr bedingt entsprach. Sie wollte einen Bestseller schreiben, keine volkskundliche Abhandlung, und zu diesem Zweck war sie gezwungen, den zeitgenössischen Lesergeschmack zu bedienen. Bei Reiseberichten über Völker, die vom europäischen Standpunkt her zivilisationsfern waren – sowohl in den Randgebieten Europas als auch in Übersee –, erwartete das Publikum die Beschreibung von skurrilen oder erschreckenden Sitten und Glaubensvorstellungen, und die von Emily Gerard präsentierte Schilderung eines aberwitzigen Vampirglaubens entsprach dem Bild, das sich die Briten vom „Land hinter den Wäldern“ machen wollten.

Der Wortbestandteil No-, der an lateinische Vorsilben erinnerte, ließ Emily Gerard annehmen, dass die Übersetzung Un-Toter lauten müsse. Dieser Irrtum wird bis heute nachgebetet, obwohl ein Blick in ein rumänisches Wörterbuch genügen würde, um ihn aufzudecken. Tatsächlich aber handelt es sich bei der Figur, die dem Nosferatu zu Grunde liegt, um einen Dämon der griechischen Volksmythologie, den Nosophoros, den Pestbringer. Gordon Melton nimmt an, dass der Begriff im Kirchenslawischen, das im orthodoxen Rumänien die Liturgiesprache in der Messfeier war (wie das Lateinische im katholischen Raum), in nesufur-atu umgewandelt wurde. Auf dem Umweg über die Religion ist der Glaube an diesen Unheilstifter nach Rumänien gekommen, hat dort aber in der Volksmythologie nie Fuß gefasst, wie der Blick in die Fachwörterbücher und in die Fachliteratur zeigt. Der Nosferatu hat mit dem Vampir (rumänisch strigoi) lediglich eine Eigenschaft gemeinsam, nämlich die Verbreitung von Seuchen, denn im eklatanten Gegensatz zu einer außerhalb des Balkanraumes weit verbreiteten Ansicht beschränkt sich das schädigende Treiben des Vampirs nicht nur auf Blutsaugen und die Erzeugung neuer Vampire. Die zahlreichen Eigenschaften, die dem Nosferatu zugeschrieben werden, sind nicht dem rumänischen Volksglauben entsprungen, sondern der Phantasie europäischer und amerikanischer Autoren und werden vor allem im Internet fleißig repetiert.

Erwartungsgemäß hat sich die Rollenspielszene der Figur des Nosferatu angenommen, ohne Rücksicht auf die Tatsache zu nehmen, dass sie im südosteuropäischen Volksglauben in der bekannten Art (Filmvorbilder Max Schreck oder Klaus Kinski) gar nicht vorkommt. Entsprechend der Vorgehensweise bei der Schaffung von Figuren für die Horror-Rollenspiele werden dem Nosferatu willkürlich Eigenschaften zugeschrieben, die allenfalls am Rande etwas mit volkskundlichen Vorbildern zu tun haben. So heißt es: „Der Nosferatu unterscheidet sich auch äußerlich in vielen Dingen vom ‚normalen‘ Vampir. Im Gegensatz zum Vampir, der elegant gekleidet und sprachlich eloquent ist, geht der Nosferatu in Lumpen gekleidet, ist kahlköpfig, bucklig, hässlich und kann kaum sprechen. Auffällig ist auch, dass er als ‚Beißzähne‘ nicht vergrößerte Eckzähne besitzt, sondern angespitzte Schneidezähne oben und unten (nagetierartig). Dementsprechend ist sein Symboltier nicht der Wolf, sondern die Ratte, was sich mit seiner Eigenschaft als Bringer der Pest verbindet.“ Diese Charakterisierung – einschließlich der Beschreibung des „wahren“ Vampirs – zeigt deutlich den Einfluss von Filmklischees. Ob sich, wie gern behauptet wird, aus solchen Rollenspielfiguren einmal Figuren des allgemein verbreiteten Volksglaubens herauskristallisieren werden, muss der Zukunft überlassen bleiben.

Quelle

Die den Nosferatu betreffenden Passagen aus Mrs. Gerards Artikel von 1885 sind abgedruckt bei Leonard Wolf (Herausgeber), Dracula. The Connoisseur’s Guide, New York 1997, S. 21–22.

Zum griechischen Stammwort („νοσóφορoς“ oder „νοσήφορoς“) vgl. Franz Passow, Handwörterbuch der griechischen Sprache, Leipzig 1852, Band II.1, S. 363 (2. Spalte, 1. Zeile).

Literatur