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Vier-Augen-Prinzip

Das Vier-Augen-Prinzip, auch Vier-Augen-Kontrolle genannt, ist eine Sonderform des Mehr-Augen-Prinzips und besagt, dass wichtige Entscheidungen nicht von einer einzelnen Person getroffen werden bzw. kritische Tätigkeiten nicht von einer einzelnen Person durchgeführt werden sollen bzw. dürfen. Ziel ist es, das Risiko von Fehlern und Missbrauch zu reduzieren.

Das Mehr-Augen-Prinzip ist als Prinzip in verschiedenen Bereichen z.B. zur Kontrolle oder Absicherung von Entscheidungen und Tätigkeiten einsetzbar. Es sagt aus, dass entweder eine mehrfache Kontrolle durchgeführt wird oder allgemein mehrere (unabhängige, unvoreingenommene) Personen an der Absicherung einer Entscheidung oder Tätigkeit beteiligt sind. Bei der Umsetzung des Mehr-Augen-Prinzips sind grundsätzlich mehrere Faktoren zu berücksichtigen:

Inhaltsverzeichnis

Ausprägungen

Anzahl der Beteiligten

Die Umsetzung des Mehr-Augen-Prinzips in den verschiedenen Anwendungsbereichen wie in der Verwaltung, Personen-Identifikation, Produktion oder anderen Bereichen hat mehrere Ausprägungen.

Weitere Ausprägungen mit mehreren beteiligten Kontrollinstanzen sind denkbar, werden aber aus praktischen Überlegungen her (Aufwand-Nutzen-Verhältnis) üblicherweise nicht umgesetzt.

Art der Beteiligung

Einsatzgebiete

Anwendungsbereiche des Mehr-Augen-Prinzips in einer seiner Ausprägungen sind:

Die Vier-Augen-Kontrolle ist branchenübergreifend bei einer Vielzahl von unternehmensinternen Arbeitsprozessen zu finden, die als kritisch gewertet werden. Kritisch sind Prozesse immer dann, wenn sie bei einer nicht ordnungsgemäßen Durchführung Personenschäden oder erhebliche finanzielle Auswirkungen zur Folge haben können. Vier-Augen-Kontrollen sind im Cockpit eines Flugzeugs genauso üblich wie beispielsweise im Zahlungsverkehr. Das Vier-Augen-Prinzip ist oft Bestandteil betrieblicher Regelungen, etwa von Unterschriftsregelungen: wichtige nach außen gerichtete, rechtsbedeutsame Entscheidungen (etwa Kaufverträge) müssen von zwei Personen unterschrieben werden sofern eine Geringfügigkeitsgrenze überschritten wird.

Das Vier-Augen-Prinzip als Prinzip der Unternehmensführung versucht die Kreativität und Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger zu bündeln um die Effizienz bei Problemlösungen zu steigern: "Vier Augen sehen mehr als zwei". Von Vorteil ist hierbei auch die Möglichkeit der internen Spezialisierung im Führungsteam sowie die gegenseitige Vertretungsmöglichkeit. Der höhere Zeitbedarf für die Entscheidungsfindung und die dadurch steigenden Kosten werden im Sinne der erwarteten Qualitätssicherung und -verbesserung in Kauf genommen. Sofern es durch gegensätzliche Meinungen zu Patt-Situationen kommt, kann die Entscheidungsfindung jedoch auch blockiert werden. Eine strukturelle Gefahr des Vier-Augen-Prinzips ist die Tendenz zur Oberflächlichkeit in Details, wenn sich die Partner jeweils auf die Aufmerksamkeit des anderen verlassen.

Das Vier-Augen-Prinzip wird zudem bei sicherheitsrelevanten Tätigkeiten angewandt, die von mindestens zwei Menschen begleitet werden müssen. Sicherheitsrelevante Prozesse sind häufig ablauforganisatorisch so ausgestaltet, dass die Vier-Augen-Kontrolle zwingend notwendig stattfinden muss, damit der Prozess abgeschlossen werden kann. Im Zahlungsverkehr kann beispielsweise eine Person die Zahlungsverkehrsdaten zwar in das dazu verwendete System eingeben. Nur die passwortgesteuerte Freigabe durch eine weitere Person ermöglicht aber die elektronische Übermittlung der Daten an die Bank.

Extreme Programming (XP) treibt dieses System mit seinem Pair-Programming auf die Spitze. XP ist trotz seines Namens eher ein Projektmanagement- als ein Programmier-Paradigma. Hier gilt der Grundsatz, dass kein Arbeitsschritt allein durchgeführt wird.

In der Medizin tritt das Prinzip in Form der Zweitmeinung in Erscheinung. Der Arzt holt eine Zweitmeinung ein, um seine Diagnose vor der Behandlung durch einen Fachkollegen abzusichern.

In der pharmazeutischen Produktion werden kritische Tätigkeiten abgesichert. Hierzu zählen beispielsweise Berechnungen, die Einwaage von (Roh-)Stoffen, das Ablesen von wichtigen Daten und alle Tätigkeiten, bei denen Verwechslungen auftreten könnten.

Seltener wird unter Vier-Augen-Prinzip auch die Verpflichtung zum Berufsgeheimnis verstanden: Informationen, die aus einem Vier-Augen-Gespräch herrühren, dürfen nicht an Dritte weitergegeben werden (Schweigepflicht für Ärzte und Anwälte sowie das Beichtgeheimnis für Pfarrer).

Einsatzbeispiele

Vereinsarbeit

In vielen Vereinen wird die Buchführung über die Finanzen des Vereins von einem Schatzmeister durchgeführt. Um den Verein vor möglichen Fehlern, die der Schatzmeister in seiner Abrechnung zufällig gemacht hat und deren Folgen, bspw. bei der Steuerprüfung, zu bewahren, werden üblicherweise ein oder zwei Kassenprüfer eingesetzt. Diese Kassenprüfer bestätigen nach unabhängiger Kontrolle der Buchführung des Kassenwartes/Schatzmeisters, dass die Buchführung rechnerisch und - so weit nachvollziehbar - inhaltlich korrekt ist. Damit wird ein 4-Augen-Prinzip (ein Kassenprüfer) oder 6-Augen-Prinzip (zwei unabhängige Kassenprüfer) zur Korrektheits-Absicherung der Vereins-Buchführung umgesetzt.

Bauwesen (Hochbau)

In Deutschland wurde in der Vergangenheit und wird gegenwärtig sehr sicher und verantwortungsbewusst gebaut, auch mit Vier- oder Sechsaugenprinzip. Denn in der Regel gibt es den Architekten, der für das Gebäude und den Entwurf zunächst zuständig ist; dann gibt es den Statiker, der die strukturellen Komponenten, die Sicherheit, also die Standfestigkeit und Sicherheit der Konstruktion überprüft. Darüber hinaus gibt es noch den Prüfstatiker, der diese Statik noch einmal überprüft. Auf diese Weise werden in Deutschland Gebäude gemäß dem Sechsaugenprinzip hergestellt. Somit hat Deutschland einen Sicherheitsstandard, der sich im weltweiten Vergleich absolut sehen lassen kann.

Links

Vier- oder Sechsaugenprinzip in der Politik: [1]

Literatur

Tilman Gerhardt, Jörg Ritter: Management Appraisal - Kompetenzen von Führungskräften bewerten und Potenziale erkennen. ISBN 3-593-37340-8

Siehe auch: Peer-Review