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Teilnehmende Beobachtung

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Teilnehmende Beobachtung bezeichnet eine Methode der Feldforschung in der Soziologie, Psychologie, Ethnologie, Sozialpädagogik, Arbeitswissenschaft und anderer auf den Menschen ausgerichteten Forschungsdisziplinen. Sie strebt an, Erkenntnisse über das Handeln, das Verhalten oder die Auswirkungen des Verhaltens von einzelnen Personen oder einer Gruppe von Personen zu gewinnen.

Das Kennzeichnende dieser Methode ist die persönliche Teilnahme des Forschers an den Interaktionen der Personen, die das Forschungsobjekt sind. Dabei ist die Annahme leitend, dass durch die Teilnahme bzw. die unmittelbare Erfahrung der Situation Aspekte des Handelns und Denkens beobachtbar werden, die vergleichsweise in Gesprächen und Dokumenten über diese Interaktionen bzw. Situationen nicht zugänglich wären [1].

Die "Teilnahme" kann dabei je nach dem Verständnis der Methode bzw. dem gepflegten Vorgehen von bloßer physischer Präsenz bis zur vollständigen Interaktion mit eigener Rolle in der Gruppe reichen. Für den Wissenschaftler bedeutet teilnehmende Beobachtung ein ständiges Lavieren zwischen Nähe (Teilnahme) und Distanz (Beobachtung). Die Distanz ist nötig, um die Erfahrungen wissenschaftlich zu reflektieren und soll vor dem "going native" bzw. der schleichenden Übernahme des Selbstverständnisses der Gruppe bewahren.

Die Teilnehmende Beobachtung kommt im deutschen Sprachraum seltener zur Anwendung als im anglo-amerikanischen Sprachraum und gilt aktuell hierzulande als unzureichend theoretisch und methodisch durchdacht.[2] Es wird „kritisiert, dass in der Forschungspraxis ein weitgehender Verzicht auf methodische Regeln zu beobachten seien“,[1] auch wenn es beispielsweise Wertungen gibt, die die Teilnehmende Beobachtung als "Königin unter den Methoden der Feldforschung" bezeichnen.[3]

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung der Methode

Einer der Begründer der britischen Sozialanthropologie, Bronislaw Malinowski, entwickelte diese Methode bei seinen langjährigen Forschungsaufenthalten. Vor Malinowskis stationärem Feldaufenthalt auf Omarakana (Trobriand) von 1915 bis 1918 nutzte jedoch bereits Frank Hamilton Cushing diese Methode, als er in den 1870er-Jahren im Auftrag des Washingtoner Smithsonian Institutes bei den Zuñi in den USA forschte. W.H. Rivers und Haddon forderten 1913 nach ihren Erfahrungen mit der Cambridge-Expedition die „intensive studies“. Als Begriff ging die teilnehmende Beobachtung erst in den 1940er Jahren durch beispielsweise F. Kluckhohn in die Ethnologie ein.

Offene und verdeckte Beobachtung

Unabhängig davon, ob eine Beobachtung teilnehmend oder nicht teilnehmend ist, unterscheidet man bei soziologischen Beobachtungen, was mitunter viel entscheidender für das Ergebnis ist, zwischen offenen und verdeckten Beobachtungen.

Beobachtungen werden weiterhin auf den Dimension künstlich-natürlich, eigen-fremd, systematisch und unsystematisch unterschieden.

Bei der offenen Beobachtung ist der/den Versuchsperson(en) die Anwesenheit des Forschers bekannt, bei der verdeckten Untersuchung soll(en) die Versuchsperson(en) nicht von der Teilnahme des/der Beobachter(s) erfahren. Der Verhaltenskodex von Sozialforschern schreibt (implizit) vor, nach Möglichkeit offene Beobachtungen vorzuziehen, da es verständlicherweise unfair ist, an jemandem eine Untersuchung ohne dessen Kenntnis durchzuführen.

Dennoch ist manchmal eine verdeckte Beobachtung unabdingbar, denn es ist nachgewiesen, dass Versuchspersonen sich anders verhalten, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden. Dieser Effekt, der zu schweren Messfehlern führen kann, wird als Pygmalioneffekt, als Versuchsleiter-Effekt, oder nach dem Soziologen, der ihn erstmals ausführlich beschrieben hat, auch als Rosenthal-Effekt bezeichnet.

Umgekehrt entsteht auch durch das persönliche Involviertsein des Untersuchungsleiters in das untersuchte Szenario die Gefahr, dass die angestrebten, möglichst objektiven Erkenntnisse durch subjektive Erfahrungen überlagert oder verfälscht werden.

Die Marienthal-Untersuchung

Die wohl berühmteste teilnehmende (verdeckte) Beobachtung in der deutschsprachigen Sozialforschung ist die 1933 veröffentlichte Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Dabei hat eine Gruppe von österreichischen Soziologen am Beispiel der von der niedergegangenen Textilindustrie geprägten Kleinstadt Marienthal sozio-psychologische Auswirkungen von Arbeitslosigkeit nachgewiesen und gezeigt, dass Arbeitslosigkeit nicht zur Revolution, sondern vielmehr zur Resignation führt.[4]

Die teilnehmende Beobachtung wird zumeist in der explorativen Phase der Feldforschung eingesetzt, da sie sehr zeitaufwendig ist. Zu Beginn der sozialwissenschaftlichen Forschung fand sie zumeist an einem Ort statt.


Diskussionen

Eurozentrismus

Die teilnehmende Beobachtung stellte einen methodischen Fortschritt zur komparativen Methode der Evolutionisten wie Edward Tylor, Morgan oder Frazer dar. Diese werteten als „Lehnstuhl-Ethnologen“ Berichte von Handelsreisenden aus. Sie isolierten einzelne soziokulturelle Phänomene aus ihrem Kontext, klassifizierten und verglichen sie. So stellten sie evolutionäre Reihungen auf wie beispielsweise die „Entwicklung“ von Jäger/Sammler-Kulturen über Bauern-Gesellschaften zu Industriegesellschaften. Jedoch waren diese Reihungen ethnozentristisch, das heißt die westliche Kultur wurde als Maßstab genommen, an dem die anderen Kulturen gemessen wurden.

Diesem Ethnozentrismus stellte Franz Boas, Begründer der amerikanischen „cultural anthropology“, den Kulturrelativismus entgegen. Bronislaw Malinowski forderte in den Argonauten des West-Pazifiks eine holistische Perspektive auf „die Kultur“, was seiner funktionalistischen theoretischen Grundhaltung entsprang. Für ihn hingen die einzelnen soziokulturellen Phänomene zusammen. Beispielsweise wird der Aufbau eines Dorfes durch die Sozialstruktur bestimmt, die ihrerseits wieder durch die Kosmologie legitimiert wird.

Natives Point of View

Malinowski wollte den „natives point of view“, das heißt die Sichtweise der indigenen Bevölkerung auf ihre Kultur erfassen. Hierzu unterteilte er die Kultur in Skelett, Fleisch und Blut, sowie Geist. Das Skelett entspricht der Sozialstruktur, die er mit der statistischen Methode anhand konkreter Zeugnisse erfassen wollte. Fleisch und Blut entspricht den alltäglichen Handlungen der Menschen, die die Ethnologin beziehungsweise der Ethnologe mit Hilfe des Feldtagebuchs dokumentiert. Der Geist entspricht den Vorstellungen, dem kulturellen Wissen, Einstellungen und Glauben, die Malinowski über charakteristische Erzählungen erfassen wollte.

Die Forschung in dieser traditionellen Phase der Ethnologie (1900-1940) fußte auf der Annahme, dass die Kultur mit einem Ort gleichzusetzen ist. Weiterhin nahm man an, dass Menschen Kulturträger sind. Ein Konzept, dass von Émile Durkheim, aber auch Margaret Mead und Ruth Benedict, zwei Vertreterinnen der amerikanischen Kultur- und Persönlichkeitsschule angenommen wurde. Es galt zudem, dass Kultur während der Kindheit und Jugend erlernt wird.

Im Laufe der Zeit gab es einige methodische Diskussionen in der Ethnologie. Clifford Geertz verschob jedoch mit seinem semiotischen Verständnis von Kultur, der dichten Beschreibung und seiner hermeneutischen Vorgehensweise das Gewicht zugunsten der qualitativen Forschung, zu der die teilnehmende Beobachtung gehört. Er sah Kultur als ein Netz an Bedeutungen an, das die Akteure weben. Dieses Netz beziehungsweise diesen Text liest der Forscher beziehungswese die Forscherin über die Schultern ihrer Informanten und legt dadurch Bedeutungsstrukturen offen, die den Akteuren zum Teil verborgen bleiben.

Postmoderne Ansätze

Clifford Geertz ist der Wegbereiter für die Postmoderne, die ein Sammelbecken verschiedener Strömungen und durch ihren geschichtlichen Hintergrund verständlich ist. Gemeinsam war den Ansätzen, dass sie die theoretischen und methodischen Grundlagen erschütterten. Durch die (dritte) Welle der Globalisierung und dank verbesserter Transport- und Kommunikationsmittel überqueren vermehrt Menschen, Bedeutungen, Objekte und Kapital die nationalen Grenzen und geographischen Räume. Dies führt jedoch keineswegs zu einer Homogenisierung der Welt. Vielmehr müssen Prozesse der „Glokalisierung“ (Global denken – lokal handeln) untersucht werden. Allerdings erschüttert die Globalisierung, die alte Gleichsetzung von Kultur und Ort, die neu durchdacht wurde. Der Ethnologe George Marcus forderte, dass die Ethnologie ihren mobilen und multipel situierten Akteuren und Forschungsgegenständen folgen muss. Diese „multi-sited ethnography“ beruht auf verschiedenen Strategien, die er als a) folgt den Menschen, b) den Objekten, c) den Metaphern, d) den Lebensgeschichten, e) dem Plot und f) dem Konflikt benannte.

Die Gleichung von Raum und Kultur aufzulösen, ermöglicht es kulturelle Differenzen an einem Ort zu untersuchen, kulturelle Hybride und „Cultural Brokers“. Den Raum, beziehungsweise den Ort, versteht Margaret Rodman nicht mehr als setting, an dem sich Kultur abspielt. Zudem lehnt sie es ab, kulturelle Begriffe an Orten zu verankern. So wurde lange Zeit Indien mit dem Konzept der Hierarchie gleichgesetzt. Sie fordert stattdessen den Raum als eigenständigen Forschungspunkt zu verstehen, da er sozial konstruiert und polysemisch ist. Diese Vorgehensweise bezeichnet sie als „Multi-Lokalität“. Weiterhin löst sich durch die Globalisierung das Vorurteil auf, das teilnehmende Beobachtung an exotischen, weit entfernten Orten durchgeführt werden muss. Zudem gilt Kultur nicht mehr als stabil und sesshaft. So untersuchte Pissaro in New York Obdachlose in der U-Bahn.

Durch die Globalisierung und die post-koloniale Debatte wurde deutlich, dass es keine homogene, autoritäre Sichtweise der Kultur gibt. Die Aufgabe ist es nun den Diskurs im Feld und die Vielstimmigkeit des Feldes einzufangen. Dies gelingt durch eine dialogische Ethnologie.

Die Vertreter der „writing culture debate“ wollten den Erkenntnisgegenstand der Kultur durch eine meta-ethnologische Analyse der ethnologischen Texte ersetzen. Sie stellten fest, dass Autoren der traditionellen Phase einen rhetorischen Stil nutzen, der als ethnographischer Realismus zu bezeichnen ist. Der Ethnologe als allwissender Erzähler verschwindet im Text. Diese persönlichen Eigenschaften des Ethnologen beziehungsweise der Ethnologen sollen jedoch reflektiert werden, da Geschlecht, Alter oder andere Charakteristika den Zugang zum Feld bestimmen.

Trotz dieser Kritik an der Methode der teilnehmenden Beobachtung bleibt sie weiterhin ein wichtiges Instrument, da durch sie die Sichtweise der Menschen auf ihr Leben verstanden werden kann. Dadurch kann die Ethnologie zum emanzipatorischen Projekt der Kulturkritik und des Kulturvergleichs beitragen, in dem Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden.

Quellen

  1. a b Lüders, C.: Teilnehmende Beobachtung. In: Bohnsack, R.; Marotzki, W.; Meuser, M. (Hrsg.) (2003): Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Opladen, S.151-153
  2. Helmar Schöne, Die teilnehmende Beobachtung als Datenerhebungsmethode in der Politikwissenschaft
  3. Roland Girtler, Methoden der Feldforschung, Wien, ISBN 3-8252-2257-8; S. 147 nach „Rezension zu Roland Girtler“
  4. Jahoda, Marie/Lazarsfeld, Paul F./Zeisel, Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1975 (erstmalig erschienen 1933)

Literatur