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Hijra

Dieser Artikel behandelt die soziale Gruppe in Indien, Pakistan und Bangladesch. Für das islamische Ereignis siehe Hidschra

Hijra werden in Kulturen des indischen Subkontinents üblicherweise als Mitglieder „des dritten Geschlechts“ erachtet, und nicht als Mann oder Frau mit eindeutiger Geschlechtsidentität. Hijra sind genetisch meistens männlich, dann eventuell kastriert („entmannt“), seltener intersexuell oder weiblich. Sprachlich bezeichnen sich Hijra selbst meist als weiblich (oder auch als transgender[1]) und kleiden sich dementsprechend, werden dennoch häufig auch als Eunuchen bezeichnet bzw. wahrgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Lebensform

Hijras leben meistens gezwungenermaßen in marginalisierten, dafür aber in eigenen, recht disziplinierten Gemeinschaften und nicht wie gewöhnliche Frauen in der indischen Gesellschaft. Obwohl sehr häufig angenommen wird, dass Hijra sich meistens einer rituellen Kastration und Penektomie unterziehen oder dieses wenigstens anstreben, um ganz von ihrer Schutzgöttin „Bahuchara Mata“ angenommen zu werden und dadurch selbst zu einer wirksamen Segnung oder Verfluchung anderer als befähigt zu gelten, fehlen über in der Gegenwart tatsächlich durchgeführte genitale Operationen verlässliche Quellen. Nach Angaben einer Gesundheitsorganisation in Mumbai, The Humsafar Trust (HST)[2], waren nur 8% der Hijra, welche die organisationseigene Klinik aufsuchten, rituell kastriert (nirwaan).

Mitglieder dieser Gruppe bilden der hinduistischen Gesellschaft entsprechende Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften, denen ein Guru vorsteht. Diese muss für die materiellen und spirituellen Bedürfnissen ihrer Schülerinnen Sorge tragen und hat dafür ein Anrecht auf deren Einnahmen und Loyalität. Hirjas tendieren dazu im Strassenbild aufzufallen durch ihre farbfrohe Kleidung und ihre aufwändig geschminkten Gesichter, besonders Augenlider und Lippenrot sowie sorgsam lackierten Fingernägel [3].

Traditionell verdienen Hijras ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Segnungen auf Hochzeiten, bei Hauseinweihungen und nach der Geburt von Söhnen. Diese Quelle von Geld und Anerkennung ist zwar immer weniger ertragreich und kann kaum mehr eine Hijra-Gemeinschaft ernähren, bleibt aber identitätsstiftend. Nur wenige andere Berufe stehen den Hijras offen und viele arbeiten daher als Prostituierte.

Einmal im Jahr treffen sie sich zu einem zweiwöchigen Festival in dem südindischen Dorf Kuvagam.

Identitätsverständnis

Obwohl der Anschluss an eine Hijra-Gemeinschaft für viele transsexuelle Frauen und Mädchen sowie intersexuell Geborene geradezu zwangsläufig ist, hat er auch stark religiöse Züge. Mit westlichen Trans-Frauen ist ihr Identitätsgefühl nicht ohne weiteres gleichzusetzen, obwohl in jüngerer Zeit immer mehr Verbindungen entstehen. Einige wenige Hijras versuchen nicht, möglichst weiblich zu erscheinen, sondern zeigen trotz ihrer traditionell weiblichen Kleidung durchaus ein männliches Erscheinungsbild. Manche bekennen sich zum Islam, Buddhismus, hinduistischen Richtungen oder dem Christentum, aber alle verbindet die Anhängerschaft an die Göttin Bahuchara Mata, unter deren Schutz sie stehen und deren Kraft sie verkörpern. Dabei gibt es einige Parallelen zu den antiken Galloi des Kybele-Kultes, wie beispielsweise die Verbindung mit Mächten der Fruchtbarkeit und Transformation und hier insbesondere den durch die vermeintlich in der Regel ausgeführte rituelle Kastration mit Penektomie erreichten Verlust verbunden mit dem Opfer der eigenen physischen Fruchtbarkeit.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. „The Hijras of India. The story of those who describe themselves as 'transgender' “ – englische Dokumentation der BBC NEWS (Februar 2007)
  2. „The Humsafar Trust“ (HST) (englisch) – eine indische Stiftung, schwerpunktmäßig mit zahlreichen medizinischen und juristischen Hilfsprojekten im LGBT-Spektrum.
  3. „Between the Lines - Indiens drittes Geschlecht zwischen Mystik, Spiritualität und Prostitution ” Film der Fotografin Anita Khemka

Literatur