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Pulkowo-Observatorium

Das Pulkowo-Observatorium (in der älteren Literatur meist als Pulkowa-Sternwarte bezeichnet, englisch: Pulkovo Space Observatory, russisch: Пу́лковская астрономи́ческая обсервато́рия) ist eine Sternwarte der Russischen Akademie der Wissenschaften. Sie befindet sich 19 km südlich von Sankt Petersburg auf dem Pulkowo-Hügel. Die Lage in der Nähe der Polarzone erlaubt einmalige Beobachtungen die nicht von den anderen nordeuropäischen Observatorien (z.B. Royal Greenwich Observatory) durchgeführt werden können. Das Observatorium wurde 1990 von der UNESCO in die Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit aufgenommen.

Das Pulkowo-Observatorium ist eine historische astronomische Forschungsstätte. An ihr arbeiteten bedeutende Astronomen, wie der deutsche Friedrich Georg Wilhelm Struve und sein Sohn Otto Wilhelm Struve.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte bis zum Zweiten Weltkrieg

Das Observatorium wurde 1839 errichtet und mit den modernsten Geräten ausgestattet. Der große Refraktor war mit 38 cm Öffnung seinerzeit das größte Linsenfernrohr der Welt. Erster Direktor wurde Friedrich Georg Wilhelm Struve. Architekt war Alexander Bryullov.

Die Hauptaufgabe des Observatoriums bestand in der Positionsbestimmung der Sterne (Astrometrie), der Untersuchung von Doppelsternen und der exakten Bestimmung von astronomischen Konstanten, wie der Präzessionsbewegung der Erde, der Nutation und der sphärischen Aberration. In den Jahren 1845, 1865, 1885, 1905 und 1930 wurden Sternkataloge herausgegeben.

Darüber hinaus dienten die in Pulkowo gewonnenen Daten der geografischen Vermessung Russlands und der Navigation. So war man an der exakten Bestimmung der Längen- und Breitengrade von der Donau bis zum Nördlichen Eismeer Eismeer (bis 1851) und der Vermessung der Insel Spitzbergen (1899-1901) beteiligt. Der Meridian von Pulkowo, der genau durch das Hauptgebäude verläuft, war der Ausgangspunkt sämtlicher älterer geografischen Karten von Russland.

1862 übernahm Struves Sohn Otto Wilhelm die Leitung. 1888 wechselte Aristarkh Belopolsky, ein Experte auf dem Gebiet der Spektroskopie und der Sonnenforschung, von der Moskauer Sternwarte nach Pulkowo.

1889, anlässlich des 50jährigen Bestehens, wurde ein astrophysikalisches Labor eingerichtet und ein Refraktor mit 76 cm Öffnung aufgestellt (wiederum das weltgrößte Linsenfernrohr).

1890 wurde Feodor Bredikhin Direktor. Unter seiner Leitung wurde die Astrophysik zum Forschungsschwerpunkt. Mit der Installation eines Astrografen begann man 1894 in Pukowo mit der Astrofotografie. 1904 erfolgte die Aufstellung eines „Zenitteleskop“ zur Messung der Bewegung des Himmelspols. Ab 1920 sandte das Observatorium mittels Radiowellen genaue Zeitsignale aus. 1923 wurde ein Spektrograf nach Littrow aufgestellt. 1940 nahm man ein Sonnenteleskop in Betrieb.

Um Beobachtung der südlicheren Sterne vornehmen zu können, wurden zwei Niederlassungen eingerichtet, das Simeiz-Observatorium auf der Halbinsel Krim und die Sternwarte von Nikolajew.

Die Große Säuberung der Stalin-Ära bedeutete einen tiefen Einschnitt für die Forschungstätigkeit. Viele Mitarbeiter, einschließlich des damaligen Direktors Boris Gerasimowitsch, wurden verhaftet und Ende der 30er Jahre hingerichtet.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Observatorium durch deutsche Luftangriffe und Artilleriebeschuss vollständig zerstört. Unter dramatischen Umständen konnten die Hauptinstrumente der Hauptsternwarte, darunter auch das weltgrößte und- leistungsfähigste Linsenteleskop, mit einem Objektivdurchmesser von 76cm, nach Sankt Petersburg ausgelagert werden und entgingen so der Zerstörung und Vernichtung. Gleiches galt auch für einen Großteil der weltberühmt gewordenen Bibliotheksbestände mit ihren äußerst seltenen Handschriften und Büchern des 15. - 19. Jahrhunderts, sowie fundamentaler Werke auf dem Gebiet der praktischen Astronomie und Geodäsie. Ironie des Schicksals, wurden durch eine Brandstiftung am 5. Februar 1997 etwa 1500 der 3852 Bände vollständig verbrannt. Die übrigen Bände sind ebenfalls beschädigt worden, entweder durch die Flammen, oder das Löschwasser.

Jüngere Geschichte

Noch vor Ende des Krieges beschloss die sowjetische Regierung, das Observatorium wieder aufzubauen. 1946 wurde mit den Arbeiten begonnen, im Mai 1954 erfolgte die Wiedereröffnung. Das Observatorium war im Vergleich zur vorherigen Einrichtung um Geräte und Personal erweitert worden. So waren die Bereiche Radioastronomie und Instrumentenbau (mit einer optischen und mechanischen Werkstatt) hinzugekommen. Geräte, die den Krieg überstanden hatten, wurden repariert und wieder in Betrieb genommen. Zusätzlich wurden neue Teleskope installiert, wie ein 65 cm-Refraktor, ein großes Zenitfernrohr, zwei Interferometer, zwei Sonnenteleskope, ein Koronograf und ein großes Radioteleskop.

Die Sternwarte in Simeiz wurde 1945 dem Krim-Observatorium angegliedert, ein weiteres Observatorium in Kislowodsk errichtet.

Etwa fünf bis sieben Werke werden von den Astronomen Jahr für Jahr publiziert, meistens mit Entdeckungsstatus. So wurde vor kurzem die Explosion einer Supernova in einer fernen Galaxie entdeckt; ein Phänomen, das einmal alle 30 Jahre beobachtet wird.

Im Observatorium befindet sich auch ein Teil des astrophysischen Labors der Russischen Akademie der Wissenschaften, sowie eine Erdbebenforschungsstation, einzigartig seiner Art in NW Russlands.

Literatur

Vera Ichsanova: Pulkovo/St. Petersburg Spuren der Sterne und Zeiten Geschichte der russischen Hauptsternwarte, Peter Lang Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-631-49253-7

Koordinaten: 59° 46′ 18" n. Br., 30° 19′ 34" ö. L., 75m ü. NN