Feministische Philosophie
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Feministische Philosophie

Als feministische Philosophie bezeichnet man verschiedene, zumeist von Frauen vertretene Ansätze in der Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Gegenwartsphilosophie, die sich mit Fragen nach den Konstruktionen der natürlichen und der soziokulturellen Differenz der Geschlechter in der Geschichte und der Gegenwart und deren Auswirkungen auf Philosophie, Kunst, Wissenschaft sowie auf die Situation der Frau in einer (noch immer) männlich dominierten Welt. Grundlegend sind hierbei die Untersuchung der historisch-philosophischen Konzepte von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“.

Inhaltsverzeichnis

Vorläufer

Seit dem 14. Jahrhundert sind Schriften von Frauen über das Geschlechterverhältnis bekannt. Dazu gehören:

Entstehung

Während die eher praktisch bzw. politisch ausgerichtete erste Frauenbewegung in gewisser Weise nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts stagnierte und mit dem Zweiten Weltkrieg quasi beendet war, begann die zweite Frauenbewegung am Ende der 1960er Jahre. Aus dem Bemühen einer zunehmenden Theoretisierung und Verwissenschaftlichung der Kritik an den patriarchalischen Verhältnissen entstand die feministische Philosophie.

Den Grundstein legte die Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir (* 9. Januar 1908 in Paris; † 14. April 1986 in Paris), die als eine der „Mütter“ des modernen Feminismus angesehen wird. In ihrer Studie Das andere Geschlecht (Le Deuxième Sexe, 1949) fragt sie - auf der Basis des Existenzialismus und der existenzialistischen Phänomenologie - nach der Bedeutung des Konzepts des Geschlechts für Gesellschaft und Diskurs und zeigte die Unterdrückung der Frau im Patriarchat auf. Damit legte sie wichtige theoretische Grundlagen der feministischen Theorie.

Fragestellungen

Die Fragestellungen der feministischen Philosophie umfassen nicht nur die Integration weiblicher Perspektiven und Erfahrungen in die Philosophie und die Offenlegung von Misogynie und Diskriminierung in der Philosophiegeschichte, sondern stellt das gesamte Selbstverständnis der Philosophie als geschlechtsneutrale, objektive und universale Wissenschaft in Frage.

Feministische politische Philosophie

In der politischen Theorie untersucht sie die Strukturierung des Raums in eine häuslich-familiäre und eine öffentlich-politische Sphäre, die jeweils mit „Weiblichkeit“ bzw. „Männlichkeit“ assoziiert werden, und ihre Folgen für die Konzeption von Politik als Männerdomäne und den Zusammenhängen der diesbezüglichen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ und Macht.

Feministische Ethik

In der Ethik fragt sie nach den spezifischen Unterschieden einer männlichen und einer weiblichen Ethik und inwieweit als typisch weiblich aufgefasste Handlungsmodelle wie Anteilnahme oder Fürsorge in der traditionellen Ethiken zu kurz kommen.

Feministische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

In der Erkenntnistheorie beschäftigt sich die feministische Philosophie mit Grundfragen nach der Möglichkeit von geschlechtsunabhängiger Objektivität und Wahrheit bzw. einer geschlechtlichen Markiertheit von Erkenntnis (Standpunkt-Theorie): dabei versucht sie zu klären, ob sich epistemologische Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Wissenschaft feststellen lassen.

Vertreterinnen

John Stuart Mill

John Stuart Mill gilt als ein Vertreter des Liberalismus, seine Ansichten zur Situation der Frau in der Gesellschaft können als liberaler Feminismus bezeichnet werden. Beeinflusst durch seine spätere Frau Harriet Taylor (Mill), fordert das Frauenwahlrecht und das Scheidungsrecht. Er untersucht als einer der ersten sozialwissenschaftlich die Unterdrückung der Frau.

Judith Butler

Die Philosophin Judith Butler (* 24. Februar 1956) ist die Hauptvertreterin eines dekonstruktiven Feminismus. Sie war an der Entwicklung der Queer-Theory beteiligt, mit der sich in ihren einflussreichen Werken Das Unbehagen der Geschlechter (Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, 1990) und Körper von Gewicht (Bodies That Matter, 1993) beschäftigen.

Geschlecht ist nach Butler ein performatives Modell. Die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ sind reine Konstrukte, die nur durch Handlungswiederholungen konstituiert werden. Nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische Geschlecht (sex) ist demnach gesellschaftlich, d.h. soziokulturell bedingt, sie stellen keine naturgegebenen Absolutheiten dar. Die Geschlechtsidentität wird zugunsten einer totalen Ausdifferenzierung der Individualität eines jeden Menschen dekonstruiert. Die traditionelle Zweigeschlechtlichkeit wird durch eine „Vielgeschlechtlichkeit“ ersetzt.

Julia Kristeva

Die Philosophin Julia Kristeva (* 24. Juni 1941 in Sliwen, Bulgarien) ist eine Philosophin, die allerdings das Etikett „feministisch“ von sich weist. Sie problematisierte in den frühen 1970er Jahren die weibliche Identität im Patriarchat, wurde jedoch wegen ihrer Nähe zur Psychoanalyse von Teilen der feministischen Literaturwissenschaft kritisiert.

Weitere VertreterInnen: Simone de Beauvoir, Helene Cixous, Bracha L. Ettinger, Patricia Hill Collins, Donna Haraway, Sandra Harding, Nancy Hartsock, Luce Irigaray, Lynn Hankinson Nelson, Dorothy Smith, Mary Wollstonecraft, Alison Wylie, Martha Nussbaum, Herta Nagl-Docekal

Siehe auch

Literatur

Einführungen

Wörterbücher und Handbücher

Bibliographie

Beiträge zur feministischen Philosophie

Frauen in der Philosophie

Enzyklopädie-Einträge

Zeitschriften

Bibliographien und weitere Ressourcen

Gesellschaften