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Erziehung

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Erziehung und erziehen (lt. Duden von ahd. irziohan = herausziehen) bedeutet, jemandes Geist und Charakter zu bilden und seine Entwicklung zu fördern. Im Allgemeinen versteht man unter Erziehung soziales Handeln, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens zu erreichen, die bestimmten, vorher festgelegten, Erziehungszielen entsprechen. Allerdings ist dieser Erziehungsbegriff hierarchisch definiert, indem beteiligte Personen Erzieher oder Zögling sind. Deshalb wird der Begriff der Erziehung gern um die selbstorganisierten Lernprozesse erweitert, man versteht Erziehung dann als spezifische Lernprozesse. Des Weiteren heißt Erziehung auch Sozialisationshilfe, Enkulturationshilfe und dient dem Aufbau der Persönlichkeit und der Ausbildung eines Individuums.

Perspektive der modernen (westlichen) Erziehung ist die mündige, eigenständig handelnde und emanzipierte Person, die ihr Leben gestalten und planen kann. Sie hat einen eigenen Lebensmittelpunkt, der Einflüsse und Reize verarbeitet und für seine eigene Lebensplanung nutzbar macht. Insofern sind die Ziele der Erziehung nach heutigem Verständnis individueller Kompetenzzuwachs, differenziertere Handlungsfähigkeit, letztlich Mündigkeit, Selbstbestimmtheit und Emanzipation.

Inhaltsverzeichnis

Verschiedene Definitions- und Bedeutungsansätze

Erziehung ist...

Erläuterung

Im Folgenden sind Methoden und Bedingungen von Erziehung unter modernen pädagogischen (erziehungswissenschaftlichen) Gesichtspunkten dargestellt.

In der Erziehungswissenschaft unterscheidet man zwischen Intentionaler Erziehung und Funktionaler Erziehung. Typischerweise wird Erziehung in ersterem Sinne verstanden, also als das absichtsvolle, nicht im Affekt getätigte Bereitstellen oder Ausnutzen von Lernmöglichkeiten. Dabei geht man bewusst, planvoll, methodisch und zielgerichtet vor und kann dieses Vorgehen auch verantworten. Das heißt, der Erziehende macht sich vorher darüber Gedanken, was er erreichen möchte. Er überlegt die Erziehungsziele, die zu ihrer Realisierung geeigneten Methoden und kann auch begründen, warum dieses Vorgehen nötig ist.

Dieser Vorgang geschieht grundsätzlich in personaler Interaktion. Das heißt, der Erzieher reagiert auf ein Verhalten des zu Erziehenden und/oder umgekehrt. Die dabei entstehende Wechselwirkung (keine Manipulation) zwischen Erzieher und zu Erziehendem bzw. zu Erziehenden unterscheiden die Erziehung von der bloßen Konditionierung oder einer Abrichtung.

Voraussetzung für das Gelingen von Erziehung ist ein Vertrauensverhältnis und eine gewisse Autorität des Erziehers, die früher mehr als heute betont wurde, sowie das Eingebundensein in die jeweilige Peer Group, die von Erziehenden gelegentlich unterschätzt wird. Ohne diese Voraussetzungen ist der Jugendliche auf sich allein gestellt und kann bei ungünstigen Voraussetzungen in eine soziale Abwärtsspirale geraten, die ihn je nach Veranlagung bis in die Kriminalität oder in die Krankheit (Psychiatrie) führen kann.

In einer alternativen, von Wolfgang Brezinka vorgezogenen Definition werden unter Erziehung Handlungen verstanden, mit deren Hilfe versucht wird, andere Menschen dahingehend zu beeinflussen, dass ihr Gefüge der psychischen Dispositionen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft verbessert wird, oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten. Andererseits soll auf diese Weise die Entstehung von als schlecht bewerteten Dispositionen verhütet werden.

Erziehungsmaßnahmen

Erziehungsmaßnahmen sind Reaktionen des Erziehenden, die im Anschluss auf ein positiv oder negativ empfundenes Verhalten des zu Erziehenden folgen. Die pädagogischen Handlungen und Mittel werden eingesetzt, um ein Erziehungsziel (individuell) zu erreichen bzw. ein gewünschtes Verhalten angemessen zu erzielen.

Erziehungsmittel sind z.B. Lob/Tadel, Übung, Ermahnung, Erinnerung, Arbeit, Spiel, Gewöhnung, Gespräch, Beispiel, Vorbild, Strafen/Belohnen, Züchtigung etc. Im modernen Sinn versteht man jede Form von positiven (Belohnung) und negative Rückmeldungen (Sanktionen; im Sinne von Druckmitteln) als Erziehungsmittel. Die Wahl der Erziehungsmittel kann nicht wertfrei sein, weil die Anwendung von Erziehungsmitteln immer das Interesse des Erziehenden zu den Interessen des zu Erziehenden in eine wertende Beziehung setzt. Ungeachtet dessen versuchen soziologische Felduntersuchungen über Erziehungspraktiken gesellschaftlicher Gruppen und experimentelle Untersuchungen die Folgen von Erziehungspraktiken und den Einsatz von Erziehungsmitteln für das Individuum herauszufinden.

Eine positive Verstärkung ist (im Sinne der operanten Konditionierung) eine Erziehungsmaßnahme, die auf ein vom Erziehenden als positiv empfundenes Verhalten folgt, in der Absicht, dass der zu Erziehende dieses Verhalten öfters zeigt.
Eine Strafe ist eine Erziehungsmaßnahme, die auf ein vom Erziehenden als negativ empfundenes Verhalten folgt, in der Absicht, dass der zu Erziehende dieses Verhalten unterlässt.

Erziehungsmaßnahmen suggerieren in der Regel ihre Wirksamkeit im Hinblick auf den zu Erziehenden. Dabei wird die Eigendynamik des Kindes oft unterschätzt. Sehr deutlich ist dieses Verhältnis im Umkreis der Strafe zu erkennen: Strafe wirkt meist nicht so, wie es vom Erziehenden intendiert ist. Aber auch die kontinuierliche Verstärkung etwa kann Abhängigkeit vom Erziehenden schaffen, obwohl z. B. Selbstständigkeit beabsichtigt ist.

Erziehungsnormen

Normen sind Sollensforderungen, die einen religiösen bzw. weltanschaulichen, gesellschaftlichen oder sachlichen Ursprung haben. In der Regel sind Normen der verschiedenen Herkünfte miteinander verknüpft und verschränkt. Normen geben Handlungsrichtungen und Handlungsverpflichtungen an, ohne einzelne Handlungen festzulegen.

Die Frage der Normen hat besonders bei der Erziehung einen kritischen Stellenwert. Die jeweils für wichtig empfundenen Normen sollen vom Zögling verinnerlicht und so zur Richtschnur seines Handelns werden. Gelingt dieser Prozess, verhält sich ein Individuum diesen Normen konform.

Das Konzept des mündigen Bürgers beinhaltet allerdings, dass jedes Individuum die Verantwortung dafür trägt, ob es sich blind im Sinne dieser Normen verhält, oder selbst diese Normen auf ihre Legitimität überprüft und ggf. diese Normen bricht. Hintergrund dieses Konzepts sind u.a. die Erfahrungen mit gesellschaftspolitischen Normen in der Zeit des Nationalsozialismus.
Gesellschaftliches Zusammenleben erfordert einen allgemeingültigen Maßstab. In der westlichen Welt gelten und/oder galten vor allem christliche Werte wie Nächstenliebe und eheliche Treue sowie Werte, wie sie etwa in den Menschenrechten Ausdruck finden. Auch die Philosophie stellt z. B. im Kategorischen Imperativ Immanuel Kants eine solche oberste Handlungsmaxime auf. Diese obersten Handlungsmaximen können jedoch auf der Ebene des konkreten Tuns zu ganz unterschiedlichen, zum Teil gegensätzlichen Handlungen führen. Ein solches Konzept führt zu Problemen,
1. wenn einzelne Mitglieder Normen für sich nicht anerkennen oder anders interpretieren. In diesem Fall kann die Staatsform Verfahren bereitstellen. Es entstehen ebenfalls Probleme, wenn
2. unterschiedliche Normkonzepte aufeinandertreffen.

Ein praktisches Beispiel für den ersten Fall ist die Bewegung des Unschooling oder die des Homeschooling. Die unterschiedliche Auffassung von Elternrecht, ggf.Kinderrecht und staatlichem Recht stehen gegeneinander.

Ein praktisches Beispiel für den zweiten Fall ist die Erteilung nichtchristlichen Religionsunterrichtes an deutschen Schulen. Einerseits besteht nach dem GG Artikel 7 ein grundsätzlicher Anspruch auch nichtchristlicher Religionsgemeinschaften auf Erteilung eines Religionsunterrichts in Übereinstimmung mit ihren Glaubensgrundsätzen, andererseits der Anspruch des Staates, dass jeder Unterricht den Bedingungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung genügen muss, d.h. den Grundnormen der BRD, die im GG festgelegt sind. Es bleibt abzuwarten, wie sich die jetzt gefundene politische Lösung, den nichtchristlichen Religionsunterricht von verbeamteten Lehrern, die auf das Grundgesetz vereidigt sind und damit normenkonformen nichtchristlichen Religionsunterricht mit ihrer Person in ihrem Unterricht garantieren sollen, in der Praxis bewährt.

Erziehungsstile

In der Erziehung wird zwischen verschiedenen Erziehungsstilen unterschieden. Unter einem Erziehungsstil versteht man Methoden und Grundsätze sowie den theoretischen Hintergrund, nach denen man eine Erziehung, meist die Kindererziehung, aufbaut. Die Beschreibung verschiedener Erziehungsstile besteht in der Übertragung von Führungsstilen auf das Verhalten in Erziehungsprozessen. Die Anwendung von Erziehungsstilen im Unterricht wird als Unterrichtsstil bezeichnet (vgl. Einsiedler, 2000).[1] Nach Kurt Lewin[2] werden auch hier drei Hauptstile unterschieden, die nach Glen Elder[3] noch um weitere vier zu erweitern sind:

  1. Autokratischer Erziehungsstil: Bei dem autokratischen Erziehungsstil wird gegenüber dem zu Erziehenden ein hohes Maß an Autorität ausgeübt. Eine mögliche Eigeninitiative und die Meinung des zu Erziehenden werden unterdrückt bzw. nicht berücksichtigt.
  2. Autoritärer Erziehungsstil: Der autoritäre Stil, der mit einem interventionalen Erziehungsbegriff einhergeht, setzt stark auf die Erziehungsmittel Belohnung und Bestrafung und weniger auf Überzeugung, vermittelt aber meist Sicherheit. Die Meinung des zu Erziehenden wird akzeptiert, zum Schluss bestimmt jedoch der Erzieher, der erst später in den Hintergrund tritt.
  3. Demokratischer Erziehungsstil: Ein demokratischer Erziehungsstil lässt sich mit dem reformpädagogischen Erziehungsbegriff verbinden. Hier spielt Konsens beim Einsatz von Erziehungsmaßnahmen eine größere Rolle. Erziehungshandeln soll für alle Beteiligten transparent sein. Der zu Erziehende wird als ernster Gesprächspartner betrachtet und soll mit steigendem Alter selbstständiger und eigenverantwortlicher handeln. Die Notwendigkeit, manchmal Grenzen zu setzen, wird im Regelfall besprochen.
  4. Egalitärer Erziehungsstil: Innerhalb des egalitären Erziehungsstils haben Erzieher und zu Erziehender die selben Rechte und Pflichten. Die Meinung des zu Erziehenden wird nicht nur eingeholt und berücksichtigt, sondern besitzt das gleiche Gewicht wie die des Erziehenden.
  5. Permissiver Erziehungsstil: Der permissive Erziehungsstil ist eine gemäßigte Form des Laissez-faire-Erziehungsstils. Der Erziehende hält sich bei der Erziehung eher zurück, ein Setzen von Grenzen findet nur selten statt.
  6. Laissez-faire-Erziehungsstil: Der Laissez-faire-Erziehungsstil korrespondiert mit dem antipädagogischen Erziehungsbegriff. Erziehung wird hier als eine nicht legitime Maßnahme gegenüber Kindern aufgefasst und dementsprechend unterbleiben zielgerichtete Erziehungsmaßnahmen.
  7. Negierender Erziehungsstil: Beim negierenden Stil kann nicht von bewusster Erziehung gesprochen werden; das Verhalten des zu Erziehenden wird vom Erzieher nicht beeinflusst. Es bestehen keine Erziehungsmaßnahmen und kein Interesse gegenüber der Entwicklung des zu Erziehenden.
Erziehungsstile von „sehr streng“ bis „sehr locker“
autokratisch autoritär demokratisch egalitär permissiv laissez-faire negierend

In der Praxis ist die Unterscheidung eines Erziehungsstils und der damit verbundenen Erziehungsmethoden nicht eindeutig, da zum einen nicht immer eine klare Trennung der Erziehungsstile möglich ist, zum anderen weil häufig Mischformen auftreten. So kann es zum Beispiel sein, dass Erzieher mit überwiegend demokratischem Stil in einigen Situationen autoritäre Methoden anwenden.

Innerhalb der Psychologie kann beispielsweise zwischen den zwei verschiedenen Dimensionen Kontrolle (Lenkung) und Responsivität in Bezug auf die Erziehungsstile unterschieden werden (Modell von Baumrind). Daraus ergeben sich vier verschiedene Erziehungsstile:

  1. autoritärer Erziehungsstil: Zeichnet sich durch hohe Kontrolle und geringe Responsivität aus. Die Erzieher sind hierbei dem zu Erziehenden gegenüber sehr zurückweisend und stark kontrollierend. Es werden strenge Regeln aufgestellt und die Autorität darf nicht hinterfragt werden. Bei unerwünschtem Verhalten wird harte Bestrafung angewendet, die auch physisch sein kann. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass autoritär erzogene Kinder eher später selbst zu Aggressionen neigen und sich durch eine geringe soziale Kompetenz und ein geringes Selbstwertgefühl auszeichnen.
  2. autoritativer Erziehungsstil: Zeichnet sich durch hohe Kontrolle und hohe Responsivität (Akzeptanz) der Erziehenden aus und kann deshalb als kinderzentrierter Erziehungsstil bezeichnet werden. Die Eltern haben hohe Erwartungen an das kindliche Verhalten, sie setzen klare Standards und Regeln, auf deren strikte Einhaltung geachtet wird. Generell herrscht eine offene Kommunikation, wobei der kindliche Standpunkt geachtet, der eigene aber auch vertreten wird. Die Kinder zeigen eher hohe soziale und intellektuelle Kompetenzen und besitzen ein hohes Maß an Eigenkontrolle.
  3. permissiver Erziehungsstil (nachsichtig): Hierbei herrscht Akzeptanz und Responsivität vor und die Kontrolldimension wird niedrig gehalten. Die Erziehenden zeichnen sich durch hohe Toleranz und Akzeptanz des kindlichen Verhaltens aus. Es werden selten Kontrolle oder Bestrafung ausgeübt. Die Kinder weisen eher aggressives Verhalten auf, eine geringe Impulskontrolle und einen Mangel an Selbstverantwortungsbewusstsein.
  4. vernachlässigender Erziehungsstil: Hierbei verhalten sich die Eltern zurückweisend und nicht kontrollierend. Das Ausmaß, indem sich die Eltern für das Kind verpflichtet fühlen, ist sehr gering, sie investieren nur minimale Kosten an Zeit und Anstrengungen in das Kind und sind sehr stark distanziert. Insgesamt kann dieser Erziehungsstil als der für ein Kind unangenehmste bezeichnet werden. Dies kann unter anderem darin resultieren, dass die Kinder Störungen im Bindungsverhalten aufweisen und starke Defizite in verschiedenen Bereichen (Selbstwert, Selbstkonzept, intellektuelle Entwicklung) haben. Auffallend ist der geringe Grad der Selbstkontrolle und die mangelnde Aggressionskontrolle.

Begriffs- und Problemgeschichte

In früherer Zeit wurde Erziehung als Einweisung in Religion, Brauchtum und Sitte der Bezugsgruppe bzw. Gesellschaft verstanden. Mit der Industrialisierung veränderte sich die Gesellschaft und damit entstand die Bemühung, die Entwicklung der Gesellschaft bewusst zu planen. Der Bürger wurde als Subjekt gesehen, das autonom seine Geschäfte führt und frei seine Verträge schließt. Damit war aber auch das Grundproblem der Erziehung vorgegeben: die Definition der Beziehung von Individuum und Gesellschaft und die Bewertung seiner Handlungsfähigkeit. In der weiteren Entwicklung wurde Erziehung immer mehr auf das Verhältnis Erzieher - Zögling und die Hilfe zur Persönlichkeitsentwicklung eingeengt. Heute wird Erziehung häufig als Sammelbezeichnung für das ganze System methodischer und planmäßiger Maßnahmen betrachtet, die individuell oder gesamtgesellschaftlich eingesetzt werden.

Bürgerlicher Erziehungsbegriff

Die "bürgerliche" Erziehungstheorie hat Vorstellungen über die Erziehung der „niederen Stände“ entwickelt, um den Forderungen nach Arbeitsteilung in Kopf- und Handarbeit Rechnung zu tragen. Gesellschaftstheoretiker unterschiedlicher Herkunft, z.B. John Locke, Auguste Comte, Sextro oder Rochow, hielten die auch als „(preußische) Sekundärtugenden“ bezeichneten Erziehungsziele Disziplin (Fleiß und Gehorsam), Religiosität und Gesetzestreue für zentrale Erziehungsziele der unteren Klassen. Konsequent regten sie eigene Erziehungsinstitutionen für die Unterschicht an: Industrieschulen, Volksschulen, Arbeitsschulen, Fabrikschulen.

Erziehung und Emanzipation

Neben schichtenspezifischen Erziehungsformen entwickelten sich in der "bürgerlichen" Erziehung unter dem Neuhumanismus, der Aufklärung und dem Deutschen Idealismus auch Konzepte zur allgemeinen Emanzipation, um letztlich allen Menschen dazu zu verhelfen, sich selbst zu finden, sich voll zu entfalten und ihr Leben bewusst planen zu können. so forderten dies etwa Fichte, Kant, Pestalozzi und Rousseau (siehe individuelle Emanzipation). Erziehung wurde als Motor für jede gesellschaftliche Veränderung gesehen. Diese Gedanken wurden von konservativen Vertretern der bürgerlichen Erziehung und von Vertretern der schichtenspezifischen Erziehung bekämpft. Dieser Kampf findet auch heute noch statt, wenn es um den Erhalt des gegliederten Schulsystems, um die Einführung der Gesamtschule als ersetzende Schulform oder die Verlängerung der Grundschulzeit geht. Auch ein flächendeckendes Netz von Ganztagsschulen ist in der Diskussion.

Weitere Erziehungsbegriffe

Eine als alternative, wert- und zielfreie bezeichnete Definition von Erziehung stammt von Wolfgang Brezinka: „Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Brezinka, 1981, S. 95).

Die Systemtheorie betrachtet Erziehung gemäß der Definition als Interaktion als permanente gegenseitige Beeinflussung von Individuen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Beeinflussung bewusst und planvoll, oder außerbewusst und zufällig (möglicherweise sogar gegenläufig) stattfindet. Damit gerät in den Blick, dass nicht nur die geplanten Erziehungsaktivitäten wirken, sondern ebenso der gesamte Kontext, in dem diese Aktivitäten stattfinden am Ergebnis der Erziehung beteiligt ist, und dass dieser Kontext auch dann wirkt, wenn gar keine geplanten Erziehungsaktivitäten stattfinden. Aus dieser Sicht ist es a) nicht möglich, nicht zu erziehen (Interaktion findet immer statt) und b) ist Erziehung ein lebenslanger Prozess (Individuen sind bis zum Tode Beeinflussungen mit Wirkung ausgesetzt).

Kritik traditioneller Erziehung / Anti-Erziehung

Die Kritik der Erziehung wendet sich insbesondere gegen nicht kindgerechte Methoden von Erziehung. Der Begriff des unbedingten Gehorsams stößt nach den Erfahrungen des Dritten Reichs auf vehemente Ablehnung (siehe auch Milgram-Experimente zur Gehorsamsverweigerung; L. Slater, S. 45 ff)).

Die aus der Auseinandersetzung mit der Nazizeit und dem Protest gegen den Vietnamkrieg entstandene Protestbewegung der 68er-Generation führte in ihrem Verlauf auch zur antiautoritären Erziehung, einer Strömung, die radikal jegliche autoritären Methoden in der Erziehung ablehnte, da sie zur „autoritären Persönlichkeit“ führen können.

Die neuere Kritik stellt die Notwendigkeit von Grenzen dagegen nicht in Frage, verurteilt aber umso schärfer Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche - ein Trend, der sich seit 1970 durch die Enttabuisierung der Kindesmisshandlung zeigt und in dessen weiteren Verlauf in Deutschland 2000 das Schlagen von Kindern gesetzlich verboten wurde (Kindesrecht auf eine Erziehung ohne Gewalt). In Österreich war Hans Czermak der führende Vorkämpfer einer gewaltfreien Erziehung, die Anwendung von Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides bei der Kindeserziehung wurde 1989 gesetzlich verboten.

Als tieferer Hintergrund wird angenommen, dass am Verhalten der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft eine bislang unbeachtete Frontlinie verläuft, an der sich persönlicher und gesellschaftlicher Druck entladen. Demzufolge seien alle Verhaltensweisen zu verurteilen, die auf subtilem Wege das systematische Auslöschen des kindlichen Willens verfolgen. Dieses im 18. bis 19. Jahrhundert vielfach noch offen verfolgte Ziel wird heute als schwarze Pädagogik gebrandmarkt.

Kritik der Erziehung

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Jedem Erziehungsbegriff liegt ein Manipulationsideal zugrunde, das heißt, die Erzieher und die Erziehungswissenschaftler unterstellen, es gäbe bestimmte Methoden, getrennt von Wissen und Einsichten im Denken der Zöglinge, die zur Ausbildung verschiedener gewünschter Persönlichkeitseigenschaften führen würden. Das Menschenbild, von dem dabei ausgegangen wird, enthält die Voraussetzung, dass dem Individuum ein Bedürfnis nach Orientierung und Moral innewohne, welches durch Erziehung befriedigt werden müsse. Der Begriff der Erziehung bezieht aus diesem Menschenbild - insofern quasi „automatisch“ - die Legitimation seiner Anwendung. Jenseits einer solchen interessegeleiteten Begriffskonstruktion erweist sich aber, dass bei Erziehung sehr alltagspraktische Gegensätze zwischen Erziehern und den zu Erziehenden ausgetragen werden - in der Regel ohne vernunftgeleitete Debatten über Gründe und Erklärungen - um bestimmte bei den Zöglingen erwünschte Verhaltensweisen durchzusetzen bzw. ihnen die Übernahme der jeweils gewünschten Moral nahezulegen. Insofern spielen die Theorien der Erziehung am Ende bei der Erziehungspraxis eine rein ideologische Rolle, je nach dem, unter welchen „höheren moralischen Gesichtspunkten“ und für welche aktuellen gesellschaftlichen Zwecke und Ideale die Erziehung jeweils gerechtfertigt werden soll.

Der Erziehungsbegriff in anderen Kulturen

In den deutschsprachigen Ländern wurde der Erziehungsbegriff von geistigen Strömungen wie dem Neuhumanismus, der Aufklärung, dem Idealismus und der Protestbewegung der 1968er-Generation geprägt. In vielen anderen Kulturen sind diese Strömungen entweder ohne Einfluss geblieben oder wurden von anderen Einflüssen überlagert und modifiziert. Infolgedessen bezeichnet das Wort „Erziehung“ in vielen anderen, vor allem außereuropäischen Kulturen ganz andere Inhalte als im deutschsprachigen Raum.

Vereinigte Staaten

In den englischsprachigen Ländern – vor allem in den Vereinigten Staaten, wo die neuhumanistischen Erziehungskonzepte zum Teil von behavioristischen Konzepten verdrängt werden – versteht man unter „Erziehung“ (education) insbesondere die formale, akademische Bildung an den Schulen. Die Bildung des Charakters und der Persönlichkeit, wie sie im Elternhaus geleistet wird, bezeichnet man dort als Parenting, die Verhaltenserziehung als Child Discipline.[4]

Zitate

„Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen:/ So wie Gott sie uns gab, so muss man sie haben und lieben, / Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.“

Johann Wolfgang von Goethe

„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“

Mark Twain

„Als Erziehung werden Handlungen bezeichnet, durch die Menschen versuchen, die Persönlichkeit anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht zu fördern.“

Brezinka

„Die Aufgabe der Umgebung ist es nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.“

Maria Montessori

„Erziehung ist zwecklos; die Kinder machen den Erwachsenen ohnehin alles nach.“

Karl Valentin

„Denn jedes Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit.“

Hans Czermak

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Einsiedler, W. (2000). Von Erziehungs- und Unterrichtsstilen zur Unterrichtsqualität. In M.K.W. Schweer (Hrsg.), Lehrer-Schüler-Interaktion. Pädagogisch-psychologische Aspekte des Lehrens und Lernens in der Schule (S. 109-128). Opladen: Leske und Budrich)
  2. Kurt Lewin u.a.: Patterns of aggressive behavior in experimentally created “social climates”. In: Journal of Social Psychology 9 (1939), 10, S. 271-299, ISSN 0022-4545.
  3. Glen H. Elder: Structural variations in the child rearing relationship. In: Sociometry 25 (1962), 25, S. 241-262, ISSN 0038-0431.
  4. en:Parenting; en:Child discipline

Literatur

 Wikiquote: Erziehung – Zitate