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Eislaufhalle Bad Reichenhall

Die Eislaufhalle in Bad Reichenhall war eine Wintersporthalle in Bad Reichenhall. Sie wurde im Auftrag der Stadt Bad Reichenhall in den Jahren 1971 bis 1973 nach dem Entwurf des Architekten Hans Jürgen Schmidt-Schicketanz zum Preis von 15,37 Millionen DM erbaut. Ihr Dach stürzte am 2. Januar 2006 ein, wobei 15 Menschen starben und 34 weitere verletzt wurden. 2007 wurde die Halle endgültig abgerissen.

Inhaltsverzeichnis

Hallenkonstruktion und -Nutzung

Teil der gesamten Hallen-Grundfläche von 75 m × 48 m war die Eisfläche, die mit 60 m × 30 m auch für internationale Wettkämpfe geeignet war. Das gesamte umbaute Volumen der Halle, die 1974 allseitig verglast wurde, betrug 69.814 m3. An die Reste der Eishalle schließen sich eine Schwimmhalle und ein Restaurant an, unter der Eislauffläche befindet sich eine Tiefgarage. Die Dachkonstruktion bestand aus Hohlkasten-Trägern als Hauptträgern, rechtwinklig zu ihnen war das Dach mit einer sehr steifen Ausfachung versehen. Dieses Konstruktionsprinzip ist sehr lohnintensiv und daher inzwischen nicht mehr üblich; im Gegensatz zu heute üblichen vollen Brettschichtholzbindern kann es im Inneren des Hohlkastens zu nicht erkennbaren Schäden kommen.

Die Halle war Sitz des Eishockeyclubs EAC Bad Reichenhall, sowie des Schlittschuhclubs und der Eisstockschützen.

Einsturz der Halle

Am 2. Januar 2006 gegen 15:54 Uhr stürzte das Dach der Eissporthalle ein. Hierbei kamen 15 Menschen ums Leben, darunter 12 Kinder und Jugendliche, weitere 34 Personen wurden zum Teil schwer verletzt.

Zum Zeitpunkt des Unglücks fand der Publikumslauf statt, zu dem sich über 50 Personen in der Halle befanden. Für 16:00 Uhr war das Training der Nachwuchsmannschaft des EAC Bad Reichenhall geplant. Der Eismeister entschied aber um 15:30 Uhr, die Halle mit dem Ende des Publikumslaufs zu sperren und das Training abzusagen. Die Begründung war, die Schneelast wäre nach den heftigen Schneefällen zwar noch unter der Belastungsgrenze gelegen, aufgrund angekündigter weiterer Schneefälle sollte das Dach jedoch vom Schnee befreit werden.

Nach der Rettung der ersten leicht zugänglichen Verletzten kam die Bergung der Opfer nur zögernd voran und dauerte zwei Tage, da zunächst Sicherungsmaßnahmen an den eingestürzten Dachteilen und den Außensäulen notwendig waren. Im weiteren Verlauf musste auch die unter der Eisfläche liegende Tiefgarage abgestützt werden, um beim Befahren der Eisfläche mit schwerem Gerät die Sicherheit für die Helfer und eventuelle Überlebende zu gewährleisten. Die Obduktion der Toten ergab allerdings, dass sie alle beim Einsturz ums Leben gekommen und nicht an späterer Unterkühlung verstorben sind.

Untersuchungen

Bautechnische Untersuchung

Der Baustofftechnologe Bernd Hillemeier (TU Berlin) hat im Auftrag des ZDF-Magazins Frontal21 Proben der Holzdachkonstruktion analysiert. Nach seinen Angaben wurde Leim auf Harnstoffbasis verwendet, welcher bei Feuchtigkeit seine Klebewirkung verliert.

Staatsanwaltschaftliche Untersuchung

Umgehend nach dem Unglück schaltete sich die zuständige Staatsanwaltschaft Traunstein ein. Mit der technischen Untersuchung wurden zwei Gutachter beauftragt. Seit Juli 2006 liegen die Gutachten vor. Anschließend wurden gegen acht Personen konkrete Ermittlungen aufgenommen, darunter vier (ehemalige) Mitarbeiter der Stadt Bad Reichenhall, zwei Planer und zwei ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens, das die Dachkonstruktion errichtet hatte.

Konsequenzen aus dem Unglück

Das Unglück hat eine deutschlandweite Diskussion hinsichtlich der Gewährleistung der Sicherheit von Hochbauten in Gang gesetzt. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee hat die zuständigen Länderbauminister aufgefordert, die diesbezüglichen Regelungen der Landesbauordnungen auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Die Presse kritisierte die Juristen- und Verwaltungslastigkeit der großteils nicht von Baufachleuten geführten Bauaufsichtsbehörden. Rufe nach einem „Bau-TÜV“ für bestehende Hochbauten nach dem Vorbild der regelmäßigen Überprüfungen von Brücken und anderen Ingenieurbauwerken kommen auf. Bis jetzt sind Hochbauten nach den Landesbauordnungen lediglich bei ihrer Planung und Erstellung verpflichtend zu überprüfen – und das auch nur ab einer bestimmten Größe.

Am 30. Januar 2006 fand die erste Sitzung der „Arbeitsgruppe Dächer“ des bayerischen Staatsministeriums für Inneres an der TU-München statt, an dem unter anderem der Innenstaatssekretär, Bauingenieure, und Bauverbände teilnahmen. Die Arbeitsgruppe soll die Ursachenforschung und Vorschläge für Konsequenzen wissenschaftlich begleiten.

Neben dieser Sitzung wurde speziell in Bayern von den Betreibern von Hallen und Stadien, die eine ähnliche Überdachung haben, mit der Überprüfung der Dachkonstruktionen begonnen, manche Hallen wurden zeitweise vorsichtshalber gesperrt (z. B. die Eissporthalle in Geretsried, deren Dach wegen festgestellter akuter Einsturzgefahr abgerissen wird). Insbesondere bei den Stadien in Senden (gesperrt für fast den kompletten Rest des Winterbetriebs 2005/06), in Deggendorf (zeitweise gesperrt 2005/06) wurden dabei zu behebende Mängel festgestellt. Das Eisstadion in Rosenheim wurde Anfang Februar 2006 vorübergehend gesperrt, als der Verdacht auf Verwendung des gleichen Leims wie in Bad Reichenhall aufgekommen war.

Die Werner-Rittberger-Halle, die Trainings-Eislaufhalle neben der Rheinlandhalle in Krefeld war seit dem Unglück in Bad Reichenhall stillgelegt. Ein Gutachten wurde von der Stadt in Auftrag gegeben, um die Tragfähigkeit des Hallendaches zu überprüfen. Seit September 2006 ist die Halle wieder in Betrieb, die zulässige Schneelast wurde reduziert, so dass im Bedarfsfall der Betrieb rechtzeitig eingestellt werden kann. Es ist geplant, eine Schneewaage auf dem Dach zu installieren.

Im Juli 2006 wurde nach entdeckten Rissen in den Leimbindern das Eisstadion in Wiehl gesperrt.

Lokalpolitische Konsequenzen

Obwohl gegen Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier (FWG) die Staatsanwaltschaft Traunstein nicht ermittelte[1], wurde er nach dem Einsturz der Eislaufhalle aus der Bevölkerung und den überregionalen Medien scharf angegriffen [2] und verantwortlich gemacht. Bei der Kommunalwahl am 12. März 2006 verpasste Heitmeier die absolute Mehrheit deutlich. Er lag deutlich hinter seinem Herausforderer Dr. Herbert Lackner (CSU) [3] gegen den er in der Stichwahl am 26. März 2006 endgültig verlor.

Prozessbeginn

Am 28. Januar 2008 begann vor dem Landgericht Traunstein der Prozess gegen drei Angeklagte: den damaligen Bauleiter und Statiker für das Dachtragwerk, den damaligen Projektleiter des Architekturbüros und den Ersteller eines Gutachtens aus dem Jahr 2003. Ihnen wird fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Das Verfahren gegen einen Architekten und ehemaligen leitenden Mitarbeiter der Stadt Bad Reichenhall wurde aufgrund seines Gesundheitszustandes abgetrennt. Gegen einen weiteren Beschuldigten war das Verfahren ebenfalls aus Gesundheitsgründen eingestellt worden, er starb am 30. Dezember 2007.[4]

Im Zentrum der bisherigen Beweisaufnahme steht das Fehlen der geprüften Statik. Von den Verteidigern und aus den Reihen der Nebenkläger wird der Staatsanwaltschaft in diesem Zusammenhang vorgeworfen, einseitig in Richtung der Planenden und Ausführenden ermittelt zu haben. Die Verantwortung der Stadt als Bauherr und Bauaufsichtsbehörde sei von ihr nicht ausreichend berücksichtigt worden.

Ein Urteil sollte ursprünglich am 24. April 2008 gesprochen werden. Allerdings wurden vom Vorsitzenden im Hauptverhandlungstermin am 28. Februar 2008 weitere Gerichtstermine anberaumt, so dass derzeit das Ende des Prozesses noch nicht absehbar ist. Laut einer Zeugenaussage am 12. Juni 2008 hat die Stadtverwaltung von Bad Reichenhall von der Einsturzgefahr ihrer Eishalle gewusst. Der Vorstand des Eishockeyclubs sagte aus, er sei eine halbe Stunde vor dem Einsturz mit dieser Begründung telefonisch gewarnt worden, dass das Training am Abend ausfallen müsse.[5]

Endgültiger Abbruch

Der komplette Gebäudekomplex wurde bis März 2007 abgerissen, wobei zwischen Dezember 2006 und Januar 2007 die Arbeiten ruhten. Zur Erinnerung an das Unglück sollte eine Gedenkstätte eingerichtet werden. Heftige Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der Opfer und der Stadt Bad Reichenhall haben dieses Projekt allerdings zum Stillstand gebracht. Vorerst wird an der Unglücksstelle eine Grünfläche angelegt. Diese soll 40.000 € kosten und trotz enormer Geldknappheit der Stadt entstehen.

Einzelnachweise

  1. BR-Online: Bad Reichenhall – ein Jahr danach (abgerufen am 14. Februar 2007)
  2. Süddeutsche Zeitung vom 5. Januar 2006: „Schämen Sie sich, Sie haben diese Menschen auf dem Gewissen“
  3. Süddeutsche Zeitung vom 13. März 2006: „Kein Stoiber-Malus für die CSU“
  4. Spiegel Online vom 28. Januar 2008: „Ich wollte alles hundertprozentig perfekt machen“
  5. Focus vom 12. Juni 2008: „Das Wort Einsturzgefahr ist gefallen“(dpa/ddp)

Literatur

Koordinaten: 47° 44′ 04″ N, 12° 53′ 15″ O