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Reichsritterschaft

Die Reichsritterschaft war im Heiligen Römischen Reich die Gemeinschaft des freien Adels, der auf seinen Besitzungen in Schwaben, Franken und im Rheinland die unmittelbare Unterordnung unter Kaiser und Reich bewahren oder neu erlangen konnte, ohne jedoch auf den Reichstagen Sitz und Stimme zu haben. Die Reichsritterschaft gehörte damit zum niederen Adel ohne Reichsstandschaft. Am Ende des Alten Reiches umfasste die Reichsritterschaft etwa 350 Familien mit ungefähr 450 000 Untertanen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Ursprünge und Vorläufer

Die Ursprünge der Reichsritterschaft sind in der adeligen Vasallität des Hochmittelalters zu suchen. Im deutschen Südwesten konnten sich hier insbesondere die Dienstleute der Staufer von der Unterordnung unter mächtigere Herren freihalten, nachdem das Königsgeschlecht 1268 in direkter Linie erloschen war. In der Folge versuchten zwar die Habsburger, sich als Herzöge von Schwaben zu etablieren. Johann Parricida starb jedoch um 1313 ohne Nachfolger. Weitere Versuche der Wiederherstellung des Herzogtums scheiterten, das Gebiet begann in zahlreiche kleine und größere Territorien zu zerfallen. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich im ehemaligen Herzogtum Franken. Die „Reichsritterschaft“ konnte sich nur in Gebieten ohne eine starke Territorialmacht entwickeln und behaupten.

Als Vorläufer entstanden im 14. und 15. Jahrhundert einige Rittergesellschaften und Vereinigungen, die dem wachsenden Druck der Feudalherren eine genossenschaftliche Organisation entgegensetzen wollten. Diese Gesellschaften wurden jedoch mehrmals verboten, so etwa 1356 (Goldene Bulle) und 1396. Als gesellschaftliche oder religiöse Institutionen und Turniergesellschaften bestanden diese Bünde jedoch weiter, ihre Mitglieder konnten sich später oft in der Reichsritterschaft etablieren.

Ein großer Teil der späteren Reichsritterschaft entstammte jedoch der ehemaligen Ministerialität der Hochstifte, Klöster und des Hochadels. Auch viele der ehemals edelfreien Geschlechter hatten sich im Laufe des Hochmittelalters der Lehnshoheit mächtiger Herren unterwerfen müssen, oder waren diesen vertraglich verpflichtet. Solche Dienstverhältnisse waren oftmals sehr lukrativ, die Dienstmannen erreichten hohe Stellungen an den Höfen. Die Mehrheit der schwäbischen Ritterschaft nahm etwa ihre 1561 vom Kaiser bestätigte Ordnung erst an, nachdem die Territorialmächte Württemberg und Pfalz ihnen zugesichert hatten, die alten Lehen nicht zu entziehen.

Besonders im Umfeld der Reformation kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen der Ritterschaft mit den Territorialherren. Die Landfriedensverordungen des Spätmittelalters hatten die Fehde als Mittel der ritterlichen Selbsthilfe drastisch eingeschränkt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwangen zudem einige Familien, ihren Eigenbesitz an die Feudalherren zu veräußern.

Die Herausbildung der Reichsritterschaft

Die Reichsritterschaft wird manchmal als der „Mörtel des Alten Reiches“ bezeichnet. Sie sicherte dem Kaiser einen gewissen Einfluss im deutschen Reichsgebiet und behinderte die Selbstständigkeitsbestrebungen der umliegenden kleineren Territorialherren. Die Eidgenossenschaft hatte sich ja bereits vom Reich abgelöst. 1422 erlaubte deshalb Kaiser Sigismund die bis dahin faktisch illegalen Ritterbünde und wollte sie gar in eine große Reichsreform einbeziehen. Allerdings wurde die Reichsritterschaft erst auf dem Wormser Reichstag von 1495 als Korporation anerkannt.

Im Zuge der Konsolidierung des Heiligen Römischen Reiches gelang es diesen Familien oftmals, sich aus der Abhängigkeit von ihren alten Herren zu lösen. Die Herausbildung eines loyalen bürgerlichen Beamtenapparates machte ihre Dienste vielfach überflüssig. Der ausgedehnte Grundbesitz solcher ehemaligen Dienstleute war die Grundlage eines raschen wirtschaftlichen Aufstieges. Neben ihren Lehen konnten die Ritter meist auch umfangreichen Allodialbesitz (Eigenbesitz) bewahren bzw. erwerben. Nach der blutigen Niederschlagung der Bauern- und Bürrgerrevolten des frühen 16. Jahrhunderts erhielten viele Geschädigte zusätzlich hohe Entschädigungssummen, die zur Reparatur der alten Burgen, öfter aber zum Neubau repräsentativer Schlossanlagen verwendet wurden. Allerdings stellten sich auch einige Ritter freiwillig auf die Seite der Aufständischen oder wurden dazu gezwungen. Ein bekanntes Beispiel ist hier der „Ritter mit der eisernen Hand“, der freie Reichsritter Götz von Berlichingen, der deshalb nach Beendigung der Kampfhandlungen den Hochstiften Mainz und Würzburg eine Entschädigung von 25 000 Gulden geloben musste.

Zahlreiche Reichsritter wurden zudem im 16. und 17. Jahrhundert in den Freiherrenstand erhoben. Diese Standeserhöhungen waren u.a. auf die freiwilligen Geldzahlungen an das Kaiserhaus (Charitativsubsidien) zurückzuführen, die dem Herrscher einen finanziellen Handlungsspielraum ermöglichten.

Sie genossen den besonderen Schutz des Kaisers, blieben aber vom Reichstag ausgeschlossen und wurden auch nicht in die Reichskreisverfassung einbezogen. Ab dem Spätmittelalter schlossen sich die Reichsritter in Ritterbünden zusammen, die sich seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu quasi-territorialen Zwangsverbänden entwickelten. Sie bauten dabei auf der älteren Tradition der im Schwäbischen Kreis entstanden Gesellschaft mit Sankt Jörgenschild auf, übernahmen auch dessen Kantonalstruktur. Auf Grund von Steuerforderungen gegenüber den Reichsrittern im Jahre 1542, die wegen der drohenden Gefahr durch die Türken vom Kaiser erhoben wurden, mussten die Reichsritter eine Organisationsform finden, die es einerseits erlaubte, ihre Rechte und Privilegien zu bewahren und auf der anderen Seite ihre Pflichten gegenüber dem Kaiser zu erfüllen.

Deshalb organisierte sich die Reichsritterschaft seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in insgesamt 15 Ritterorten, die wiederum, bis auf eine Ausnahme, seit 1577 in drei Ritterkreise zusammengefasst wurden. Die Ritterorte wurden seit dem 17. Jahrhundert, entsprechend dem Vorbild der Kantone der Schweizer Eidgenossenschaft, Ritterkantone genannt. Die sechs Kantone Odenwald, Gebürg, Rhön-Werra, Steigerwald, Altmühl und Baunach (siehe auch Liste fränkischer Rittergeschlechter) gehörten dem fränkischen, die fünf Kantone Donau, Hegau-Allgäu-Bodensee, Neckar-Schwarzwald, Kocher und Kraichgau dem schwäbischen und die drei Kantone Oberrhein, Mittelrhein (hierzu gehörte z.B. die Wetterauer Ritterschaft mit Sitz in Friedberg) und Niederrhein dem rheinischen Ritterkreis an. Der Kanton Niederelsass nahm als 15. Kanton eine Sonderstellung ein.

Ein bedeutendes Vorrecht der Ritterkantone war, dass sie in ihrem Bereich Steuern erheben durften. In zahlreichen Ortsgeschichten findet sich der Hinweis „steuerte zum Ritterkanton XY“. Dies ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens gehört die Steuer zu den Kriterien der Landeshoheit und zu den Keimzellen der Staatlichkeit, zweitens war Steuerbewilligung in der Frühen Neuzeit der wichtigste Hebel für korporative Mitbestimmung als Vorstufe von Demokratie.

Die Reichsritter übten in ihren Herrschaftsgebieten meist nur die Niedere Gerichtsbarkeit aus, die sich mit den Alltagsvergehen wie Diebstahl und Beleidigung auseinandersetzte. Die Hohe Gerichtsbarkeit, das „Blutgericht“, oblag in der Regel der benachbarten Territorialmacht. Um sich ihre Unabhangigkeit zu bewahren, suchten viele der Ritter auch weiterhin die Nähe der früheren Herren. Anfangs versuchte man auch, Einfluss auf die Regierung der geistlichen Fürstentümer zu nehmen und behielt seine Sitze in den Domkapiteln.

Die Forscher Helmut Neumaier und Volker Press sehen den eigentlichen Beginn einer Reichsritterschaft erst im Jahre 1542 (ausschließliche Unterstellung unter den Kaiser). 1559 wurde das kaiserliche Privileg „wider die Landsasserey“ erlassen. 1609 folgte das Privileg „de non aliendo“.

Seit 1577 fanden zwar als „Generalkorrespondenztage“ bezeichnete Zusammenkünfte der Reichsritterschaft statt, jedoch blieben die Kreise und besonders die Kantone auf Grund der starken territorialen Verankerung der Ritter wesentlich wichtiger.

Die Reichsritter wurden sehr häufig durch den Kaiser zu Kriegsdiensten herangezogen und gewannen dadurch einen sehr großen Einfluss im Militär und der Verwaltung des Reiches, aber auch auf die Territorialfürsten. Die Reichsritterschaft stellte einen großen Teil der kaiserlichen Generalität, höheren Offiziere und Kriegsräte. Der Ritteradel stand so weiterhin in der Tradition seiner Vorfahren, wenn auch die wenigsten dieser Adeligen tatsächlich jemals den Ritterschlag erhalten hatten.

Jeder Kanton hatte seinen Ritterhauptmann und führte eine Adelsmatrikel (Rittermatrikel) über die zur Ritterschaft gehörenden Personen und Güter. Die Ritterschaft war befreit von Reichssteuern und Einquartierungen. Mit der Gründung des Rheinbundes im Jahre 1806 wurden die Gebiete der Reichsritterschaft der Hoheit der Fürsten, von deren Territorien sie umgeben waren, unterstellt. Den meisten uradeligen, reichsritterschaftlichen Familien wurde im Verlaufe der Geschichte (vor 1803) vom Kaiser der Freiherrentitel bezw. der Grafentitel verliehen.

Eine andere Kategorie der Reichsritterschaft war der vom Kaiser in den Reichsritterstand erhobene Briefadel, der keine Besitzungen in den „drei Ritterkreisen“ hatte.

Ein Denkmal der Reichsritterschaft, das Palais der Reichsritterschaft, befindet sich in der Ortenau (Offenburg).

Die Reformation

Trotz der direkten Unterstellung unter das Kaiserhaus traten viele der Ritter während der Reformation zum evangelischen oder reformierten Bekenntnis über. Hier spielten auch politische Gründe eine Rolle. Gerade die ehemaligen Dienstmannen der Hochstifte nutzten die günstige Gelegenheit, um sich auch in konfessioneller Hinsicht von den früheren Bindungen zu lösen. Die Bevölkerung musste die Konfession ihrer Herren übernehmen. Dies erklärt etwa die zahlreichen evangelischen Dörfer im Gebiet der einstigen Hochstifte Bamberg und Würzburg. Allerdings konvertierten einige Familien im 18. Jahrhundert wieder zum katholischen Glauben, um sich die in Aussicht gestellten Stiftspfründe zu sichern.

Forschungsstand

Trotz der grundlegenden Forschungen von Volker Press (1939-1993), die meist in verschiedenen historischen Zeitschriften publiziert wurden, ist das verfassungsgeschichtliche Phänomen der Reichsritterschaft bislang nur unzureichend erforscht. Von allen Herrschaftsformen des alten Reiches ist diese am schwersten begrifflich fassbar. Bis heute werden besonders die Ursprünge und Grundlagen der freien Ritterschaft kontrovers diskutiert. Bereits das renommierte Lexikon des Mittelalters bemerkt hierzu: Die mitunter geäußerte Vermutung, die Reichsritterschaft sei ganz oder überwiegend von Familien der ehem. Reichsministerialität getragen worden, trifft nicht zu... (Band 7, S. 636).

Die neuere Literatur beschäftigt sich überwiegend nur mit der reichsunmittelbaren Ritterschaft einzelner Gebiete oder Ritterkantone. Zum landsässigen (abhängigen) Niederadel gibt es wesentlich mehr verlässliches Schrifttum.

 Wikisource: ADB:Burgermeister, Johann Stephan – Quellentexte

Literatur