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Virtuelles Altstadtmodell Frankfurt am Main

Das Virtuelle Altstadtmodell von Frankfurt am Main ist ein Projekt zur computergestützten dreidimensionalen Visualisierung der 1944 zerstörten Altstadt der Stadt Frankfurt am Main. Grundlage ist das 1926 bis 1955 entstandene Altstadtmodell der Brüder Treuner, aber auch zeitgenössische Photographien, Zeichnungen und Aquarelle.

Inhaltsverzeichnis

Motivation, Entstehung und Geschichte

Das Roseneck - eine klassische Alt-Frankfurter Ansicht, Virtuelles Altstadtmodell Frankfurt a. M.

Das Projekt Virtuelle Altstadtmodell von Frankfurt am Main wird seit 2003 von dem Diplom-Geografen Jörg Ott vorangetrieben und befindet sich mittlerweile in einem weit fortgeschrittenen Zustand.

Jörg Otts Motivation, das Projekt 2003 ins Leben zu rufen, gründete sich vor allem darin, eine im Zweiten Weltkrieg zerstörte Altstadt virtuell wieder aufleben zu lassen und einen Vergleich zum heutigen Zustand zu ermöglichen.[1] Die Wahl fiel auf Frankfurt, weil hier der Unterschied zwischen Vor- und Nachkriegsbebauung besonders stark ausfällt und die Stadt mit ihrer Geschichte radikal gebrochen hat. Darüber hinaus soll das Modell Anhaltspunkt sein, ein Umdenken in der Architektur- und Innenstadtplanung zu bewirken und bei zukünftigen Projekten die historischen Vorbilder besser vergegenwärtigen zu können.

Alleine die Literatur- und Primärquellenstudien zogen sich über 5 Monate hin, führten aber zu dem Ergebnis, dass eine nahezu vollständige virtuelle Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt mit Hilfe moderner Computertechnik möglich ist. Als wichtigste Quelle ergaben sich schnell die vollständig im Archiv des Historischen Museums erhaltenen Skizzenbücher der Gebrüder Treuner, mit denen diese bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ihr Miniaturmodell der Altstadt im Maßstab 1:200 bauten. Daneben kommen historische Fotos, Fassadenabwicklungen aus den 1940er Jahren, alte Ansichtskarten und bezüglich der Farbigkeit der Fassaden, die allerdings auch schon in den Treuner’schen Skizzenbüchern vermerkt sind, die bekannten Aquarelle von Jupp Berten zum Einsatz.

Anfang November 2003 entstanden zunächst noch ungeordnet die ersten Gebäude (Fassadenabwicklungen Frohnhofstraße, Brückhofstraße, Kleiner Wollgraben) in einem im Vergleich zu heute einfachen Zustand, 2004 der älteste Altstadtteil zwischen Dom und Römer und 2005 das Viertel östlich des Doms und entlang der Fahrgasse.

Nach dem Beschluss der Stadt Frankfurt, das aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts stammende Technische Rathaus abzubrechen und die Fläche im Anschluss neu zu bebauen, wurde Ende 2005 ein städtebaulicher Wettbewerb durchgeführt. Aus diesem ging das Architektenbüro KSP Engel & Zimmermann als Sieger hervor. Für seinen zeitgenössischen Entwurf fand es zwar Anerkennung in Fachkreisen, aber nicht in Teilen der Frankfurter Bevölkerung, die auf dem Gelände die Wiedererrichtung kriegszerstörter Bausubstanz forderten und sich in Initiativen und Vereinen zusammenschlossen. An diese wandte sich Ott, um das Ziel eines möglichst originalgetreuen Wiederaufbaus des Dom-Römer-Bereichs mit seinem Modell zu unterstützen.

So gelangte das Modell im März 2006 bei einer ersten Pressekonferenz in die Öffentlichkeit, wodurch der Baufortschritt in diesem Jahr zurückstehen musste. Im Anschluss wurden immer öfter Renderings des virtuellen Altstadtmodells in der lokalen und regionalen Presse veröffentlicht. Die farbigen Bilder können, teils in Montagen weiter entwickelt, einen wesentlich besseren Eindruck einer etwaigen zukünftigen Bebauung nach historischem Vorbild liefern als historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Zusätzlich ergab sich für Ott Ende 2005 die Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit dem angehenden Bauingenieur Dominik Mangelmann, der sich im Rahmen seiner Diplomarbeit mit der Machbarkeit einer realen Rekonstruktion von Teilen der Frankfurter Altstadt beschäftigte, was auch dem virtuellen Altstadtmodell zuträglich war. 2006 erfolgte trotz der zeitlichen Einschränkungen die Fertigstellung der zentralen Altstadt zwischen Dom und Römer, sowie mehrere technische Verbesserungen.

Gegenwärtig (Frühjahr 2008) ist mit dem Karmeliterkloster das letzte Bauwerk der westlichen Altstadt in Arbeit, womit das Modell dann etwa 800 Objekte umfasst. Zu den wichtigsten dieses Jahr bereits vervollständigten Ensembles ist der Kornmarkt u. a. mit der Deutsch-reformierten Kirche sowie dem Geburtshaus der Lili Schönemann zu zählen. Den Abschluss der grundsätzlichen Modellbauarbeiten, die sich nach der westlichen auf die nördliche Altstadt konzentrieren werden, schätzt Ott auf Mitte 2009. Allerdings bemüht er sich, den Umfang des Modells an einigen Stellen über die Grenzen des Treuner’schen Stadtmodells zu erweitern, was erheblichen Mehraufwand bedeutet.

Anspruch

Das Modell besaß zu keinem Zeitpunkt den Anspruch, eine fotorealistische Wiedergabe der einstigen Altstadt zu liefern, obgleich dies technisch unproblematisch ist.[1] Während eine frühe Version keinerlei Texturen besaß, setzte die weiter vorangeschrittene und auch erstmals an die Öffentlichkeit gelangte Fassung Schiefer-, Pflaster-, Himmel- und Ziegelsteintexturen auf den Häusern ein. Der Hausanstrich ist aber keine Textur, sondern eine Standardflächenfarbe. Dadurch erhält das Modell einen comichaften Charakter, d. h. man kann leicht erkennen, dass es sich um ein Computermodell handelt. Andererseits ist es bei dieser Arbeitsweise nötig, alle Objekte an einem Haus wirklich dreidimensional zu konstruieren, beispielsweise ist freigelegtes Fachwerk wirklich ein 3D-Objekt, dessen Ausfachungen einige Zentimeter aus der Fassade heraustreten, und keine aufgeblendete, zweidimensionale Textur.

Dabei ist die Farbgebung so weit wie aufgrund der Datenlage möglich an den realen Zustand angenähert und das Modell genügt in seiner Genauigkeit, z. B. des Bodenniveaus auch wissenschaftlichen Ansprüchen. Dies betrifft auch den Umfang: nicht nur die Schauseiten, sondern auch für einen normalen Spaziergänger nicht einsehbare Winkel, Fassaden und Hinterhöfe werden in ihren Details vom Modell teilweise wiedergegeben.

Wie Ott betont, soll stets ablesbar bleiben, dass es sich um ein virtuelles Modell handelt. Es dürfe keinen Ersatz für die ehemalige Altstadt darstellen, sondern lediglich einen „Appetithappen“, um die Menschen dazu zu bringen, sich für die Rekonstruktion des echten, untergegangenen Frankfurter Stadtzentrums zu engagieren. Trotz des vereinfachenden Stils findet man sich sehr schnell in dem Modell zurecht, da die fehlenden Texturen in der hohen Fülle an Details untergehen. Bereits in frühen Versionen des Modells erkannten ehemalige Altstadtbewohner gerenderte Straßen und Plätze schnell wieder, was als Beweis für den Realitätsgrad gelten kann.

Möglichkeiten

Das virtuelle Altstadtmodell hat gegenüber dem existierenden Treuner-Modell zahlreiche Vorzüge. Im Gegensatz zu diesem ist es problemlos möglich, tatsächlich in die Straßenzüge und Gassen einzutauchen, um den Anblick der Gebäude aus menschlicher Perspektive nachzuvollziehen. Die Tatsache, dass das Modell auch nie fotografisch, sondern oft nur von den Gebrüdern Treuner dokumentierte, versteckte Winkel wiedergibt, ermöglicht es auch unbekannte oder durch Fotos nicht dokumentierte Szenerien zu erleben.

Neben der Anfertigung von einzelnen Bildern ist darüber hinaus die Anfertigung kompletter Filme entlang vordefinierter Bahnen sowie die Produktion virtueller Durchläufe möglich – es lassen sich damit ganze Spaziergänge durch die einstige Altstadt unternehmen. Das Endergebnis soll laut Ott die virtuell rekonstruierte Frankfurter Altstadt sein, die sich mittels beliebiger Durchläufe (Walkthroughs) nach dem Wunsch des Betrachters steuern und erleben lässt.

Technische Daten (Stand April 2008)

Quellen

  1. a b Diese und alle weiteren Angaben aufgrund von persönlichen Gesprächen des Nutzers Doenertier82 mit Jörg Ott im Juli 2007 & April 2008.