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Hethitische Sprache

Hethitisch

Gesprochen in

Kleinasien vor ca. 3500 Jahren
Sprecher ausgestorben
Linguistische
Klassifikation

Indogermanische Sprachen

Anatolische Sprachen
Hethitisch
Offizieller Status
Amtssprache von
Sprachcodes
ISO 639-1:

-

ISO 639-2: (B) hit (T) hit
SIL/ISO 639-3:

HIT

Die hethitische Sprache, die Sprache der Hethiter (heth. Eigenbezeichnung nesili oder nesumnili, „Nesisch, Sprache der Leute aus Kanes“, engl. hittite), ist eine ausgestorbene indogermanische Sprache, die in Kleinasien verbreitet war. Ihre Schriftzeugnisse gelten als die ältesten indogermanischen überhaupt und reichen bis ins frühe 2. Jahrtausend v. Chr. zurück.

Inhaltsverzeichnis

Klassifikation und Sprachgeschichte

Zusammen mit mehreren anderen ausgestorbenen kleinasiatischen Sprachen bildet das Hethitische den anatolischen Zweig der indogermanischen Sprachgruppe. Ob die anatolischen Sprachen den ältesten indogermanischen Sprachzweig bilden und Anatolien die ursprüngliche Heimat ist („Anatolien-Hypothese“), oder ob ihre Träger nach Anatolien eingewandert sind („Kurgan-Hypothese“), ist unter Hethitologen umstritten.

Indogermanische Sprachen

Anatolische Sprachen (Anatolischer Zweig)
Hethitisch, Lydisch, Palaisch,
Luwisch, Karisch, Lykisch,
Pisidisch, Sidetisch

Innerhalb des anatolischen Zweigs, der ausgestorben ist, stellt das Hethitische gemessen an der Belegsituation die wichtigste Sprache dar. Luwisch, Karisch, Lykisch, Pisidisch und Sidetisch werden gelegentlich als "luwische Sprachen" zusammengefasst, da sie näher untereinander verwandt zu sein scheinen.

Nicht zu verwechseln ist das Hethitische mit dem Hattischen, der Sprache der Hattier, die Anatolien vor der Einwanderung der indogermanischen Völker bewohnten. Sie ist die eigentliche Ursprache Anatoliens. Die Bezeichnung Hethiter wurde vom Namen der Hattier entlehnt.

Eine Zeit lang wurde die Zugehörigkeit des Hethitischen (und damit auch der übrigen anatolischen Sprachen) zu den indogermanischen Sprachen bezweifelt. Die Gründe liegen in den zum Teil stark abweichenden grammatischen Erscheinungen des Hethitischen. Es wurde vielmehr vermutet, dass es sich beim Hethitischen um eine sehr nahe Verwandte des Anatolischen handle und mit ihm das sog. Turko-Hethitische bilde. Heute wird durchgehend die Meinung vertreten, dass die hethitische Sprache sich wie die übrigen anatolischen Sprachen aus einer Sprache entwickelt hat, die – so wird vermutet – zur Zeit des Wechsels vom 3. zum 2. Jahrtausend v. Chr. im Gebiet der unteren Wolga von den Trägern der sogenannten Kurgankultur gesprochen wurde. Diese Grundsprache wird im allgemeinen als anatolische Grundsprache (seltener: anatolische Ursprache) bezeichnet. Als sich in der Folgezeit der Kulturverband löste (die Gründe liegen noch weitgehend im Dunkeln), löste sich auch der gemeinsame Sprachverband in einzelne Sprachen bzw. Sprachzweige.

Die besonderen Eigenheiten des anatolischen Zweiges werden nun damit begründet, dass sich die Sprecher der späteren anatolischen Sprachen bereits zu einem sehr frühen Stadium aus dem gemeinsamen Kulturverband lösten und sich deren Sprachen eigenständig weiterentwickeln konnten.

Die hethitischen Sprachdenkmäler und Textzeugnisse selbst werden in drei Sprachstufen oder Epochen aufgeteilt, und zwar

Die Junghethitische Epoche lässt sich wiederum in drei Phasen einteilen.

Vor allem wegen ethnischer Bewegungen in Vorderasien kam es nach 1200 v. Chr. zum Zerfall des hethitischen Reiches in Kleinstaaten, die von Aramäern besiedelt wurden. Das Gebiet fiel schließlich unter die Herrschaft der Assyrer, deren Amtssprache das Aramäische war.

Schriftzeugnisse und Entdeckung

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten französische Archäologen in Hattuša, der früheren Hauptstadt des Hethiter-Reiches, nahe dem türkischen Dorf Boğazköy (dem heutigen Boğazkale) einige Tontafelfragmente. Die darauf befindlichen Texte waren in einer lesbaren Variante der akkadischen Keilschrift verfasst, die aber die Archäologen nicht verstanden, da sie größtenteils in einer unbekannten Sprache verfasst waren. Die Veröffentlichungen blieben weitgehend unbeachtet. 1902 vermutete der Norweger Jørgen Alexander Knudtzon, dass die gefundenen Texte in einer indogermanischen Sprachvariante abgefasst wurden. Er stützte seine These auf die in Tell el-Amarna gefundene Korrespondenz zwischen dem hethitischen Großkönig und dem Pharao Amenophis IV. (Echnaton). 1906 entdeckten zwei Archäologen, der Deutsche Hugo Winckler und der Türke Theodor Makridi Bey, in Boğazkale eine Tafel mit einem längeren Text. Dieser Text war beiden inhaltlich bereits bekannt. Es handelte sich um eine Version des Friedensvertrages zwischen dem hethitischen Großkönig Hattusili und dem ägyptischen Pharao Ramses II.. Eine Kopie dieses Textes, der als der frühest bezeugte Friedensvertrag der Menschheit gilt, steht in der Hauptverwaltung der UNO in New York.

Die eigentliche Entzifferung des Materials und die Postulierung der Verwandtschaft zu den indogermanischen Sprachen ist aber erst dem Tschechen Bedřich Hrozný 1915 gelungen. Er veröffentlichte in diesem Jahr zuerst einen Bericht mit dem Titel Die Lösung des hethitischen Problems in den Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. Zwei Jahre später erschien das Buch Die Sprache der Hethiter, ihr Bau und ihre Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprachstamm.

Das Textkorpus enthält u.a. umfangreiche religiöse und juristische Texte. Darunter auch eine Art Verfassung, die Telipinu um 1500 v. Chr. fixieren ließ. Auf der überwiegenden Anzahl der in Boğazkale gefundenen Tontafeln ist auch Alltägliches notiert, z. B. Vorratslisten. Ihnen ist der hohe Anteil von Bezeichnungen alltäglicher Dinge am bekannten Wortschatz zu verdanken.

Phonetik und Phonologie

Weil die Hethiter die angepasste akkadische Keilschrift verwendeten und diese überwiegend syllabischer Natur ist, lassen sich die exakte Phonetik und Phonologie nicht mehr erforschen. Jedoch können mittels der Etymologie und auch der Varianten der Schreibungen innerhalb des Hethitischen einige Aussagen getroffen werden.

Konsonanten

  bilabial alveolar palatal velar labiovelar laryngal
stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth.  
Plosive p b t d     k g kw gw  
Affrikaten     ts                
Frikative     s                
Nasale   m   n              
Vibranten       r              
laterale Approximanten       l              
zentrale Approximanten   w       j         h2, h3

Die Halbvokale [w] und [j] erscheinen in Diphthongen mit [a] und [aː].

Die Entdeckung des Hethitischen erregte dadurch Aufsehen, dass die sogenannten Laryngale (Kehlkopflaute, wie z. B. [h]), die für die indogermanische Grundsprache zuvor nur hypothetisch erschlossen worden waren (Laryngaltheorie), nun wenigstens teilweise tatsächlich in den hethitischen Texten erhalten und schriftlich wiedergegeben waren (Transkriptionssymbol ).

Vokale

  vorne zentral hinten
ung. ger. ung. ger. ung. ger.
geschlossen i         u
mittel e          
offen     a      

Grammatik

Morphologie

Allgemeines

Das Hethitische ist eine meist durch Ausgänge flektierende Sprache, deren Flexion teilweise vom Ablaut der Wurzel unterstützt wird. Für die Derivation werden hauptsächlich Suffixe, ggf. mit Ablaut gebraucht, in einigen Fällen eine Reduplikation und einmal ein Infix.

Kasus, Numerus und Genus

Entgegen der sonst bei den frühen indogermanischen Sprachen üblichen drei grammatischen Geschlechter, weiblich, männlich und sächlich unterscheidet das Hethitische nur zwei, und zwar das Genus commune (Utrum) und das Genus neutrum (Neutrum), die durch unterschiedliche Formen aber nur im Nominativ und im Akkusativ unterschieden werden. Die Bezeichnungen stammen noch aus einer Zeit, in der man die – heute weitgehend widerlegte – These vertrat, dass im Hethitischen Femininum und Maskulinum zu einem gemeinsamen (lat. communis) Genus verschmolzen seien. Heute geht man davon aus, dass das Hethitische eine viel ältere Unterscheidung beibehalten hat. Hiernach unterschied die indogermanische Grundsprache nur zwischen belebten Personen oder als belebt gedachten Sachen (Animata) und unbelebten Sachen (Inanimata). Im Hethitischen werden diese nahezu unverändert als Genus commune und Genus neutrum fortgesetzt. In den meisten übrigen indogermanischen Sprachen teilten sich demnach die Animata später auf in Feminina (weibliches) und Maskulina (männliches Geschlecht). Diese grammatische Unterscheidung des Sexus (natürliches Geschlecht) ist dem Hethitischen fremd.

Es werden für das Kasussystem acht Kasus angenommen: Nominativ, Akkusativ, Vokativ, Genitiv, Dativ/Lokativ, Allativ, Ablativ und Instrumentalis.

Es gibt im Hethitischen drei Numeri, Singular, Distributiv und Kollektivum. Auch in Distributiv und Kollektivum wird nur im Nominativ und im Akkusativ unterschieden. In der Regel bilden Communia (also Nomina im Genus commune) den Distributivplural, Neutra dagegen sind ein Kollektivum. Auch Abweichungen von diesem Verhalten sind regelmäßig.

In der folgenden Übersicht sind die regelmäßigen Endungen aufgeführt.

Kasus/Numerus Singular Plural Kollektiv
Nominativ c. -eš unregelmäßig
Akkusativ c. -n -uš unregelmäßig
Nominativ/Akkusativ n. -n, Ausgänge unregelmäßig -a
Vokativ c. -i, -a, Ausgänge -eš
Genetiv c./n. -aš -aš, älter: -an
Dativ/Lokativ c./n. -i -aš
Allativ c./n. -a -aš
Ablativ c./n. -az
Instrumental c./n. -it

Verbmorphologie

Für Verben gibt es zwei Numeri (Singular und Plural), zwei Diathesen (Aktiv und Mediopassiv, zwei Tempora (Präsens und Präteritum) und zwei Modi (Indikativ und Voluntativ in der 1. Person, Imperativ in der 2. und 3. Person). Von den Verben lassen sich vier Verbalnomina ableiten (Verbalsubstantiv, Infinitiv, Supinum und Partizip).

Bei den Verben werden zwei Konjugationsklassen unterschieden, die mi-Konjugation und die ḫḫi-Konjugation. Sie sind nach der Endung für die 1. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv benannt. Im Plural unterscheiden sich die Konjugationen nicht. In der folgenden Tabelle werden die Endungen der regelmäßigen Verben im Indikativ Präsens Aktiv und im Präteritum dargestellt.

  mi-Konjugation Aktiv ḫḫi-Konjugation Aktiv Gemeinsames Mediopassiv
Indikativ Präsens
1. Singular -mi -ḫḫi -ḫḫa/-ḫḫari/-ḫḫaḫari
2. Singular -ši (auch: -ti) -ti tta/-ttari (auch: -tati)
3. Singular -zzi -i a/-ari/-tta/-ttari
1. Plural -wēni/-wāni/-uni -wašta (auch: -waštari)
2. Plural -ttēni/-ttāni (auch: -šteni) -dduma/-ddumari (auch: -ddumat)
3. Plural -anzi -anta/-antari
Indikativ Präteritum
1. Singular -un/-nun -ḫḫun -ḫḫat/-ḫḫati/-ḫḫaḫat/-ḫḫaḫati
2. Singular -š/-ta -ta (auch: ) -ttat/-ttati (auch: -tta/-at)
3. Singular -ta -š/-iš/-eš/-ta (auch: -šta) -at/-ati/-ta/-ttat/-ttati
1. Plural -wen -waštat/-waštati
2. Plural -tten (auch: -šten) -ddumat/-ddudumati
3. Plural -ir -antat/-antati
Imperativ/Voluntativ
1. Singular -allu -allu/-lu -ḫḫaru/-ḫḫaḫaru
2. Singular keine, -t (auch: -i) keine, -i -ḫuti/-ḫut
3. Singular -tu -u (auch: -štu) -aru/-ttaru
1. Plural -wēni/-wāni *-waštati
2. Plural -tten (auch: -šten) -ddumat/-ddumati
3. Plural -andu -antaru

Zahlwörter

Da in der Keilschrift die Zahlen zumeist als Zahlzeichen geschrieben werden, ist die Lautung vieler Zahlwörter nicht geklärt. „Eins“ wird möglicherweise als ā- oder als šana- gelesen (diese Lesungen sind allerdings veraltet; P. Goedegebuure hat in dem bislang als Pronomen angesehenen šiya- das Zahlwort „eins“ erkannt, siehe dazu ihren Aufsatz in der Festschrift de Roos von 2006), für „zwei“ wird *duya- angesetzt, teri- für „drei“ und *šiptam- für „sieben“. Die Bildung von Ordinalzahlen ist nicht einheitlich. Für die Bildung von Wiederholungszahlwörtern wird das Suffix -anki angefügt.

Wortschatz

Viele Wörter aus dem Grundwortschatz werden mit Logogrammen wiedergegeben und sind dann zwar übersetzbar, uns aber nicht der Aussprache nach bekannt. Der Rest des Grundwortschatzes kann etymologisch oft an andere indogermanische Sprachen angeschlossen werden. Wörter aus Bereichen, die den Hethitern erst nach ihrer Besiedlung Anatoliens bekannt geworden sind, wie die Medizin, die Politik oder die Architektur; sind meist Entlehnungen aus der Sprache derjenigen, von denen die Hethiter das jeweilige Kulturgut übernommen haben. Zu diesen Sprachen gehören das Hattische, das Indoiranische, das Akkadische und das Hurritische.

Erwähnenswert ist auch der Einfluss der luwischen Sprache. Die Luwier wanderten zeitgleich mit den Hethitern in Anatolien ein. Waren es im Althethitischen noch wenige, beinhaltete das Junghethitische viele luwische Lehnwörter im Grundwortschatz. Bald wurde die Luwische Sprache auch im hethitischen Reich als Kultschrift für religiöse Texte verwendet. Vielfach behielten die Lehnwörter auch im Hethitischen die ursprünglichen Flexionsformen und wurden durch Winkelhaken gekennzeichnet.

Die folgende Tabelle enthält Beispiele für Lehnwörter im Hethitischen.

Hethitisch Übersetzung Herkunft Wort in der
Ursprungssprache
ēzzan taru „Streu und Holz“ (eine Kleinigkeit) Akkadisch ḫamū u ḫuæābu (Lehnbedeutung)
šallanu- aufziehen („groß machen“) Akkadisch rubbû (Lehnbedeutung)
tuppi- Tontafel Akkadisch ṭuppu
wartanna- Wendung Indoiranisch wartanna
Sanskrit: vartate, er wendet
zalla- Trab Luwisch car-/cal-
zuḫrit- Gras Hurritisch zuḫri

Beispielsatz

Silbenzeichen Aussprache Deutsch
nu -an e-iz-za-at-te-ni wa-a-tar-ma e-ku-ut-te-ni.   nu NINDA-an ēzzateni, wādar-ma ekuteni.   Ihr esst Brot, Wasser aber trinkt ihr.

Dies ist der erste hethitische Satz, der von Bedřich Hrozný vollständig übersetzt werden konnte. Er ist ein Beweis für die Zugehörigkeit der hethitischen Sprache zur indogermanischen Sprachfamilie: e-iz-za-at-te-ni, „ihr esst“, ist zweifellos mit dem althochdeutschen ezzan, wa-a-tar, „Wasser“, mit dem altniederdeutschen watar verwandt.

Das Ideogramm „“ ist sumerisch-babylonischen Ursprungs, bedeutet „Brot“ und wird im Sumerischen wie ninda ausgesprochen; es war Hrozný bereits bekannt. Seine hethitische Aussprache ist bisher unbekannt.

Hethitische Literatur

Mit der Übernahme der Keilschrift geriet die hethitische Literatur auch unter den Einfluss der mesopotamischen Kultur. Um die akkadische Literatur zu erschließen, verfasste man lexikalische Listen nach mesopotamischem Vorbild. In den Archiven von Hattuša befanden sich akkadische Texte wie der Sargon-Mythos und Teile des Gilgamesch-Epos als auch anatolische Schriften. Die Hurriter vermittelten zwischen Mesopotamien und Kleinasien und hinterließen in Hattuša auch den Schöpfungsmythos Das göttliche Königreich und dessen Fortsetzung, Der Gesang des Ullikummi. Diese Schriften sind nur in der hethitischen Übersetzung erhalten.

Weiter wurden die Mythen und Epen über den Schlangendämon Illuyanka und über den König Telipinu sowie weitere Fragmente in den Archiven aufbewahrt, die ihre Ursprünge wohl in Syrien und Mesopotamien haben. Zur hethitischen Literatur sind ferner Hymnen, Gebete und Anekdoten (moralisierende Geschichten) zu zählen, sowie ein Soldatenlied.

Eine beachtliche literarische Leistung in der Geschichte der Geschichtsschreibung ist die Entwicklung der Annalistik und der Biographie.

Literatur