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Nag-Hammadi-Schriften

Die Nag-Hammadi-Schriften (auch als Nag-Hammadi-Bibliothek bekannt) sind eine Sammlung von frühchristlichen Texten hauptsächlich gnostischer Orientierung, die im Dezember 1945 in der Nähe des kleinen ägyptischen Ortes Nag Hammadi von ansässigen Bauern gefunden wurde. Die meisten dieser Schriften waren bis dahin gar nicht oder nur in Fragmenten bekannt. Dazu gehört insbesondere das Thomasevangelium.

Inhaltsverzeichnis

Umfang und Herkunft

Der Fund besteht aus dreizehn in Leder gebundenen Papyrus-Kodizes. Diese enthalten eine Sammlung von 47 unterschiedlichen Texten. Einige Texte sind jedoch mehrfach enthalten, weshalb die Sammlung aus insgesamt 53 einzelnen Texten besteht. Die Manuskripte stammen aus dem 3. und 4. Jahrhundert, verfasst wurden die Texte vermutlich vorwiegend im 1. oder 2. Jahrhundert. Die Sprache der Texte ist Koptisch, man geht jedoch davon aus, dass es sich um Übersetzungen aus dem Griechischen handelt.

Unbekannt ist, wer die Texte gesammelt hat. Möglicherweise handelt es sich um die Bibliothek einer nicht näher zu bestimmenden gnostischen Gemeinschaft. Wahrscheinlicher ist jedoch aufgrund der Nähe eines pachomianischen Klosters und des beim Einband verwendeten Materials, das Briefe und Quittungen der pachomianischen Mönche enthält, dass die Sammlung Teil der Bibliothek dieses Klosters war. Ungeklärt ist in diesem Fall, ob die Sammlung als Informationsquelle zum Kampf gegen gnostische Häretiker zusammengestellt wurde, oder ob die Texte im Zusammenhang mit dem (etwa zeitgleichen) 39. Osterfestbrief des Athanasius als häretisch aus den Klosterschriften ausgesondert wurden.

Fundgeschichte

Im Dezember 1945 gruben ägyptische Bauern am Fuß des Jabal al-Tarif, eines Felshangs etwa 11 km nordöstlich von Nag Hammadi, nach einem natürlichen Dünger, dem sogenannten Sabakh. Einer dieser Bauern war Muhammed Ali, Angehöriger des Samman-Klans, der Jahre später die Geschichte des Fundes erzählte. Unter einem Felsblock, an den sie ihre Kamele gebunden hatten, stießen die Bauern beim Graben auf einen fast einen Meter hohen Krug aus rotem Ton.

Zunächst bestanden Bedenken, den Krug zu öffnen oder zu zerschlagen, da er ja einen Dschinn beherbergen könnte. Dass andererseits auch Gold der Inhalt sein könnte, überwand die Bedenken. Beim Zerschlagen stellte sich aber heraus, dass der Inhalt aus dreizehn in Leder gebundenen Papyrus-Kodizes bestand, deren Wert zunächst nicht erkannt wurde. Einer dieser dreizehn Kodizes ging offenbar verloren (der heute als Kodex XIII gezählte Band war Teil von Kodex VI).

Zunächst sollten sie aufgeteilt werden, schließlich wurden sie von den anderen Bauern aber Muhammed Ali überlassen, der sie nach Hause in das Dorf al-Qasr mitnahm. Dort warf er sie in die Nähe des Ofens, und einige Teile des verdächtigen Schriftguts wurden von Muhammed Alis Mutter Umm Ahmad verheizt (vermutlich der größere Teil von Kodex XII, der Einband von Kodex X und einige heute fehlende lose Blätter und Fragmente).

Da Muhammed Ali wegen der Ermordung seines Vaters in eine Blutfehde verwickelt war und die Polizei sein Haus schon öfter durchsucht hatte, deponierte er die Bücher bei einem koptischen Priester namens Basilius Abd al-Masih. Dessen Schwager Raghib Andrawus erkannte den möglichen Wert und nahm sie nach Kairo mit. Hier zeigte er sie einem koptischen Arzt, George Sobhi, der das Amt für Altertümer verständigte. Nach einigen Verhandlungen und einer Aufwandsentschädigung von 300 £ ging der Fund in den Besitz des ägyptischen Staates über. Am 4. Oktober 1946 wurde er in die Bestände des Koptischen Museums in Kairo aufgenommen.

Ein Teil des Fundes war aber zuvor schon in den Besitz von Nachbarn Muhammed Alis gelangt, von wo sie den Weg nach Kairo fanden und in die Hände eines zypriotischen Händlers namens Phokion Tano gerieten. Insbesondere ein Band, der heutige Kodex I, wurde von einem belgischen Antiquar namens Albert Eid erworben und außer Landes gebracht. Dieser Kodex wurde am 10. Mai 1952 vom Jung-Institut in Zürich gekauft, weshalb er heute auch als Codex Jung bekannt ist. Nach einigen Verwicklungen und Verzögerungen landete auch dieser im Koptischen Museum, ebenso wie die noch in den Händen von Tano verbliebenen Bände, der sie inzwischen an eine italienische Sammlerin namens Dattari verkauft hatte.

Bedeutung und Inhalt

Die Texte, die zum Teil stark beschädigt sind, wurden nach ihrer Rekonstruktion als Einzelschriften veröffentlicht (herausgegeben von Martin Krause und Pahor Lahib sowie in einem konkurrierenden Projekt von Johannes Leipoldt und Hans-Martin Schenke). Erst seit 1977 sind sie durch eine englische Gesamtübersetzung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Nag Hammadi ist neben Qumran der wichtigste Fund für die Erforschung des frühen Christentums und des Gnostizismus.

Die Schriften stammen aus verschiedenen Richtungen der Gnosis, so sind Schriften der Valentinianer und solche, die der sethianischen Gnosis zugerechnet werden, vertreten. Neben diesen gibt es auch stärker christlich geprägte Texte. Die christliche Richtung hat sich als rechte Auslegung des Christentums verstanden und die theologische Spekulation innerhalb der Kirche stark gefördert. Daneben gibt es auch hermetisch und weisheitlich ausgerichtete Texte und solche, die überhaupt nichts mit Gnosis zu tun haben, wie ein Fragment aus Platons Staat.

Die Titel sind entweder dem sogenannten Kolophon entnommen, in dem sie zum Teil aber schon sekundäre Nachträge darstellen, oder im Zuge der Übersetzung neu gesetzt worden. Die meisten Texte waren vor der Entdeckung der Nag-Hammadi-Schriften unbekannt, jedoch gibt es auch solche, die ganz oder teilweise an anderer Stelle gefunden wurden, wie das Thomasevangelium oder das Apokryphon des Johannes. Bei den frühen Kirchenlehrern finden sich Erwähnungen oder kurze Zitate in verurteilenden Streitschriften, die vom Titel oder Inhalt her Anspielungen auf Nag-Hammadi-Schriften sein könnten (siehe auch: Apokryphen), jedoch sind diese oft zu unpräzise oder bezeichnen, wie beim Ägypterevangelium, andere Texte.

Der Nag-Hammadi-Fund hat nicht nur Bedeutung für die koptische Dialektkunde und stellt eine Bereicherung für die Gnosisforschung dar. Die Schriften entfalten auf ganz unterschiedliche Weise Beschreibungen der himmlischen Welt sowie die damit verbundenen kosmogonischen, soteriologischen und eschatologischen Fragen. Hervorzuheben ist auch die enkratitische und ethische Ausrichtung vieler Texte. Einige Texte bieten einen einzigartigen Einblick in die gnostische Polemik gegen das Kirchenchristentum, andere, wie das Gebet des Paulus, das Hermetische Gebet und die Drei Stelen des Seth sowie zahlreiche hymnische Traditionen, geben einen Einblick in gelebte gnostische Frömmigkeit.

Die Schriften sind wie bei jenen des Neuen Testamentes oft Aposteln zugeschrieben, damit gehören sie als pseudapostolische Schriften zu den Apokryphen des neuen Testaments. Besondere Bedeutung hat dabei das Thomasevangelium, eine wohl schon im 2. Jahrhundert bekannte Sammlung von Jesussprüchen. Diese haben zum Teil Parallelen in den synoptischen Evangelien, wobei die 114 Logien im Thomasevangelium teilweise ein älteres Stadium der Überlieferung widerzuspiegeln scheinen. Aus diesem Grund hat das Thomasevangelium vor allem in der nordamerikanischen Forschung für die Frage nach dem historischen Jesus einen hohen Stellenwert.

In breiterer Öffentlichkeit ist das Thomasevangelium durch den Film "Stigmata" mit dem (frei übersetzten) Satz bekannt geworden:

Jesus sprach: Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich finden, spaltet ein Holz, und ich bin da. (Thomasevangelium, Vers 77)

Ein häufiges Motiv ist das der Sonderoffenbarung: Zwischen Auferstehung und Himmelfahrt erscheint Jesus einzelnen oder allen Jüngern und lehrt sie esoterische Lehren, die der übrigen Christenheit geheim bleiben sollen. Eine besondere Rolle kommt hierbei auch der Jüngerin Maria Magdalena zu. Ausgangspunkt der Sonderoffenbarung ist die Erscheinung des Auferstandenen (Mk 16,9-20; Mt 28, 16-20; Lk 24,36-53 und Apg 1,1-14). Nach der Apostelgeschichte redet der auferstandene Christus vierzig Tage mit seinen Jüngern über das Reich Gottes. Diese Gespräche des Auferstandenen wollen einige Nag-Hammadi-Texte wiedergeben. Gesonderte Gespräche des Auferstandenen (mit Maria Magdalena und zwei namentlich nicht genannten Jüngern) sind im Markus-Schluss erwähnt.

Liste der Nag-Hammadi-Texte

Die folgende Liste folgt in der Anordnung der heute gebräuchlichen Nummerierung der Kodizes und Schriften, ein Verweis auf NHC I,5 meint also die Schrift Der dreiteilige Traktat. Die Titel der Schriften und die Abkürzungen folgen der deutschen Übersetzung von Lüdemann und Janßen. Mehrfach in den Kodizes überlieferte Schriften wie z.B. das Apokryphon des Johannes (II,1; III,1; IV,1) erscheinen nach dem ersten Auftreten kursiv.

Titel Kodex, Nr. Abkürzung Beschreibung
Das Gebet des Apostels Paulus I,1 OrPls Gnostisches Gebet
Der Brief des Jakobus I,2 EpJk Der Form nach eine Mischung aus Brief, Dialog und Visionsbericht. Gibt eine Geheimlehre (Apokryphon) wieder, die Jakobus und Petrus nach der Auferstehung von Jesus empfangen haben (nicht identisch mit dem Brief des Jakobus im Neuen Testament!).
Das Evangelium der Wahrheit I,3 EvVer Homiletischer Text mit Anklängen an die valentinianische Gnosis
Der Rheginusbrief I,4 EpRheg Auch bekannt als Abhandlung über die Auferstehung.
Der dreiteilige Traktat (Tractatus Tripartitus) I,5 TracTrip  
Das Apokryphon des Johannes II,1 AJ  
Das Thomasevangelium II,2 EvTh  
Das Philippusevangelium II,3 EvPhil  
Das Wesen der Archonten II,4 HypArch  
Die Schrift ohne Titel (Über den Anfang der Welt) II,5 OT  
Die Exegese über die Seele II,6 ExAn  
Das Thomasbuch II,7 LibTh Auch als Buch des Athleten Thomas bekannt.
Das Apokryphon des Johannes III,1 AJ siehe oben (II,1)
Das koptische Ägypterevangelium III,2 EvÄg  
Der Eugnostosbrief III,3 Eu  
Die Sophia Jesu Christi III,4 SJC  
Der Dialog des Erlösers III,5 DialSal  
Das Apokryphon des Johannes IV,1 AJ siehe oben (II,1)
Das Ägypterevangelium IV,2 EvÄg siehe oben (III,2)
Der Eugnostosbrief V,1 Eu  
Die Apokalypse des Paulus V,2 ApokPls  
Die erste Apokalypse des Jakobus V,3 1ApokJk  
Die zweite Apokalypse des Jakobus V,4 2ApokJk  
Die Apokalypse des Adam V,5 ApokAd  
Die Taten des Petrus VI,1 ActaPetr  
Bronte VI,2 Bronte  
Die ursprüngliche Lehre VI,3 AuthLog  
Der Gedanke unserer großen Kraft VI,4 Noema  
Plato: Staat 588a-589b VI,5 Plato Der Originaltext ist nicht gnostisch, die in den Nag-Hammadi-Texten enthaltene Version wurde jedoch stark im gnostischen Sinn modifiziert.
Über die Achtheit und die Neunheit VI,6 OgEn  
Hermetisches Gebet VI,7a OrHerm  
Schreibernotiz VI,7b SchrNot  
Asklepius VI,8 Askl  
Die Paraphrase des Seem VII,1 ParaSeem  
Der zweite Logos des großen Seth VII,2 2LogSeth  
Die Apokalypse des Petrus VII,3 ApokPetr  
Silvanus VII,4 Sil  
Die drei Stelen des Seth VII,5 3StelSeth  
Zostrianos VIII,1 Zostr  
Der Brief des Petrus VIII,2 EpPetr/Phil  
Melchisedek IX,1 Melch  
Norea IX,2 Norea  
Testmonium Veritatis IX,3 TestVer  
Marsanes X,1 Mars  
Die Interpretation der Gnosis XI,1 Inter  
Valentinianische Exposition XI,2 ExVal  
Allogenes XI,3 Allog  
Hypsiphrone XI,4 Hyps  
Die Sentenzen des Sextus XII,1 SentSex  
Das Evangelium der Wahrheit XII,2 EvVer  
(Weisheits-) Fragmente XII,3 FragSap  
Die dreigestaltige Protennoia XIII,1 TrimProt  
Die Schrift ohne Titel (Über den Anfang der Welt) XIII,2 OT  

Ausgaben

Die Originaltexte zusammen mit Übersetzungen ins Englische und Apparat wurden im Rahmen der Schriftenreihe Nag Hammadi Studies (NHS) editiert. Die folgende Tabelle zeigt Kodex und Schriftennummer mit dem entsprechenden NHS-Band:

Kodex, Nr. Titel
I Attridge, H. (Hrsg.), Nag Hammadi Codex I (The Jung Codex)
  • Vol. I. Introductions, Texts, Translations, Indices. NHS XXII. Leiden: Brill, 1985.
  • Vol. II. Notes. NHS XXIII. Leiden: Brill, 1985.
II,2-7

XIII,2

Layton, B. (Hrsg.), Nag Hammadi Codex II, 2-7: Together with XIII,2*, BRIT. LIB. OR.4926(1), and P. OXY. 1, 654, 655.
  • Vol. I. Gospel according to Thomas, Gospel according to Philip, Hypostasis of the Archons, and Indexes. NHS XX. (The Coptic Gnostic Library, ed. J.M.Robinson). Leiden: Brill, 1989.
  • Vol. II. On the Origin of the World, Expository Treatise on the Soul, Book of Thomas the Contender. NHS XXI. Leiden: Brill, 1989.
III,3-4

V,1

Parrott, D.M. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices III,3-4 and V,1: Papyrus Berolinensis 8502,3 and Oxyrhynchus Papyrus 1081: Eugnostos and the Sophia of Jesus Christ. NHS XXVII. Leiden: Brill, 1991.
III,5 Emmel, S. (Hrsg.), Nag Hammadi Codex III,5: The Dialogue of the Savior. NHS XXVI. Leiden: Brill, 1984.
V,2-5

VI

Parrott, D.M. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices V,2-5 and VI with Papyrus Berolinensis 8502, 1 and 4. NHS XI. Leiden: Brill, 1979.
VIII Sieber, J.H. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices VIII. NHS XXXI. Leiden: Brill, 1991.
IX

X

Pearson, B.A. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices IX and X. NHS XV. Leiden: Brill, 1981.
XI

XII
XIII

Hedrick, C.W. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices XI, XII, XIII. NHS XXVIII. Leiden: Brill, 1990.

Englische Übersetzung der Nag-Hammadi-Texte:

James M. Robinson, The Nag Hammadi Library in English, 1978, ISBN 0-06-066934-9

Deutsche Standardausgabe ist das Werk "Nag Hammadi Deutsch" des Berliner Arbeitskreises für Koptisch-Gnostische Schriften, eines langfristigen Forschungsprojektes, ursprünglich unter Leitung von Hans-Martin Schenke:

Hans-Martin Schenke u.a. (Hrsg.): Nag Hammadi deutsch. Eingel. und übers. von Mitgliedern des Berliner Arbeitskreises für Koptisch-Gnostische Schriften. de Gruyter, Berlin/New York 2001/2003

Eine weitere Übersetzung des gesamten Textbestands mit Einleitungen von Gerd Lüdemann und Martina Janßen ist unter dem Titel "Bibel der Häretiker" erschienen (auch im Internet verfügbar; siehe Weblinks):

Gerd Lüdemann, Martina Janßen (Übers.): Die Bibel der Häretiker. Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi - Erste deutsche Gesamtübersetzung. Stuttgart 1997. ISBN 3-87173-128-5

Ein Teil der Texte erschien übersetzt in:

Martin Krause, Kurt Rudolph: Die Gnosis. Bd. 2.: Koptische und mandäische Quellen. Artemis Verlag, Zürich u. Stuttgart 1971. Neuausgabe: Artemis & Winkler, Düsseldorf u. Zürich 1997. ISBN 3-7608-1150-7

Für den populären Gebrauch sind diejenigen Nag-Hammadi-Texte, deren Textbestand weitgehend erhalten ist, neu formuliert und kommentiert von Konrad Dietzfelbinger in vier Einzelbänden entsprechend Dietzfelbingers Klassifikation der Texte in der Edition Argo erschienen:

Konrad Dietzfelbinger:

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Monografien