NS-Forschung
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NS-Forschung

Als NS-Forschung fasst die deutschsprachige Geschichtswissenschaft alle historischen Untersuchungen zur Zeit des Nationalsozialismus seit 1945 zusammen. Dieser Oberbegriff umfasst empirische Studien zu Einzelbereichen, Entstehungsbedingungen und Auswirkungen sowie Gesamtdeutungen der NS-Herrschaft und deren Erforschungsmethoden.

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Als Erforschung der Zeitgeschichte hat besonders die deutsche NS-Forschung eine besondere Funktion für die Identität der Bundesrepublik Deutschland, da deren Gesellschaftssystem sich als umfassende moralische, politische, soziale und strukturelle Abkehr vom Nationalsozialismus legitimiert. Dabei kam es seit den 1960er Jahren zu intensiven und zeitweise stark polarisierten historischen Kontroversen um die Deutung der NS-Zeit und ihr Verhältnis zur übrigen Geschichte Deutschlands, darunter dem Historikerstreit von 1986ff. Diese beeinflussten auch die internationale Forschung und wirken bis heute nach.

Wesentliche Themen der NS-Forschung sind

Nachkriegszeit

Apologetik des Nationalstaats

Die ersten Nachkriegswerke von Friedrich Meinecke (Die deutsche Katastrophe, 1946) und Gerhard Ritter (Die Dämonie der Macht, 1948) versuchten, die Deutschen von pauschalen Vorwürfen einer Kollektivschuld zu entlasten. Beide sahen den Nationalsozialismus nicht als Ergebnis spezifisch deutscher, sondern gesamteuropäischer Entwicklungen; Meinecke machte das preußische „Herrenmenschentum“ und die „innere Fremdherrschaft“ eines „Verbrecherclubs“, Ritter den gesamteuropäischen Jakobinismus als Erbe der Französischen Revolution und die „dämonische“ Machthybris Adolf Hitlers für die NS-Verbrechen verantwortlich. Dabei betonten sie die Kontinuität des Nationalstaats und wollten den „Irrweg“ des Nationalsozialismus durch Rückgriff auf bewährte historische, der Objektivität verpflichtete Methodik überwinden.

Institutionalisierung

Ab 1950 standen der Forschung die Akten der ersten Nürnberger Prozesse zur Verfügung. Mit dem 1949 gegründeten Institut für Zeitgeschichte wurde die NS-Forschung als systematische Spezialdisziplin eingerichtet. Die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte erschienen ab 1953 und haben bis heute zentralen Rang für den Fortgang des historischen Diskurses zu Holocaust und NS-Zeit, auch in wissenschaftstheoretischer Hinsicht (Hans Rothfels: Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Bedeutung, 1953).

Auch am 1948 gegründeten, 1951 so genannten Friedrich-Meinecke-Institut wurde eine Abteilung für Neuere Geschichte eingerichtet, an der auch Holocaust- und NS-Forscher arbeiten.

Damit setzte empirische Detailforschung zu Aufstieg und Machtübernahme der NSDAP ein, aus der erste Gesamtdarstellungen hervorgingen. Diese kombinierten Ereignisabläufe und Strukturanalyse des NS-Regimes. Diese Methodik setzte Maßstäbe und machte diese Studien rasch zu Standardwerken.

Studien zur „Machtergreifung“ und Herrschaftsstruktur

Ein erstes Werk, das die Herrschaftsstruktur im Dritten Reich thematisierte, war Eugen Kogons Buch Der SS-Staat (1946). Er zeichnete das heute überholte Bild eines perfekt funktionierenden Terrorregimes, ohne jedoch zu einer konsequent empirischen Bestandsaufnahme und eindringenden Analyse der verschiedenen beteiligten Behörden, Tätergruppen und Verantwortungsgrade vorzudringen.

In Österreich stellte Walter Petwaidic dagegen das institutionelle Chaos der NS-Herrschaft heraus (Die autoritäre Anarchie 1946). Er knüpfte dabei an Ernst Fraenkels Buch The Dual State (1941) und Franz Neumanns Behemoth (1944) an: Das NS-Regime habe Krieg und Holocaust keineswegs als einheitlicher Block durchgeführt, sondern als Zusammenspiel der Machtzentren NSDAP, Verwaltung, Wehrmacht und Großindustrie. Deren konkurrierende Interessen hätten teilweise widersprüchliches Vorgehen und Chaos bewirkt, das nur die „charismatische Führergewalt“ habe bändigen können. Dies nahm zwei Grundthesen späterer Forschung vorweg.

Karl Dietrich Bracher veröffentlichte 1955 Die Auflösung der Weimarer Republik. In dem Aufsatz Stufen totalitärer Gleichschaltung beschrieb er bereits 1956 das Nebeneinander von zentralistischer Gleichschaltung und Ämterchaos der verschiedenen NS-Machtgruppen. Er sah in ihrem Gegeneinander aber keine Schwächung, sondern eine Voraussetzung der Führungsrolle Adolf Hitlers.

Dem folgte 1960 mit Wolfgang Sauer und Gerhard Schulz Die nationalsozialistische Machtergreifung. Schulz beschrieb die Zentralgewalt als „'Polykratie' straff zentralisierter Ressorts“, die sich immer stärker verselbständigten, und führte dies auf den „ungezügelten Bewegungsdrang“ des Nationalsozialismus zurück. Diese Aufsplitterung habe Hitlers „überwölbende absolute Autorität“ gerade begründet. Schulz deutete den Widerspruch zwischen totalem Herrschaftsanspruch und chaotischen Strukturen des NS-Regimes also als zwei einander ergänzende Aspekte des „Führerstaats“.

Ebenfalls 1960 gaben Erich Matthias und Rudolf Morsey die Dokumentensammlung Das Ende der Parteien 1933 heraus. Diese NS-Studien der 1950er Jahre nahmen spätere Fragestellungen vorweg, integrierten strukturelle und ideologische Faktoren des Nationalsozialismus jedoch in das politische Erklärungsmodell des Totalitarismus, wie ihn Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft 1951 definiert hatte. Diese verglich Nationalsozialismus und Stalinismus nicht, um diese gleichzusetzen, sondern um ihre jeweilige Eigenart gegenüber älteren Diktaturformen genauer zu erfassen und so „das Rätsel der Strukturlosigkeit des totalitären Staates“ zu lösen (ebd., S. 618).

Deutungskontroverse

Martin Broszats Buch Der Staat Hitlers von 1969 war eine erste Gesamtdarstellung der Innen- und Außenpolitik des Dritten Reiches, jedoch begrenzt auf die Phase vom Machtantritt 1933 bis zum Kriegsbeginn 1939. Daran schloss sich die methodische Grundsatzdebatte an, deren Beteiligte zunehmend in die Etiketten Intentionalisten oder Programmologen und Strukturalisten oder Funktionalisten eingeordnet und polarisiert wurden.

Intentionalisten

Die Gruppe der Intentionalisten nimmt an, dass sich in der Politik des Dritten Reiches das Programm Adolf Hitlers, seine Absichten und Ziele realisiert haben. Hauptcharakteristikum des Nationalsozialismus ist hier die inhärente Finalität im Denken Hitlers. Die Intentionalisten stellen Hitler ins Zentrum des Dritten Reiches.

Funktionalisten

Die Funktionalisten betonen dagegen, dass sich die Tätigkeit Hitlers im Dritten Reich auf sog. Weltanschauungsfragen beschränkt habe. Ansonsten hätte sich die Politik aus dem Gegen- und Miteinander rivalisierender Gruppen, aus Eigendynamik und selbst geschaffenen Sachzwängen ergeben. Hauptcharakteristikum des Nationalsozialismus sei hier die Improvisation von Entscheidungen, charakteristisch sei die kumulative Radikalisierung konkurrierender Gruppen. Friedländer definiert die funktionalistischen Grundannahmen folgendermaßen: „Das nationalsozialistische Herrschaftssystem war weithin chaotisch, und wichtige Entscheidungen waren oft das Ergebnis unterschiedlichster Bestrebungen, wobei jede zentrale Planung, Vorüberlegung oder klare Befehle von oben, die die Ziele und Mittel zur Durchführung einer Politik angaben, fehlten.“[9]

Die Zivilisationsbruch-These

Jürgen Habermas entwickelte in den Aufsätzen Eine Art Schadensabwicklung, Vom öffentlichen Gebrauch der Historie und Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identität das Konzept des Zivilisationsbruches.[15][16][17] Er stellt dabei einleitend drei Fragen:[18][19]

Die ersten beiden Fragen fasst Habermas in drei Thesen zusammen:

Daraus folgt als Zusammenfassung die Singularitätsthese im Sinne Habermas’: Die vorangehenden drei Annahmen verbieten es, die Unvertretbarkeit der uns zugemuteten Haftung durch einebnende Vergleiche herunterzuspielen.[20]

Als zweites entwickelt Habermas die sogenannte Zivilisationsbruchthese. Auschwitz sei die Signatur eines Zeitalters. Dort sei an eine tiefe Schicht der Solidarität zwischen allem, was Menschenantlitz trägt, gerührt worden. Die Integrität dieser Tiefenschicht sei bis dahin unhinterfragt unterstellt gewesen. Aber durch Auschwitz sei die Naivität zerstört worden, aus der fraglose Überlieferungen ihre Autorität schöpften und geschichtliche Kontinuitäten gezehrt hatten. Deshalb wären durch die Naziverbrechen die Bedingungen für die Kontinuierung geschichtlicher Lebenszusammenhänge verändert worden. Das ist die Zivilisationsbruchthese.[21]

Die Historisierung des Nationalsozialismus

Beispiel

Was Historisierung bedeutet, kann am Beispiel von Lutz Niethammers Studie über „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ erläutert werden. Dabei wurden Zeitzeugen über ihre Einschätzung befragt, welche Zeit sie subjektiv als gute und schlechte Zeiten in Erinnerung hätten. Das Ergebnis sieht zusammengefasst folgendermaßen aus:

Daraus lässt sich schließen, dass die subjektive Beurteilung der eigenen Lebenssituation die politischen Systemgrenzen ignoriert und nicht nach moralischen Kriterien erfolgt.

Begriffsbestimmung und Definition

Wenn man eine Begriffsbestimmung vornehmen will, so lässt sich das am besten mit einem Wort von Martin Broszat illustrieren: „Wenn das Dritte Reich beginnt, geht der Autor auf Distanz. Das Einfühlen in historische Zusammenhänge bricht ebenso ab, wie die Lust am geschichtlichen Erzählen.“

Saul Friedländer unterscheidet in einer systematischen Darstellung vier Elemente der Historisierung:

Die Phasen der Historisierung

Die Sozialgeschichtsforschung in den 50er und 60er Jahren vermutet als wesentliche Ursache für das politische Erstarken der Nationalsozialisten in der Weimarer Zeit die durchgängige Autoritätsfixiertheit der deutschen Bevölkerung, die ihrerseits durch das Fehlen einer wirklichen politischen und gesellschaftlichen Revolution im 19. Jahrhundert bedingt sei. Daraus folgte die Annahme, dass sich Deutschlands Herrschaftseliten vom Kaiserreich über Weimar und Drittes Reich bis in die frühe Bundesrepublik hinübergerettet hätten. Daraus folgt der politische Versuch, diese Herrschaftseliten durch moderne Leistungs- und Managementeliten abzulösen, und die Forderung nach einer gesellschaftlichen und politischen Modernisierung der Bundesrepublik, was sich in der Ära Willy Brandts tatsächlich einlöste.

In den 70er Jahren geht die sozialgeschichtliche Forschung weiter, nachdem ihr die Delegitimation der deutschen Herrschaftseliten in der jungen Bundesrepublik gelungen ist. Jetzt befindet man sich in einer Zeit der gesellschaftlichen und politischen Modernisierung und die selben linken Sozialgeschichtler stellen die Frage nach dem Beginn dieser Modernisierung in Deutschland. Jetzt wurde die kontroverse These entwickelt, dieser Modernisierungsschub habe seinen Beginn im Dritten Reich gehabt.

Konservative Historiker benutzen nun das Historisierungsparadigma und wenden es, begleitet von geschichtsrevisionistischen Erklärungen (bei Nolte die Infragestellung der Kriegsschuld), politisch gegen links. Daraus ergibt sich nun eine unübersichtliche Gemengelage von Fragen und Problemen: Wenn man die mittleren Herrschaftseliten im Dritten Reich als Hauptakteure betrachtet und den Nationalsozialismus in ein historisches Kontinuum zwischen Weimar und der Bundesrepublik einordnet, erhält man ein erhebliches Legitimationsproblem und gerät im Zweifelsfalle sogar in die Nähe revisionistischer Positionen. Dies drückt sich dann in konkreten wissenschaftlichen Streitfragen aus, zum Beispiel im Falle der sogenannten „Entschlussbildung“.

Siehe auch

Einzelbelege

  1. Karl Dietrich Bracher: Die Deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus. Köln/Berlin 1969. S.399-401. zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S. 29.
  2. Eberhard Jäckel: Hitlers Weltanschauung. S. 71.f
  3. Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung in Jäckel 1987 S. 47
  4. Saul Friedländer, L'Allemagne nazie et le genocide juif, Gallimard, Le Seuil, 1985, S. 177f.
  5. Tim Mason: Intention and Explanation: A Current Controversy about the Interpretation of National-Socialism. In: Gerhard Hirschfeld und Lothar Kettenacker (Hrsg.): Der Führerstaat, Mythos und Realität. Stuttgart 1981. S. 29.
  6. Klaus Hildebrand: Monokratie oder Polykratie? Hilters Herrschaft und das Dritte Reich. In: Gerhard Hirschfeld und Lothar Kettenacker (Hrsg.): Der Führerstaat, Mythos und Realität. Stuttgart 1981, S. 73ff
  7. Gerald L. Fleming: Hitler und die Endlösung. München 1982, S. 113f. Zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S. 28.
  8. Ino Arndt, Wolfgang Scheffler: Organisierter Massenmord an Juden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 24 (1976) S. 112. Zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung, Jäckel 1987, S. 29.
  9. Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. in: Jäckel 1987. S. 30.
  10. Hans Mommsen: Die Realisierung des Utopischen. Die „Endlösung der Judenfrage“ im Dritten Reich. In: Geschichte und Gesellschaft (GG) 9 (1983), S. 386. Zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S 31f
  11. Hans Mommsen: Die Realisierung des Utopischen. Die „Endlösung der Judenfrage“ im Dritten Reich. In: Geschichte und Gesellschaft (GG) 9 (1983), S. 387
  12. Uwe Dietrich Adam: Judenpolitik im Dritten Reich. Düsseldorf 1972. S. 357. Zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S 32.
  13. Martin Broszat: Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 18 (1970) S. 405-408. Zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S. 31
  14. Martin Broszat: Hitler und die Genesis der Endlösung. Aus Anlaß der Thesen von David Irving. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 25 (1977) S. 752f. Zitiert nach: Saul Friedländer: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. In: Jäckel 1987, S. 33
  15. Jürgen Habermas: Geschichtsbewußtsein und posttraditionale Identität. Die Westorientierung der Bundesrepublik. In: Jürgen Habermas 1987
  16. Jürgen Habermas: Eine Art Schadensabwicklung. In: Die Zeit vom 11. Juli 1986. Abgedruckt mit einer Ergänzung in: Jürgen Habermas 1987
  17. Jürgen Habermas: Vom öffentlichen Gebrauch der Historie. In: Die Zeit vom 07. November 1986. Abgedruckt mit einer Ergänzung in: Jürgen Habermas 1987.
  18. Jürgen Habermas: Vom öffentlichen Gebrauch der Historie. In: Die Zeit vom 07. November 1986. Abgedruckt mit einer Ergänzung in: Jürgen Habermas 1987, S. 140
  19. Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Heidelberg 1946
  20. Jürgen Habermas: Vom öffentlichen Gebrauch der Historie. In: Die Zeit vom 07. November 1986. Abgedruckt mit einer Ergänzung in: Jürgen Habermas 1987, S. 144
  21. Jürgen Habermas: Geschichtsbewußtsein und posttraditionale Identität. Die Westorientierung der Bundesrepublik. In: Jürgen Habermas 1987. S. 163
  22. Saul Friedländer: Überlegungen zur Historisierung des Nationalsozialismus. In: Jäckel 1987, S 37f

Literatur