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Poetik

Die Poetik (griechisch ποιητική [τέχνη] - Dichtkunst) ist die Lehre von der Dichtkunst. Als Dichtungstheorie setzt sie sich theoretisch mit dem Wesen der Dichtung, mit ihrer Wirkung, ihrem Wert, ihren Aufgaben, ihren Funktionen, ihren spezifischen Ausdrucksmitteln und ihren poetischen Gattungen auseinander. Dabei bewegen sich die theoretischen Abhandlungen darüber zwischen dem Pol der Kunsttechnik einerseits und dem Pol der Literaturphilosophie andererseits; die Verfasser versuchen das Wesen der Dichtung zu fassen, indem sie durch Abgrenzungen das, was Dichtung oder Poesie „eigentlich“ sei und als Poetizität bezeichnet wird, von dem abheben, was ihrer Meinung nach nicht Dichtung oder „Unpoesie“ ist. Der Standpunkt, dass Poetik eine reine Kunsttechnik ist, kann bis zu einer normativen Regelpoetik führen, wie es bis zum 18. Jahrhundert der Fall war. Die normative Regelpoetik formuliert praktische, erlernbare Anweisungen zur "richtigen" Erstellung poetischer Kunstwerke - eine Theorie und Praxis, die stark von der Rhetorik beeinflusst ist. Johann Christoph Gottsched ist der letzte deutsche normative Regelpoetiker, der diese Einstellung durch zahlreiche Schriften zu rechtfertigen sucht. In diesem Zusammenhang diszipliniert sich die Poetik auch als Dichtungskritik (und Literaturkritik) und ist seitdem eine unentbehrliche, aber auch problematische Grundwissenschaft der Literaturwissenschaft. Verstärkte Bemühungen zeigen sich in einer objektiven Bestimmung des dichterischen Wesens, die mehr bieten möchte als bloße subjektive Geschmacksurteile. In der neueren Forschung versuchen Literaturwissenschaftler, das Sein und der Seinsgrund der Dichtung von ontologischen (Roman Ingarden), erkenntnistheoretischen (Ernst Wolff) oder logischen (Käte Hamburger) Ansätzen her zu ermitteln und zu ergründen. Von der Philosophie aus betrachtet, ist die Poetik ein Teilbereich der Ästhetik, die historisch gesehen selber aus der Poetik herausgegangen ist. Das Adjektiv poetologisch bezieht sich auf die Poetik, wohingegen das Adjektiv poetisch sich meist auf die Poesie bezieht.

Inhaltsverzeichnis

Europäische Verfasser von Poetiken und ihre Reflexionen über Poetik

Antike und Spätantike

Wichtige systematische Abhandlungen über: Gattungspoetik (bes. Tragödie, z.T. auch Komödie, Epos), Dichtkunst als mimetische Kunst (Konzept der Mimesis), Wirkungsästhetik (bes. der Tragödie, Konzept der Katharsis).

Wichtige Abhandlungen über: Lehre vom decorum (von der "Angemessenheit" einzelner formaler Elemente, wie z.B. Gattung, Versart), Definition der Aufgaben des Dichters als ("aut prodesse volunt aut delectare poetae") nützen und Vergnügen bereiten, das bis zur Aufklärung missverstandene Mimesis-Konzept ut pictura poesis ("ein Gedicht ist wie ein Bild").

Charakteristika der Abhandlungen in der Spätantike: Verschiebung des Interesses von stilkritischen Fragen und von theoretischen und literaturkritischen Ansätzen zum normativen Regelkanon, streng definiert nach der techné der Rhetorik und aufbauend auf dem Dualismus von res und verba ("Stoff und sprachliche Form").

Mittelalter

(Poetik wurde im gesamten Mittelalter nur im Rahmen der Rhetorik behandelt, im Lehrsystem der septem artes liberales "Die sieben freien Künste".)

Knappe Abhandlung der Verslehre

Umfangreiche Lehrbücher einer rhetorisch bestimmten Ars versificatoria ("Dichtkunst"): Lehre von der Amplificatio ("Erweiterung" verstanden als die kunstvolle Aufschwellung einer Aussage über das zur unmittelbaren Verständigung Nötige hinaus) als Hauptaufgabe des Dichters und Lehre vom Ornatus ("Schmuck" der Rede durch rhetorische Figuren und Tropen ). Weiterführung der Zwei-Stil-Lehre (ornatus facilis "leichter Stil" und ornatus difficilis "schwerer, dunkler Stil") begründet auf der antiken Unterscheidung von Attizismus und Asianismus; Umdeutung der Drei-Stil-Lehre (genera dicendi "Redegattungen" unterscheidet den stilus gravis/sublime, stilus mediocris und stilus humilis "hoher/erhabener, mittlerer und niederer/schlichter Stil") auf das mittelalterliche Ständesystem.

Durchbruch des engen Rahmens der mittelalterlichen ars versificatoria durch die Hinwendung zur volkssprachlichen Dichtung.

Frühhumanismus (Italien)

Neubewertung und Gleichstellung der Dichtung mit der (im MA alles beherrschenden) Theologie.

Renaissance und Barock (Italien)

Intensive Beschäftigung mit der antiken Dichtung und Rhetorik führt zur Neuentdeckung der Poetik des Aristoteles und des Horaz; es folgen zahlreiche Übersetzungen ihrer Werke:

Uminterpretierung der Aristotelischen und Horazschen Poetiken zugunsten des normativen Regelsystems der Rhetorik: der Dichter wird als poeta doctus oder poeta eruditus gesehen, der als gelehrter und gebildeter Dichter über die Regeln der Poetik und Rhetorik verfügt, d.h. weder aus göttlicher Inspiration (poeta vates) noch aus der Kraft der eigenen Subjektivität (Originalgenie), für ein gebildetes Publikum schafft. Die aristotelische Mimesis wird als imitatio ("Nachahmung") verstanden, bei der die aristotelische Wahrscheinlichkeitslehre (Dichtung ist Fiktion beruhend auf den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit - nicht beruhend auf der Realität!) grundlegend verkannt wird; im Zuge dieser Missdeutung findet eine Flut von Nachahmungen mustergültiger klassischer Autoren (Vergil für das Epos, Seneca für das Drama) statt (imitatio veterum). Der Zweck der Dichtung sei die Dreiheit von docere et probare ("belehren und argumentieren" mittels des stilus humilis), delectare ("unterhalten" mittels des stilus mediocris) und flectere et movere ("rühren und bewegen" mittels des stilus gravis/sublime). Das Konzept der Katharsis wird im Sinne eines moralischen Erziehungsprogramms umgedeutet: die Tragödie soll Laster vorführen, die bei den Zuschauern Furcht und Mitleid (ursprünglich bei Aristoteles éleos und phóbos "Jammer und Schauder") erzeugt, welches wiederum zur sittlichen Läuterung führen soll. Die Lehre von den drei genera dicendi wird in der Ständeklausel verfestigt und mit dem Gesetz der Fallhöhe (je höher der soziale Rang des tragischen Helden ist, desto schlimmer und tiefer wird sein Fall vom Publikum empfunden) in die aus dem Wahrscheinlichkeitsdogma abgeleiteten Lehre von den drei Einheiten in die Tragödientheorie des Aristoteles hineininterpretiert.

Die Poetik des literarischen Manierismus versteht sich als Gegenbewegung zur klassizistischen Renaissance-Poetik. Gefordert wird eine Befreiung von klassizistischen Regeln und dem Wahrscheinlichkeitsdogma zugunsten der poetischen Einbildungskraft. Besonders beliebt ist die überreiche Verwendung von Tropen, Metaphern und Concetti (spitzfindige Wendungen), um die Wirklichkeit in der uneigentlichen, aber phantasievollen und auch intellektuellen Sprechweise in das Bizarre, Groteske, Phantastische und Traumhafte zu steigern, zu verzerren und schließlich aufzulösen.

Die Kontroverse zwischen klassizistischen und manieristischen Poetiken spaltet die italienische Dichtung und Dichtungslehre in einen traditionellen klassizistisch, attizistisch) und einen progressiven, experimentierfreudigen (asianistisch) Typus; selbige Kontroverse findet sich auch in der sogenannten Querelle des Anciens et des Modernes in Frankreich wieder.

Renaissance und Barock (Frankreich)

(Auch hier zunächst die klassizistische Orientierung an antiken Vorbildern und an der italienischen Dichtung und Dichtungstheorie.)

Allen Werken ist der normative Charakter, die klassizistische Tragödientheorie mit der Ständeklausel, die Lehre von den drei Einheiten mit der moralisch-pädagogischen Umdeutung der Katharsis gemeinsam. Die Dichtung muss sich generell nach dem Gebot der raison (Vernunft"), der vraisemblance ("Wahrscheinlichkeit") und der bienséance ("Angemessenheit") richten; ihr Zweck besteht in der Verbindung von utilité ("Nutzen") und plaisir ("Gefallen"). Die Mimesis wird als Naturnachahmung (imitatio naturae) verstanden.

Eine erste Relativierung der sogenannten doctrine classique zeichnet sich hier ab.

Wird als Auslöser der eigentlichen Gegenbewegung gegen den Klassizismus angesehen, da er die erste Person war, die die ewige Gültigkeit der antiken Muster bestritt.

Renaissance und Barock (England)

Vertritt den klassizistischen Standpunkt, doch konnter er sich angesichts der offenen Form der Dramen Shakespeares nie ganz durchsetzen.

Hier versuchen die Autoren einen vermittelnden Standpunkt zwischen dem klassizistischen Regelkanon und der These von der Einmaligkeit und Individualität eines jeden einzelnen Kunstwerks zu finden und zu formulieren.

Renaissance und Barock (Deutschland)

Die italienische und französische Poetik der Renaissance bildet zusammen mit den vermittelnden niederländischen Poetiken von Daniel Heinsius De tragoediae constitutione und Johann Gerhard Vossius De Artis Poeticae Natura, Ac Constitutione Liber, Poeticarum Institutionum Libri Tres und De Imitatione cum Oratoria, tum praecipue Poetica den Ausgangspunkt für die deutsche Poetik, die bis zur Aufklärung mit Johann Christoph Gottsched als letztem normativen Regelpoetiker klassizistisch bleibt.

Die Grundlage der deutschen Barockpoetik bildet Opitz' 1624 erschienenes Werk, das, entgegen seiner immer wieder betonten Bedeutung, eigentlich nur eine auszugsweise Übersetzung von Julius Caesar Scaligers lateinischem Lehrbuch Poetices libri septem darstellt. Unter Dutzenden von anderen Poetiken ragen nur wenige heraus:

Freilich gelingt es Opitz erstmals, den klassischen Versmaßen des Lateinischen ein deutsches Pendant gegenüberzustellen. In seiner dichterischen Praxis bleibt Opitz jedoch unbeholfen und hält sich nicht immer an die eigenen Regeln.

In der Folge wird eine rege Diskussion über das Deutsche als Dichtersprache und seinen Wert in den europäischen Literaturen ausgelöst. Wegen der Betonung der Sprachartistik (stilus sententiosus) zeigen sich bei Klaj, Harsdörffer und Zesen auch Einflüsse des Manierismus. Höhepunkt und bedeutendste Zusammenfassung der poetologischen Debatten der Barockzeit ist Birkens Dicht-Kunst aus dem Jahr 1679.

Aufklärung (Frankreich)

(Die klassizistische und manieristische Poetik-Debatte setzt sich in der Aufklärung weiterhin fort, jedoch auf einer anderen Ebene: Abkehr vom akademisch humanistischen Ideal einer imitatio veterum und ihrer Übertragungen in die moderne Nationalsprache, und Neubegründung der Poetik auf der Basis des gesellschaftlichen Verhaltens der Gebildeten. Darüber hinaus tritt das Geschmacksproblem des bon goût ("guter Geschmack" im Sinne sinnlicher Empfindungen; Urteilsinstanz, die sensuelle und rationale Bewertungskriterien im Hinblick auf das Schöne verbinden vermag) und bel esprit ("schöner Witz" im Sinne geistiger Spritzigkeit; Urteilsinstanz nach dem Prinzip der rationalen Erkenntnis) in den Mittelpunkt der Diskussion.

Für beide Autoren ist allein das Gefühl die oberste Instanz für die Befähigung zum Geschmacksurteil.

Für ihn steht die letztlich entscheidende Instanz der Vernunft über dem Gefühl.

Aufklärung (Deutschland)

Dies sind die ersten Vertreter einer deutschen am Geschmacksurteil orientierten Poetik.

In dem/r Literaturstreit/Literaturfehde zwischen Gottsched und den Schweizern Bodmer und Breitinger bricht der Gegensatz zwischen vernunftbezogener Poetik (Position Gottscheds) und gefühlsbezogener Poetik (Position Bodmers und Breitingers) auf.


(wird noch fortgesetzt ...)

Sturm und Drang bis zur Gegenwart (Deutschland)

Friedrich Schiller

Jakob Michael Reinhold Lenz

Gottfried August Bürger

Johann Gottfried Herder

Johann Georg Hamann

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg

Johann Wolfgang von Goethe

Quellen und weiterführende Literatur