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Nelkenrevolution

Die Nelkenrevolution (portugiesisch:  Revolução dos Cravos ?/i oder einfach 25 de Abril) bezeichnet den Aufstand der Armee in Portugal am 25. April 1974 gegen die herrschende Diktatur des Estado Novo. Sie verdankt ihren Namen den Nelken, die den aufständischen Soldaten – im Rahmen des allgemeinen Volksfestes, und der Freude, angesichts der Ereignisse – in die Gewehrläufe gesteckt wurden. Sie verlief beinahe unblutig – es gab vier Tote, als verbleibende regimetreue Truppen vor dem Sitz der Geheimpolizei auf unbewaffnete Demonstranten feuerten – und eröffnete den Weg zur demokratischen dritten Republik.

Die Nelkenrevolution markiert aus heutiger Sicht den Anfang vom Ende des ursprünglichen Nachkriegseuropas. Es folgen weitere Demokratisierungen in Griechenland (1974) und in Spanien (1975/1976).

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

In Portugal kam 1926 eine Militärjunta unter General Carmona durch einen Putsch an die Macht. Mehr als Spanien bemühte sich auch Portugal besonders ab 1932 unter Carmonas Nachfolger António de Oliveira Salazar um eine Distanzierung vom italienischen Faschismus und vom deutschen Nationalsozialismus. 1933 baute Salazar seine Macht durch eine neue Verfassung und die Abschaffung des Parlamentarismus aus. Portugal verbündete sich im 2. Weltkrieg mit Spanien zum Bloco Ibérico. Die Diktatur blieb aber von den Alliierten unangetastet und bestand fort. 1949 wurde Portugal Gründungsmitglied der NATO. Damit unterstrich Portugal seine Haltung gegen den Kommunismus.

1968 wurde Salazar von Marcello Caetano abgelöst. Am Charakter der Diktatur änderte dies nur wenig. Sie ähnelte der in Spanien unter Franco, trotz einer leichten Verbesserung unter Caetano. So gab es keine freien Gewerkschaften. Nach Berufsständen organisierte Scheingewerkschaften wurden jedoch von zumeist kommunistischen Mitgliedern zur Untergrund- und Widerstandsarbeit genutzt. Dies bedeutete große Opfer unter den Bedingungen der Folter und Repression. Diese Aufbauarbeit machte jedoch den Erfolg der Nelkenrevolution möglich. Das Unvermögen Caetanos wurde auch in der Außenpolitik sichtbar: Portugal, die älteste Kolonialmacht Europas, besaß mit Angola, Mosambik und Guinea-Bissau in Afrika noch größere Territorien als England und Frankreich, die ihre Besitzungen dort schon längst in die Unabhängigkeit entlassen hatten.

Begleitet von Instrumenten wie Pressezensur und Folter versuchte Salazar ein System zu verwirklichen, das als Quinta (ein gegen äußere Einflüsse abgeschlossenes Landgut) bezeichnet wurde. Innerhalb dieser statisch-geschlossenen Gesellschaft sollte nur die Elite herrschen (daher der Schlachtruf „O povo é quem mais ordena“ (dt. etwa: „Das Volk regiert/ befiehlt“) aus dem Lied „Grândola, Vila Morena“). Aus dieser Geisteshaltung wird die Abwehr gegen moderne Entwicklungen wie Industrialisierung, Tourismus, und Bildung verständlich. Die vierjährige Grundschule für das Volk verstand er als Zugeständnis. So hielt das Regime, der sogenannte „Estado Novo“ (Neuer Staat), das Volk bewusst in Armut und Unwissenheit, über ein Drittel des Volkes waren unter Salazar Analphabeten. Intellektuellen blieb nur die äußere oder innere Emigration.

Dem Rechtsanwalt Peter Benenson kam die Idee zur Gründung von Amnesty International 1961, als er von dem Fall zweier portugiesischer Studenten las, die in einem Lissabonner Restaurant kritische Worte über den Diktator Salazar fallen gelassen hatten, daraufhin verhaftet und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden waren.

Im Februar 1974 veröffentlichte General António de Spínola sein Buch Portugal e o Futuro (Portugal und die Zukunft), das besonders in militärischen Kreisen Furore machte. Spínola analysierte darin Portugals „systemimmanente Diskrepanz“ gegenüber den anderen westeuropäischen Staaten, die es in die wirtschaftliche und politische Isolation gebracht hätte. Die Zukunft Portugals hänge vor allem vom Ausgang des Kolonialkriegs ab, der zu viele Menschenleben kostete und bis zu 50 % des Staatshaushaltes verschlang, militärisch aber nicht zu gewinnen sei. Spínola schlug eine „neue nationale Strategie“ vor, in der die Teilnahme des Volkes am politischen Willensbildungprozesses und das Recht der Kolonien auf Selbstbestimmung gewährleistet sein sollte.

Für die „Bewegung der Streitkräfte“ („Movimento das Forças Armadas“ kurz: MFA) war dieses Buch das Signal zum Aufbruch. Es war eine schallende Ohrfeige für die Kolonialpolitik des Caetano-Regimes durch den zweiten Mann der Militärhierarchie. Erst dadurch erhielt das MFA größeren Zulauf im Volk.

Caetano inszenierte Anfang März 1974 eine Vertrauenskundgebung höherer Offiziere, der Spínola und Generalstabschef Francisco da Costa Gomes demonstrativ fernblieben. Daraufhin wurden sie ihrer Ämter enthoben. Gerüchte über eine von der Staatsschutzpolizei DGS geplanten Verhaftung von 22 Offizieren beschleunigten die Putschvorbereitungen des MFA.

Verlauf

Das Signal: Grândola, Vila Morena

Am 24. April 1974 um 22:50 Uhr spielte der portugiesische Rundfunk das Liebeslied E depois do adeus (Nach dem Abschied) von Paulo de Carvalho. Dies war das verschlüsselte Signal an die aufständischen Truppen.

Als Revolutionslied berühmt wurde aber ein anderes Lied: Grândola, Vila Morena (Grândola, braungebrannte Stadt). Gegen 0:30 Uhr am 25. April las der Sprecher des katholischen Rundfunks Rádio Renascença die erste Strophe des von der Diktatur verbotenen Liedes, danach erklang das Lied selbst, gesungen von dem antifaschistischen Protestsänger Zeca Afonso. Für die portugiesische Bevölkerung war es ein Signal – wenn auch noch nicht festzustellen war, wofür.

Folgen

Für alle militärischen Einheiten, die sich zur „Bewegung der Streitkräfte“ bekannten, waren die Verse das vereinbarte Zeichen zum bewaffneten Aufstand. Knapp 18 Stunden später hatte die „Bewegung der Streitkräfte“ Europas älteste Diktatur gestürzt. Die Bewegung bestand vornehmlich aus jungen Offizieren der unteren Ränge (darunter Salgueiro Maia). Seit Beginn der Kolonialkriege in den afrikanischen Provinzen (1961) waren auch einfache Soldaten aus dem Volke zu Offizieren ausgebildet worden. Diese Männer aus dem Volk waren es, die den diensthabenden Kommandanten festsetzten, sich über die Autobahn auf den Weg nach Lissabon machten, um Ministerien, Rundfunk- und Fernsehsender sowie den Flughafen zu besetzen. Die Mehrheit der angerückten Regierungstruppen lief zu den Aufständischen über.

Gewehre und Nelken

Tausende von Lissabonnern säumten den Weg der Kolonne, jubelten den Befreiern zu, liefen neben den Armeefahrzeugen her, sprangen auf. Die ersten roten Nelken, die der Revolution den Namen geben sollten, tauchten auf, leuchteten an den Uniformen der Soldaten und aus ihren Gewehrläufen. Marcello Caetano flüchtete sich hinter die Mauern der Kaserne der bewaffneten Polizeistreitkräfte, der Guarda Nacional Republicana (GNR), am Largo do Carmo. Die Belagerung dauerte bis zum Abend, bis der Diktator sich bereit erklärte, die Regierung General Spínola, dem ehemaligen Gouverneur der Provinz Guinea-Bissau, zu übergeben. Dies war nicht der Wunschkandidat der Aufständischen und die zornige Bevölkerung forderte die vollständige Erhebung. Der unblutigen Übergabe wegen akzeptierten die MFA-Führer um Otelo Saraiva de Carvalho aber dieses Angebot.

Bei der Erstürmung der Festungen der Folterknechte der Geheimpolizei PIDE/DGS durch Bevölkerungsteile fielen Schüsse auf die Heranstürmenden. Hierbei starben vier Menschen. Aufständische verharrten dennoch mit „Morte à PIDE“ und „Assassinos“ (Mörder)-Rufen vor dem Gebäude. Am Morgen ergaben sich die Polizisten. Das Archiv, die Folterwerkzeuge und das moderne Arsenal fielen in die Hände der Aufständischen.

Neben der Tafel mit dem Straßennamen „Rua António Maria Cardoso“ brachten die Auständischen ein zweites Schild an: „Avenida dos Mortos pela PIDE“ (Straße der Opfer der PIDE), was sich sowohl auf die Opfer vom Vorabend bezog als auch auf die zahlreichen Ermordeten um den oppositionellen General Humberto Delgado (er wurde 1965 bei Olivença von der PIDE ermordet).

Die Aufständischen spürten viele PIDE-Agenten und Informanten in den öffentlichen Einrichtungen, Universitäten und Schulen auf. Der letzte Chef der Geheimpolizei, Major Silva Pais, wurde in seiner Wohnung verhaftet.

In der Nacht zum 27. April wurden die politischen Gefangenen aus dem PIDE-Kerker in Caxias befreit. Ihre Verwandten und Freunde empfingen sie auf der Straße. Jahrelang waren die Gefangenen dort ohne Gerichtsverfahren Folter, Isolationshaft und Demütigung ausgesetzt.

Bekannt geworden ist das Foto der revolutionsfreundlichen Abendzeitung „República“ von Hermínio da Palma Inácio, wie er nach der Befreiung in einer Gebärde der Freude und des Triumphs beide Arme emporreckt. Der Gründer der Widerstandsgruppe LUAR (Liga für revolutionäre Einheit und Aktion) war einer der populärsten und vom Regime gefürchtetsten Widerstandskämpfer. Er entführte beispielsweise 1961 ein Flugzeug, um Flugblätter abzuwerfen.

Noch vor dem 1. Mai kehrten viele Verbannte und politisch Verfolgte aus dem Exil zurück. Mário Soares (Sozialistische Partei) kehrte aus Paris nach Hause zurück und Álvaro Cunhal von der Kommunistischen Partei (PCP), der 13 Jahre in PIDE-Kerkern hatte verbringen müssen, bis ihm 1960 die Flucht aus Peniche gelang, hatte seitdem in Moskau und Prag gelebt.

Aus dem brasilianischen Exil, in dem er seit 1958 lebte, kam der bekannte Mathematiker und republikanische Präsidentschaftskandidat von 1951, Rui Luís Gomes. Aus Algerien kamen zwei bekannte und tatkräftige Widerstandskämpfer, Fernando Piteira Santos und der Dichter Manuel Alegre, die die Patriotische Front für Nationale Befreiung (FPLN) mitbegründet und über den Freiheitssender Voz da Liberdade (Stimme der Freiheit) die Antifaschisten in der Heimat ermutigt hatten.

Forderungen

Sofortiges Ende des Kolonialkrieges – Generalamnestie für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer lauteten die Kundgebungsparolen von Vereinigungen, die für rund 100.000 Fahnenflüchtige und Kriegsdienstverweigerer sprachen, die vielfach ins Exil gegangen waren. Das Amnestiegesetz wurde am 1. Mai 1974 erlassen, das Ende des Krieges ließ noch auf sich warten, doch erste Schritte waren eingeleitet.

Die Zeitung República nahm keine Rücksicht mehr auf die Zensur und berichtete ausführlich. Am Nachmittag des 26. April zog ein Demonstrationszug vor das „República“-Haus und dankte der Redaktion durch das Singen der Nationalhymne für ihren unermüdlichen Kampf um Meinungs- und Pressefreiheit.

Die portugiesischen Provinzen Moçambique (Mosambik) und Angola wurden am 25. Juni bzw. 11. November 1975 unabhängig.

Der 1. Mai 1974 im befreiten Lissabon

Am 1. Mai gehört die Straße dem Volk. Die Rote Nelke wurde in Portugal zum Symbol der Freiheit. Die zum Schutz der ersten freien Maikundgebung abkommandierten jungen Infanteristen und Marinesoldaten stecken sie auf die Gewehrläufe. Der Demonstrationszug glich einer Mischung aus Volksfest und politischer Manifestation.

Der Zug ging zum Lissabonner Sportstadion, das seitdem den Namen „Estádio 1º de Maio“ trägt. Mehr als 100.000 Portugiesen wollten dort die Befreiung feiern. Nach den Gewerkschaftern sprachen Mário Soares von den Sozialisten und Álvaro Cunhal, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, die demonstrativ gemeinsam ins Stadion einzogen.

Mário Soares betonte, dass die Kommunistische Partei die meisten Opfer in der Zeit des Faschismus bringen musste, und rief aus: Hier und heute haben wir den Faschismus endgültig besiegt. Dieser Sieg ist der Sieg des Volkes.

Soares wie Cunhal verlangten eine Regierung von der Mitte über die Sozialisten bis zu den Kommunisten. „Unidade“ (Einheit) war die Parole der Stunde. Die Masse antwortete mit dem berühmt gewordenen Ruf: „O povo unido jamais será vencido!“ (deutsch: „Das vereinigte Volk wird niemals wieder besiegt werden!“)

Im Gegensatz zu Militärputschen in anderen Ländern hatte der Aufstand der Offiziere in Portugal durch diese Massenbekundungen der Bevölkerung eine Legitimation erhalten.

Literatur