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Young-Plan

Der Young-Plan war der letzte der Reparationspläne, die die Zahlungsverpflichtungen des Deutschen Reichs auf Grundlage des Versailler Vertrags regelten. Er wurde von einem Gremium internationaler Finanzexperten vom Februar bis Juni 1929 in Paris ausgehandelt, die endgültige Ausformulierung erfolgte auf zwei Regierungskonferenzen im August 1929 und im Januar 1930 in Den Haag. Er trat am 17. Mai 1930 rückwirkend zum 1. September 1929 in Kraft und setzte eine durchschnittliche Annuität von rund zwei Milliarden Reichsmark fest, die zum überwiegenden Teil in Devisen zu zahlen waren. Er sollte bis 1988 gelten, wurde aber bereits im Juni 1931 durch das Hoover-Moratorium ausgesetzt und im Juli 1932 von der Konferenz von Lausanne aufgehoben.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Probleme des Dawes-Plans

1924 war der Dawes-Plan in Kraft getreten, der erste Reparationsplan, der tatsächlich zu Zahlungen an Frankreich führte. Mit der gleichzeitig aufgelegten Dawes-Anleihe war nämlich der amerikanische Kapitalmarkt für Deutschland wieder geöffnet worden, und langfristige Anleihen sowie kurzfristige Kredite flossen in Milliardenhöhe ungefähr hälftig an die deutsche Privatwirtschaft und die öffentlichen Hände im Reich. Dadurch wuchs die Wirtschaft der Weimarer Republik in diesen goldenen zwanziger Jahren deutlich, und trotz passiver Handelsbilanz waren auch genug Devisen vorhanden, um die Annuitäten des Planes zu begleichen.[1]

Dennoch wuchs ab 1927 auf allen Seiten das Unbehagen. Die Banken der Wall Street und das US-Schatzamt machten sich zunehmend Sorgen, dass Deutschland bald überschuldet sein könnte: Seit 1924 waren ausländische Kredite im Wert von über zehn Milliarden Reichsmark nach Deutschland geflossen, von denen ein großer Teil nicht für investive Zwecke ausgegeben wurde: Die deutsche Kommunen finanzierten damit z.B. ihre Parkanlagen und den Wohnungsbau. Auch stellte sich die Frage, welche Schuldenart bei einer etwaigen Zahlungskrise denn Priorität haben sollte, die privaten Kredite oder die staatlichen Reparationen. Ein solches Gegeneinanderausspielen beider Schuldenarten lag nämlich durchaus in der deutschen Strategie. Der Reparationsexperte Hans Simon hatte bereits 1927 formuliert: „Je größer unsere private Verschuldung, umso kleiner unsere Reparationen“.[2]

Auch die französische Regierung machte sich zunehmend Sorgen. Dabei ging es um die interalliierten Kriegsschulden, die der amerikanische Staat in den Jahren 1917 und 1918 an Frankreich gegeben hatte und deren Rückzahlung er seit 1919 verlangte. Die französische Öffentlichkeit hatte dieses Ansinnen stets empört zurückgewiesen und verunglimpfte den ehemaligen Bündnispartner USA als „Uncle Shylock“. Da Frankreich aber dringend Kredite brauchte, um nach der Inflation der Jahre 1924 und 1925 den Franc zu stabilisieren, der amerikanische Kapitalmarkt ihm aber verschlossen blieb, solange die Rückzahlung der Kriegsschulden nicht geregelt war, hatten der französische Botschafter in Washington, Henri Bérenger, und der amerikanische Finanzminister Andrew Mellon im April 1926 ein Abkommen formuliert: Darin wurde die Rückzahlung der Kriegsschulden innerhalb von 62 Jahren bei einem Zinsfuß von 1,6 % Zinsen geregelt und auch ein 1919 auf zehn Jahre gewährter Kredit in Höhe von $ 407 Millionen, mit dem Frankreich den Amerikanern das nach dem Weltkrieg im Lande zurückgelassene militärische Material bezahlt hatte, war darin einbezogen [3].

Die Abgeordnetenkammer weigerte sich aber, dieses Abkommen ebenso wie das sogar noch günstigere Abkommen, das Finanzminister Joseph Caillaux im Juni 1926 mit seinem britischen Amtskollegen Winston Churchill geschlossen hatte, zu ratifizieren, wenn nicht die deutschen Reparationen, die die Zahlungen an die USA abdecken sollten, endgültig geregelt waren. Damit drohte die Regierung von Ministerpräsident Raymond Poincaré unter Zeitdruck zu geraten, denn wenn das Mellon- Bérenger-Abkommen nicht bis Juli 1929 ratifiziert wäre, würden der Materialkredit von $ 407 Millionen fällig. Unter diesen Bedingungen wuchs die französische Bereitschaft, einem neuen Reparationsplan zuzustimmen und sich dabei auch mit weniger als den 132 Milliarden Goldmark zufriedenzugeben, die im Londoner Zahlungsplan 1921 gefordert worden waren.

Auch in Deutschland war man mit dem Dawes-Plan nicht völlig zufrieden. 1928 wurde nämlich erstmals die Normalannuität von 2,5 Milliarden Reichsmark fällig. Das entsprach 12,4 % der gesamten deutschen Staatsausgaben und immerhin 3,3 des Volkseinkommens[4]. Sollte die Konjunktur sich nun noch weiter positiv entwickeln, würde auf Grund des Wohlstandsindex des Planes sogar eine noch höhere Summe fällig, was die deutsche Zahlungsfähigkeit zu übersteigen drohte. Hinzu kam noch ein innenpolitisches Problem. Die viel beschworenen „Rückwirkungen“ der Konzessionen, die Außenminister Gustav Stresemann beim Vertrag von Locarno gemacht hatte, waren weitgehend ausgeblieben, weitere Revisionen des Versailler Vertrags standen nicht vor der Tür. Dies schwächte die innenpolitische Stellung Stresemanns vor allem bei den Parteien der Rechten.

Der Beschluss zur Revision des Dawes-Plans

In dieser Situation reiste der Reparationsagent Seymour Parker Gilbert im Januar 1928 nach Paris und überzeugte die dortige Regierung von seinem Plan einer Gesamtlösung: Die deutschen Reparationen sollten endgültig und auf einem realistischen Niveau festgelegt werden. Das würde es erlauben, die gesamte deutsche Reparationsschuld bei Frankreich als Mobilisierungsanleihe auf den Markt zu bringen: Banken und Privatkunden würden die Anteile kaufen und vom Deutschen Reich jährlich Zinsen und Tilgung dafür erhalten, während Frankreich sein Geld auf einen Schlag erhalte und dadurch auch die interallliierten Kriegsschulden auf einen Schlag und zu einem günstigen Disagio zurückzuzahlen. Die deutsche Regierung würde sich auf einen solchen Plan aber nicht gerne einlassen, da der Schuldendienst an den Reparationsschuldscheinen, wenn sie erst einmal in den Händen von Banken und Privatleuten waren, nicht würde verweigert werden können, ohne die Kreditwürdigkeit der deutschen Wirtschaft empfindlich zu schaden. Um Deutschland dennoch zur Einwilligung zu bewegen, sollte Frankreich seine Soldaten früher aus dem Rheinland abziehen, als im Versailler Vertrag vorgesehen. Gilbert gelang es, die französische Regierung von seinem Plan zu überzeugen. Seit Frühjahr 1928 sprachen sich sowohl Poincaré als auch sein immer verständigungsbereiter Außenminister Aristide Briand in öffentlichen Reden für eine Verkoppelung der Reparationsrevision mit der Rheinlandfrage aus.

In Deutschland war man ursprünglich gegen einen solchen „schauderhaften Kuhhandel“, wie Carl von Schubert, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt die amerikanisch-französische Idee anfangs bezeichnete [5].

Nachdem aber im Sommer 1928 mit Hermann Müller ein sozialdemokratischer Kanzler die Amtsgeschäfte übernommen hatte, wuchs der innenpolitische Druck, Erfolge für die von der SPD stets mitgetragene Verständigungspolitik Stresemanns vorzuweisen. Daher beschloss die neue Regierung bald, eine Initiative zur Räumung des Rheinlands zu ergreifen, wohl wissend, dass damit die Gegenforderung nach Neuregelung der Reparationen verbunden sein würde. Dies geschah nach ausführlichen diplomatischen Sondierungen während der Herbsttagung des Völkerbunds in Genf: Reichsskanzler Müller verlangte den Abzug aller ausländischer Truppen, Briand antwortete mit der Forderung nach Neuregelung der Reparationen, woraufhin sich die interessierten sechs Mächte – außer Deutschland und Frankreich auch Großbritannien, Belgien, Italien und Japan – am 16. September 1928 darauf einigten, dass ein unabhängiges Expertengremium einen endgültigen Reparationsplan entwerfen und gleichzeitig Verhandlungen über die Räumung und die Militärkontrolle des Rheinlands aufgenommen werden sollte.

Die Regierung unter Reichskanzler (SPD) versuchte nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages gegen eine Schlusszahlung bestimmte Freiheiten für Deutschland wiederzuerlangen. Dazu gehörten eine Räumung des Rheinlandes, ein Ende der Souveränitätsbeschränkungen durch ein Ende der internationalen Kontrolle über Reichsbank und Reichsbahn und ein Ende der Reparationen. Bei der Völkerbundtagung im September 1928 wurde dann schließlich die Einsetzung einer internationalen Sachverständigenkommission zur Regelung der Reparationsfrage unter dem amerikanischen Wirtschaftsexperten Owen Young beschlossen.

Die Experten-Beratungen

Die vierzehn internationalen Finanzexperten, die den neuen Reparationsplan zu erstellen hatten, sollten unabhängig und nur ihrem ökonomischen Sachverstand verpflichtet sein. Dadurch hoffte man, die Reparationen, die aufgrund ihrer Begründung durch den Kriegschuldartikel 231 des Versailler Vertrags moralisch und politisch stark umstritten waren, zu entpolitisieren. Dies misslang, denn um unter dem neuen Plan nicht etwa weniger Reparationen vom Deutschen Reich zu erhalten, als interalliierte Kriegsschulden an die USA zahlen müssten, legten Poincaré und Churchill bereits am 19. Oktober 1928 das Ergebnis der Expertenberatungen vorab fest.[6] Auf dieses Ergebnis wurden auch die beiden französischen Experten Émile Moreau und Jean Parmentier durch eine Instruktion der Regierung vom 27. Dezember 1928 verpflichtet: Deutschlands künftige Reparationszahlungen mussten die Kriegsschuldenzahlungen der Gläubiger abdecken und für Frankreich und Belgien einen Überschuss erbringen; außerdem mussten sie endgültig festgelegt werden und auf dem Kapitalmarkt mobilisierbar sein.[7] Zwar war Aufnahmemöglichkeit von mobilisierten Reparationen auf dem amerikanischen Kapitalmarkt mittlerweile durch den Börsenboom stark eingeschränkt, der die Wall Street im Sommer 1928 erfasst hatte und der vierzehn Monate später in den verheerenden Crash des Schwarzen Donnerstags münden sollte.[8], doch hoffte man darauf, die Reparationen später an der Wall Street unterbringen zu können.

Die deutschen Experten Hjalmar Schacht und Albert Vögler vertrauten dagegen darauf, dass Grundlage des neuen Plans die objektive Zahlungsfähigkeit Deutschlands und nicht die Bedürfnisse der Gläubigerstaaten sein würden, und bereiteten entsprechend ausführliche Dossiers vor. Sie fühlten sich auch in einer starken Verhandlungsposition, da sie die Amerikaner auf ihrer Seite glaubten, die mit Owen D. Young den Vorsitzenden des Ausschusses stellten. Bei den Beratungen, die am 9. Februar 1929 in Paris begannen, wurden sie aber enttäuscht: Briten und Franzosen teilten ihm unverblümt mit, dass sie eine Annuität von 2 bis 2,5 Milliarden RM erwarteten. Schacht bot am 11. Februar 1,37 Milliarden pro Jahr, allerdings unter der Bedingung, dass man Deutschland seine Kolonien wiedergeben und bei der Rückgewinnung des polnischen Korridors helfen würde. Die Gläubiger wiesen diesen Vorschlag empört zurück. Schacht reiste nach Berlin und drängte die Reichsregierung darauf, die Verhandlungen platzen zu lassen. Das aber würde aller Welt demonstrieren, dass die Reparation demnächst nicht gesenkt und womöglich die deutsche Zahlungsfähigkeit übersteigen würden. Schon begannen einige internationalen Gläubiger, ihre kurzfristigen Kredite aus Deutschland abzuziehen. Unter diesen Umständen forderte das Kabinett Schacht auf weiterzuverhandeln und wies ihn auf seinen eigenen Wunsch am 1. Mai 1929 an, einem Kompromissvorschlag, den der Ausschussvorsitzende Young in der Zwischenzeit ausgearbeitet hatte, zuzustimmen.

Schacht hatte damit seine Unabhängigkeit aufgegeben, hatte aber auch keine Verantwortung für das Verhandlungsergebnis mehr. Sein Kollege Vögler dagegen trat am 23. Mai zurück: Er wollte die Verhandlungen lieber scheitern und die folgende Kreditkrise eintreten lassen, um die Unfähigkeit Deutschlands zu demonstrieren, jährlich zwei Milliarden Reichsmark Reparationen zu zahlen. Er wurde durch den Geschäftsführer des Reichsverbands der deutschen Industrie, Ludwig Kastl ersetzt, der gemeinsam mit Schacht konstruktiv an der Kompromisssuche mitarbeitete. Am 9. Juni 1929 konnten die vierzehn Experten den „Neuen Plan“ vorlegen, der nach dem Vorsitzenden ihres Ausschusses meist „Young-Plan“ genannt wird.

Die Haager Konferenzen

Die Regierungen der sechs Mächte, die die Erstellung des Young-Plans in Auftrag gegeben hatten, stimmten ihm noch im Juni grundsätzlich zu. Um ihn in Kraft zu setzen und die vorzeitige Räumung der letzten besetzten Zone des Rheinlands vereinbaren zu können, mussten sie aber zu einer Konferenz zusammentreten. Briand und Stresemann verabredeten bei der Madrider Völkerbundstagung im Juni 1929, dass dort die „Generalliquidierung des Krieges“ beschlossen werden sollte, also die einvernehmliche und endgültige Regelung sämtlicher sich noch aus dem Ersten Weltkrieg ergebenen Fragen.[9]

Diese Konferenz tagte vom 6. bis zum 31 August 1929 in Den Haag und zeigte, dass die britisch-französische Solidarität in der Reparationsfrage mittlerweile zerbrochen war. Churchills Nachfolger als Schatzkanzler, der Labour-Politiker Philip Snowden stellte drei Forderungen: Die Sachlieferungen, die den britischen Handel schädigen würden, müssten begrenzt werden, Großbritannien stehe nach dem 1920 auf der Konferenz von Spa festgelegten Verteilungsschlüssel ein höherer Anteil an den deutschen Reparationszahlungen und insbesondere an deren unter allen Umständen zu zahlendem Anteil zu. Insgesamt verlangte er eine Erhöhung der jährlichen britischen Reparationseinnahmen um umgerechnet 48 Millionen Reichsmark. Darüber geriet er in scharfe, auch persönliche Auseinandersetzungen mit seinem französischen Kollegen Henri Chéron. Dem deutschen Reichstagsabgeordneten Rudolf Breitscheid signalisierte Snowden, dass er bereit war, zur Not den ganzen Young-Plan platzen zu lassen. dadurch würde zwar eine empfindliche Finanzkrise ausgelöst, aber der Transferschutz des Dawes-Plans bliebe ja in Kraft, wodurch „Deutschland in ein paar Monaten besser dran sein würde als gegenwärtig“.[10] Hierauf mochten sich die Deutschen aber nicht einlassen, denn, wie Finanzminister Rudolf Hilferding mitteilte, war die Reparationsersparnis, die ein Inkrafttreten des Young-Plan mit sich bringen würde, im Haushalt 1930 bereits „restlos verbraucht“: Wenn der Young-Plan platzte, würde das nicht nur eine Finanzkrise mit sich bringen, sondern das Reich in sofortige Zahlungsschwierigkeiten stürzen. [11]

Snowden war in einer starken Verhandlungsposition, da sein Interesse an einer Inkraftsetzung des Young-Plans geringer war als das all seiner Kontrahenten. Daher beharrte der „eiserne Schatzkanzler“, wie er in Großbritannien bald bewundernd genannt wurde, über mehrere Wochen stur auf seinen Forderungen, wodurch auch die Verhandlungen über den Truppenabzug verzögert wurden. Aus innenpolitischen Gründen weigerte sich nämlich Briand, der mittlerweile zum elften Mal Ministerpräsident geworden war, vor Einigung in der Reparationsfrage einen Termin für die Räumung zu nennen. Eine Lösung wurde schließlich durch Umschichtungen innerhalb der Gläubigertranchen, vor allem aber auf Kosten des Deutschen Reichs erreicht. Deutschland verzichtete auf den so genannten surplus, die Differenz zwischen Dawes-Plan- und Young-Plan während der fünfmonatigen Übergangszeit in Höhe von 300 Millionen Reichsmark. Dadurch konnten die britischen Forderungen zu drei Vierteln befriedigt werden. Außerdem verzichtete Stresemann für mehrere Millionen Reichsmark jährlich zusätzlich auf jede Möglichkeit eines Zahlungsaufschubs. In der Frage der Sachlieferungen schließlich fand man Kompromisslösungen.

Nun war auch Briand bereit, in der Räumungsfrage nachzugeben und willigte auf den 30. Juni 1930 als Endtermin für das besetzte Rheinland ein, und auch die französische Forderung, die Entmilitarisierung des Rheinlands kontrollieren zu wollen, erhob er nicht mehr. Damit waren der Young-Plan und die Rheinlandräumung grundsätzlich beschlossene Sache, doch weil die Verhandlungen deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen hatten als geplant, verabredete man, auf einer zweiten Konferenz die verbliebenen Restfragen zu klären.

Die zweiten Haager Konferenz fand vom 3. bis zum 20. Januar 1930 statt. Hier wurden Fragen zumeist technischer Natur geklärt, nämlich die Gründung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die den Reparationsagenten Parker Gilbert ersetzen sollte, die Frage, ob, wie im Versailler Vertrag vorgesehen, die Gläubiger im Falle eines deutschen Zahlungsversäumnisses weiterhin Sanktionen verhängen durften, und die Mobilisierung einer erste Tranche der Reparationen.

Zwar hatte sich in der Zwischenzeit mit dem New Yorker Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 gezeigt, dass der amerikanische Kapitalmarkt auf absehbare Zeit außerstande sein würde, den gesamten Wert der deutschen Reparationsschuld für die europäischen Gläubigermächte vorzufinanzieren, die somit die interalliierten Kriegsschulden bei den USA auf einen Schlag zurückzahlen wollten. Dennoch beharrte der neue französische Ministerpräsident André Tardieu treu dem französischen Ziel, endlich finanzielle Sicherheit zu gewinnen, darauf, dass ein möglichst großer Teil mobilisiert und damit seinem Land sofort zur Verfügung gestellt würde. Um die Deutschen an einer Mobilisierung der Reparationen zu interessieren, schlug er vor, einen Teil der Young-Anleihe, wie das neue Finanzprodukt genannt wurde, an das Reich auszuzahlen. Da die Regierung Müller chronische Probleme damit hatte, den Haushalt auszugleichen, willigte sie ein. In der Young-Anleihe wurden 200 Millionen Dollar Reparationen mit 100 Millionen Dollar für das deutsche Reich gepoolt. Dadurch und weil man eine weitere Auslandsanleihe der Reichsregierung in das Vertragswerk einbezog, wurde ihre Kreditwürdigkeit im Ausland eng an ihre pünktliche Begleichung der Reparationen gekoppelt. Gleichzeitig musste der neue Außenminister Julius Curtius die Endgültigkeit des Young-Plans feierlich bekräftigen und versprechen, dass Deutschland von den Möglichkeiten, die Reparationszahlungen aufzuschieben, nicht leichtfertig Gebrauch machen würde.

Ärgerlicher noch war eine weitere Konzession, die Curtius machen musste: Es war in den vergangenen Verhandlungen nämlich offengeblieben, wann die Reichsregierung die monatlichen Fälligkeiten überweisen musste: Während die Deutschen gerne zum Ultimo zahlen wollten, beharrten die Gläubigermächte einhellig darauf, dass bereits in der zweiten Woche des Monats überwiesen würde. Über die gesamte Laufzeit des Young-Plans berechnet bedeutete dies für dei deutsche Seite einen Zinsvelust und damit eine Verteuerung um 80 Millionen Reichsmark.[12]

Hierüber empörte sich Reichsbankchef Schacht. Er hatte bereits den Young-Plan in der Gestalt, wie er in Paris ausgehandelt worden war, für zu teuer für die deutsche Leistungsfähigkeit gehalten. Nachdem er auf der ersten Haager Konferenz zu Deutschlands Ungunsten noch einmal verschlechtert worden war, war er bereits auf Oppositionskurs zur Reichsregierung gegangen und hatte einen weiteren Auslandskredit, den Finanzminister Hilferding zur Deckung von Haushaltslöchern brauchte, torpediert. Dennoch hatte ihn Curtius in die deutsche Delegation geholt, damit er beim Aufbau der BIZ mitarbeiten sollte. Als bekannt wurde, dass Deutschland ein weiteres Mal hatte nachgeben müssen, begann er in eigener Veranwtortung politische Forderungen für den Aufbau der neuen Bank zu stellen, sodass das Organisationskomitee seine Arbeit erst einmal einstellte. Schacht musste von den Ministern regelrecht gezwungen werden, konstruktiv mitzuarbeiten, was er in der Folge zwar auch tat, doch schadete der Eklat dem Vertrauen der Gläubigermächte und namentlich Frankreichs in die deutsche Zahlungsbereitschaft.[13]

Dass der französischen Öffentlichkeit dieses Vertrauen fehlte, war der Grund für die langen und dornigen Verhandlungen in der Sanktionsfrage. Tardieu meinte, dieser Tagesordnungspunkt sei nur deshalb „notwendig, weil es nun einmal den Parlamentarismus gibt“[14]. Schließlich einigte man sich auf einen dilatorischen Formelkompromiss, wonach die Gläubigermächte ihre „volle Handlungsfreiheit“ zurückerhielten, falls der Internationale Gerichtshof feststellen sollte, dass das Reich dabei sei, den Young-Plan zu „zerreißen“. Das könnte von den öffentlichen Meinungen der beteiligten Länder jeweils unterschiedlich interpretiert werden: Die Franzosen lasen darin die Chance, auf die robusten Sanktionsmöglichkeiten des Versailler Vertrags zurückzugreifen, während die Deutschen darin bloß die im Völkerrecht ohnehin jedem souveränen Staat zustehende Handlungsfreiheit erkannten. Nachdem auch diese Frage geklärt war, konnte der „Neue Plan“, wie der Young-Plan offiziell hieß, und die Vereinbarung über die Rheinlandräumung am 20. Januar 1930 von den Regierungschefs der sechs Mächte unterzeichnet werden. Sie gaben dabei ihrer Hoffnung Ausdruck, dass „in naher Zukunft die Folgen des Weltkriegs als geregelt angesehen werden können.“[15]

Inhalt

Der Young-Plan sah eine deutsche Reparationsschuld in Höhe von umgerechnet 36 Milliarden Reichsmark vor.[16] Diese Summe sollte verzinst bis 1988 zurückgezahlt werden. Die Annuitäten sollten rasch von 1,7 Mrd. Reichsmark auf 2,1 Mrd. steigen, nach 1966 auf 1,65 Mrd. RM sinken. Der Transferschutz des Dawes-Plans wurde abgeschafft, das heißt das Reich war künftig selbst dafür verantwortlich, dass die aus dem Steueraufkommen aufgebrachte Summe in Devisen oder Sachleistungen an die Bank für internationalen Zahlungsausgleich überwiesen werden konnte. Diese Institution übernahm die Funktionen der im Versailler Vertrag vorgesehenen Reperationskommission, die ebenso wie das Amt des Generalagenten für Reparationszahlungen abgeschafft wurde. Ebenso verschwanden auch die Kontrollmöglichkeiten, die sich die Gläubigermächte im Dawes-Plan über die Deutsche Reichsbahn und die Reichsbank gesichert hatten, sowie der Wohlstandsindex, das heißt, Deutschland konnte sicher sein, auch bei günstiger Konjunkturlage nicht mehr zahlen zu müssen.

Die Sachlieferungen, mit denen Deutschland vielfach Unternehmen der Gläubigerländer Konkurrenz gemacht hatte, sollten nach zehn Jahren auslaufen. Die verbleibende Zahlungsverpflichtung in Devisen war aufgeteilt in eine so genannte ungeschützte Annuität, die unter allen Umständen in Devisen überwiesen werden musste und gleichbleibend 600 Millionen Reichsmark betrug. Die mehr als doppelt so große so genannte geschützte Annuität konnte im Fall einer „verhältnismäßig kurzen Depression“ zunächst in Reichsmark transferiert werden. Die Devisen mussten aber spätestens im übernächsten Jahr nachgeliefert werden. In diesem Fall hatte ein so genannter Beratender Sonderausschuss zusammenzutreten, der einer Regierungskonferenz Vorschläge zu unterbreiten hatte, wie Deutschland seine Devisenprobleme würde überwinden können. Eine Änderung des Plans durfte er allerdings nicht vorschlagen, denn der Young-Plan erhob den Anspruch, die deutschen Reparationsverpflichtungen endgültig zu regeln. Im Fall eines Transferaufschubs hatte Frankreich einen Garantiefonds in Höhe von umgerechnet 500 Millionen Reichsmark einzurichten, aus dem die Devisenverluste der kleineren Gläubigermächte ausgeglichen werden sollten. Die geschützte Annuität war durch ein „Gleichzeitiges Memorandum“, das die Gläubigermächte dem Young-Plan beifügten, eng mit ihren interalliierten Kriegsschulden verkoppelt: Sollten die USA hier zu einem Nachlass bereit sein, würden sie diesen an Deutschland weitergeben. Am 17. Mai 1930 trat der Young-Plan rückwirkend zum 1. September 1929 in Kraft .

Volksentscheid über Young-Plan

Obwohl dies eine finanzielle Entlastung des Deutschen Reiches gegenüber bestehenden Abkommen bedeutete, suchten die rechten Vereinigungen Deutschnationale Volkspartei, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und der Stahlhelm diesen Plan im Wege einer Volksabstimmung zu Fall zu bringen. DNVP-Vorsitzender Alfred Hugenberg nannte den Plan eine „Maschinerie des Hochkapitalismus zur Unterjochung Deutschlands“, vor allem die lange Dauer der Zahlungsverpflichtung wurden in der rechten Agitation herausgestrichen („Bis in die dritte Generation müsst ihr fronen!“). Sie gründeten im Juli 1929 den „Reichsausschuß für das Volksbegehren gegen den Young-Plan“. Am 22. Dezember 1929 stimmten die Bürger über das „Freiheitsgesetz“ ab, das den ganzen Versailler Vertrag revidieren sollte und die Bestrafung der Unterzeichner des Planes durch Zuchthaus wegen Landesverrats enthielt.

Das Volksbegehren scheiterte in der zweiten Instanz, da für einen Erfolg des Volksentscheides die Zustimmung von 50% aller Wahlberechtigten nötig gewesen wäre, aber nur 13,5% aller Wahlberechtigten zur Wahl gingen. Diese 13,5 % Wählerstimmen bestanden aus 5.838.890 Ja-Stimmen und nur 338.195 Nein-Stimmen. Damit hatten 94,5 % der Abstimmenden dem Plan zugestimmt. Die Regierung hatte den Abstimmungstermin absichtlich auf den letzten verkaufsoffenen Sonntag vor Weihnachten gelegt. Repräsentativ gesehen gab es tendenziell somit eine große Mehrheit für das Volkbegehren, zumal man die Nichtwähler auch nicht einfach als Contrastimmen zählen kann.

In der älteren Forschung wurde oft die These vertreten, die Zusammenarbeit gerade mit dem finanzstarken Hugenberg und den bürgerlichen Rechtsradikalen habe die NSDAP „salonfähig“ gemacht und sei für ihren weiteren Aufstieg von entscheidender Bedeutung gewesen. Dem wird in den Arbeiten des Berliner Politikwissenschaftlers Otmar Jung widersprochen, der zeigt, dass der Aufwärtstrend in den Wahlergebnisse für die NSDAP schon vor der Youngplankampagne eingesetzt hatten.

Weitere Entwicklung

Nachdem es nach einem Vorschlag des amerikanischen Präsidenten Herbert Hoover während der Weltwirtschaftskrise zu einem allgemeinen Zahlungsmoratorium (Hoover-Moratorium) kommt, wurde der Young-Plan durch die Konferenz von Lausanne im Juli 1932 aufgehoben.

Literatur

Fußnoten

  1. Carl-Ludwig Holtfrerich, Amerikanischer Kapitalexport und Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft 1919 – 1923 im Vergleich zu 1924 – 1929, in: Michael Stürmer (Hg.), Die Weimarer Republik. Belagerte Civitas, Athenäum Verlag 2. erw. Auflage, Königsstein/Ts. 1985, S 131 - 157
  2. Philipp Heyde: Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 38.
  3. Zu den interalliierten Kriegsschulden siehe Bruce Kent, The Spoils of War. The Politics, Economics, and Diplomacy of Reparations 1918-1932, Clarendon, Oxford 1989, S. 268f u.ö.
  4. Horst Möller, Europa zwischen den Weltkriegen (=Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 21), Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1998, S. 47
  5. Philipp Heyde: Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 39. Franz Knipping: Deutschland, Frankreich und das Ende der Locarno-Ära 1928-1931. Studien zur internationalen Politik in der Anfangsphase der Weltwirtschaftskrise, Oldenbourg, München 1987, S. 34 – 39 ist dagegen der Ansicht, dass die Initiative zur Revision des Dawes-Plans von Schubert ausging.
  6. Bruce Kent, The Spoils of War. The Politics, Economics, and Diplomacy of Reparations 1918-1932, Clarendon, Oxford 1989, S. 282
  7. Philipp Heyde, Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 43ff
  8. William C. McNeil, American Money and the Weimar Republic: Economics and Politics on the Eve of the Great Depression, Columbia University Press, New York 1988, S. 216 – 219
  9. Philipp Heyde, Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 49
  10. Bruce Kent: The Spoils of War. The Politics, Economics, and Diplomacy of Reparations 1918-1932. Clarendon, Oxford 1989, S. 310
  11. Philipp Heyde: Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S 51
  12. Franz Knipping, Deutschland, Frankreich und das Ende der Locarno-Ära 1928-1931. Studien zur internationalen Politik in der Anfangsphase der Weltwirtschaftskrise, Oldenbourg Verlag, München 1987, S. 99
  13. Philipp Heyde, Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 53
  14. Philipp Heyde, Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 54
  15. Bodo Harenberg (Hg.), Chronik des 20. Jahrhunderts, Chronik Verlag, Dortmund 1991, S. 414
  16. Auch zum Folgenden siehe Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 483f; Philipp Heyde, Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 47f