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Korporatismus

Korporatismus (italienisch: corporativisimo) bezeichnet ein politisches und ökonomisches System, in dem die einzelnen Interessensgruppen (Korporationen) nicht in einem feindschaftlichen, von Streiks, Klassenkampf, etc. geprägten Verhältnis stehen, sondern in Wahrung der gemeinsamen Interessen Löhne und Arbeitsbedingungen aushandeln. Diese spezielle Form der Planwirtschaft tauchte erstmals im Italo-Faschismus unter Benito Mussolini auf, wurde dann aber später auch von Hitler unter dem Namen "Volksgemeinschaft", Salazar unter dem Namen "Estado Novo" und auch Präsident Franklin Delano Roosevelt als "Blue Eagle" aufgegriffen.

Das Wort "Korporatismus" entstammt dem lateinischen Wort "Corporatio", was so viel wie "Körper" bedeutet. Der Grundgedanke bei dieser Gesellschaftsform ist, dass alle Einwohner eines Landes, egal welcher sozialen Schicht oder Klasse sie angehören, gemeinsame Interessen haben und daher Klassenkampf und die Spaltung in Arbeitgeber- und Arbeitnehmerlager für das Gemeinwohl schädlich ist.

Der Korporatismus ist einerseits eine Reaktion auf die verheerenden Wirtschaftskrisen anfangs des 20. Jahrhunderts, welche ein weltweites Misstrauen gegen die freie Marktwirtschaft hervorgerufen haben und vielerorts eine Rückbesinnung auf die mittelalterliche Ständeordnung hervorrief (am bekanntesten Papst Leo XIII. Enzyklika "Rerum Novarum"). Andererseits ist es aber auch eine Reaktion auf den sozialistischen und kommunistischen Klassenkampf, der durch friedliche Verhandlungen zwischen den Korporationen gelöst werden sollte.

Inhaltsverzeichnis

Formen des Korporatismus

Klassischer Korporatismus

Der klassische Korporatismus oder auch staatlich-autoritäre Korporatismus ist eine „von oben“, von staatlicher Seite, aufgezwungene Form des Korporatismus. Seine Merkmale sind eine begrenzte Anzahl gebildeter Zwangsverbände mit verbundener Zwangsmitgliedschaft. Die einzelnen Verbände stehen in keinerlei Konkurrenz zueinander und sind nach ihren funktionalen Aspekten voneinander abgegrenzt. Innerhalb ihrer Aufgabenbereiche verfügen sie über ein bestimmtes Repräsentationsmonopol, was mit der Erfüllung bestimmter staatlicher Auflagen in Verbindung steht. Dies betrifft insbesondere die Wahl des Führungspersonals, der Artikulierung von Ansprüchen oder Interessen. Die Arbeit der Verbände ist bereits auf ein fest vordefiniertes Gemeinwohl ausgerichtet. Es ergibt sich also nicht wie im Pluralismus aus einem Gruppenkonsens, sondern durch staatliche Festsetzung.

Formen des staatlich-autoritären Korporatismus findet man vorwiegend in totalitären Regimen wieder.

Neokorporatismus

Der Neokorporatismus, liberaler Korporatismus oder auch gesellschaftlich-liberaler Korporatismus ist eine „von unten“, von gesellschaftlicher Seite, erwirkte Form des Korporatismus. Er kennzeichnet sich insbesondere durch die freiwillige Einbindung frei gebildeter Interessensverbände in staatshoheitliche Aufgabenfelder aus. Begrenzungs- und Zentralisierungstendenzen innerhalb bestimmter Aufgabenbereiche werden nicht durch staatliche Festsetzung erreicht, sondern allein durch die Gesellschaft bestimmt. Seinen Ausdruck findet diese Form des Korporatismus im sogenannten Tripartismus. In der Konzertierung aus Staat, Gewerkschafts- und Arbeitgeberverbänden.

Vor allem in Deutschland und anderen sozialen Marktwirtschaften verbreitetes Merkmal der politischen Kultur: Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer tragen ihre Auseinandersetzungen zum Beispiel über unterschiedliche Lohnforderungen nicht durch Streik und andere Mittel des Arbeitskampfes aus, sondern versuchen im Interesse der Nationalökonomie (des "Standorts") möglichst reibungslos zu einer Einigung zu gelangen. Kritiker werfen dabei vor allem den Gewerkschaften vor, die Interessen ihrer Mitglieder nicht nachdrücklich genug zu vertreten.

Den gesellschaftlich-liberalen Korporatismus findet man insbesondere in Konkordanzdemokratien vor. Ein Beispiel hierfür wäre auch das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft

Korporatismuskritik

Innerhalb der Korporatismuskritik ergeben sich unterschiedliche Felder von Vor- und Nachteilen für den Staat und die Wirtschaft. Insbesondere betrifft dies den Neokorporatismus, da er von größerer Aktualität ist als die klassische Form.

Vor allem der klassische Korporatismus wird von wirtschaftsliberalen als eine staatlich kontrollierte Planwirtschaft angesehen, deren Unterschied zur kommunistischen Planwirtschaft nur darin besteht, dass die ursprünglichen Unternehmer nicht enteignet, sondern in das Plansystem integriert werden. Dadurch ergeben sich staatlich geschützte Kartelle, wodurch Wohlfartsverluste gegenüber einem freien Markt entstehen.

Von Vorteil innerhalb des Neokorporatismus erweist sich in erste Linie die Steigerung der Regierbarkeit. Ein Staat kann ohne Informationen aus Wirtschaft und Gesellschaft nur schlecht auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren und ist somit auf die Informationen aus Interessenverbänden angewiesen. Es kommt also zu einer Entlastung staatlicher Behörden bzw. Ministerien, da die Interessenverbände ihr Wissen zur Verfügung stellen. Des Weiteren treten Verbände innerhalb ihrer Aufgabenfelder als gemeinwohlorientierte Steuerungsinstanzen auf. Trotzdem besteht eine Tendenz zur Institutionalisierung, eine Eigenschaft des Delegationsprinzips. In der Folge zeigt sich Korporatismus als Mechanismus, der ursprünglich als Vertreter von Interessen bestimmte Delegierte dazu bringt, sich mehr am Verhandlungserfolg mit den Korporierten der Verhandlungsgegner zu orientieren, als an der Vertretung seiner Basis.

Als ein erheblicher Nachteil erweist sich die Gefahr der „Gefangennahme“ staatlicher Behörden, sowie der Prozess der „Deparlamentarisierung“. Ein Prozess, der die Arbeit von Interessen allein nur noch auf die Exekutive verlagert und das Parlament zu umgehen scheint. Ziel ist es dabei, bereits im Referendenstadium auf einzelne Gesetzesentwürfe einzuwirken. Dies betrifft insbesondere die Interessenarbeit traditioneller Verbände (Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände) innerhalb der Wirtschaftspolitik. Es besteht also das Problem, dass es lediglich zur Erfüllung eines partikularen Gemeinwohls zu Gunsten organisierter Spitzenverbände kommt. Es droht sozusagen der sogenannte Verbändestaat.

Trotzdem muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Neokorporatismus innerhalb einer Demokratie nicht für sich allein steht, sondern sich innerhalb eines demokratischen und pluralistischen Rahmens bewegt. Spitzenverbände behalten nur so lang ihre Glaubwürdigkeit in der Repräsentation von Gesamtinteressen, solang sie auch über ein überzeugendes Mitgliedervolumen verfügen. Mitgliedererosion innerhalb bestimmter Verbände kann deren Glaubwürdigkeit erheblich einschränken und zu einem Wechsel innerhalb der Verbändelandschaft des Neokorporatismus führen. Der Korporatismus innerhalb moderner, pluralistischer Demokratien, weist somit eine gewisse Dynamik auf. Auch wenn dieser Prozess kurz-, bis mittelfristig kaum zu erkennen ist, kann man ihn jedoch langfristig ausmachen. Der gesellschaftliche Wandel innerhalb der Interessenlandschaft von Demokratien äußert sich innerhalb des Korporatismus wie ein verspätetes Echo. Es verlagert sich zwar die Arbeit von traditionellen Verbänden in die Bereiche der Exekutive, jedoch wird dadurch mehr Raum für neue Interessen innerhalb des Parlaments frei. Interessen, die Bereiche innerhalb verschiedener Umwelt-, Sozial- und Wohlfahrtsfragen anschneiden, welche vermehrt erst in den 1980er und 90er Jahren entstanden.


Siehe auch: Kapitalismus, Sozialstaat

Literatur