Nebenwirkung
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Nebenwirkung

Dieser Artikel behandelt die Nebenwirkung in der Pharmakologie; für andere Bedeutungen siehe hier.

Eine Nebenwirkung ist eine beobachtete oder unbeobachtete Wirkung eines Arzneimittels, die nicht zu seinen beabsichtigten, erwünschten (Haupt-)Wirkungen gehört. Ein engerer Begriff als Nebenwirkung ist die unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) – Nebenwirkungen können unerwünscht oder auch erwünscht sein. Die Wirkung, und den Wirkmechanismus, untersucht die Pharmakodynamik.

„Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht oftmals der Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat.“

Gustav Kuschinsky: Verfasser eines Lehrbuches über Arzneimittelwirkungen

Auch Wechselwirkungen mit anderen Substanzen, Folgen von Überdosierungen sowie Entwicklung von Abhängigkeiten können zu den Nebenwirkungen gezählt werden. Das deutsche Arzneimittelgesetz definierte Nebenwirkungen früher als beim bestimmungsgemäßem Gebrauch auftretende unerwünschte Begleiterscheinungen; inzwischen ist die Definition in §4 (13) AMG deutlich präziser formuliert.

Inhaltsverzeichnis

Unterteilung

Man kann Nebenwirkungen unterteilen in:

Diese Nebenwirkungen kann man wieder unterteilen in leichte und schwerwiegende Nebenwirkungen; in klinischen Studien wird auch der Begriff „Schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis“ verwendet.

Erwünschte Nebenwirkungen

Nebenwirkungen können zuweilen erwünscht sein. Zum Beispiel wird die antiproliferative (wachstumshemmende) Wirkung von Glucocorticoiden bei Patienten mit Psoriasis gewünscht, bei Patienten mit einem endogenen Ekzem nicht. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man aber unter Nebenwirkungen unerwünschte Arzneimittelwirkungen.

Je nach Schwere der Erkrankung müssen der Arzt sowie der Patient selbst abwägen, ob sich das Risiko der Nebenwirkungen mit dem Nutzen des Medikamentes aufwiegen lässt.

Deklaration

Pharmaunternehmen sind verpflichtet, alle bekannten Nebenwirkungen eines Medikaments aufzulisten, die während dessen Anwendung auftreten können. Man beobachtet also eine Gruppe von Arzneimittelanwendern und notiert alle möglichen Komplikationen. Diese werden im Beipackzettel und der Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (in Deutschland: Fachinformation) angegeben. Der Hersteller haftet für alle nicht in diesen Produktinformationen angegebenen Nebenwirkungen (§84 AMG).

Begriffe für Häufigkeit in der Pharmakodynamik

Die Formulierungen wie „häufig“ etc. im Beipackzettel geben verschlüsselt die prozentuale Häufigkeit der Nebenwirkungen an; es entsteht beim Anwender oftmals Unsicherheit darüber, wie oft so eine Nebenwirkung auftreten kann. Sie ist aber fest definiert:

(Quelle ABDA, BfArM)

Die Anzahl an beobachteten Fällen von Nebenwirkungen steigt mit Dauer der Einnahme, der Anzahl der Patienten, die das Medikament nehmen (wenn eine Million Menschen ein Medikament nehmen, gibt es mehr Menschen, die eine Nebenwirkung erfahren - im Gegensatz zu einem Medikament, das nur von hundert Personen genommen wird), und in der Regel auch mit der Dosis. Aus statistischen Gründen müssen zum Beispiel für Nebenwirkungen mit einer Häufigkeit von 1:1 Million etwa sechs Millionen Anwendungen beobachtet werden, dadurch besteht bei neuen oder wenig verbreiteten Arzneimitteln ein erhöhtes Risiko für bis dahin unbekannte Nebenwirkungen.

Stellt ein Patient nach der Anwendung eines Medikamentes spürbare Veränderungen fest, sollte er dies unbedingt seinem Arzt oder Apotheker melden. Ist diese Nebenwirkung noch nicht bekannt, leitet der diese Information an die Arzneimittelkommission weiter. Patienten sollten das Medikament hingegen niemals eigenmächtig absetzen oder die festgelegte Dosis ändern.

Das Spektrum möglicher Nebenwirkungen von Medikamenten reicht von relativ harmlosen Begleiterscheinungen (z. B. Müdigkeit) bis hin zu Wirkungen, deren Schaden den Nutzeffekt des Medikamentes übersteigt. Ein Extremfall an unerwünschten Arzneimittelwirkungen trat im Fall des Schlafmittels Contergan in den 1960er Jahren auf, das bei Einnahme in der Schwangerschaft zum Teil sehr schwere körperliche Fehlbildungen bei Embryos auslöste und deshalb vom Markt genommen werden musste. Weitere schwere Fälle waren 1982 das Rheumamittel „Coxigon“ und 1983 das Schmerzmittel „Zomax“ (deutscher Vertrieb: Cilag GmbH), letztere mit fünf Todesfällen in den USA.

Zu arzneimittelbezogenen Problemen in Deutschland, z. B. unerwünschte Wechselwirkungen, wurde folgende Modellrechnung aufgestellt: Anzahl Rezepte pro Jahr: 470 Mio., davon 2 % mit Arzneimittel-Problemen: 9,4 Mio., davon 30 % potenziell gesundheitsgefährdend: 2,82 Mio., davon 30 % mit Krankenhausaufenthalt: 0,846 Mio., davon 30 % durch Arzneimitteldokumentation vermeidbar: 253.800, je Fall sieben Tage Krankenhausaufenthalt: 1,78 Mio. Tage, 291 Euro Kosten pro Tag: Mithin 518 Mio. Euro Kosten, die vermeidbar gewesen wären.[1]. Jeder zweite Todesfall durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) wäre vermeidbar.

Überträgt man die Daten einer Studie aus Norwegen auf Deutschland, so sterben jedes Jahr mehr als 50.000 Menschen an unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Die prospektive norwegische Studie an einer dortigen Klinik ergab, dass mehr als 18 % der dort innerhalb von zwei Jahren aufgetretenen Todesfälle durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen bedingt waren und dass ohne Autopsie gerade mal 8 von 133 durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen bedingten Todesfälle auch als solche erkannt wurden. [2]. Volkswirtschaftlicher Schaden eines (Unfall-)Toten beträgt nach EU-Berechnungen etwa eine Million Euro. [3]. Eine Auswertung von 3664 Klinikeinweisungen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen zwischen 2000 und 2006 stellte Prof. Petra Thürmann vor. 530 der UAW waren durch Insuline und Analoga verursacht, 446 durch NSAR, 437 durch Phenprocoumon, 316 durch Digitalis (90% durch Digitoxin), 285 durch Beta-Blocker, 267 durch orale Antidiabetika und 262 durch Diuretika. 59 % der UAW gab es bei Patienten über 70 Jahre. [4].

Die gesetzlichen Krankenversicherungen wenden jährlich fast 125 Mio. Euro für die Behandlung gastrointestinaler Nebenwirkungen der NSAR auf. 1.100 bis 2.200 Menschen sterben in Deutschland jährlich an gastrointestinalen Komplikationen (Schätzungen). Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. [5][6]

Gegenwärtig geht man davon aus, dass bei ca. 5 % der medikamentös behandelten Patienten UAW auftreten und dass bei etwa 3-6 % aller Patienten, die stationär auf internistischen Stationen aufgenommen werden (geschätzt 50.000–300.000), eine UAW-Ursache für diese Aufnahme ist. Etwa 2,3 % der aufgenommenen Patienten versterben als direkte Auswirkung der UAW. Unerwünschte Wirkungen waren somit für den Tod von 0,15 % der im Krankenhaus behandelten Patienten verantwortlich (0,1 bis 0,2 %). 49,6 % der tödlichen UAWs wurden mit einer inkorrekten Anwendung der Arzneimittel begründet.

Neben der Belastung für die Patienten durch UAW ist auch die ökonomische Belastung für das Versorgungssystem erheblich: Für Deutschland wurden die Kosten für UAWinduzierte Krankenhausbehandlungen auf 350 bis 400 Mio. € jährlich geschätzt, die Kosten können 5-9 % der Gesamtkrankenhauskosten ausmachen. (Sachverständigenrat für die Entwicklung des Gesundheitswesens, Gutachten, BMG 2007)

Nebenwirkung wird zur Hauptwirkung

Nebenwirkungen können aber auch durchaus zur Hauptwirkung werden. Das Medikament Viagra wurde zum Beispiel ursprünglich als Blutdrucksenker entwickelt, zeigte aber Nebenwirkungen ganz anderer Natur. Als Blutdrucksenker war es relativ unbrauchbar - als Potenzmittel hingegen sehr wirksam. Das ist aber auch der Grund dafür, weshalb Viagra bei der Anwendung als Potenzmittel Nebenwirkungen am Herzen (besonders wenn in Verbindung mit Nitraten eingenommen) zeigt und weshalb Viagra bei pulmonaler Hypertonie gegeben werden kann.

Laut den Resultaten einer prospektiven Beobachtungsstudie (BMJ 2004; 329: 15-19) ist jede 16. stationäre Patientenbehandlung Folge einer Arzneimittelnebenwirkung. Jedes Jahr ergäben sich daher Kosten von umgerechnet über 700 Millionen Euro für den National Health Service (NHS) in Großbritannien. Ein Forscherteam um Prof. Pirmohamed von der University of Liverpool wertete die Aufnahmedaten von 18.820 Patienten über 16 Jahre aus, die im Laufe eines halben Jahres in zwei Kliniken behandelt wurden. Die Autoren versuchten alle Fälle zu erkennen, in denen eine Arzneimittelnebenwirkung die definitive, wahrscheinliche oder mögliche Ursache der Klinikaufnahme war. Dieser Zusammenhang wurde bei 1225 Patienten gesehen, was einer Prävalenz von 6,5 Prozent entspricht. Entsprechende Ergebnisse gingen laut ihrer Darstellung auch aus früheren Untersuchungen zur gleichen Fragestellung hervor.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Elektronischer Arzneimittel-Sicherheits-Check spart Kosten, Der Hausarzt, 20/06, S. 34 nach Kommunikationsplattform im Gesundheitswesen, Mai 2001
  2. Abgewandelt zitiert nach "Unerwünschte Arzneimittelwirkungen", ifap@PRAXIS, 2007, dort zitiert nach Sonja Böhm, Einführungspressekonferenz i:fox (R), 1. August 2006, Berlin, Veranstalter: ifap GmbH
  3. Zitiert nach Eine Frage des Überlebens, Süddeutsche Zeitung, 16. Januar 2007, S. V2/2
  4. Abgewandelt zitiert nach Analyse der Pharmakovigilanz-Daten, Ärzte-Zeitung, 17. Januar 2007, S. 4
  5. Zitiert nach "Reduziert den Schmerz, schont die Organe", Der Allgemeinarzt 9/2007, S. 39
  6. Zitiert nach "tNSAR versus Coxibe: Was ist gesichert?" - Rund 2.200 Tote jährlich durch Komplikationrn im GI-Trakt, Ärztlicher Praxis, 22, 29. Mai 2007, S. 8
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