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Oskar Dirlewanger

Oskar Paul Dirlewanger (* 26. September 1895 in Würzburg; † wahrscheinlich 5. Juni 1945, nach dem Protokoll der Obduktion vom 24. Oktober 1960 am 7. Juni, spätestens aber am 19. Juni in Altshausen, Württemberg) war ein deutscher Offizier des Heeres und der Waffen-SS. Er war Kommandeur von nach ihm benannten SS-Sondereinheiten, die in großem Maße Kriegsverbrechen begangen haben. Seit dem 12. August 1944 stand er im Rang eines SS-Oberführers der Reserve.[1]

Inhaltsverzeichnis

Leben

Erster Weltkrieg

Dirlewanger war der Sohn eines Kaufmannes und legte 1913 sein Abitur ab. Er trat am 1. Oktober 1913 als Einjährig-Freiwilliger in die Maschinengewehr-Kompanie des Grenadier-Regiments 123 ein und nahm mit dieser Einheit 1914 am Einmarsch in Belgien und Frankreich teil. Nach mehreren Verwundungen wurde er als zu 40 % kriegsbeschädigt eingestuft. Trotz seiner Behinderung meldete er sich als Leutnant an die Front zurück und übernahm dort eine Sturm- bzw. MG-Kompanie. Dirlewanger erhielt als junger Offizier beide Klassen des Eisernen Kreuzes. Zuletzt an der Ostfront eingesetzt, zog sich die 2. MG-Kompanie des Infanterie-Regiments 121 bei Kriegsende unter Dirlewangers Führung über Rumänien nach Deutschland zurück.

Zwischenkriegszeit

Ausbildung und Berufstätigkeit

Nach Kriegsende schloss Dirlewanger sich verschiedenen nationalistischen Freikorps an und kämpfte 1920 in Württemberg, im Ruhrgebiet, in Sachsen und Thüringen und im Frühjahr 1921 in Oberschlesien. Insgesamt gehörte er für mindestens drei Jahre paramilitärischen Verbänden an.[2] Zwischenzeitlich studierte er an der Handelshochschule in Mannheim Wirtschaftswissenschaften. Wegen antisemitischer Hetze wurde er jedoch 1921 exmatrikuliert und setzte sein Studium in Frankfurt am Main fort, wo er 1922 zum Doktor der Staatswissenschaften promovierte. In der Doktorarbeit beschäftigte er sich mit Fragen einer völkischen Planwirtschaft in einem künftigen Kriegsfall, damit die im Ersten Weltkrieg aufgetretenen Versorgungskrisen vermieden würden. Von 1928 bis 1931 war er in einem Erfurter Textilunternehmen als geschäftsführender Direktor tätig, das einer jüdischen Familie gehörte. Dort machte er sich Unterschlagungen schuldig, mit denen er die SA unterstützte.[3] Bis Juli 1933 arbeitete er dann als selbstständiger Steuerberater.

Mitglied der NSDAP

Seit 1919 war Dirlewanger Mitglied im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Am 1. Oktober 1922 trat Dirlewanger in die NSDAP ein, wurde aber zwischenzeitlich ausgeschlossen und erst Jahre später als Mitglied mit der Nummer 1.098.716 neu aufgenommen. Außerdem war Dirlewanger SA-Mann im 1. Sturmbann der 122. SA-Standarte. Nach einem Überfall auf das Esslinger Gewerkschaftshaus durch den Sturmbann stand er im Dezember 1932 wegen Landfriedensbruchs vor Gericht. 1932 erhielt er eine Stelle als hauptamtlicher SA-Führer in Esslingen am Neckar und nach der „Machtübernahme“ der NSDAP 1933 als „alter Kämpfer“ eine Anstellung am Heilbronner Arbeitsamt, wo er zunächst Abteilungsleiter und später stellvertretender Direktor wurde.

Äußerungen Dirlewangers über andere „alte Kämpfer“, denen er mangelnde Qualifikation und Bestechlichkeit vorwarf, führten zu einem SA-internen Disziplinarverfahren.[4] Als Folge des Verfahrens wurde mehreren Strafanzeigen gegen Dirlewanger nachgegangen, die zuvor unterdrückt worden waren. Im Jahr 1934 wurde er wegen der Vergewaltigung eines dreizehnjährigen Mädchens und wegen Belästigung weiterer minderjähriger Mädchen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt (Urteil des LG Heilbronn vom 21. September 1934). Er verlor dadurch seine Stellung, seinen Doktortitel und alle militärischen Auszeichnungen. Nach der Entlassung aus zweijähriger Haft aus dem Zuchthaus Ludwigsburg wurde er 1936 erneut wegen der in der Erfurter Textilfabrik veruntreuten Gelder vor Gericht gestellt, am 12. Oktober in Heilbronn verurteilt[5] und kam in das KZ Welzheim, das er aber nach Intervention seines Freundes, des späteren SS-Obergruppenführers und Chefs des SS-Hauptamts, Gottlob Berger, bald wieder verlassen konnte.[6] Berger und Dirlewanger waren im Ersten Weltkrieg im gleichen Regiment, sie hatten zusammen die verdeckte Bewaffnung der NSDAP im Südwesten betrieben, zudem verband sie eine Feindschaft mit dem württembergischen Gauleiter Wilhelm Murr.[7]

Legion Condor

Ab 1936 nahm Dirlewanger zunächst als spanischer Fremdenlegionär und dann als Angehöriger der Legion Condor drei Jahre lang am spanischen Bürgerkrieg teil. Mit dem Spanienkreuz ausgezeichnet und durch seine Kontakte zum NS-Machtapparat gelang es ihm, eine Wiederaufnahme seines Verfahrens vor dem Landgericht Stuttgart zu erreichen.[8] Im Zuge der Neuverhandlung wurde er am 30. April 1940, trotz „nach wie vor nicht unerheblicher Verdachtsgründe“, aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Das ursprüngliche Urteil wurde aufgehoben. Auf Betreiben des Reichserziehungsministeriums erhielt Dirlewanger auch seinen Doktortitel zurück.

Zweiter Weltkrieg

Dirlewanger als Chef einer SS-Sondereinheit

Nach seiner Rückkehr im April 1940 wurde Dirlewanger im Mai wieder als "wehrwürdig" erklärt und auf Vorschlag Bergers in die Waffen-SS aufgenommen (SS-Nr. 357.267). Er erhielt den Rang eines Obersturmführers.

Berüchtigt wurde Dirlewanger als Kommandeur verschiedener SS-Einheiten, welche seinen Namen trugen, insbesondere jedoch als Kommandeur der „SS-Sturmbrigade Dirlewanger“. Diese Einheiten galten als „besonderes Steckenpferd“ Gottlob Bergers.[9] Wie Heinrich Himmler war Berger ein Verehrer König Heinrichs I. (vgl. Programm Heinrich), dessen Vorbild ihm im SS-Hauptamt-Schulungsamt zu Schulungszwecken diente.[10] Dieser König war es, der Räubern und Dieben in seiner „Schar Merseburger“ ihre Strafe erließ, wenn sie sich in seine Dienste stellten und fortan seine slawischen Feinde überfielen.[11] Diese Beschreibung münzte Himmler auf Anregung Gottlob Bergers in den Gedanken um, seinerseits straffällige Wilddiebe in die SS zu überführen.[12] Begünstigt durch den Umstand, dass der Reichsführer-SS Himmler auch das Amt des Chefs der Polizei innehatte, kam er mit dem Reichsjägermeister Hermann Göring überein, des Wilderns verdächtige Personen auf Grund der Notdienstverordnung vom 15. Oktober 1938 (RGBl. I S. 1441) zum Kriegsdienst heranzuziehen.

Das Sonderkommando und seine Einsätze

Von Himmler erhielt Dirlewanger im Mai 1940 den Auftrag, das „Wilddieb-Kommando Oranienburg“ zu bilden, und zwar mit 80 Vorbestraften, die im KZ Sachsenhausen zusammengezogen wurden und eine zweimonatige Ausbildung erhielten. Gottlob Berger wählte etwa 60 Strafgefangene aus, von denen die meisten nicht allein wegen Wilderei, sondern auch wegen anderer Delikte verurteilt worden waren.[13] Am 1. September 1940 wurde das „Sonderkommando Dirlewanger“ in den Raum Lublin verlegt,[14] wo es – wie auch später in Lemberg – zur Überwachung jüdischer Arbeitslager eingesetzt wurde. Zu den Praktiken des Kommandos sollen nach Zeugenaussagen von 1946 und 1973 Totpeitschen, Gruppenvergewaltigungen, Verabreichen von Strychnininjektionen und das Beobachten des Todeskampfes in der Gegenwart auch höherer Vorgesetzter gehört haben.[15] Es fiel überall im Generalgouvernement durch Plünderungen und Morde auf, und im Herbst 1941 leitete das SS- und Polizeigericht VI Krakau ein Ermittlungsverfahren ein, zumal Dirlewanger sich mit der jüdischen Übersetzerin Sarah Bergmann auf ein Verhältnis eingelassen hatte.[16] Das Verfahren wurde jedoch vereitelt, indem Berger die Einheit Januar 1942 nach Weißrussland verlegen ließ.

Am 29. Januar 1942 wurde Dirlewangers Einheit direkt dem Kommandostab Reichsführer-SS unterstellt. Sie sollte bis zum 10. Februar 1942, nach Vervollständigung der Ausrüstung und Ausbildung, dem Höheren SS- und Polizeiführer Russland-Mitte Kurt von Gottberg zugeführt werden. Dieser befand sich anfangs in Mogilew, dann in Lohoisk. Damit begann ein zweieinhalbjähriger Einsatz des SS-Sonderkommandos gegen Partisanen in Weißrussland, der sich außer gegen Partisanen vor allem gegen die einheimische Landbevölkerung richtete. Von den 700 gebrandschatzten weißrussischen Dörfern fiel ein erheblicher Teil dem Dirlewanger-Kommando zum Opfer. Die Dorfbewohner wurden meist erschossen oder mit ihren Siedlungen verbrannt. Später erfolgten zunehmend Rekrutierungen als Zwangsarbeiter. Ein Schreiben Dirlewangers an den Adjutanten Gottlob Bergers vom März 1944 dokumentiert ein Entgelt von je zwei Flaschen Schnaps pro Frau für insgesamt zehn Zwangsarbeiterinnen, die Dirlewanger für das SS-Hauptamt „beschaffte“.[17] Nach dem Abschlussbericht von Gottbergs zur „Aktion Cottbus“ vom 28. Juni 1943 hatte sich Dirlewangers „Entminungsapparat“ vollauf bewährt: Einheimische wurden über minenverdächtige Straßen getrieben, um Minenfelder für das Fortkommen der eigenen Leute unschädlich zu machen.[18] Die „Bandenbekämpfung“ war begleitet von Massenvergewaltigungen und weiteren Exzessen, die Opfer waren häufig minderjährige Frauen und Kinder. Teilweise war auch Gottlob Berger hieran beteiligt, er reiste eigens aus Berlin an, er war es auch, der weiterhin Dirlewanger vor Kritik schützte.[19]

Am 5. Dezember 1943 wurde Dirlewanger wegen seiner „Verdienste im Partisanenkampf“ das „Deutsche Kreuz in Gold“ verliehen. Laut dem Verleihungsantrag hatte Dirlewangers Einheit 15.000 „Banditen vernichtet“, 1.100 Gewehre erbeutet und 92[20] Tote in den eigenen Reihen zu verzeichnen. Das Verhältnis der Zahlen dokumentiert, dass bei den Einsätzen der Dirlewanger-Einheit überwiegend unbewaffnete Zivilisten systematisch ermordet wurden.[21] Im „Selbstverwaltungsbezirk Lokot“ bekämpfte das Kommando zusammen mit der Kaminski-Brigade weiter Partisanen.

Im Mai 1942 wurden der Einheit erstmals 60 ukrainische Freiwillige – ehemalige Kriegsgefangene – zugeteilt. Es folgte die Umbenennung in „SS-Sonderbataillon Dirlewanger“. Ab Juli 1942 war Wilderei keine Voraussetzung mehr für die Rekrutierung in der Dirlewanger-Einheit, nun mehr wurde auch auf Kriminelle und auf „Asoziale“ zurückgegriffen, die im KZ einsaßen. Hinzu kamen dann vermehrt russische und ukrainische Hilfswillige (Hiwis). Diese schlechter bewaffneten und ausgebildeten Einheiten wurden vorwiegend für Absperraufgaben bei den Massenmorden eingesetzt.[22]

1943 bestand folgende Gliederung:[23]

Beim Einsatz zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands am 4. August 1944 kam es zur Abstellung eines großen Kontingents von Insassen der SS-Strafvollzugsanstalt Danzig-Matzkau. Ab November 1944 kamen auch politische Gefangene hinzu.[24]

Bei den Kämpfen in Warschau zeigten Dirlewanger und seine Einheit erneut ihre selbst für SS-Einheiten außerordentliche Grausamkeit und Brutalität. Massenerschießungen, Folter von Gefangenen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Verbrechen an Kindern und Alkoholexzesse, auch unter Beteiligung von Dirlewanger selbst, sind durch Augenzeugenberichte von Wehrmachtsangehörigen belegt.[25] Dirlewangers Einheit - im Arbeiterbezirk Wola eingesetzt - benutzte beim Angriff auf feindliche Stellungen erstmals Frauen und Kinder als „lebende Schutzschilde“.[26] Dirlewanger und die SS-Generäle Erich von dem Bach und Heinz Reinefarth erhielten für die Zerstörung Warschaus mit über 170.000 zivilen Opfern am 30. September 1944 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Der russische SS-Brigadeführer Bronislaw Wladislawowitsch Kaminski und sein Stab wurden am 28. August 1944 wegen Übergriffen auf Soldaten der Wehrmacht und Plünderungen standrechtlich erschossen. Zwei Monate später wurde das SS-Sonderregiment Dirlewanger zur Bekämpfung des slowakischen Nationalaufstandes eingesetzt, im Dezember kämpfte sie in der Umgebung von Budapest gegen die vorrückende Rote Armee.[27]

Vor dem Einsatz in Warschau war das Regiment nach seinem Rückzug aus Weißrussland zur „Sturmbrigade Dirlewanger“ mit etwa 6.500 Mann aufgestockt worden.[28] Ende Januar 1945 gelangte die Truppe an die Oderfront in den Raum um Guben, wo es zu schweren Kämpfen mit sowjetischen Truppen kam. Am 19. Februar 1945 befahl Himmler, die inzwischen von SS-Standartenführer Schmedes geführte Brigade zur 36. Waffen-Grenadier-Division der SS aufzustocken. Dazu gehörten auch reguläre Einheiten. Die Division wurde im Kessel von Halbe südlich von Berlin aufgerieben.

Dirlewanger war bereits Mitte Februar 1945 als Kommandeur abgelöst worden, da er an den Folgen eines Brustschusses litt. Er ließ sich in Württemberg versorgen[29] und versuchte, dort bei seinen Eltern lagerndes Beutegut vor Kriegsende in Sicherheit zu bringen.[30]

Nach Kriegsende

Für Dirlewanger war der Krieg am 22. April 1945 zu Ende, als er in einer Allgäuer Jagdhütte Gottlob Bergers seine Uniform gegen Zivilkleidung austauschte. Nach Christian Ingrao fehlen dann für sechs Wochen weitere Nachrichten. Es spricht indessen viel dafür, dass Dirlewanger am 7. Mai 1945 in französische Kriegsgefangenschaft geriet, wovon ein französisches Privatfoto zeugt, und zwar aufgenommen von Capitaine Pierre Bouchet de Fareins (5. Regiment marokkanischer Schützen).[31] Deutsche Gefangene lernten ihn und den SS-Mann Minch Anfang Juni als Mithäftlinge kennen. Nach der Zeugenaussage eines dieser Mithäftlinge im oberschwäbischen Altshausen, Kreis Saulgau, in Württemberg (Französische Besatzungszone) habe Dirlewanger angegeben, von einem ehemaligen jüdischen KZ-Häftling wiedererkannt worden zu sein. Er sei dann genau wie Minch von bewaffneten Polen, am ehesten ehemalige Zwangsarbeiter, in der französischen Haft so misshandelt worden, dass er wohl am 5. Juni 1945 gestorben sei.[32] Das Sterberegister der Gemeinde Altshausen nennt den 19. Juni 1945 als Datum der raschen und formlosen Bestattung des vormaligen SS-Oberführers.

Bis in die 1960er Jahre kursierten dennoch Gerüchte, Oskar Dirlewanger habe den Krieg überlebt. Es wurde unterstellt, er sei Leibwächter des damaligen Präsidenten Nasser von Ägypten. Aus diesem Grund ordnete im November 1960 die Staatsanwaltschaft Ravensburg die Exhumierung der Leiche an. Die gerichtsärztliche Untersuchung ergab jedoch eindeutig, dass es sich bei dem Bestatteten um Dirlewanger handelte.[33] Von 35 bei der Justiz in den 1960er Jahren angelegten Strafverfolgungsdossiers führte nur eines zur Anklage und zur Verurteilung von vier ehemaligen Sondereinheitsangehörigen wegen der Beteiligung an Straftaten gegenüber jüdischen Arbeitslagerhäftlingen.[34]

Persönlichkeit

Christian Ingrao betont aufgrund von entsprechenden Zeugenaussagen, dass trotz des Dirlewanger von Himmler zugestandenen Rechts, ohne Gerichtsverhandlung bei irgendwelchen Vergehen über Leben und Tod seiner Leute zu befinden, er in seiner Einheit als charismatisch und von vielen wie ein „Vater“ wahrgenommen wurde, so dass die Truppe nicht nur seinen Namen trug, sondern auch eine soziale Einheit mit ihm gebildet habe. Die Bezeichnung „Landsknecht“ habe er sich gefallen lassen, weil er mit seinen Leuten bei „kameradschaftlichen Abenden“ immer wieder orgienhaft feiern konnte. - Insgesamt bestand seine Lebenszeit aus 17 Jahren Krieg; das ist ein Drittel seines Lebens. Die in der Öffentlichkeit lange nicht bekannten Umstände seines Endes und das ungenaue Todesdatum hätten erheblich zur Legendenbildung beigetragen und ließen G. Berger noch 1962 nach der 1960 erfolgten Obduktion Dirlewangers gegenüber dem Historiker Helmut Heiber mutmaßen, dass sein Freund wohl als geheimer Ratgeber der Mächtigen in Syrien oder Ägypten weiterlebe.[35]

Knut Stang sah 2004 in einer biographischen Skizze vier Faktoren für Dirlewangers Werdegang als bestimmend an: „Bei ihm verbanden sich eine amoralische Persönlichkeit, zusätzlich zerrüttet durch Alkoholismus und eine sadistische sexuelle Veranlagung, das Fronterlebnis des Ersten Weltkrieges, rauschhafte Gewalt und Barbarisierung, die insgesamt erfolglosen und frustierenden Friedensjahre und eine politische Führung, die skrupellose Terrorkriegsführung nicht nur tolerierte, sondern zur Methode machte.“[36] Bemerkenswert sei, so Stang, „daß Dirlewanger trotz Vorstrafen und sonstiger Auffälligkeiten erst von Berger richtig erkannt und instrumentalisiert wurde. […] Hitler und Himmler sahen − zu Recht − in Dirlewanger den radikalsten Vertreter dessen, was NS-Kriegsführung auszeichnete gegenüber der auch nicht eben menschenfreundlichen Kriegsführung der deutschen Militärtradition.“[36]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Dienstaltersliste der Waffen-SS (Sachstand: 1. Juli 1944) Herausgegeben von Brün Meyer, Biblio, Osnabrück 1987.
  2. Christian Ingrao, Les chasseurs noirs. La brigade Dirlewanger, Paris (Perrin) 2006, S. 65.
  3. Ingrao, S. 78 f.
  4. Stang, Dirlewanger, S. 68f.
  5. Ingrao, S. 86.
  6. Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main, S. 93.
  7. Stang, Dirlewanger, S. 69.
  8. Weiß, Lexikon, S. 93.
  9. Weiß, Lexikon, S. 38.
  10. Richard Breitman: Heinrich Himmler. Der Architekt der „Endlösung“. Zürich 2000, S. 64.
  11. Widukind von Corvey: Res gestae Saxonicae. Die Sachsengeschichte. Lateinisch/Deutsch, hrsg. v. Ekkehart Rotter u. Bernd Schneidmüller, Stuttgart (Reclam UB Nr. 7699) 1997, S. 111.
  12. Vgl. Weiß, Lexikon, S. 37 f.
  13. Stang, Dirlewanger, S. 69.
  14. Weiß, Lexikon, S. 93. Ingrao (2006), S. 21.
  15. Ingrao, S. 169f. Ingrao bezieht sich auf die Prozessakten gegen Heinz Feiertag (IfZ, Gh 05.10.) wie auch auf einen Brief Dirlewangers vom 20. März 1942. Zu Strychnininjektionen siehe auch Auerbach, S. 262.
  16. Ingrao, S. 87, 89, 104, 108, 125 f.
  17. Schreiben Dirlewangers an Bergers Adjutanten Blessau vom 11. März 1944, siehe Stang, Dirlewanger, S. 71. Das Schreiben und die Antwort Blessaus abgedruckt bei Rolf Michaelis: Das SS-Sonderkommando Dirlewanger. Der Einsatz in Weißrussland 1941-1944. 2., revidierte Auflage, Michaelis, Berlin 2006, ISBN 978-3-930849-38-3, S. 111. Vgl. auch Ingrao, S. 164.
  18. Vernehmung von 1948, siehe Stang, Dirlewanger, S. 71. Vgl. auch Ingrao, S. 131 f., 233.
  19. Bezugnehmend auf Nachkriegsaussagen (unter anderem Nürnberger Dokument NO-867): Stang, Dirlewanger, S. 71.
  20. Laut Verleihungsantrag, siehe Michaelis, Sonderkommando, S. 25. Die eigenen Verluste betrafen vorwiegend die ukrainischen und russischen Hilfstruppen, bis Ende 1943 hatte das eigentliche Kommando 19 Tote zu verzeichnen. Hierzu: Stang, Dirlewanger, S. 71.
  21. Michaelis, Sonderkommando, S. 25.
  22. Stang, Dirlewanger, S. 71.
  23. Michaelis, Sonderkommando, S. 11.
  24. Hellmuth Auerbach, in: Wolfgang Benz u.a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München (dtv) 1997, S. 440.
  25. Augenzeugenbericht - Vgl. auch Ingrao, S. 134, 158, 181 f.
  26. Stang, Dirlewanger, S. 71. Ebenda erwähnt: Teilnahme an „umfangreichen Massakern, Plünderungen und Vergewaltigungen“.
  27. Ingrao, S. 59 f.
  28. Ingrao, S. 50-52.
  29. Ingrao, S. 60. Auerbach, S. 260.
  30. Stang, Dirlewanger, S. 72
  31. Franz. Militärfoto vom 7. Mai 1945
  32. Ingrao, S. 201-205.
  33. Weiß, Lexikon, S. 94; Auerbach, VfZ, 1962, Hf. 3, S. 252. - Vgl. auch Ingrao, S. 206 f.
  34. Ingrao, S. 217-219.
  35. Ingrao, S. 65, 92, 97, 102 f., 231
  36. a b Stang, Dirlewanger, S. 73
  37. Der französische Historiker Christian Ingrao hat in deutschen, russischen und polnischen Archiven alle zugänglichen Daten zu einer umfassenden wissenschaftlichen Studie über die Brigade Dirlewanger zusammengetragen.
Personendaten
Dirlewanger, Oskar
Dirlewanger, Oskar Paul
deutscher Offizier in Armee und Waffen-SS
26. September 1895
Würzburg
7. Juli 1945
Altshausen, Württemberg