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Welte-Mignon

Das Welte-Mignon-Reproduktionsklavier war ein mechanisches automatisches Musikinstrument, das als erstes Musikinstrument überhaupt die weitgehend authentische Wiedergabe von Klavierstücken ermöglichte.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung und Geschichte

Steinway-Welte-Klavier von 1919 mit Blick auf das Innenleben

Die Firma M. Welte & Söhne in Freiburg im Breisgau war durch ihre Entwicklungen auf dem Gebiet der automatischen Musikwiedergabe mit Programmträgern und ihre Orchestrien bereits berühmt, als sie sich 1904 das Wiedergabeverfahren für das von ihnen entwickelte Reproduktionsklavier patentieren ließ [1]. 1905 kam dieses unter dem Namen Mignon, wenig später als „Welte-Mignon-Reproduktionsklavier“ auf den Markt. Dieses Instrument benutzte als Tonträger Lochstreifen aus Papier, die sogenannte „Notenrolle“ oder „Klavierrolle“, und war eine Gemeinschaftsentwicklung von Edwin Welte und Karl Bockisch.

Damit war es möglich, das einmal eingespielte Spiel eines Pianisten inklusive der Anschlagsdynamik weitestgehend originalgetreu wiederzugeben. Dieses technische Wunderwerk war damals wie heute eine Sensation und erlaubt mit den wenigen gut erhaltenen Instrumenten eine authentische Wiedergabe dieser Aufnahmen. Da diese Instrumente, wie auch die Notenrollen, extrem aufwändig und teuer waren, waren sie nur für wohlhabende Kreise erschwinglich. Für den rechts abgebildeten Ibach-Welte-Flügel waren laut Preisliste 1924 über 8.000 Reichsmark zu bezahlen.

In der Firmengeschichte gab es bei Welte für die Reproduktionsklaviere zwei Rollensysteme, T-100 (nach den vorwiegend roten Rollen Welte-rot genannt) und T-98 (Welte-grün genannt). Das System T-100 benutzte 100 Steuerungslöcher bei einer Rollenbreite von 12 7/8 Zoll = 329 mm.Das System T-98 wurde später entwickelt und kam ab 1919 auf den Markt. Die Steuerung kam jetzt mit 98 Spuren aus, konnte dafür aber auch die normalen Pianola-Notenrollen mit einer Breite von 11 1/4 Zoll = 285 mm nach dem Standard der Buffalo Convention abspielen.

Aufnahmen berühmter Pianisten und Komponisten

1904 wurden die ersten Aufnahmen gemacht. In der Folge wurden die bekanntesten Pianisten der damaligen Zeit zu Aufnahmen für Welte-Mignon engagiert. Insgesamt bot die Firma M. Welte & Söhne bis 1932 etwa 5.500 Aufnahmen an, darunter zahlreiche Opern- und Operettenpotpourris, aber auch Unterhaltungsstücke, Schlager, Märsche und Tanzmusik.

Von 1905 bis 1909 hatte Welte & Söhne ein zweites Aufnahmestudio in Leipzig bei ihrem damaligen Generalvertreter Hugo Popper.

Im Repertoire der Welte-Klavierrollen von 1905 bis 1928 befinden sich beispielsweise Aufnahmen von Carl Reinecke, Ignacy Jan Paderewski, Ferruccio Busoni, Artur Schnabel, Edwin Fischer oder Walter Gieseking. Kurz vor dem Ende der Ära der Reproduktionsklaviere um 1930 spielten noch einige der großartigsten Pianisten des 20. Jahrhunderts für Welte, darunter Vladimir Horowitz im Frühjahr 1926 − es sind die ältesten Aufnahmen dieses Pianisten. 1928 erfolgten die letzten Aufnahmen klassischer Musik mit Rudolf Serkin und Lubka Kolessa. Von da an bis zum Ende der Rollenproduktion 1932 wurde nur noch Unterhaltungsmusik aufgenommen. Zahlreiche Komponisten spielten eigene Werke ein, darunter Claude Debussy, Camille Saint-Saëns, Alexander Skrjabin, Max Reger, Edvard Grieg, Enrique Granados, Gustav Mahler, Richard Strauss und George Gershwin.

Originalkompositionen für Welte-Mignon-Klavier 1926

1926 komponierten Paul Hindemith, Ernst Toch und Gerhart Münch für die Donaueschinger Musiktage (Kammermusikfest Donaueschingen)“ Stücke für mechanisches Klavier „Welte-Mignon“ [2]. Die Uraufführung war am 25. Juli 1926.

Diese Stücke waren nicht von Hand spielbar. Die Möglichkeit, bei einem solchen Klavier über die Programmierung der Notenrollen fast beliebige Tonfolgen zu erzeugen, gab den Komponisten neue Freiheiten der Klanggestaltung. Folgende Werke wurden uraufgeführt:

Paul Hindemith:

Ernst Toch:

Gerhart Münch:

Originalkompositionen für Welte-Mignon-Klavier 1927

Für die im folgenden Jahr in Baden-Baden stattfindende Folgeveranstaltung, die „Deutsche Kammermusik Baden-Baden 1927“ vom 15.-17. Juli 1927, arrangierten und komponierten weitere Musiker der Avantgarde Stücke für Welte-Mignon.
Vorgestellt wurden diese Stücke in einem Aufsehen erregenden Konzert am 16. Juli 1927, das ausschließlich Originalwerken für mechanische Instrumente gewidmet war[3].

George Antheil arrangierte den I. Teil seines Ballett mécanique für das Welte-Mignon-Klavier.

Nikolai Lopatnikoff schrieb ein eigens dafür komponiertes Scherzo sowie eine Toccata für Klavier, die er für mechanisches Klavier bearbeitete und auf die Notenrolle zeichnete.

Hans Haass schrieb eine Capriccio-Fuge und ein Intermezzo, beide für mechanisches Klavier.

Außerdem kamen Werke für mechanische Orgel (Welte-Philharmonie-Orgel) von Ernst Toch und Paul Hindemith zur Aufführung.

Philharmonie-Orgel

Welte-Philharmonie-Orgel an Bord der Dampfyacht von Howard Gould „Niagara“

Ab 1912 gab es ein gleichartiges System für Orgeln, genannt „Welte-Philharmonie-Orgel“. Diese Orgeln waren extrem aufwändige Instrumente und meist sowohl mit automatischer Spieleinrichtung als auch von Organisten herkömmlich bespielbar. In der reichen Oberschicht bestellten Industrielle und Adelige, aber auch etwa Hotels der Spitzenklasse diese selbstspielenden Orgeln in immer größeren Dimensionen. Diese wurden meist in Räumen verbaut, die speziell für die Orgeln geschaffen waren.

Inzwischen ist die Welte-Philharmonie-Orgel des Schwesterschiffes der Titanic, der Britannic, wiederentdeckt worden.[4]

Der Stapellauf des Schiffes war 26. Februar 1914, am 4. August 1914 erklärte Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg. Es ist also unwahrscheinlich, dass das Instrument, dessen Herstellung viele Monate dauerte, überhaupt jemals nach Belfast kam. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Instrument 1920 an den Stuttgarter Kamera-Fabrikanten August Nagel verkauft. Um 1935 kam die Orgel wieder zu Welte zurück und wurde 1937 im „Radium Lampenwerk Wipperfürth“ eingebaut. Nach der Stilllegung der Fabrik 1960 wurde das Instrument von dem Schweizer Sammler Heinrich Weiss erworben, dessen Sammlung heute das Museum für Musikautomaten in Seewen bildet. Von den Orgelbauern, die kein Englisch konnten, wurden die Bauteile mit „Britanik“ gekennzeichnet. Die Kennzeichnung erfolgte ähnlich wie bei den Reproduktionsklavieren mit ins Holz eingeschlagenen Buchstaben und Zahlen, um so die Bauteile der in der Firma gleichzeitig gefertigten Instrumente nachher wieder identifizieren zu können. Da dies ein Prestigeprojekt war, wurde die Entwurfszeichnung bereits um 1912 oder 1913 in den Firmenprospekten für die Philharmonieorgel abgebildet, zusammen mit Photos und Zeichnungen anderer Philharmonie-Orgeln [5]..

Die komplizierteste und größte Philharmonie-Orgel überhaupt wurde für den Theatersaal von Sir David Lionel Salomons Anwesen in Broomhill bei Royal Tunbridge Wells gebaut. Das Instrument hat zwei Spielapparate. Einen für die Welte-Orgel-Rollen und den anderen für das Welte-Orchestrion Typ No. 4, das er bereits seit etwa 1890 besaß. Außerdem ist es von Hand spielbar. Die Konsole der Orgel, die in der Mitte des Instrumentes hinter einem mannshohen Paneel verborgen ist, hat neben dem Pedal drei statt der üblichen zwei Manuale. Das große Eichengehäuse mit den gewaltigen Ausmaßen von über 9 Metern Breite und 6 Metern Höhe enthält rund 2.000 Pfeifen sowie diverse Perkussionsinstrumente. Als besonderes Merkmal ist diese Philharmonie-Orgel mit einer separaten Echo-Orgel ausgestattet, die mit ihren 349 Pfeifen in einem speziellen Raum oberhalb der Galerie am rückwärtigen Ende des Saales steht. Auch diese Orgel wurde beinahe ein Opfer des Krieges. Am 27. April 1914 war Sir David Lionel nach Freiburg gereist, um sich über den Fortschritt der Arbeiten zu informieren. Im Juli 1914 wurde das Instrument in Broomhill angeliefert. Nach dem Kriegsausbruch am 4. August wurde ein in England zur Montage weilender Orgelbauer aus Waldkirch zum Aufbau des Instrumentes herangezogen, der das Instrument mit Hilfskräften zusammen spielfertig machte. Anschließend war er bis zum Ende der Feindseligkeiten als Kriegsgefangener auf der Isle of Man interniert. Heute ist das Anwesen als Salomon-Centre ein Teil des Canterbury Christ Church University College. Die Orgel, die seit 1940 stumm war, wurde 2005 bis 2007 aufwändig restauriert und im April 2007 der Öffentlichkeit vorgestellt[6].

Für die Welte-Philharmonie-Orgel wurden wie beim Reproduktionsklavier von zahlreichen bekannten Organisten Musikstücke aufgenommen und als Notenrollen verkauft. Zu diesen Organisten gehörten auch Eugène Gigout, Max Reger, Alfred Hollins, Edwin Lemare und Karl Straube.

Welte-Mignon in der Literatur

Hörbeispiele

Literatur

Quellen

  1. http://www.welte-mignon.de/pdf/Mignon/DE/DE162708.pdf
  2. http://www.swr.de/swr2/donaueschingen/archiv/programm/1926/index.html
  3. http://www.swr.de/swr2/donaueschingen/archiv/programm/1927/index.html
  4. Für den Bau einer Philharmonieorgel für die Titanic gibt es keinerlei Beweise, nur Gerüchte die sich bisher nicht bestätigen ließen.
  5. Christoph E. Hänggi: Die Britannic-Orgel im Museum für Musikautomaten Seewen So. Festschrift zur Einweihung der Welte-Philharmonie-Orgel; Sammlung Heinrich Weiss-Stauffacher. Hrsg.: Museum für Musikautomaten Seewen SO. Seewen: Museum für Musikautomaten, 2007.
  6. Andrew Pilmer und Thomas Jansen: Die größte Welte-Philharmonie-Orgel der Welt in Tunbridge Wells, England. In: Aus Freiburg in die Welt - 100 Jahre Welte-Mignon: automatische Musikinstrumente; Augustinermuseum, Ausstellung vom 17. September 2005 bis 8. Januar 2006. Freiburg 2005, S. 178 ff