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Berlin-Hansaviertel

Hansaviertel
Ortsteil von Berlin

Wedding Gesundbrunnen Moabit Hansaviertel Tiergarten Mitte
Koordinaten 52° 31′ 0″ N, 13° 20′ 20″ OKoordinaten: 52° 31′ 0″ N, 13° 20′ 20″ O
Höhe 52 m ü. NN
Einwohner 5897 (30. Juni 2007)
Neugründung 1. Jan. 2001
Postleitzahl 10557
Ortsteilnummer 0103
Verwaltungsbezirk Mitte
Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg

Das Hansaviertel ist ein Ortsteil im Bezirk Mitte von Berlin. Er ging 2001 als eigenständiger Ortsteil aus dem entsprechenden Stadtquartier des ehemaligen Bezirks Tiergarten hervor.

Das Hansaviertel erstreckt sich nach Süden und Osten bis zum Tiergarten (bzw. zum Park des Schlosses Bellevue), nach Westen und Norden bis zur Spree und wurde überregional bekannt durch die Internationale Bauausstellung 1957 (Interbau). Diese war eine Demonstration moderner Stadtplanung und Architektur jener Zeit, der sogenannten Nachkriegsmoderne. Während der 50-Jahrfeier des Hansaviertels im Jahr 2007 wurde diese Tradition in Erinnerung gerufen.

Inhaltsverzeichnis

Das alte Hansaviertel

Die feuchten Flussniederungen im Spreebogen westlich vom Schloss Bellevue wurden seit dem 18. Jahrhundert als „Schöneberger Wiesen“ bezeichnet. Der Name leitete sich von einem Erlass von König Friedrich II. aus dem Jahr 1762 ab, mit dem den Bauern des Dorfes Schöneberg wie auch Schnittern aus Wilmersdorf und Lietzow das Recht zur Nutzung des Gebietes zugestanden worden war.

Die „Schöneberger Wiesen“ wurden entlang des Schlossparks von einem Wiesenweg erschlossen, der bis zur 1824 gebauten Moabiter Brücke führte. Er trug nacheinander die Bezeichnungen „Moabiter Damm“ (1790–1832) und „Brückenallee“ (1832–1960). Sein spreenaher Teil entsprach dem nördlichen Abschnitt der heutigen Bartningallee, der südliche Teil dem auf den Großen Stern zulaufenden heutigen östlichen Abschnitt der Altonaer Straße.

Am südlichen Ende des späteren Hansaviertels, auf Höhe der heutigen Händelallee, entstand 1824 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel die „Villa Finkenherd“, die 1880 zur Gaststätte „Charlottenhof“ umgewandelt und nach Kriegsschäden im Jahr 1945 abgerissen wurde. In dem unter der Federführung von James Hobrecht entstandenen Bebauungsplan der Umgebungen Berlins aus dem Jahr 1862 war noch keine Erschließung des überschwemmungsgefährdeten Wiesengeländes am Spreebogen vorgesehen.

1872 begann die Berlin-Hamburger Immobilien AG damit, das Gelände der „Schöneberger Wiesen“ städtebaulich zu entwickeln. Die Initiative ging von Johann Anton Wilhelm von Carstenn aus, der aus Spekulationsgründen einen Großteil des Geländes erworben hatte. Unternehmer aus Hamburg und Berlin investierten in das Projekt. Die Bezeichnung des neuen Stadtviertels als „Hansaviertel“ verwies auf die mittelalterliche Hanse und damit auf historische Bindungen zwischen den beiden Städten. Aus dem gleichen Grund wurde eine der Hauptstraßen des neuen Stadtviertels nach dem Hamburger Stadtteil Altona benannt. Den Investoren war daran gelegen, ein Stadtviertel nach hanseatischem Vorbild zu schaffen, in dem eine anspruchsvolle Wohnbebauung eine bürgerliche Sozialstruktur gewährleisten sollte.

Um eine Bebauung zu ermöglichen, musste morastiges Gelände im Spreebogen zunächst mit Sand aufgefüllt und befestigt werden. Die Bebauung begann im Jahr 1877 im südlichen Abschnitt. Bereits im Jahr 1882 ging die Berlin-Hamburger Immobilien AG in Liquidation. Sie hatte sich mit dem aufwändigen Projekt der Erschließung des Hansaviertels übernommen. Ihre Funktion wurde hauptsächlich von der Terrain-Gesellschaft Bellevue übernommen.

Zentrum des neuen Viertels, dessen Bebauungsplan von Otto und Conrad Busse stammte, wurde der Hansaplatz. An ihm kreutzten sich Klopstockstraße, Lessingstraße und Atonaer Straße sternförmig. Die ältere Brückenallee am östlichen Rand des Viertels wurde in den Straßenplan integriert. An ihr lagen die besten Grundstücke, auf denen Ein- und Mehrfamilienhäuser im Landhausstil errichtet wurden.

Die restliche Bebauung des Hansaviertels bestand vorwiegend aus mehrgeschossigen Wohnhäusern, deren gute Ausstattung Mieter aus dem (teils gehobenen) Bürgertum anzog. Das war ein deutlicher Unterschied zum nördlich der Spree angrenzenden Arbeiterviertel Moabit. Auf königlichen Erlass hin durften bis 1910 im Hansaviertel keine Fabrik- und Gewerbebauten entstehen. Die Höhe der Gebäude war gleichzeitig zwar auf drei Stockwerke beschränkt, viele Bauherren hielten sich aber nicht an diese Auflagen. So entstand dennoch eine typische Berliner Blockrandbebauung mit zahlreichen Hinterhöfen, Seiten- und Quergebäuden. Im Hansaviertel lebten in dieser Zeit rund 15.000 Menschen.

Durch das Hansaviertel wurde ab 1875 der Viadukt der Stadtbahn geführt, die 1882 eröffnet wurde. Das Stadtquartier zerfiel so zwar in zwei Teile, was aber durch zahlreiche Unterführungen unter dem Viadukt für das Zusammenleben der Menschen nicht ins Gewicht fiel. Zudem war nun das Hansaviertel durch die zwei Bahnhöfe Bellevue und (ab 1885) Tiergarten mit dem Berliner Zentrum und dem nahegelegenen Charlottenburg verbunden.

Bis zur Mitte der 1920er-Jahre entstanden die evangelische Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, eine Kapelle der katholischen Gemeinde St. Ansgar und drei Synagogen sowie eine Realschule und mehrere Privatschulen. Es hatte sich ein gutbürgerliches Stadtviertel entwickelt, größer als das jetzige Hansaviertel, dicht besiedelt, zentral gelegen und dennoch ruhig. 1943, im Zweiten Weltkrieg, wurde es durch mehrere Luftangriffe zum großen Teil zerstört.

Die Neuplanung

Das Hansaviertel, ein einstmals beliebter bürgerlicher Ortsteil, im Krieg fast völlig zerstört, sollte zum Symbol für Berlins Erneuerungswillen werden. Hatten doch hier einst Berühmtheiten wie der Maler Hans Baluschek, der Secessions-Gründer Walter Leistikow oder der Theaterkritiker Alfred Kerr gelebt. Sogar Lenin hatte hier 1895 für zwei Monate als Untermieter in der Flensburger Straße logiert. Doch 1945 war nichts mehr übrig von dem alten Ortsteil, lediglich das ehemalige Haus des Malers Max von Rüdiger stand noch. Es hatte den Großbrand nach dem Bombardement überlebt.

Die Geschichte des neuen Hansaviertels ist eng verbunden mit der städtebaulichen Gesamtplanung für Berlin nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Katastrophe für die Stadt – 500.000 Wohnungen waren verloren, alle Industrie- und Arbeitsstätten von einiger Bedeutung zerstört oder demontiert – bot Stadtplanern eine einmalige Chance. Der Architekt Hans Scharoun erhielt 1946 vom Alliierten Kontrollrat den Auftrag, ein Konzept zur Neugestaltung Berlins zu entwickeln. Unter seiner Leitung entstand der sogenannte Kollektivplan, der eine völlige Neuaufteilung und Dezentralisierung der Stadt vorsah. Bestimmende Elemente sollten die Wohnzellen sein, Wohneinheiten für jeweils 4.000 bis 5.000 Menschen, von Grün umgeben und versehen mit allen notwendigen Versorgungseinrichtungen.

Der Plan lieferte wichtige Denkanstöße, war aber in reiner Form undurchführbar – aus rechtlichen, finanziellen und politischen Gründen. Zwei Hauptziele wurden in den Flächennutzungsplan von 1950 übernommen: Die Innenstadtgebiete sollten wesentlich lockerer bebaut werden als zuvor, und die Stadt sollte so weit wie möglich mit Grünflächen durchsetzt werden.

Diese Grundsätze der Planung sollten im Idealfall für ganz Berlin gelten, für den Ost- wie den Westteil der Stadt, für Innenstadt- wie für Randgebiete. In der Realität ergaben sich andere Abläufe. Die Vorstellung der locker bebauten, durchgrünten Stadt ließ sich nach und nach in einigen Neubaugebieten am Rande West-Berlins verwirklichen, viel später auch an der Peripherie Ost-Berlins. In innerstädtischen Gebieten aber zwangen Geldmangel und die unmittelbare Wohnungsnot dazu, auf große Ideallösungen zu verzichten. Stattdessen galt es, die alten – eng beieinander stehenden – Mietshäuser so schnell wie möglich wieder bewohnbar zu machen und die zahlreichen Lücken mit einfachen Neubauten zu schließen. Zwar wurde darauf geachtet, nicht so dicht zu bauen wie zuvor, die ursprünglichen Stadtstrukturen blieben aber schließlich in beiden Hälften der politisch geteilten Stadt im Wesentlichen erhalten.

Dazu gab es zwei erklärte Ausnahmen. Im sowjetisch verwalteten Ost-Berlin sollten Teile des besonders stark zerstörten Stadtbezirks Friedrichshain im Anklang an Scharouns Ideen neu gestaltet werden. Nach zaghaften Anfängen wurde das Unternehmen rigoros abgebrochen. Die Ende 1949 neu gegründete DDR orientierte sich jetzt für ihr repräsentatives Bauprojekt an der sowjetischen Monumentalarchitektur – es entstand die Stalinallee (später Karl-Marx-Allee). So blieb das südliche Hansaviertel in West-Berlin das einzige große innerstädtische (Trümmer-)Gebiet, das mit völlig neu aufgeteilten Grundstücken und unter starker Veränderung auch des Straßen- und Versorgungsnetzes nach den Vorstellungen der damaligen Moderne wieder aufgebaut wurde. Privatkapital war kaum vorhanden, fast alle Bauten entstanden mit öffentlicher Förderung. Städtebauliche Absichten ließen sich dadurch leichter durchsetzen, trotzdem war die Neuordnung der 159 Altgrundstücke außerordentlich schwierig, sie dauerte annähernd drei Jahre. Alles geschah auf privatrechtlicher Grundlage – zwar waren alle Grundstücke vorübergehend in einer Hand, die neugebildeten Grundstücke und die neuen Gebäude wurden aber wieder Privateigentum.

Den organisatorischen Rahmen für das Großprojekt bildete die Internationale Bauausstellung Berlin 1957 (Interbau), den politischen Hintergrund eine für die Zeit des Kalten Krieges symptomatische Konkurrenzsituation: Stalinallee und Hansaviertel wurden nahezu gleichzeitig gebaut, beide als Demonstrationsobjekte für die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Gesellschaftssystems.

Die Bebauung

In die Interbau integriert waren zwei räumlich isoliert angesiedelte Bauten, die sich auf der begrenzten Fläche des neuen Hansaviertels nicht sinnvoll unterbringen ließen. In der Nähe des Olympiastadions baute Le Corbusier eine Wohneinheit (Unité d'Habitation) von 135 Metern Länge, während unweit des Reichstagsgebäudes als Beitrag der USA die Kongresshalle mit ihrer seinerzeit in Europa einmaligen Dachkonstruktion entstand.

Die Zielvorstellung für das Hansaviertel selbst war also: aufgelockerte Baustrukturen statt der geschlossenen Blockbebauung der Vorkriegszeit; viel Grün zwischen den Bauwerken – der Tiergarten sollte gewissermaßen von seinen Rändern aus durch das Viertel hindurchfließen. Die Finanzierung im Sozialen Wohnungsbau, die Forderung, mit knapp bemessenen, öffentlich kontrollierten Budgets das Bestmögliche für die späteren Bewohner zu leisten, bedeuteten für die Architekten eine Beschränkung, aber auch eine interessante Herausforderung. Am Ende ergab der Ideenwettbewerb der gemeinsam beteiligten, aber natürlich auch untereinander konkurrierenden Architekten vielfältige, auch anderswo anwendbare Anregungen für Grundrisse, Konstruktion und Gestaltung im öffentlich geförderten Wohnungsbau – auch dies ein wichtiges Ergebnis des Projekts.

Zu einem Wettbewerb von 1952 wurden 53 Architekten aus 13 Ländern eingeladen, allesamt Verfechter westlich-moderner Vorstellungen vom „Neuen Bauen“, darunter Alvar Aalto, Egon Eiermann, Walter Gropius, Arne Jacobsen, Oscar Niemeyer und Max Taut. Nach ihren Entwürfen wurden schließlich 35 Objekte verwirklicht. Die Wohnhäuser mit insgesamt 1160 Wohneinheiten gruppieren sich in lockerer Mischung aus Hoch- und Flachbauten um das Zentrum am Hansaplatz, mit Ladenpassage, Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, Kino (später Spielstätte des Grips-Theaters), Bibliothek und Kindergarten sowie dem Eingang zur U-Bahnstation Hansaplatz (1961 eröffnet).

Das Prinzip der aufgelockerten und „durchgrünten“ Stadt verlangte nach enger Zusammenarbeit mit Fachleuten der Gartenarchitektur (heute Landschaftsarchitektur). Der Berliner Gartenarchitekt Walter Rossow wirkte von Beginn an bei der Gesamtplanung mit. Das ganze Gelände wurde zur gärtnerischen Gestaltung in fünf Bereiche aufgeteilt, insgesamt zehn angesehene deutsche und internationale Gartenarchitekten, unter ihnen Ernst F. Cramer (Zürich), hatten die Aufgabe, die Grünflächen zu gestalten und sie für die Anwohner und ihre Kinder nutzbar zu machen.


Es gibt im Hansaviertel drei große Gruppen von Wohngebäuden:

Die Stadtplaner glaubten seinerzeit, mit ihren Konzepten einen sicheren Weg zur „Stadt von Morgen“ zu zeigen. Diese Überzeugung gilt inzwischen als überholt. Dennoch bleibt das Hansaviertel ein sehenswertes Beispiel für moderne Architektur und Stadtplanung der 1950er-Jahre. 1995 wurde es vollständig unter Denkmalschutz gestellt.

Literatur

Filmographie

 Commons: Berlin-Hansaviertel – Bilder, Videos und Audiodateien