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Lahn-Dill-Gebiet

Das Lahn-Dill-Gebiet ist ein Wirtschaftsraum, der durch Bergbau und Industrie geprägt wurde. Geografisch lässt sich dieser Raum nur unscharf abgrenzen. Die Bezeichnung entstand, als die Region an der der Dill (Fluss) und der oberen und mittleren Lahn noch eines der wichtigsten Erzreviere und der bedeutendste Standorte der eisenerzeugenden und eisenverarbeitenden Industrie des Deutschen Reiches war. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts fand sich die größte Gewerbedichte nicht etwa zwischen Ruhr und Emscher, sondern im Lahn-Dill-Gebiet.

Das Lahn-Dill-Gebiet erstreckt sich über den gesamten oberen und mittleren Lauf der Lahn und weit in ihre Seiten- und Nebentäler. Als Orientierung für die Abgrenzung des Lahn-Dill-Gebietes kann die Fläche innerhalb und knapp außerhalb eines gedachten Polygons mit folgenden Eckpunkten gelten: Dillquelle, oberes Dietzhölztal, Bad Laasphe, Biedenkopf, Buchenau, Gladenbach, Lollar, Gießen, Wetzlar, Braunfels, Weilburg, Breitscheid und Haiger.

Das Lahn-Dill-Gebiet mit seinen reichen und günstig zu erschließenden Eisenerzvorkommen wurde daher zu Recht auch als „hessisches Eisenland“ bezeichnet. Der Zeitraum der Eisenerzeugung reicht von der La-Tene-Zeit über das frühe Mittelalter bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die politische Zugehörigkeit und Geschichte des Lahn-Dill-Gebietes ist im Artikel Mittelhessen unter Geschichte näher beschrieben.

Inhaltsverzeichnis

Geschichtlicher Rückblick

Das obere Dilltal, das benachbarte Siegerland und das Gebiet westlich der Dillmündung sowie der Dünsberg waren bereits zur La-Tene-Zeit Zentren der Eisengewinnung und -verarbeitung. Es wurden sowohl Rot- als auch Brauneisenstein verhüttet. Durch Bodenfunde ist überliefert, dass die Kelten neben Eisen- auch Kupfer- und Silbererze in diesem Raum abbauten und vor Ort verhütteten.

In der Nähe von Rittershausen, nördlich von Dillenburg im Dietzhölze-Tal, wurde ein Rennofen aus dieser Zeit ausgegraben. Bei Wetzlar-Dalheim gelang sogar ein durch Ausgrabungen belegter lückenloser Produktionsnachweis vom 4./5. Jahrhundert v. Chr. über die Römerzeit und das Frühmittelalter bis ins Hochmittelalter. Damit kann das Eisenrevier um Wetzlar auf eine 2500-jährige Tradition zurückblicken.

Bei Wallau stieß man auf Reste eines Rennofens aus dem 6. bis 8. Jahrhundert. Weitere Rennöfen fanden sich u.a. bei Fellerdilln, Roth, Lixfeld, Ballersbach (Mittenaar), Niederweidbach, Roßbach (Bischoffen) und am Dünsberg. In Hesselbach wurde im Jahre 802 gemäß einer Urkunde des Klosters Lorsch Blei-Erz gefördert. 870 wird im Lorscher Codex die Eisenerzgrube „Juno“ bei Wetzlar/Nauborn erwähnt. Eine Eisenschmelze bestand um 900 in Frohnhausen bei Dillenburg. Um 1277 ist Wetzlar bereits ein Zentrum der Eisenverarbeitung und des Eisenhandels.

Sehr bedeutsam war einst der Eisenerzbergbau im Schelderwald, der sich urkundlich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Er muss aber weitaus größer gewesen sein, als das die Urkunden zu belegen scheinen. Neben Eisen wurde Kupfer und in geringem Maße auch Silber abgebaut. Bedeutende alte Fernhandelswege, wie die alte „Köln-Leipziger-Messestraße“, Eisenstraße, auch „Brabanter-Straße“ genannt, die „Hohe Straße“ und der „Westfalenweg“, führten hindurch und kreuzten sich bei der Angelburg. Es wird daher angenommen, dass über diese Straßen auch der Fernhandel mit Roheisen und Eisenerzeugnissen (Waffen) aus den Erzeugungsräumen Siegerland und Oberes Dietzhölze-Tal abgewickelt wurde. Bei den heftigen Auseinandersetzungen in diesem Raum (100-jährige Dernbacher Fehde) im 13. und 14. Jahrhundert zwischen den aufstrebenden Grafen von Nassau und den Landgrafen von Hessen ging es vordringlich auch um die reichen Eisenerzvorkommen im Schelderwald.

Im 12. und 13. Jahrhundert verlegten die Waldschmiede, als Produzenten von Barrenmaterial, Gebrauchsgegenständen und Waffen (u.a. Helme, Harnische und Hufeisen), ihre von Hangwinden abhängigen Produktionsstätten zunehmend in die Täler. Hier konnten sie die Blasebälge ihrer Rennfeuer/Schmelzöfen und Herdfeuer mit Wasserkraft antreiben und den steigenden Bedarf der Ritter (u.a. Kreuzzüge) bei ihren Fehden und Händeln besser bedienen.

Bergleute und Hüttenmeister waren insbesondere im hohen und späten Mittelalter ein sehr gefragter Personenkreis, der von den Landesherren sehr umworben war und mit Privilegien ausgestattet wurde. Man warb sich gegenseitig die besten Kräfte ab. So holten sich die Grafen von Wittgenstein 1450 Waldschmiede und andere Fachleute aus Weidenhausen (Gladenbach). Sogar bis ins Erzgebirge und in den Harz verschlug es hessische Bergleute. In Goslar steht noch heute die Frankenberger Kirche, die Kirche der hessischen und nassauischen Bergleute und ihrer Nachkommen.

Geologie

Das Lahn-Dill-Gebiet gehört geologisch gesehen zum sogenannten „Hessischen Synklinorium“, das einen geologisch komplizierten Aufbau aufweist. Das Hessische Synklinorium liegt im Osten und Südosten des Rheinischen Schiefergebirges und wird geologisch untergliedert in die Dillmulde, die Hörre-Zone und die Lahnmulde. Im Osten hat die Gießener Decke Anteil am Lahn-Dill-Gebiet. Entstanden ist das Synklorium durch Faltung im Paläozoikum, mit den dabei verursachten vielfältigen Untergliederungen durch Hebungen, Bruchlinien und Verwerfungen. Vulkanismus im Tertiär prägte mit der Entstehung des Westerwaldes das heuige Landschaftsbild.

Eine markante Struktur in diesem Raum ist die „Hörre“, welche die Dillmulde und die Lahnmulde trennt. Aufgrund dieser geologischen Geschichte und dem Vorkommen zahlreicher Störungszonen hat das Lahn-Dill-Gebiet eine ungewöhnliche Vielfalt an Erzen und mineralischen Rohstoffen zu bieten. Nicht nur Eisenerz wurde gefunden und gefördert, sondern auch Kupfer-, Silber-, Blei-, Zink- Mangan-, Nickelerz und Quecksilber, sowie die mineralischen Rohstoffe Schwerspat, Kalk, Diabas und Dachschiefer. Südlich von Katzenbach (östl.v. Biedenkopf) suchte man sogar nach Gold.

Bergbau

Im Verlauf der Zeit wurden im Lahn-Dill-Gebiet weit über 2000 bergrechtliche Konzessionen (Erzabbau und Mineralien) erteilt, die jedoch nicht alle genutzt wurden.

Zum Beispiel gab es im Laufe der Zeit alleine im Hessischen Hinterland:

Somit insgesamt 556 Erzgruben

Erze

Eisen

Das Eisenerz im Lahn-Dill-Gebiet erscheint vorwiegend in Ablagerungen von Roteisensteinen, im Gegensatz zum Siegerland, wo es meist gangartig als Spateiesenstein auftritt. Roteisensteine sind nicht so leicht schmelzbar wie die Brauneisensteine oder das geröstete Spaterz des Siegerlandes, sind jedoch hervorragend für die Herstellung von Gußwaren geeignet und ergeben ein besonders weiches Roheisen.

Im Lahn-Dill-Gebiet finden sich, infolge Geologischer Veränderungen, keine größeren zusammenhängenden Vorkommen. Der hier vorhandene Roteisenstein hat eine unregelmäßige Lagerung. Da die Lager sehr zerrissen und linienförmig sind , konnten sich hier nicht die großen Grubenbertriebe entwickeln wie im benachbarten Siegerland.

Seit dem 12. Jahrhundert ist Eisenerzbergbau bei Wetzlar urkundlich fassbar. (Neuere Ausgrabungen bei Wetzlar-Dalheim belegen dort eine Eisenverarbeitung seit dem 4./5. Jahrhundert v. Chr.) 1316 wird hier die Grube „Calsmunt“ und 1344 die Grube „Isinberg“ (später „Philippswonne“) erwähnt. Erst 1454 wird als erste Eisenerzgruge der „Laufende Stein“ oberhalb des Dillenburger Bahnhofs genannt. 1484-1571 taucht urkundlich die Grube „Bieberstein“ bei Nanzenbach auf, 1588 heißt sie „Unverhofftes Glück“. In den Jahren 1601-1697 kamen Bergwerke in Eibach, Sechshelden und Donsbach dazu. Von 1608 bis 1664 belieferten die Gruben Carolus und Einigkeit in Lixfeld den Hochofen bei der „Ludwigshütte“. Aus der Grafschaft Nassau-Dillenburg lieferte man 1547 ebenfalls Eisensteine auf die Hütte bei Biedenkopf. Daraus lässt sich schließen, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Eisenschmelze in der Grafschaft gab. Von 1664 bis 1858 bzw. 1900 waren auch die Gruben Wiederhoffnung und Ritschtal bei Rachelshausen (Gladenbach) in Betrieb. Den Roteisenstein fuhr man zur Verhüttung auf die Ludwigshütte. Die reichen Erzvorkommen in der Nähe des Dünsberges, in den Gemarkungen Bieber, Hof Haina und Königsberg, wurden von 1659 bis 1749 auf der „Bieberhütte“ verschmolzen, danach musste das Erz zur Ludwigshütte gefahren werden.

Für den Transport der Eisensteine wurden anfangs die einzelnen Ortschaften vom Landesherren im Frondienst verpflichtet pro Woche eine für jede Gemeinde genau festgelegte Anzahl Fuhren zu tätigen. Später musste diese Leistung gegen „billigmäßige Entlohnung“ durchgeführt werden. Transportmittel waren Kuhgespanne bzw. Ochsengespanne mit hölzernen Ackerwagen. Eine Hinfahrt mit beladenem Wagen dauerte bei angenommenen ca. 22 km Entfernug (etwa Mitte heutige Gemeinde Bad Endbach bis Ludwigshütte) ca. 10 bis 11 Stunden. Darin sind enthalten ca. 7,5 bis 8 Stunden reine Fahrzeit und 2,5 bis 3 Stunden Zeit für ausruhen, wiederkäuen, fressen und tränken der Zugtiere. Das bedeutete, bis zur Rückkehr in den Heimatort benötigte man alleine ca. 20 Stunden Fahrzeit, ohne die Nachtruhe. Während der Ernte- und Feldbestellzeit wurden die „Eisenstenfahrten“ daher nur widerwillig ausgeführt, obwohl die kärgliche Entlohnug als Zusatzeinkommen höchst willkommen war.

Im Dillenburgischen blieb der Eisenerzbergbau bis Anfang des 18. Jahrhunderts unbedeutend gegenüber dem Raum Wetzlar/Weilburg. Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Produktion rasch an. So betrug die jährliche Förderung an Eisenstein in Nassau 1850 ca. 88.000 Tonnen und stieg bis zum Jahr 1865 um das Achtfache auf 650.000 Tonnen. Nassau wurde damals zum bedeutendsten deutschen Eisenerzrevier. In den 30er und 40er Jahren des 19.Jahrhunderts entstanden Anlagen mit Maschinen und tiefen Stollen, da die Einführung der Dampfmaschiine die Wasserhaltung erleichterte.

Die meisten Bergwerke wurden jedoch erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts in Betrieb genommen und erlebten ihre Blütezeit in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere als der Transport von Gütern durch Eisenbahnen möglich wurde. Die im Ruhrgebiet aufblühenden Großeisenwerke erwarben Gruben im Lahn-Dill-Gebiet, sicherten sich dadurch eigene Rohstoffgrundlagen. Der Bergbau im Lahn-Dill-Gebiet ging somit weit über den Bedarf der heimischen Eisenindustrie hinaus. Mit Beginn der „Gründerjahre“, nach 1871, stieg die Zahl der Gruben und eisenverarbeitenden Werke rasch an. Der Abbau konzentrierte sich im Dill-Gebiet auf die bedeutenden Vorkommen im Raum „Oberscheld-Eisemroth-Hirzenhain“. Zu nennen sind hier, ohne Wertung, besonders die Gruben Beilstein, Königszug, Friedrichszug, Amalie, Handstein und Falkenstein. Mit der Inbetriebnahme des Elektrizitätswerkes in Oberscheld 1906 konnten elektrisch angetriebene Wasserhaltungspumpen, Schrägaufzüge und Fördermaschinen eingesetzt werden. Das Gichtgas des Hochofens trieb über Gasmotoren die Generatoren für die Stromerzeugung an. Damit war es den neuen kapitalstarken Gesellschaften möglich mit Schächten die sehr ergiebigen tieferen Erzlager zu erschließen.

Im Eisenrevier Wetzlar/Weilburg verlief die Entwicklung ähnlich. Von hier bezogen vor allem die Hochöfen in Wetzlar ihr Erz. Im Gebiet Biebertal und Umgebung gab es im verlaufe der Zeit 6 Eisenerzgruben, in der näheren Umgebung von Wetzlar 15, im Bereich Braunfels 14 und in der Umgebung von Weilburg 13 Gruben. Die Gruben waren allerdings nicht alle gleichzeitig in Betrieb und ihre Föderkapazität war, von wenigen bedeutenden Ausnahmen abgesehen (z.B. Friedberg,Juno, Fortuna), sehr unterschiedlich und manchenorts nicht sonderlich groß und daher schnell ausgebeutet.

Kurz nach dem 1. Weltkrieg (1919) erbrachten die Gruben an Lahn und Dill 21% der Eisenerzförderung in Deutschland, allerdings nur durch den Wegfall der Gruben in Lothringen infolge des Kriegsausgangs. Als die beste Zeit mit den größten Föderkapazitäten im Lahn-Dill-Gebiet können die Jahre von 1875 bis 1920, von 1936 bis 1944 und nochmals von 1950 bis 1962 gelten. Die letzte Erzgrube im Dillgebiet („Falkenstein“ bei Oberscheld) wurde, wegen des Preisverfalls auf dem Weltmarkt, am 31. August 1973 stillgelegt. Die Grube Fortuna bei Wetzlar sogar erst am 4. März 1983.

Silber, Kupfer, Nickel, Blei und Quecksilber

Nicht unbedeutend war auch die Suche und der Bergbau nach Silber im Mittelalter. Die erste „Silberkaute“ ist aus dem Jahre 1467 aus Gladenbach schriftlich überliefert. Um 1563 wird der Abbau wieder aktiviert und bis 1766 betrieben. Die Vorkommen waren so reichlich, dass dort sogar eine Silberschmelze betrieben und 1588 die heute gesuchten „Gladenbacher-Silber-Taler“, als erster deutscher Ausbeutetaler, geprägt wurden. Eine weitere Silberschmelze bestand von 1562 bis 1577 bei Mornshausen/a.S.(später Hüttenmühle). Silbererz fand man weiterhin in Achenbach, Breitenstein, Rachelshausen, Runzhausen, Erdhausen bei Eibach, Oberroßbach, Engelbach und Ewersbach. 1695 fand man bei Roth ebenfalls Silbererz, aus dem Landgraf Ernst Ludwig in Gießen 1696 die berühmten „Rother- Ausbeutetaler“ prägen ließ.

Daneben hatte der Abbau von Kupfer- und Nickelerzen ebenfalls eine gewisse Bedeutung. In Erdhausen hat man seit 1562/67 und in Hartenrod ab 1674 Kupfererz gewonnen. Die Erze verarbeitete man in speziellen Kupfer-Hütten. In der Grafschaft Nassau wurde seit 1573 Kupfer aus Nanzenbach in der Hütte zwischen Wissenbach und Eibelshausen erschmolzen. 1723 errichtete Graf Johann bei Dillenburg die Isabellenhütte für die Verhüttung der Kupfererze aus den Gruben bei Oberroßbach, Donsbach, Langenaubach, Oberscheld, Eisemroth, Sechshelden, Eibach und Nanzenbach. Um 1650 wird eine Kupferschmelze bei Mornshausen a.D. genannt. Der Landgraf von Hessen ließ 1725/29 in Breidenbach eine neue Kupferhütte bauen, in der Erze aus Gruben bei Achenbach, Dexbach, Engelbach, Breitenstein, Frechenhausen, Gönnern, Lixfeld, Erdhausen, Eisemroth, Rachelshausen, Hartenrod und insbesondere aus den Gruben in Silberg und Kleingladenbach verschmolzen wurden. Zwischen Holzhausen und Mornshausen bestand zwischen 1780 und 1830 eine weitere Kupferhütte, die Erze aus Holzhausen, Amelose und Hommertshausen verarbeitete. Bei der Verhüttung der Kupfererze, die auch andere Mineralien enthielten, fiel in geringen Mengen als Nebenprodukt auch Zink und Blei an. Die „Breidenbacher Kupferhütte“ wurde wegen mangelnder Rentabilität 1842 geschlossen. Auch die 1800 gegründete Kupferschmelze bei Holzhausen a. Hünstein am Weg nach Amelose wurde nach wenigen Jahren stillgelegt und abgebrochen. Um 1850 stand bei Biedenkopf die Kupferschmelze „Alexanderhütte“ (später Erlenmühle). Ebenfalls um 1850 existiert bei Roth bei der Grube Gottesgabe eine Quecksilberhütte.

In Erdhausen und Bellnhausen baute man ab 1840 bis 1887 Nickel-Erze ab, die in dem „Nickelwerk Aurora“, der späteren „Aurorahütte“ bei Erdhausen (ehemaliger Standort: Urbansmühle) gepocht und verschmolzen wurden. Das Ende der Nickelschmelze kam 1887, sie wurde zu einer Eisengießerei umgewandelt.

Eine Urkunde des Klosters Lorsch aus dem Jahre 802 berichtet von Bleifunden bei Hesselbach. Blei wurde in Rodenbach und in Steinbach (nördlich von Haiger) gefördert und als „Beifund“ in Erzgruben bei Amelose, Roth, Hommertshausen, Frechenhausen, Hartenrod, Rachelshausen und Weidenhausen gefunden.

Über den Abbau von Quecksilber bei Buchenau wird bereits 1790 berichtet. Es kam als Beifund auch in Gruben bei Gladenbach und Roth vor.

Mangan

Im Gießener Bergwerkswald und in der sich anschließenden Lindener Gemarkung wurde ab 1843 Braunstein in Schächten und in einem großen Tagebau zwischen Groß- und Klein-Linden (heute geflutet) abgebaut. Braunstein (Manganerz) ist ein hochmanganhaltiges Stückerz. Das Braunsteinvorkommen der „Gießener Braunsteinbergwerke“, auch bekannt unter dem Namen „Fernie“, war weltweit eines der größten. Über eine Seilbahn beförderte man das Erz aus dem Bergwerkswald (über die Frankfurter Straße) zum Güterbahnhof. Der Abbau wurde 1967 eingestellt und der Versand von der Wascherzhalde 1976.

Kleinere Manganerzvorkommen baute man nach 1845 ab bei Wallau, Weifenbach, Eifa, Laisa, Biedenkopf sowie bei Hörbach (b. Herborn), Hirzenhain und Oberscheld.

Minerale und Gesteine

Schwerspat

In der „Dill-Mulde“, an der Grenze zur „Hörre“ wurden jahrzehntelang bedeutende Schwerspatvorkommen abgebaut. Bereits 1838 hatte man in Bergwerken bei Hartenrod Schwerspat (Baryt) entdeckt, konnte aber zunächst nichts damit anfangen. Erst 1884 nahm die Grube „Bismarck“ bei Hartenrod die gezielte Förderung von Kupfer und Schwerspat auf. Die Grube blieb bis 1957 in Betrieb. In der angeschlossenen Spatmühle wurde auch der Spat aus der benachbarten Grube „Koppe“ (im Schelderwald), die über eine Seilbahn mit dem Werk verbunden war, verarbeitet. Das Vorkommen in Hartenrod war einst eines der bedeutendsten in Deutschland und beschäftigte zeitweise bis zu 180 Mitarbeiter. Schwerspat wurde auch in Gruben bei Dernbach, Bottenhorn, Silberg, Oberndorf und Herborn-Burg abgebaut.

Kalk

Kalk ist ein Grund-Zuschlagsstoff für die Eisenerzeugung. Ferner bildet Kalk den Hauptbestandteil für Zement. Ausreichend große Kalkvorkommen lagen in unmittelbarer Nähe der Hochöfen der Sophienhütte (Wetzlar) in den benachbarten Gemarkungen Hermannstein, Niedergirmes und Dalheim sowie in Albshausen, Burgsolms und Rodheim-Bieber. Das Vorkommen bei Hermannstein zeichnet sich durch sehr hohe Reinheit (98% CaCO3) des dortigen Massekalkes besonders aus. Mit dem Abfallprodukt Hochofenschlacke und dem reichlich vorhanden Kalk wurde am 28. August 1899 im Werk Sophien-Hütte in Wetzlar mit der Produktion von Eisenportland/Hochofenzement begonnen. Von 17.000t/a im Jahre 1900 konnte die Produktion auf ca. 1 Mio t/a gesteigert werden.

Kalkstein wird bzw. wurde außerdem bei Medenbach, Erdbach und Buchenau als Zuschlag für Hochöfen, Stahlwerke und Eisengießereien gewonnen. Weitere kleinere Kalkvorkommen gab es bei Bicken (Knotenkalk), Ballersbach, Bischoffen, Rüchenbach und Oberweidbach die vorwiegend vom Bauhandwerk der Umgebung als Baukalk verwendet wurden.

Dachschiefer

Eine über 600-jährige Tradition hat auch der Dachschieferbergbau. 1317 wird erstmals von einer Schieferkaute in Gladenbach berichtet. Damit wurden zunächst vorwiegend landgräfliche Bauwerke (u.a. das Schloss in Marburg und Bürgerhäuser) bedacht. Bis 1926 baute man dort Dachschiefer im Tagebau und in Stollen ab. In einer Grube bei Sinn wurde von 1617 bis 1870 Schiefer abgebaut und bei Wissenbach von 1767 bis 1987. Weitere Schieferbergwerke im Dillkreis lagen bei Langenaubach, Haiger, Sechshelden, Bicken und Frohnhausen. Im ehemaligen Krs. Biedenkpf gab es Schiefergruben bei Kleingladenbach, südlich Oberweidbach, zwischen Günterod und Hartenrod, Oberhörlen, Simmersbach, Oberdieten, und Wallau.

Diabas

Mit Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden an vielen Stellen Steinbrüche eröffnet, die Diabas abbbauten. Besonders gefragt war die hier vorkommende Varietät Paläopikrit, die wegen ihrer dunkelgrünen Farbe auch „Grünstein“ genannt wurde. Grünstein besteht hauptsächlich aus den Mineralien Olivin und Augit.

Schwerpunkte des Abbaus lagen bzw. liegen zwischen Oberdieten und Achenbach, Kleingladenbach, Buchenau, bei Hirzenhain und Lixfeld, Hommertshausen, Bottenhorn/Frechenhausen, Steinperf, Holzhausen, Rachelshausen, Dernbach, Wommelshausen, Hartenrod, Oberscheld und Herborn. 1952 waren in 50 Betrieben ca. 650 Mitarbeiter beschäftigt. Es wurden Werksteine, Grabsteine, Pflastersteine, Splitt (für Beton), Schotter (für die Bahn und den Straßenbau) sowie Fußbodenplatten und Fassadenverkleidungen (in Steinsägewerken) hergestellt. In Betrieb sind noch die Steinbrüche in Hirzenhain, Steinperf, Obereisenhausen und der Bruch zwischen Hartenrod und Wommelshausen.

Die Steinbrüche haben tiefe Narben in der Landschaft hinterlassen und sie partiell stark verändert.

Eisenerzeugung

Rennöfen und Waldschmieden

Die Eisenerzeugung begann mit dem Bau von Rennöfen und Waldschmieden. Neben der Menschenkraft benötigte man als Energieträger Holzkohle, die man in unmittelbarer Nähe durch Verkoken gefällter Holzstämme gewann. Eisenerze waren in der Region zunächst noch so häufig vorhanden, dass man sie nahe der Verarbeitungsstätten im Tagebau oder durch Aufsammeln von sog. Moltersteinen gewinnen konnte.

Die Produktion begann, indem man ein Gemisch von Holzkohle und Erz in kleine Herdöfen -Rennfeuer/Rennofen- einbrachte und entzündete. Verbrennungsluft wurde durch handbetriebene Blasebälge aus Ziegen- oder Kalbshäuten von unten eingeblasen. Bei Temperaturen um 1000 °C wurde allmählich dem Erz der Sauerstoff entzogen, der sich dem Kohlenstoff der Holzkohle anlagerte und verbrannte. Es verblieben im Herd nach einigen Tagen Eisenluppen, das waren 5 - 20 kg schwere Eisenklumpen. Zwar reichte die Ofentemperatur nicht aus, das Eisen zu schmelzen, jedoch um die mineralischen Bestandteile des Erzes zu verflüssigen, die dann als Schlacke aus einer kleinen Öffnung am Boden des Rennofens abrinnen (abfließen) konnte. Mit langstieligen Holzhämmern, aus besonders hartem Wurzelholz, entfernte man die den Luppen noch anhaftende Schlacke.

Danach begann die eigentliche Schmiedearbeit. Zum wiederholten Aufheizen dienten Frischfeuer, eine Art Schmiedefeuer mit zusätzlicher Luftzufuhr auf das Schmiedeteil, um den im Rennofen aufgenommenen überschüssigen Kohlenstoff zu verringern. Die zu Rotglut erhitzten Luppen wurden mehrmals mit Eisenhämmern bearbeitet und geknetet, wobei sie immer weicher und verformbarer wurden; sie bauten ihren Kohlenstoffgehalt ab.

Endprodukt der Waldschmieden waren Halbfertigwaren wie Barrenmaterial, Bandmaterial, Bleche, aber auch Gebrauchsgegenstände wie Sicheln, Gabeln, Spaten, Pflugscharen, Beile, Äxte, Hämmer, Hufeisen, Nägel, Pfannen, sowie Waffen aller Art, Schwerter, Spieße, Dolche, Messer, einfache Helme und Panzer. Verkaufsmärkte für derartige Produkte sind seit 1250 in Wetzlar und Frankfurt nachweisbar.

Hüttenwerke

Bedingt durch die steigende Nachfrage nach Eisenerzeugnissen, entstanden größere Werkstätten an Bachläufen, die mit ihren von der Wasserkraft angetriebenen Blasebälgen und Schmiedehämmern den Bedarf besser decken konnten. Auch stand oft die Landesherrschaft dahinter, die von dem aufstrebenden Wirtschaftszweig profitieren wollte. Aus den Rennöfen entwickelten sich Stücköfen, kleine Schachtöfen. Dazu kamen spezielle Hammerwerke mit Vorschmiedehämmer, Streckhämmer, Blechhämmer und Zainhämmer. Zainhämmer schmiedeten Vormaterial für die Draht- und Nagelherstellung. Im 15. Jahrhundert gab es bereits solche Werke in der Grafschaft Nassau-Dillenburg u.a. in Dillenburg, Haiger, Wissenbach, Eisemroth, Steinbrücken und Rittershausen. Auch im direkt benachbarten hessischen Amt Blankenstein wurden im oberen Salzbödetal, z.B. 1450 in Weidenhausen (Gladenbach) und 1499 in Wommelshasen-Hütte (Bad Endbach) solche Schmiedewerke genannt.

Teils noch im 15., jedoch verstärkt ab Anfang des 16. Jahrhundert baute man die ersten höheren Schachtöfen, die Hochöfen. Mit diesen Holzkohlehochöfen begann eine grundlegende neue Periode der Eisengewinnung. Die Ofentemperatur erreichte über 1400°C, so dass die Luppen schmolzen und der Ofen flüssiges Eisen lieferte. Dieses Roheisen konnte man nicht nur in Frischherden entkohlen und schmieden, sondern auch in Formen gießen. Das war die Geburtsstunde der Eisengießereien, die sich nun parallel zu den Schmieden als eigene Abteilung in den Hütten entwickelten. Produziert wurden Ofenplatten, Töpfe, Sudkessel, Röhren!, Geschützrohre und Kanonenkugeln.

Aus den alten Waldschmieden hatten sich über Hammerschmieden Eisenhüttenwerke entwickelt, die ihr Roheisen in eigenen Hochöfen erzeugten.

Hochöfen

Erste Hüttenwerke, die urkundlich nachweisbar sind, entstanden in Feudingen (ab 1408), Steinbrücken (1420), Eisemroth (1434/49), Wissenbach (1444), Oberscheld (1444), Ewersbach (1444, 1559), Rittershausen (1440), Dillenburg (1444-1513), Friedrichshütte b. Laasphe (1450-1463), Haiger (1444,1513), Biedenkopf-Ludwigshütte (1521, 1531, 1558 wurde die Ludwigshütte um ein Hammerwerk erweitert), "Laaspherhütte (Hütte vor dem Breidenbach", (1532 belegt), Wommelshausen-Hütte (16. Jahrhundert), Steinbach (1575), Eibelshausen (1585), Hirzenhain (um 1600), Dillenburg-Adolfshütte (ab 1607), Niederscheld (1607), Lixfeld (1613) und Rodheim-Bieberhütte (1659-1749). Dann folgten die ersten Holzkohle-Hochöfen in Ewersbach (1586), Oberscheld (1589, 1605-1745), Biedenkopf-Ludwigshütte (1608, 1737 kam ein zweiter Holzkohle-Hochofen dazu), Breidenbach (1601/1626), Eibelshausen (1613), Oberndorfer-Hütte mit Hammerwerk (bei Braunfels) (1666- 1861), Burgerhütte bei Burg (1727), Friedrichshütte bei Laasphe (1799), auf der Kilianshütte - später Wilhelmshütte genannt (ca. 1832/34, stillgelegt 1885), Justushütte bei Weidenhausen (ab 1840, stillgelegt 1883) und auf der Karlshütte bei Buchenau (1844, neuer Hochofen 1874). In Wetzlar errichtete man 1841 ein Walzwerk mit Puddelofen. Ein neuer Holzkohle-Hochofen wurde 1850 beim wassergetriebenen Eisenhammer der Amalienhütte bei Niederlaasphe in Betrieb genommen. Das Roheisen aus diesen Werken wurde in Hammerwerken und später in Gießereien weiter verarbeitet.

In der Grafschaft Nassau-Dillenburg hatte man 1817 die Burger Eisenhütte, 1818 die Neuhoffnungshütte bei Sinn, 1829 die Schelder Eiesenwerke in Niederscheld, 1840 die Adolfshütte bei Dillenburg und 1856 die Leopoldshütte in Haiger zu Hochofenwerken ausgebaut. Eine Statistik aus dem Jahre 1860 weist aus, dass pro Einwohner in Nassau 500 kg Roheisen erzeugt wurden, in Preußen nur 23 kg. Die Eisengußerzeugung im Lahn-Dill-Gebiet stieg von ca. 5.800 t im Jahre 1850 auf ca. 63.000 t im Jahre 1899.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, im Jahre 1860, waren im Lahn-Dill-Gebiet 22 Hochofenwerke mit 28 Hochöfen in Betrieb.

Der Bedarf an Holzkohle war inzwischen so groß geworden, dass dies zu fühlbarer Brennstoffknappheit führte und das Wachstum der Eisenindustrie bremste. Auch die Bevölkerung litt zunehmend unter dem Holzmangel. Um dem Holzmangel zu begegnen hatten die Nassauer Landesherren schon sehr früh im Siegerland und im angrenzenden oberen Dilltal (z.B. Eibelshausen 1553 bzw. 1562) durch Edikt Haubergs- und Waldordnungen erlassen. Eine Hochofen verbrauchte pro Jahr ca. 1000 Wagen Holzkohle. Das Holz und damit die Kohle wurden knapp. Der letzte noch betriebene Holzkohle-Hochofen im gesamten Revier in „Eibelshausen“ stellte im April 1898 seine Erzeugung ein. Bereits 1886 war der Holzkohle-Hochofen auf der „Ludwigshütte“ ausgegangen. Beide Werke gingen zum Kupolofenbetrieb über. Koks ersetzte bald die Holzkohle. Erst danach erholten sich die Wälder.

Ein Schmelzresultat des Holz-Hochofenbetriebs der „Ludwigshütte“ bei Biedenkopf aus dem Jahre 1849 verdeutlicht welche Mengen an Erzen und Kohle für eine Hochofenfüllung benötigt wurden. es heißt dort:

Die Möllerung (Füllung mit Eisensteinen und Zuschlagsstoffen) besteht aus:

welche -nach Traudts und Fleischauers Angaben- 35 pro Cent Eisen liefern. Hiervon werden auf eine Gicht von 5 Körben Kohlen, welche nach obigen Angaben 1 hess. Maß bilden, 520 Pf. geworfen und solcher Gichten werden in 24 Stunden 21 erblasen, also in der Woche 147: Hieraus geht hervor, daß eine Gicht zu 1 hess. Maß Kohlen 182 Pf. Eisen liefert, wonach die wöchentliche Produktion 267 Ctr. beträgt.“ Der Kalkstein für den Hochofen kam aus Buchenau.

Die Zeit der Modernen Eisenverhüttung kam in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man durch den Bau der Eisenbahnstrecken zum Rhein und zur Ruhr den billgeren Steinkohlekoks als den neuen Brennstoff herantransportieren konnte. Danach begann auch die Zeit der Modernen Hochöfen, und zwar mit dem Bau der ersten beiden Steinkohlekoks-Hochöfen auf der „Hedwigshütte“ in Lollar 1864 und 1866 (mit der endgültigen Einstellung der Hochofenanlage in Lollar im Jahre 1907 erlosch die Roheisengewinnung in Oberhessen). Auch im Dillgebiet wurde 1864/65 in Haiger die Leopoldshütte mit einem Kockshochofen (stillgelegt 1927) ausgerüstet und 1864 die Charlottenhütte in Niederschelden. Diese Hütte war das erste große Werk in der Region, das lediglich auf Koks angewiesen war. Auf der nach 1870 errichteten „Sophienhütte“ in Wetzlar wurde am 1. August 1872 der erste der beiden neuen Hochöfen angeblasen. 1875 wurden weitere Hochöfen in Gießen auf der „Margarethenhütte“ (stillgelegt 1898) und in Burgsolms in Betrieb genommen. In Oberscheld blies man den neuen Hochofen am 11. Juli 1905 an. Das Gichtgas dieses Hochofens diente als Brennstoff für Großgasmaschinen, die wiederum Generatoren antrieben zur Stromerzeugung. Oberscheld wurde damit zur Überlandzentrale für die Elektrifizierung der näheren Umgebung vor und während des 1. Weltkrieges.

In Oberscheld wurde im April 1968 der Hochofen stillgelegt und der Hochofen in Wetzlar am 31.Oktober 1981. Das war das Ende der Eisenerzeugung im Lahn-Dill-Gebiet.

Eisengießereien

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bürgerte sich, von England kommend, der Schachtofen in den Gießereien wieder ein. Er wurde mit Koks beheizt und jetzt als Kopolofen bezeichnet. Mit diesem Ofen konnte man durch „Gattieren“ Gusseisen bestimmter Zusammensetzung erzeugen und somit Qualitätsunterschiede des von den Hochofenwerken gelieferten Roheisens, sowie von Altguss und Schrott ausgleichen.

Die heimischen Rot- und Brauneisensteine eigneten sich, im Gegensatz zu den Spateisensteinen des Siegerlandes nicht für die Stahlproduktion, jedoch waren sie, bedingt durch ihre Eigenart, ein hervorragendes Ausgangsmaterial für Gießereiroheisen. Dadurch konnte sich im Lahn-Dill-Gebiet eine Eisenindustrie entwickeln, deren Sondergebiet der Guss von dünnwandigen Eisenwaren war.


Viele der jüngeren Hochöfen wurden nach relativ kurzer Zeit wieder stillgelegt. Zu oft zeigte sich, dass die zugrunde gelegten Erzlagerstätten nicht so ergiebig waren wie vermutet, was zu hohen Transportkosten für Fremderze führte. Zudem waren die neuen Koks-Hochöfen, die alle an den neuen Bahnstrecken lagen, eine große Konkurrenz, da sie viel mehr und günstiger Roheisen erzeugen konnten. Ein Umbau der alten Hochöfen auf Koksbetrieb lohnte sich nicht. So wurden aus den Hütten zunehmend Gießereien, die sich auf die Weiterverarbeitung des Roheisens mit Kupolöfen spezialisierten. Produziert wurde alles was sich in Eisen gießen ließ wie: Geländer, Zäune, Gitter, Tore, Grabkreuze, komplette Balkone und Wintergärten, Fenster, Säulen für Bauwerke, Kandelaber, Gas-Straßenlaternen, Spülbecken, Badewannen, Wasser- und Jauchepumpen, Sanitär- und Kanalguss, Maschinenteile aller Art und vor allem Herde, Öfen und Waschkessel. Damit entstanden ganz neue Berufe wie: Modelleur, Modellschreiner, Modellschlosser, Former, Kernmacher, Schmelzer, Ausleerer, Putzer/Schleifer, Emailierer, Ofenbauer und Ofenmaurer. Vor dem ersten Weltkrieg kamen dreiviertel aller im Deutschen Reich hergestellten Herde und Öfen aus dem Lahn-Dill-Gebiet. Mitte des vorigen Jahrhunderts waren es immerhin noch ca. 60% aller Heiz- und Kochgeräte. An dieser Produktion waren ehemals über 20 Hüttenwerke (ohne Zulieferer) beteiligt. Das Zentrum dieser Gießereibetriebe befand sich entlang der Dill im ehem. Dillkreis, im oberen Lahntal, im Salzbödetal im ehemaligen Kreises Biedenkopf und in Lollar an der Lahn.

In der Anfangszeit dieser stürmisch wachsenden Industrie, insbesondere während der „Gründerjahre“ nach 1871 stieg der Bedarf an Arbeitskräften. Zunächst stellte man nur besonders ausgewählte Arbeitskräfte ein, da es an gelernten Fachkräften mangelte. Aus bisherigen Wander- und Saisonarbeitern und Taglöhnern wurden aber nach und nach Hüttenarbeiter. Wie sich die Arbeit auf dem Hüttenwerk in Burg bei Herborn, der „Burgerhütte“, gegr. 1727 mit einem Holzkohle-Hochofen mit Gießhaus und Schlackenpoche, gegen Ende des 19. Jahrhunderts darstellte, zeigt anschaulich ein Bericht aus Ballersbach, ehemals Dillkreis, aus dem Jahr 1870.

Die Arbeit begann damals um sechs Uhr früh und dauerte bis sieben Uhr abends und samstags bis 18 Uhr. Bei je einer halben Stunde Frühstücks- und Nachmittagspause und einer Stunde Mittag ergab das elf Stunden Arbeitszeit. Dazu kam noch der Fußweg hin und zurück mit gut zwei Stunden. Urlaub, Kündigungsschutz und sonstige Vergünstigungen oder gar Weihnachtsgeld gab es nicht. Der Tageslohn betrug 6 bis 7 Groschen. Dafür konnte man sich 1 1/4 Pfund Dörrfleisch oder 1 1/4 Zentner Kartoffeln kaufen. Für einen Kochherd musste man 60 bis 70 Tagelöhne aufwenden.

Gussrohre

Neben der Herd- und Ofenindustrie hat die Produktion von gusseisernen Rohren und Kanalguss in der Region eine lange Tradition. Neben Kanonenrohren stellte man in den mittelalterlichen Hüttenwerken und Gießereien auch gusseiserne Röhren für die Wasserversorgung von Burgen, Schlössern und Lustgärten ( sogen. Wasserkünsten) her. Das älteste erhaltene, im Lahn-Dill-Gebiet hergestellte gusseiserne Rohr, stammt von der im Jahre 1455 verlegten Wasserleitung für die Burg/Schloß Dillenburg. Auch die für die Wasserversorgung der Burg Braunfels verlegte man 1661 eine gusseiserne Druckwasserleitung.[1]

Heute kommen noch über 33% der in Deutschland produzierten gusseisernen Rohre für die Wasserver- und Abwasserentsorgung aus Wetzlar.

Lebensverhältnisse

Im überwiegenden Teil des Lahn-Dill-Gebietes bestand auf dem Land die verbreitete Erbsitte der Realteilung, mit der Folge, dass die landwirtschaftlichen Nutzflächen pro Hof immer kleiner wurden. Der Grundbesitz pro Hof war meist zu klein und die Erträge bei der kargen Bodenbeschaffenheit im rauhen Klima und extensiver Bewirtschaftung zu gering, um eine größere Familie ausreichend zu ernähren. Im allgemeinen lag der Grundbesitz pro Hof bei 0,5 bis 2,5 ha Land (Äcker und Wiesen). Damit konnte man sich ein bis zwei Kühe halten und ein bis zwei Schweine. Wer noch weniger Land hatte, hielt sich zumindest neben einem Schwein ein bis zwei Ziegen. Das waren die „Ziegenbauern“.

Durch die Industrialisierung gefördert, entstand dadurch in den Orten im näheren und weiteren Umkreis der Hütten- und Bergwerke der Typ des Nebenerwerbs-Landwirtes, abschätzig „Kuhbauer“ genannt. Nur mit zusätzlicher Arbeit im Hütten- oder Bergwerk war ein bedürfnisloses und bescheidenes Leben möglich. Die nicht leichte Arbeit in der Landwirtschaft musste nach Feierabend nebenbei erledigt werden. Gleich nachdem der Kleinlandwirt von der Arbeit nach Hause kam, warteten noch die schwereren Arbeiten im Feld und Hof auf ihn, die seine Frau und die Kinder tagsüber nicht machen konnten. Dass sich jemand nach getaner Arbeit im Hüttenwerk oder Bergwerk einfach nur ausruhte, das gab es nicht. Der Jahresurlaub wurde genommen, wenn die Heu- und Getreideernte anstanden oder wenn im Herbst die Kartoffeln ausgemacht werden mussten. Es war selbstverständlich, dass die Kinder, spätestens ab dem 10.Lebensjahr, bei allen landwirtschaftlichen Arbeiten helfen mussten. Die Schulferien hießen auch so, „Ernteferien“ und „Kartoffelferien“. Urlaub war für diese Familien unbekannt.

Bis in die 50er/60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein waren die Dörfer dieser Region von der „Feierabend-Landwirtschaft / Nebenerwerbs-Landwirtschaft“ geprägt.

Verkehr

Eisenbahnen

Ihre Blütezeit erlebte die Lahn-Dill-Region mit dem Bau der Eisenbahnen. Nun konnte Koks aus dem Ruhrgebiet für die Hochöfen herangeschafft und die Produkte der Industrie in großen Mengen schnell zu den Absatzmärkten transportiert werden. Als erste Bahnstrecke wurde die Main-Weser-Bahn über Gießen 1852 in Betrieb genommen. 1862 war die Dillstrecke (Gießen–Dillenburg–Köln) fertig; ein Jahr später 1863 die Lahntalbahn (Wetzlar–Koblenz). Ab 1883 folgten die Nebenstrecken der Oberen Lahntalbahn (Marburg–Biedenkopf–Laasphe–Kreuztal), 1892 der Strecke Dillenburg–Ewersbach und 1902 der Aar-Salzböde-Bahn (Niederwalgern–Herborn). Die Kleinbahn Gießen–Bieber, die Biebertalbahn, im Volksmund „Bieberlieschen“ genannt, wurde 1897/98 in erster Linie wegen der bedeutenden Eisenerzlagerstätten und der Kalkvorkommen im nordwestlich von Gießen gelegenen Biebertal gebaut. Aufgrund schwieriger Geländeverhältnisse konnte die Scheldetalbahn erst 1911 durchgehend von Dillenburg über Hirzenhain durch das Gansbachtal bis Biedenkopf realisiert werden. Die Steilstrecke ab dem Bergwerksbahnhof „Herrnberg“ bis zur „Lahn-Dill-Wasserscheide“ (Bahnhof Hirzenhain) ließ sich nur mit Zahnradantrieb (Zahnradbahn) überwinden. Von Dillenburg bis zur Eisenerz-Grube Königszug war sie als Stichbahn bereits seit 1872 in Betrieb.

Literatur

Siehe auch

Quellen

  1. Das Gußrohr, Kurze geschichtliche Entwicklung, Hans von Rezori, GWF (Wasser), 93. Jahrg. Heft 10, Mai 1952, S. 295-297