Humanismus
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Humanismus

Dieser Artikel beschäftigt sich vor allem mit dem Humanismus als Weltanschauung. Zum Humanismus als Epoche siehe Renaissance-Humanismus sowie philosophiegeschichtlich Philosophie der Renaissance und des Humanismus.

Humanismus ist eine aus der abendländischen Philosophie hergeleitete Weltanschauung, die sich an den Interessen, den Werten und der Würde insbesondere des einzelnen Menschen orientiert. Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens. Die eigentlichen Fragen des Humanismus sind aber: „Was ist der Mensch? Was ist sein wahres Wesen? Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“

Inhaltsverzeichnis

Definition

Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern. Der Begriff leitet sich ab von den lateinischen Begriffen humanus (menschlich) und humanitas (Menschlichkeit).

Der Humanismus beruht auf folgenden Grundüberzeugungen:

  1. Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bilden den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll.[1]
  2. Die Würde des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben müssen respektiert werden.
  3. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zu bilden und weiter zu entwickeln.
  4. Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich entfalten können.
  5. Die menschliche Gesellschaft soll in einer fortschreitenden Höherentwicklung die Würde und Freiheit des einzelnen Menschen gewährleisten.

Humanität ist die praktische Umsetzung der Ideen des Humanismus.[2] Dazu gehören Güte, Freundlichkeit und ein Mitgefühl für die Schwächen der Menschen, seiner selbst inne und mächtig zu werden, sich im Mitmenschen selbst wieder zu finden.

Epochen des Humanismus

Antiker Humanismus

Griechenland

Zwei der frühen griechischen Philosophen sind Heraklit und Protagoras. Drei der auf sie zurückgehenden Lehren lauten: panta rhei (alles fließt)“[3] , „Aus Allem Eins und aus Einem Alles“[4] und „Der Mensch ist das Maß aller Dinge (panton chrematon)“[5]. Diese drei Aussagen fassen die Grundgedanken des Humanismus zusammen. Sie behaupten, dass alles einem ewigen Wandel unterworfen sei (Lehre vom Fluß aller Dinge); zugleich könne der Mensch die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit erkennen und sich selbst als Teil einer Ganzheit begreifen (Lehre von der Einheit aller Dinge); es gäbe keine moralischen oder gesetzlichen Absolutheiten und der Mensch als schöpferisches Wesen sei die höchste Autorität im Universum (Lehre des Relativismus). In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Chr. wurde in der Athener Demokratie bereits die Paideia entwickelt. Dabei handelte es sich um das Ideal einer umfassenden geistigen und körperlichen Bildung des Menschen. Es ist das, was einer als sein Wesen bestimmend aus der Jugend mitbringt. Dieser menschlichen Prägung wurde eine größere Bedeutung beigemessen als der durch die Geburt erworbenen Zugehörigkeit.[6] Der Kerngedanke der Paideia betrifft dabei aber nicht nur den Schulunterricht für Kinder, sondern die Hinwendung des Menschen zum Denken des Maßgeblichen. Der alte delphische Spruch Gnothi seauton (Erkenne dich, denke daran, dass du ein Mensch und kein Gott bist) bedeutete nicht nur „Erkenne deine Nichtigkeit“ sondern nach Ansicht mancher Philosophen auch „Erkenne deine wunderbare Anlage, deine hohe Bestimmung, deine Würde und deine Pflicht“.[7] Das Höhlengleichnis Platons verdeutlichte den Aufstieg zur Schau der Idee des Guten. Erst nach diesem Aufstieg ist der Mensch fähig, aus Einsicht heraus zu handeln. Ansonsten bleibt sein Verhalten von Vorurteilen und Handlungsroutinen programmiert und ist weder selbstbestimmt noch frei.[8] In der Stoa wurde die Idee von der Einheit und Gleichheit der Menschen geboren. Es bestand ein ungeheures Vertrauen in die kreativen Leistungen des Menschen und in seine Fähigkeit, das Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Rom

Zu den Vermächtnissen der Römer gehört der maßgeblich von Marcus Tullius Cicero geprägte Begriff humanitas. Er bezeichnet das im Menschen, was ihn eigentlich zum Menschen macht. Der Mensch ist etwas Großes und Bejahenswertes. Zur humanitas gehören neben Gerechtigkeit und einer sittigenden Kraft auch liebenswertes Miteinander, Muße, Freude an einer gepflegten Sprache sowie vor allem eine schwerelose und verbindende Geistigkeit.[9] Humanus steht im Tonfall und in der Bedeutung dem Wort urbanus nahe. Es bezeichnet keine ernste Besinnung sondern heitere Selbstsicherheit. Es geht um das geistreiche, feine, witzige und höfliche Wesen des Stadtrömers.[10] Es verbinden sich tiefer, unverkrampfter Ernst und anmutiges Scherzen. Die eigenen Wahrheiten werden mit einem lockeren Handgelenk hingeworfen und man spottet milde über die eigene Rolle. Es geht um die Freude an einer gelungenen Erkenntnis; und um die Freude an einer geistigen Tätigkeit, die ohne Zweck und Nutzen betrieben wird.[11] Der rücksichtslose Mensch, der sich für andere Menschen nicht interessiert, ist nicht human. Arroganz, Dickköpfigkeit, hinterwäldlerische Plumpheit und Brutalität sind mit humanitas unvereinbar. Sie ist dann in Gefahr, wenn der Mensch sich in der Äußerlichkeit verliert oder durch Gewöhnung an das Schlimme abstumpft.[12]

Renaissance-Humanismus

Hauptartikel: Renaissance-Humanismus

Im Speziellen wird als Humanismus das fortschrittliche, sich vom Mittelalter und der Scholastik abwendende geistige Klima des 15. und 16. Jahrhunderts bezeichnet. Im Allgemeinen unterscheidet man heute zwischen der Renaissance als dem umfassenden kulturellen und sozialen Wandel zwischen Mittelalter und Neuzeit, und dem Humanismus als der Bildungsbewegung, die ihm zugrundeliegt. Bereits im 15. Jahrhundert bestand ein Selbstverständnis gebildeter Kreise, die sich als humanistae begriffen und so bezeichneten, also als Humanisten. Dieses stand im Zusammenhang mit den studia humanitatis. Die antike Bildung wurde als unübertreffliches Vorbild empfunden und das lebensbejahende und schöpferische Individuum rehabilitiert. Die Verherrlichung des Menschen ergab sich bei den italienischen Humanisten aus dem Verständnis, dass der Mensch als das Ebenbild Gottes das Höchste in der ganzen Schöpfung wäre.[13] Der berühmteste und einflussreichste Humanist der frühen Neuzeit war Erasmus von Rotterdam. Den Humanismus als Bildungsbewegung in seiner Vielschichtigkeit hatte vor Jacob Burckhardt schon Georg Voigt erkannt.

Neuhumanismus

Hauptartikel: Neuhumanismus

Seit etwa 1750 erfolgte eine Erneuerung der humanistischen Bewegung, um die Nivellierung des Menschen in der festgelegten spätfeudalen Ständeordnung zu überwinden. Das Individuum sollte sich als produktiv tätiger Mensch immer weiter vervollkommnen und Selbstbestimmung über seine Lebensbedingungen gewinnen. Die menschliche Individualität sollte sich frei entfalten. Damit verbunden war eine Hinwendung zum klassischen Altertum. Im Zeitalter der Aufklärung war der Begriff Humanismus zunächst noch ungebräuchlich. Überwiegend sprach man in Anlehnung an Cicero und die Renaissance gleichbedeutend von Humanität. Schiller und Herder verstanden unter Humanität die Menschlichkeit an sich. In seinen 1793 bis 1797 erschienenen Briefen zur Beförderung der Humanität erklärte Herder:

Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts; er ist uns aber nur in Anlagen angeboren, und muß uns eigentlich angebildet werden. Wir bringen ihn nicht fertig auf die Welt mit; auf der Welt aber soll er das Ziel unsres Bestrebens, die Summe unsrer Übungen, unser Wert sein...Wenn der Dämon, der uns regiert, kein humaner Dämon ist, werden wir Plagegeister der Menschen... Humanität ist der Schatz und die Ausbeute aller menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unsres Geschlechts. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken... zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.[14]

Insbesondere für Herder war Humanität zugleich an einen Fortschritt in der Geschichte geknüpft, er sah in ihr ein „Hauptgesetz der Natur“. Kunst und Wissenschaft helfen dabei, das wahre Wesen des Menschen zu verwirklichen und zu vervollkommnen. Der menschliche Geist ist in der Lage, einen sinnvollen Zusammenhang der Dinge zu erkennen und mit dem Willen zu bejahen.[15] Kant beschrieb die Humanität als

„den Sinn für das Gute in Gemeinschaft mit anderen überhaupt; einerseits das allgemeine Teilnehmungsgefühl, andererseits das Vermögen, sich innigst und allgemein mitteilen zu können, welche Eigenschaften zusammen verbunden die der Menschheit angemessene Geselligkeit ausmachen...“[16]

Einen wichtigen Beitrag leistete der altsprachliche Unterricht, die klassische Philologie und literarisch die deutsche Klassik. So beschrieb Goethe das Wirken der Humanität:

„Seele legt sie auch in den Genuß, noch Geist ins Bedürfnis, Grazie selbst in die Kraft, noch in die Hoheit ein Herz.“[17]

Der deutsche Begriff Humanismus wurde erstmalig von Friedrich Immanuel Niethammer in dem 1808 erschienenen Buch „Der Streit des Philanthropinismus und Humanismus in der Theorie unserer Zeit“ verwendet. Niethammer stellte darin der älteren Pädagogik eine aus der Aufklärung erwachsene, an den praktisch-gesellschaftlichen Bedürfnissen und auf unmittelbare Brauchbarkeit orientierte Pädagogik gegenüber.

Humanismus der Moderne

Sartre

Der existentialistische Humanismus Jean-Paul Sartres betont die Eigenverantwortlichkeit des Menschen. Danach ist der Existentialismus „eine Lehre der Tat“. Grundlegend hierzu war der 1945 veröffentlichte Essay L'existentialisme est un humanisme. Sartre entwarf einen Humanismus im Gewand der Moderne: Die Existenz geht der Essenz voraus. Der Mensch tritt in die Welt ein und erst dann entwirft bzw. erfindet er sich selbst. Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich in seiner totalen Freiheit macht. Deshalb ist er auch für das, was er ist, verantwortlich. Dies verleiht ihm seine Würde. Das Leben hat a priori keinen Sinn. Der Mensch wählt sich seine Moral, sie ist seine Schöpfung und Erfindung. Mit sich selbst erschafft der Mensch ein Vorbild. Der Mensch ist nichts anderes als sein Leben. Er ist die Summe seiner Handlungen, seiner Beziehungen und Unternehmungen. Er existiert nur in dem Maße, in dem er sich selbst verwirklicht.

„Es gibt kein anderes Universum als ein menschliches, das Universum der menschlichen Subjektivität. Diese Verbindung von den Menschen ausmachender Transzendenz - nicht in dem Sinn, wie Gott transzendent ist, sondern im Sinn von Überschreitung - und Subjektivität in dem Sinn, dass der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern immer in einem menschlichen Universum gegenwärtig ist, das ist es, was wir existentialistischen Humanismus nennen.“[18]

Heidegger

Martin Heidegger antwortete mit seinem Brief über den »Humanismus«, der 1947 als Anhang zu einem anderen Werk und 1949 erstmals selbständig erschien, auf eine schriftliche Anfrage des französischen Philosophen Jean Beaufret.[19]. Der Philosophie seit dem klassischen Griechenland warf Heidegger eine Entartung zur Metaphysik vor: Das Wesen des Menschen muß anfänglicher erfahren werden. Das Sein kommt im Denken zur Sprache. Die Sprache ist „das vom Sein ereignete und aus ihm durchgefügte Haus des Seins“. Durch sie ist der Mensch in die Lichtung des Seins freigestellt. Das Sein selbst hat ihn „in die Wahrheit des Seins geworfen, dass er, dergestalt ek-sistierend, die Wahrheit des Seins hüte“. Heidegger bezeichnet den Menschen deshalb als Hirten des Seins. Das Denken vollbringt zugleich das Wesen des Menschen. Darum ruht im Denken die Menschlichkeit. Das Denken des Seins ereignet sich noch vor der Unterscheidung von Theorie und Praxis. Es hat weder Ergebnis noch Wirkung. Es ist ein Tun, das alle Praxis übertrifft. Die Philosophie hat dagegen aus der Sprache ein Herrschaftsinstrument über das Seiende gemacht und das Denken damit falsch interpretiert. Das animal rationale gebärdet sich als Herr des Seienden und kreist heimatlos um sich selbst. Es ist ausgestoßen aus der Wahrheit des Seins. Einem derart falsch verstandenen Humanismus trat Heidegger energisch entgegen.

Fromm

In den Jahren von 1961 bis 1978 veröffentlichte Erich Fromm mehrere Aufsätze und Reden, die in dem Sammelband Humanismus als reale Utopie herausgegeben wurden. Die Entfremdung ist nach Fromm die Krankheit des modernen Menschen. Der Mensch wird zum Götzendiener, der das Werk seiner eigenen Hände anbetet. Er ist nur noch damit beschäftigt zu arbeiten, um konsumieren zu können. Er möchte viel haben statt viel zu sein. Machtstreben, Vergnügungssucht und Besitz verdrängen Liebe, Freude und persönliches Wachstum. Ängstlichkeit verbindet sich mit der Unfähigkeit zu lieben. Der moderne Mensch flieht in ein leeres Geschäftigsein. An die Stelle der traditionellen Werte des Guten, Schönen und Wahren, die der Entfaltung des Menschen dienten, ist der technologische Wert getreten: Das technisch Mögliche wird zum Selbstzweck; ist etwas technisch möglich, dann wird es auch getan. Nach Fromm soll man sich der humanistischen Alternative bewußt werden. Der Humanismus geht vom fühlenden, lebendigen, leidenden und denkenden Menschen als der zentralen Kategorie aus.

„Bei diesem Bezugsrahmen besteht der Sinn des Lebens in der völligen Entwicklung der menschlichen Eigenkräfte, insbesondere in der von Vernunft und Liebe, im Transzendieren der Enge des eigenen Ichs und in der Entwicklung der Fähigkeit, sich hingeben zu können, in der vollen Bejahung des Lebens und von allem Lebendigen im Unterschied zur Anbetung von allem Mechanischen und Toten.“[20]

Über das Unbewußte kann man den Kontakt zum ganzen, universalen Menschsein gewinnen.

„Haben wir aber mit dem ganzen Menschen in uns Kontakt, dann gibt es nichts Fremdes mehr. Es gibt kein Verurteilen anderer mehr aus einem Gefühl der eigenen Überlegenheit... Der Mensch steht heute vor der Wahl: Entweder wählt er das Leben und ist zur neuen Erfahrung von Humanismus fähig, oder die neue 'eine Welt' wird nicht gelingen.“[21]

Die Liebe ist der Hauptschlüssel, mit dem sich die Tore zum persönlichen Wachstum öffnen lassen. Die Praxis der Liebe ist das menschlichste Tun, das den Menschen ganz zum Menschen macht und ihm zur Freude am Leben gegeben ist.[22]

Humanismus und Recht

Da die Existenz Gottes nicht allgemein anerkannt wird, hat man sich auf die unantastbare Menschenwürde als Grundlage eines Wertesystems sowohl völkerrechtlich als auch in den meisten nationalen Verfassungen geeinigt. Durch die Übernahme des sittlichen Wertes der Menschenwürde in geltendes Recht ist sie zugleich zu einem Rechtswert geworden.

So beginnt die Präambel der Charta der Vereinten Nationen:

Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet...

Und in Art. 1 Satz 1 heißt es dort:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Art. 1 Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes lautet beispielsweise:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Dieser Gesamtanspruch wird dann im Einzelnen international durch die Menschenrechte und beispielsweise in Deutschland und der Schweiz national durch die jeweiligen Grundrechte konkretisiert. Auch auf europäischer Ebene ist durch den Europäischen Gerichtshof ein Grundrechtsschutz anerkannt.

Die Unantastbarkeit der Menschenwürde als Rechtswert ist eine historische Konsequenz aus dem Staatsterror des Nationalsozialismus. Dabei half das humanistisch geprägte Denken des Rechtsphilosophen Gustav Radbruch, die Grenzen für die Rechtsgeltung von Schandgesetzen aufzuzeigen, an die kein Richter mehr gebunden ist:

...eine andere Grenzziehung aber kann mit aller Schärfe vorgenommen werden: wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur „unrichtiges“ Recht, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur. Denn man kann Recht, auch positives Recht, gar nicht anders definieren als eine Ordnung und Satzung, die ihrem Sinne nach bestimmt ist, der Gerechtigkeit zu dienen.[23]

Humanismus und Psychologie

Hauptartikel: Humanistische Psychologie

Die humanistischen Theorien in der Psychologie wurden maßgeblich von Abraham Maslow und Carl Rogers geprägt. Die Persönlichkeit entwickelt sich mit dem Ziel, sich selbst zu verwirklichen. Die eigenen Fähigkeiten und Talente sollen entwickelt werden, um das innere Potential zu realisieren. Das Streben nach Selbstverwirklichung ist zugleich der

„...Organisator all der unterschiedlichen Kräfte, deren Zusammenspiel ununterbrochen das erschafft, was eine Person ausmacht...Dieses angeborene Streben nach Selbsterfüllung und nach Realisierung des eigenen einzigartigen Potentials ist eine konstruktive leitende Kraft, die jede Person im allgemeinen zu positiven Verhaltensweisen und zur Weiterentwicklung des Selbst bewegt.“[24]

Humanismus und Religion

Problematisch ist das Verhältnis des Humanismus zur Religion. Zu dieser Frage werden verschiedene Meinungen vertreten.

Säkularer Humanismus

In negativer Abgrenzung enthält ein Humanismus nach einer areligiösen säkularen Auffassung die Verneinung von höheren göttlichen Mächten, die dem Menschen übergeordnet wären. Dies ist verbunden mit einer Zurückweisung von Religion zu Gunsten der Meinung, dass sich der moderne Mensch aus eigenem Antrieb weiter zu entwickeln vermag und nur dann „Mensch“ ist. Er solle sich seiner eigenen Vernunft bedienen.

Der säkulare Humanismus beginnt in der Zeit der Aufklärung und sieht sich als einen Weg, unter anderem Fragen der Ethik unabhängig von Religion zu betrachten. Übernatürliche Erklärungen werden abgelehnt.

Zum Umkreis des säkularen Humanismus gehören im weitesten Sinne auch Bewegungen, die im Menschen ein Bedürfnis nach Zeremonien und Ritualen festzustellen glauben und Organisationen aufbauen, die diese ohne eine Gottesvorstellung vermitteln. Dazu zählen beispielsweise die Freidenker.

Humanismus in den Weltreligionen

In etablierten Religionen finden sich häufig humanistische Richtungen, wobei hier Glaubensvorstellungen und Traditionen übernommen und durch Elemente des Humanismus ergänzt werden.

Judentum

Bereits im Judentum gelten die Gebote der Nächsten- und Fremdenliebe nach dem Tanach, der Hebräischen Bibel (Lev 19,17f):

Hasse Deinen Nächsten nicht in Deinem Herzen!
Sondern weise ihn auf das Recht hin, damit Du nicht seinetwegen Schuld auf Dich lädst.
Räche Dich nicht noch behalte Zorn gegen die Kinder Deines Volkes.
Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst: Ich bin JHWH.

Das Gebot der Fremdenliebe wendet sich gegen eine Beschränkung der Nächstenliebe auf Mitjuden (Lev 19,33-34; vgl. Dtn 10,19):

Den Fremdling, der bei Euch wohnt in Eurem Land, sollt Ihr nicht unterdrücken. Er soll wie ein Einheimischer unter Euch wohnen, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst; denn Ihr ward auch Fremdlinge in Ägypten. Ich bin JHWH, euer Gott.

Christentum

Anknüpfungsspunkt für den christlichen Humanismus im Neuen Testament ist das Doppelgebot der Liebe in Matthäus 22, 35 bis 40:

Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und fragte: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und wichtigste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Weitere Anzeichen eines Humanismus in der christlich-abendländischen Geschichte entwickeln sich bereits im 11. Jahrhundert. Die Frage von Anselm von Canterbury (1033–1109), weshalb Gott Mensch geworden ist (Cur deus homo), lässt den Menschen in seiner Beziehung zu Gott in einem anderen Licht erscheinen und die Bemühung entstehen, bereits vor dem angestrebten jenseitigen Heil in der irdischen Welt Ähnlichkeit mit Gott zu erlangen. Auf dieser Hinwendung zu einem tugendhaften Diesseits und Mensch-Sein gründet sich der christliche Humanismus, der - wegen seiner Anknüpfung an antike Schriften, u. a. des Aristoteles und des Platon, auch als christlicher Sokratismus („Erkenne Dich selbst, Christ“) bezeichnet - von einem neuen Sündenbegriff, von der Moral der Intention ausgeht und zur Innenschau führt.

Der Renaissance-Humanismus wurde von den Päpsten finanziell gefördert, und mit Papst Pius II. stellten sie selbst einen bedeutenden Humanisten.[25] Trotz der Annäherung an humanistische Fragestellungen akzeptiert der Katholizismus aber bis heute den Humanismus nicht als eine dem Glauben übergeordnete Idee, sondern fordert eine Vorrangstellung der kirchlichen Kompetenz im religiösen Bereich.

In evangelikalen Freikirchen wird oft folgende Kritik biblisch begründet: Wie auch bei Jesu Doppelgebot der Liebe, besage schon das 1. Gebot in 2. Mose 20,3 bis 5 dass nur Gott alleine anzubeten sei. Er erhalte die höchste Ehre und sei demzufolge auch der letzte und höchste moralische Maßstab (nicht der Mensch). Aus der Anbetung Gottes und seiner absoluten Vorrangstellung folge jedoch unmittelbar der Segen Gottes und somit das Wohlergehen der Menschen.

Islam

Der Islam betrachtet den Menschen von jeher als das höchste Geschöpf Gottes. Dies wird an der Erschaffungsgeschichte Adams deutlich (Koran, Sura 2 Verse 30 bis 38): Gott befiehlt der Engelschar hinter Adam zu beten, den er zuvor erschaffen hatte und in den er von seinem Geist eingehaucht hatte. Gott begründet dies damit, dass Adam die Namen aller Dinge kennt (ein Symbol für den Verstand des Menschen). Der Mensch ist weiterhin das einzige Geschöpf Gottes, das in seinen Taten auf der Erde vollkommen frei ist. Er kann Gottgewolltes tun oder aber sich gegen Gott auflehnen. Das Ideal des Menschen ist allerdings der Mensch, der im Einklang mit den Gesetzen Gottes lebt. Denn als Schöpfer aller Dinge überragt die Weisheit Gottes in der Konsequenz die des Menschen. Aus der Perspektive des an einen absoluten Schöpfergott Glaubenden kann die islamische Philosophie durchaus als humanistisch bezeichnet werden. Dies wird auch durch das theologische Prinzip untermauert: alles auf der Erde ist für den Menschen erschaffen, und alle Gesetze Gottes sind zum Wohle des Menschen.

Auf dieser Grundlage forderte der im Iran zum Tode verurteilte Historiker Haschem Aghadscheri einen islamischen Humanismus:

Als Muslime, als Anhänger des vollkommenen und göttlichen Islam, achten wir die Menschheit hoch. Der Mensch ist ein Mensch, und zwar unabhängig von seiner Religion, auch wenn er kein Muslim ist, auch wenn er kein Iraner ist. Auch Türken, Kurden, Luren ... haben unveräußerliche Rechte. Schariati glaubte, dass der Humanismus im Westen keine festen Wurzeln hatte, weil er dort nicht auf religiösen Prinzipien basiert. Aber im Islam sei der Humanismus von Gott gegeben, wie auch der Mensch die Schöpfung Gottes ist... Unsere Kultur braucht einen islamischen Humanismus. Die Menschenrechte sind in unserer Verfassung garantiert. Niemand darf mit Füßen getreten werden.[26]

Der tunesisch-französische Autor Abdelwahab Meddeb warnt dabei vor der Bedrohung des islamischen Humanismus durch den Islamismus:

Die Keime des Islamismus ... sind bereits im koranischen Text vorhanden. Die Dinge wären sehr viel einfacher, wenn es nicht diese islamistische Lektüre des Korans gäbe. Die Islamisten wollen aus ihrer Lesart die einzig richtige machen, dabei ist es ja gerade die Eigenart von Texten, unendlich viele Interpretationen zu ermöglichen... Das enorme Problem des Islam besteht gerade darin, dass der Islamismus versucht, seine Botschaft in alle Richtungen zu verbreiten. Der offizielle Islam, der eine Art letzter Metamorphose des traditionellen Islam ist, wird heute zunehmend von islamistischem Gedankengut durchsetzt und vergiftet.[27]

Buddhismus und Hinduismus

Auch im Buddhismus und Hinduismus spielt das Mitgefühl und das Vermeiden von Leid bei Mitmenschen eine große Rolle. Karuna als tätiges Mitgefühl und Erbarmen hat eine ähnlich hohe Bedeutung wie die Nächstenliebe im Christentum. Der Begriff umfasst alle Handlungen, die helfen, das Leiden anderer zu verringern. Karuna gründet auf der Erfahrung der Einheit alles Seienden in der Erleuchtung und erstreckt sich unterschiedslos auf alle Lebewesen.[28] Aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Lehrrichtungen des Buddhismus muss das Verhältnis zum westlich geprägten Begriff des Humanismus erst noch genauer untersucht werden. Der Individualität kommt im östlichen Denken jedenfalls nicht die höchste Bedeutung zu. Diese ist jedoch ein Kerngedanke des Humanismus.

Einzelne Humanisten

Frühhumanisten

Humanisten der frühen Neuzeit

Neuhumanisten

Humanisten der Moderne

Siehe auch

 Wiktionary: Humanismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik

Fußnoten

  1. Förster, Wolfgang: Humanismus. In: Hans J. Sandkühler u.a. (Hrsg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Band 2, S. 560 ff.
  2. Förster, a. a. O., S. 560
  3. Vergl. ausführlicher und in anderer Formulierung Fragment 49a DK, Übersetzung nach Wilhelm Capelle, Die Vorsokratiker, S. 132
  4. Fragment 10 DK, Übersetzung nach Wilhelm Capelle, Die Vorsokratiker, S. 132
  5. Zitiert nach Wilhelm Capelle, Die Vorsokratiker, S. 327
  6. Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, Der Kleine Pauly, Band 4, Paideia, Spalte 408
  7. Klingner, Humanität und Humanitas, in: Römische Geisteswelt, S. 728 f.
  8. Vgl. dazu auch Didaktik bei der Universität Jena: Vormoderne Fassungen des Bildungsbegriffs
  9. Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, Der Kleine Pauly, Band 2, Humanitas, Spalte 1241 ff.
  10. Klingner, Humanität und Humanitas, in: Römische Geisteswelt, S. 719 f.
  11. Klingner, Humanität und Humanitas, in: Römische Geisteswelt, S. 722
  12. Marcus Tullius Cicero, Pro Sext. Roscio Amerino, 154
  13. Klingner, Humanität und Humanitas, in: Römische Geisteswelt, S. 716
  14. Johann Gottfried Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität, in: Geschichtsphilosophische Werke, S. 470
  15. Klingner, Humanität und Humanitas, in: Römische Geisteswelt, S. 707
  16. Zit. nach Georgi Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, S. 292
  17. Zit. nach Georgi Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, S. 292
  18. Sartre, Gesammelte Werke, Band 4, S. 141
  19. Martin Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt 2000
  20. Erich Fromm, Humanismus als reale Utopie, S. 65 f.
  21. Erich Fromm, Humanismus als reale Utopie, S. 92
  22. Erich Fromm, Humanismus als reale Utopie, S. 116 f.
  23. Gustav Radbruch, Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht. In: Ders.: Rechtsphilosophie, S. 211 ff.
  24. Philip G. Zimbardo, Psychologie, S. 415
  25. Vgl. Schischkoff, a.a.O., S. 291
  26. Haschem Aghadscheri, Uns fehlt ein islamischer Humanismus, in: Die Zeit, Feuilleton, 52/2002
  27. Abdelwahab Meddeb, Auf der Suche nach der «griechischen» Dimension des Islam, in: Neue Zürcher Zeitung vom 2. April 2007
  28. Lexikon der östlichen Weisheitslehren, S. 185 f.

Literatur

ab 1980

  1. Humanismus. Seine europäische Entwicklung in Dokumenten und Darstellungen. Verlag Alber, Freiburg 1987, ISBN 3-495-47627-X.
  2. Der italienische Humanismus. In: Notker Hammerstein (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Beck, München
  3. 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance bis zum Ende der Glaubenskämpfe. 1996, ISBN 3-406-32463-0, S. 1–56.
  1. Humanismus und Renaissance. Fink, München 1980
  2. Die antiken und mittelalterlichen Quellen, ISBN 3-7705-1815-2.
  3. Philosophie, Bildung und Kunst, ISBN 3-7705-1816-0.

bis 1980