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Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht (persisch هزار و يك شبḥazār-o-yak šab, arabisch الف ليلة وليلةalf laila wa-laila) ist eine Sammlung morgenländischer Erzählungen und zugleich ein Klassiker der Weltliteratur. Typologisch handelt es sich um eine Rahmenerzählung mit Schachtelgeschichten.

Inhaltsverzeichnis

Geschichtliche Herkunft

Indischer Ursprung

Aus Sicht der frühesten arabischen Leser hat das Werk den Reiz der Exotik, es stammt für sie aus dem „Orient“. Das Strukturprinzip „Rahmen + Geschichten“ sowie einige Motive der Rahmengeschichte sind indischen Ursprungs. Eine indische schriftliche Vorlage ist nicht erhalten.

Persische Übertragung

Die indischen Erzählungen wurden ins Mittelpersische übertragen und durch alt-persische Märchenerzählungen erweitert.[1][2] Das persische Buch Hezār-O-Yek-Schab (persisch هزار و یک شب‎ - "Tausend und eine Nacht") oder das altpersische Buch ("Hezar-Afsan- persisch هزار افسان‎"), welches als Vorgänger der späteren Sammlung betrachtet werden kann, ist noch in verschiedenen arabischen Quellen des 10. Jahrhunderts erwähnt.

Übertragung ins Arabische

Vermutlich im 8. Jahrhundert entstand die Übersetzung aus dem Persischen ins Arabische, Alf Layla (Tausend Nächte). Dabei wurde das Werk „islamisiert“, das heißt mit islamischen Formeln und Zitaten angereichert.

Im Laufe der Zeit wurden in die Rahmenerzählung weitere Erzählungen verschiedener Herkunft eingefügt, so aus arabischen Quellen Geschichten um den Kalifen Harun ar-Raschid und im 11. und 12. Jahrhundert phantastische Geschichten aus Ägypten.

Somit gibt es für Tausendundeine Nacht keinen geschlossenen Urtext mit einem definierten Autor, Sammler oder Redaktor. Es ist vielmehr eine offene Sammlung mit verschiedenen Bearbeitern.

Der älteste erhaltene arabische Text ist die Galland-Handschrift, die um 1450 entstanden ist. Es handelt sich um einen Torso, der mitten in der 282. Nacht abbricht, benannt nach dem französischen Orientalisten Antoine Galland (1646–1715), der diese Handschrift 1701 erworben hatte.

Galland publizierte ab 1704 eine französische Übersetzung oder eher Adaptation der Geschichtensammlung und leitete damit die europäische Rezeption der Tausendundeinen Nacht ein. Die Handschrift gelangte nach seinem Tod 1715 in den Besitz der Bibliothèque du Roi, der heutigen Französischen Nationalbibliothek.

Inhalt

Schahriyâr, König einer ungenannten Insel „zwischen Indien und Kaiserreich China“, ist so schockiert von der Untreue seiner Frau, dass er sie töten lässt und seinem Wesir die Anweisung gibt, ihm fortan jede (in einigen Versionen: jede dritte) Nacht eine neue Jungfrau zuzuführen, die jeweils am nächsten Morgen ebenfalls umgebracht wird.

Nach einiger Zeit will Scheherazade, die Tochter des Wesirs, die Frau des Königs werden, um das Morden zu beenden. Sie beginnt, ihm Geschichten zu erzählen; am Ende der Nacht ist sie an einer so spannenden Stelle angelangt, dass der König unbedingt die Fortsetzung hören will und die Hinrichtung aufschiebt. In der folgenden Nacht erzählt Scheherazade die Geschichte weiter, unterbricht am Morgen wieder an einer spannenden Stelle, usw. Nach tausend und einer Nacht hat sie ihm in den orientalischen Druckfassungen drei Kinder geboren, und der König gewährt ihr Gnade.

In der ebenfalls aus dem Orient stammenden Schlussfassung der Druckausgabe Breslau 1824–1843 hat sie dem König das Unrechte seines Tuns vor Augen geführt und ihn „bekehrt“; er dankt Gott, dass er ihm Scheherazade gesandt hat, und feiert richtig Hochzeit mit ihr (Kinder kommen in dieser Fassung nicht vor). Dieser Schluss findet sich auch in Habichts deutscher Übersetzung (Breslau 1824).

Galland hatte keine Textvorlage für seine eher schlichte Ausformung des Schlusses, die aber alles in allem der des Breslauer Druckes an ehesten entspricht (der König bewundert Scheherazade, rückt innerlich ab von seinem Schwur, seine Frau nach der Hochzeitsnacht töten zu lassen, und gewährt ihr Gnade); in einem Brief von 1702 skizziert er jedoch bereits dieses Ende der Tausendundeinen Nacht, das er wohl durch seine Freunde kannte, die ihn überhaupt erst auf die Existenz der Sammlung hingewiesen hatten.

Formbeschreibung

Die Geschichten unterscheiden sich stark; es gibt historische Erzählungen, Anekdoten, Liebesgeschichten, Tragödien, Komödien, Gedichte, Burlesken und religiöse Legenden. In manchen Geschichten spielen auch historisch belegte Personen eine Rolle, wie etwa der Kalif Harun ar-Raschid selbst. Oftmals sind die Geschichten in mehreren Ebenen miteinander verknüpft. Der Sprachstil ist oft sehr blumig und verwendet an einigen Stellen Reimprosa.[3]

Übersetzungs- und Wirkungsgeschichte

In Europa wird Tausendundeine Nacht häufig fälschlich gleichgesetzt mit Märchen für Kinder, was der Rolle des Originals als Geschichtensammlung für Erwachsene mit zum Teil sehr erotischen Geschichten in keiner Weise gerecht wird. Ursache für dieses Missverständnis ist vermutlich die erste europäische Übersetzung des französischen Orientalisten Antoine Galland, der die Geschichten 1704–1708 übertrug und dabei die religiösen und erotischen Komponenten des Originals entschärfte oder tilgte, übrigens ähnlich wie die Brüder Grimm im Deutschland des 19. Jahrhunderts mit den überlieferten Volksmärchen verfuhren. Galland fügte zudem seiner Übersetzung einige in seinen arabischen Vorlagen nicht vorhandene Geschichten hinzu, z. B. Sindbad der Seefahrer, nach einer allein stehenden Vorlage aus seinem Besitz, die er schon übersetzt hatte, bevor er von der Existenz der Sammlung Tausendundeine Nacht erfuhr, oder Aladin und die Wunderlampe und Ali Baba und die 40 Räuber, die er 1709 in Paris von einem aus Syrien stammenden Märchenerzähler gehört hatte. Seine Veröffentlichung hatte eine unerwartet große Wirkung. August Ernst Zinserling übersetzte den Text nach der französischen Übertragung von Joseph von Hammer ins Deutsche (Stuttgart und Tübingen 1823-1824).

Eine auf der Übertragung von Galland fußende vollständige Übersetzung („Zum erstenmal aus einer Tunesischen Handschrift ergänzt und vollständig übersetzt“) lieferte Max Habicht zusammen mit Friedrich Heinrich von der Hagen und Karl Schall (Breslau 1825). Die erste deutsche Übersetzung aus arabischen Originaltexten, werkgetreu nur cum grano salis (Poesie- und Reimprosapartien nicht formgetreu, Repertoire einer Auswahl aus verschiedenen Versionen), stammt von dem Orientalisten Gustav Weil, veröffentlicht 1837-1841 (vollständig umgearbeitet 1865). Die erste wirklich werkgetreue Übersetzung stammt von Richard Francis Burton, der die Geschichten in 16 Bänden 1885-1888 unter dem Titel The Book of the Thousand Nights and a Night veröffentlichte und damit im viktorianischen England einen Skandal auslöste. Eine deutsche Übersetzung in vierundzwanzig Bänden besorgte Max Henning (Leipzig 1895-1897). Eine umfangreiche deutsche Übersetzung in sechs Bänden, die auf der in Indien gedruckten arabischen Ausgabe von 1839–1842 beruht, stammt von dem Tübinger Orientalisten Enno Littmann und erschien erstmals 1921-1928. Die erste Übersetzung aus dem arabischen Urtext der Wortley Montagu-Handschrift (eine 1764 in Ägypten entstandene und wenig später in die Oxforder Bodleian Library gebrachte Sammlung) schuf Felix Tauer. Sie wird als Ergänzungsband zur Littmanschen Übertragung betrachtet.

Der 1926 geborene Arabist und Islamwissenschaftler Muhsin Mahdi legte im Jahr 1984 nach fünfundzwanzigjähriger Arbeit eine kritische Edition der Galland-Handschrift vor. Damit ist der Text der ältesten erhaltenen arabischen Fassung wieder in seiner ursprünglichen Form verfügbar. Im Jahr 2004 erschien von der Arabistin Claudia Ott erstmalig eine deutsche Übersetzung der Galland-Handschrift, auf der Basis der Ausgabe von Muhsin Mahdi.[4] Ott erreichte in jahrelanger Detailarbeit eine bis in die Klanggestalt und Metrik textgetreue Übertragung. Der Rezensent der Zeit hebt ihr „klares, lebhaftes Deutsch“ hervor und dass sie auf „orientalisierende Ausschmückungen“ verzichtet habe. Vom aufgesetzten europäischen Märchentonfall befreit, enthalten diese in den 282 Nächten der Handschrift enthaltenen Geschichten u. a. auch die bukolische, unverblümte Erotik des Originals.[5]

Einzelne Figuren aus Tausendundeiner Nacht

Literatur

Verfilmungen

Bühnenfassungen

Sekundärliteratur

Verschiedenes

Einzelnachweise

  1. Jacob W. Grimm (1982). Selected Tales pg 19. Penguin Classics
  2. Zipes, Jack David; Burton, Richard Francis (1991). The Arabian Nights: The Marvels and Wonders of the Thousand and One Nights pg 585. Signet Classic
  3. A. Gelber vertritt allerdings die These die Reihenfolge der Geschichten folge einem wohldurchdachten dramatischen Aufbau. Dabei bleibt freilich unklar, wie lange dieser Formwille auf die Gestaltung eingewirkt haben müsste.
  4. Tausendundeine Nacht – das unbekannte Original (Webseite zum Buch)
  5. Perlentaucher: Zusammengefasste Rezensionen der Übersetzung Claudia Otts aus NZZ, FR, SZ, Zeit, taz und FAZ
  6. Tausendundeine Nacht in der Internet Movie Database (englisch)