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Russischer Nihilismus

Der russische Nihilismus (lat.: nihil; nichts) umfasst sowohl eine philosophische Strömung als auch eine sozio-kulturelle Bewegung. Hauptmerkmal des russischen Nihilismus ist die Ablehnung von Autoritäten – Staat, Kirche und Familie – und das Streben nach einer freiheitlichen, gleichheitlichen und atheistischen Gesellschaft. Das Studium der (Natur-) Wissenschaften liefert die Erkenntnisse für eine ideale neue Gesellschaftsordnung, Bildung ist der Weg zur Selbstemanzipation. Der russische Nihilismus beinhaltet eine Niedrigschätzung der Geisteswissenschaften und der Künste, zum Teil sogar eine Anti-Ästhetik.

Inhaltsverzeichnis

Zeitliche Einordnung

Im weiteren Sinn wird die gesamte Regierungszeit Alexander II. (1855-1881) als zeitlicher Rahmen für den russischen Nihilismus angegeben. Diese Einteilung wird vorwiegend in der westlichen Historiographie vorgenommen. Man unterscheidet eine Gründungsphase (1860-1869) und eine revolutionäre Phase (1870-1881).

Getragen von der Aufbruchstimmung zur Zeit der Großen Reformen unter Alexander II. formiert sich in der Gründungsphase des russischen Nihilismus ein sozio-kulturelles Gegenmilieu zur alten russischen Adelsgesellschaft. In Literatur und Philosophie werden neue Gesellschaftsmodelle entworfen.

Die revolutionäre Phase des russischen Nihilismus wird mit dem Revolutionären Katechismus (1869) von Sergej Netschajew eingeleitet. Attentate auf Vertreter der Zarenherrschaft sowie der Zarenmord gelten als Grundlage für die Schaffung einer neuen Gesellschaft.[1]

Im engeren Sinn wird der russische Nihilismus auf die Zeit zwischen Regierungsantritt Alexander II. (1855) und dem erstem Attentatsversuch auf den Zaren (1866) bzw. dem Aufkommen der russischen populistischen Bewegung (russ. народники, um 1870) festgesetzt. Die russische Historiographie sowie neuere kulturwissenschaftliche Forschungsarbeiten nehmen diese Einteilung vor.[2]

Man unterscheidet gleichfalls zwei Phasen des russischen Nihilismus. Die erste Phase (1856-1861) ist durch Optimismus und politische Toleranz gekennzeichnet. Die (Adels-) Gesellschaft und das nihilistische Milieu sind im Einklang miteinander. Intellektuelle wie Alexander Herzen, Nikolaj Tschernyschewski und Nikolai Dobroljubow gehören in diese Phase. Die zweite Phase (1862-1866) ist durch soziale Unruhe, die staatliche Reaktion und eine Skepsis hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungsmöglichkeiten gekennzeichnet. Den theoretischen Hintergrund liefert Dmitri Pisarew. (Vgl. Confino, Pozefsky) Einige Wissenschaftler fassen nur Pisarew und seine Anhänger/innen als Nihilistinnen / Nihilisten auf[3]

Historischer Hintergrund

Die 1850er und 1860er sind Jahre gesellschaftlicher Umbrüche in Russland. Es ist eine Periode des kulturellen, sozialen, ökonomischen und politischen Wandels. Der verlorene Krimkrieg (1853-56) verweist auf die Rückständigkeit Russlands. Mit dem Regierungsantritt von Zar Alexander II. im Jahr 1855 macht sich innerhalb des Staatsapparats als auch unter der adligen Bevölkerung eine Reform- und Aufbruchstimmung breit.

Es beginnt die Zeit der Großen Reformen – neben der Bauernbefreiung und der Justizreform sind es vor allem die Bildungsreformen sowie die Lockerung der Zensur, verbunden mit der Erlaubnis privater Zeitschriftengründungen, die die Grundlage für den russischen Nihilismus als philosophische Strömung und sozio-kulturelle Bewegung bilden.

Im Bildungsbereich erweitern sich die Möglichkeiten für sämtliche Bevölkerungsgruppen. Von nicht-staatlicher Seite aus formiert sich die Sonntagsschulbewegung (1859-1862), die zum Ziel hat, Bildung ins Volk und in die Provinzen zu tragen. Zudem gründen sich allerorts pädagogische Selbstbildungszirkel, Alphabetisierungsgesellschaften, Bibliotheken und Buchläden, zu denen alle, auch Frauen Zugang haben. Von staatlicher Seite gibt es nach dem Krimkrieg ein stärkeres Interesse an Bildung. Es kommt zur Ausweitung der Gymnasial- und Elementarschulausbildung, Frauen erhalten kurzzeitig Zugang zu den Universitäten (1859-1861/63).

Mit der Lockerung der Zensur und der Gründung vieler neuer nicht-staatlicher Journale und Zeitschriften entsteht erstmals eine Art freie Meinungs- und Presselandschaft. Viele westeuropäische und aufklärerische Schriften werden ins Russische übersetzt. Intellektuelle Debatten, unter anderem auch die Frauenfrage, werden angestoßen und öffentlich diskutiert. Als Forum dienen die neu entstandenen Publikationen und private Zirkel.

In Abgrenzung zur (alten) Adelsgesellschaft und ihren Normen entsteht ein radikaldemokratisch-nihilistisches Milieu, das freiheitlich-egalitären Ideen anhängt und eigene Verhaltens-, Kleidungs- und die Lebensweise betreffende Regeln entwirft. Gleichsam geht damit die Herausbildung neuer Geschlechterrollen einher. Mit der Gründung von Wohnkommunen und Arbeitskooperativen (Artels) sowie dem Prinzip der fiktiven Heirat werden Alternativen zu traditionellen weiblichen Lebensverläufen in Haus und Familie geschaffen und Frauen der Zutritt zu den neu entstehenden außerstaatlich-öffentlichen Räumen ermöglicht.

Die politischen und ökonomischen Veränderungen werden jedoch von sozialen Unruhen begleitet: die Bauern begehren auf (1861), Studenten demonstrieren (1861/62), unter vielen Adligen, die durch die Reformen einen sozialen Abstieg erleben, wächst die Unzufriedenheit, eine Welle städtischer Feuer überzieht St. Petersburg (1862), in Polen kommt es zum Aufstand (1863). Alarmiert durch diese Ereignisse versucht die zaristische Regierung, die öffentlichen Freiräume wieder einzuschränken.

1862 erfolgt die zunächst auf acht Monate begrenzte Schließung zweier radikaldemokratischer Publikationen, des Zeitgenossen (russ. Современник) und des Russischen Wortes (russ. Русское Слово), die als kommunikative Zentren und Sprachrohr neuer Ideen gelten. Nach dem versuchten Zarenattentat 1866 werden sie schließlich ganz verboten.

Die St. Petersburger Universität wird 1861 infolge der Studentenunruhen bis zur Überarbeitung ihrer Statuten geschlossen. 1863 verbietet man das Frauenstudium in Russland. Neben der breit diskutierten biologisch determinierten intellektuellen Nichteignung von Frauen für ein Universitätsstudium will man sie vor radikaldemokratischen Einflüssen bewahren. In der Folge strömen russische adlige Frauen in großer Zahl an westeuropäische Universitäten, vor allem in der Schweiz, Deutschland und Frankreich, um ihrem Wunsch nach höherer Bildung nachzukommen.

Darüber hinaus versucht man, die Zirkel als einen weiteren Bereich außerstaatlicher Öffentlichkeit zu eliminieren. Ein geheimes Zirkular des Innenministeriums an alle Gouverneure des Russischen Reiches ordnet an, keine Gesellschaften und Zirkel oder äußere Merkmale, die auf die Zugehörigkeit zu selbigen hindeutet, mehr zu dulden.

Diese Ereignisse zwischen Reformorientierung und zeitweiliger Öffnung bis zum Entstehen neuer gesellschaftlicher Räume und der bald darauf einsetzenden Reaktion, verbunden mit der Rückkehr der Zensur und lückenloser, obrigkeitsstaatlicher Überwachung öffentlichen Lebens, bilden den Erfahrungshintergrund der russischen Nihilisten.

Der Begriff Nihilist (russ. Нигилист) verbreitete sich im russischen Sprachraum durch den Roman Väter und Söhne (russ. Отцы и дети, 1862) von Iwan Sergejewitsch Turgenjew. Die Bezeichnung bezieht sich auf den Haupthelden des Romans, Basarow, dessen Charakter an die anti-autoritäre Bewegung der 1860er Jahre angelehnt ist. Der Terminus wurde von Turgenjew abwertend gebraucht.

Einige der nihilistischen Bewegung nahestehende Intellektuelle versuchen sich an einer positiven Neudefinition des Nihilismus-Begriffes und vereinzelt übernehmen einige der 1860er diesen Begriff als Selbstbezeichnung. Im allgemeinen bleibt der Begriff jedoch negativ besetzt und taucht überwiegend in polizeilichen Akten und juristischen Protokollen der zaristischen Regierung oder der anti-nihilistischen Literatur auf. Ab den 1870er Jahren wurde die Bezeichnung Nihilist immer stärker in Verbindung mit Attentätern gebraucht, die den Zaren oder Vertreter der zaristischen Regierung töten wollen.

In Zeitzeugnissen und in der Forschungsliteratur findet man häufig die neutraleren Bezeichnungen Sechziger/innen (russ. щестидесятники / щестидесятницы), Radikale / Radikaldemokratinnen (russ. pадикалы / pадикалдемократы) oder neue Leute (russ. новые люди). (Vgl. Literatur)

Philosophische Strömung

Der russische Nihilismus ist keine ausgereifte Philosophie, sondern stellt ein Bündel an Ideen dar. Referenzen sind die französische Aufklärung, der französische Frühsozialismus, der britische Utilitarismus und der deutsche Materialismus. Romane, Zeitschriften, Universitäten und Schulen sowie private Zirkel (russ. кружки) sind Orte des Austausches neuer Ideen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden in der russischen Literatur verarbeitet, literarische Figuren sind Abbilder real existierender Personen und wirken umgekehrt als Vorbilder unter den Nihilisten.

Nikolaj Tschernyschewski knüpft in seinem Roman Was tun? (russ. Что делать?, 1863) an Turgenjews literarisches Motiv des Generationenkonfliktes an. Für die Söhnegeneration verwendet er den positiv besetzten Begriff neue Leute, nicht Nihilisten. Die weibliche Hauptfigur Vera Pawlowna ist einer der ersten literarischen Prototypen der neuen Frau (russ. новая женщина). Tschernyschewskis Roman spiegelt den Zeitgeist derart realistisch wider, dass er zum Standardwerk seiner Zeit und zum Vorbild innerhalb des radikaldemokratischen Milieus wird.

Den Zeitschriften wird eine große Bedeutung als Medium und Kanalisator einer neuen Gesellschaft zugewiesen. Der Schlüssel zur Veränderung der Gesellschaft liegt jedoch in der eigenen Emanzipation, die nicht egoistisch angelegt ist, sondern bereits dem allgemein-öffentlichen Interesse dient. So ist die Frauenfrage eines der zentralen Themen in den Zeitschriften. Michail Michailow schreibt im Zeitgenossen Aufsätze in Befürwortung der weiblichen Emanzipation.

Sozio-kulturelle Bewegung

Der russische Nihilismus als sozio-kulturelle Bewegung entsteht in Abgrenzung zur alten Adelsgesellschaft. Das nihilistische Milieu zeichnet sich durch einen bestimmten Kleidungsstil, einen eigenen Habitus, die Lektüre kanonisierter Texte sowie die Ausübung neuer Lebensformen (Kommune, Arbeitskooperativen, gleichberechtigte Partnerschaften) aus.

Man kleidet sich schwarz, trägt einen Jakobinerhut und pflegt einen informellen und direkten Umgangston. Männer haben lange Haare und einen Bart, wie es in der russischen Gesellschaft dieser Zeit nur bei Bauern üblich ist. In Absetzung zu der aufwendigen Aufmachung von Frauen auf Adelsbällen, wo sie sich für eine lukrative Eheschließung präsentieren, kleidet sich die neue Frau bescheiden, trägt kurzes Haar und ist eher an einem guten Buch oder einer ernsthaften Diskussion als am Besuch eines Balles interessiert. Entgegen der traditionellen, ritualisierten und geschlechtsspezifisch differierenden Umgangsformen der Adelsgesellschaft, pflegt sie einen gleichberechtigten Umgangston mit Männern.

Man trifft sich zum Studium und zu Diskussionen in privaten Zirkeln, Universitätslehrer und Studenten geben private Vorlesungen und Unterricht für Frauen, denen der Zugang zum Studium verwehrt wird. Es werden Kommunen wie die Slepzow-Kommune und Arbeitskooperativen gegründet. Als Ideal einer Partnerschaft gilt die auf Liebe basierender und beidseitiger Zustimmung bestehende Heirat.

Einzelnachweise

  1. Vgl. hierzu http://www.zum.de/whkmla/sp/0708/sowan/sowan1.html
  2. Vgl. Literaturhinweise zu Confino, Donaldson, Paperno und Pozefsky.
  3. (Siehe Donaldson)

Literatur

Erinnerungen von Nihilistinnen und Nihilisten
Literatur zum Nihilismus