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Babylonischer Aufstand

Der babylonischen Aufstand oder Diasporaaufstand war der jüdische Aufstand unter Trajan in den Jahren 115 bis 117 n. Chr., der schließlich von Lusius Quietus unterdrückt wurde. Es war der zweite der drei großen jüdischen Aufstände gegen die Römer im ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. – der erste war der Jüdische Krieg, der dritte der Bar-Kochba-Aufstand (bzw. der Zweite Jüdische Krieg) –, die schließlich zur Zerstörung der letzten Reste eines größeren, geschlossenen, jüdischen Siedlungsgebiets in der römischen Provinz Judäa führten und die Diaspora-Situation des Judentums bis ins 20. Jahrhundert begründeten. Im Unterschied zu den beiden Jüdischen Kriegen um 70 und um 135 scheint Iudaea, das eigentliche Kernland der Juden, von den Kämpfen um 116 nicht direkt betroffen gewesen zu sein.

Inhaltsverzeichnis

Bezeichnung

Die Bezeichnung als "babylonischer Aufstand" ist nur wenig befriedigend, da sie nur eine von mehreren fast zeitgleichen Erhebungen aus der jüdischen Diaspora während der letzten Jahre der Regierungszeit Trajans bezeichnet. Die betreffenden Aufstände fanden statt

Alternativ könnte man den Konflikt auch als Aufstand der Juden gegen Trajan, 2. jüdisch-römischen Krieg oder auch als Kitos Krieg, wie er in der jüdischen Geschichtsschreibung benannt wird (hierbei leitet sich Kito vom Namen des Feldherrn Quietus ab). Am gängigsten ist in der althistorischen Forschung aber die zusammenfassende Bezeichnung als "Diasporaaufstand".

Obwohl das Fehlen eines allgemein anerkannten historischen Begriffs für diese Aufstände nahezulegen scheint, dass es sich um Ereignisse minderer Bedeutung handelt, waren die Folgen für das jüdische Volk und seine Kultur verheerend. Alle genannten Gebiete wiesen sehr volkreiche Gemeinden auf, man kann jeweils von einer in die Hunderttausende gehenden Zahl von Personen ausgehen – und alle wurden fast vollständig vernichtet. Die vor allem kulturell bedeutende Gemeinde in Alexandrien erholte sich nie wieder von diesem Schlag. Daher können diese wenig bekannten Ereignisse wenn auch nicht in ihrer psychologischen Wirkung, so doch in den materiellen Folgen durchaus mit dem Jüdischen Krieg verglichen werden. Und auch für Rom waren die Aufstände folgenreich; trugen die Unruhen doch wesentlich zum Scheitern der großangelegten Eroberungskrieges bei, den Kaiser Trajan zu dieser Zeit gegen das mächtige Partherreich führte.

Ausbruch

Der Aufstand brach aus im Jahr 115 in Kyrene in Nordafrika (heutiges Ost-Libyen, zu jener Zeit eine römische Provinz). Anführer war ein Jude namens Andreas oder auch Lukas (vermutlich trug er sowohl einen hebräischen wie auch einen griechischen Namen). Da er in den Quellen als König bezeichnet wird, wird er als messianischer Prätendent anzusehen sein, vergleichbar dem Simon bar Kochba, dem Anführer im letzten großen Aufstands der Juden.

Über die Ursache für den Ausbruch des Aufstands ist nichts genaues bekannt. Zunächst fielen die Juden Kyrenes über ihre römischen und griechischen Nachbarn her. Etwa hundert Jahre später erwähnt der Historiker Cassius Dio ausgesprochene Scheußlichkeiten:

Inzwischen hatten die Juden der Kyrenaika einen gewissen Andreas zum Anführer gemacht und vernichteten sowohl Römer als Griechen. Sie aßen vom Fleisch ihrer Opfer, machten sich Gürtel aus Eingeweiden, schmierten sich mit dem Blut ein und kleideten sich in die Häute; viele zersägten sie von oben nach unten, andere warfen sie wilden Tieren vor und wieder andere zwangen sie, als Gladiatoren zu kämpfen. Insgesamt starben 220000 Menschen. (Cassius Dio, Römische Geschichte, LXVIII, 32, [1])

Man mag bezweifeln, dass gläubige Juden sich zum Verzehr von menschlichen Fleisch überwinden konnten und man kann die Zahl der Opfer für übertrieben halten. Jedenfalls ist belegt, dass die Kyrenaika nach Niederschlagung des Aufstands derart entvölkert war, dass Trajan dort Veteranen ansiedeln ließ.

Keine Zweifel gibt es über die angerichteten Zerstörungen: in Kyrene scheinen vor allem die griechischen Tempel Ziel der Zerstörungswut gewesen zu sein. Die Tempel des Apollon, des Zeus, der Dioskuren, der Demeter, der Artemis und der Isis, aber auch die Symbole römischer Herrschaft und Kultur wie das Caesareum, die Basilika und die Thermen wurden zerstört oder schwer beschädigt. Neu errichtete Meilensteine geben als Grund der Erneuerung den jüdischen Aufstand (turba Iudaica) an.

Jedenfalls bildet sich der Eindruck einer von religiösem Massenwahn angeheizten hemmungslosen Grausamkeit und Zerstörungswut, die jede Rückkehr zu einem friedlichen Miteinander ein für allemal ausschließt.

Ausweitung

Die Griechen der Kyrenaika flohen nach Alexandria, wo sie die dort wohnenden Juden umbrachten. Bald darauf rückte jedoch Andreas/Lukas mit den Scharen seiner Gotteskrieger an. Der Vizekönig von Ägypten, Marcus Rutilius Lupus zog sich vor den anrückenden Scharen zurück, die Juden besetzten die Stadt und brannten sie nieder. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das Grabmal zerstört, in dem Caesar den Pompeius beigesetzt hatte. Doch die Verwüstungen beschränkten sich nicht auf Alexandria und das Nildelta. Selbst in der Gegend von Theben, 600 km nilaufwärts, kam es zu Plünderungen durch die Aufständischen. Der Historiker Appian berichtet, wie er in der Gegend von Pelusion mit knapper Not den Aufständischen entkam.

Auch auf Zypern, wo von jeher große jüdische Gemeinden existierten, erhoben sich die Juden unter der Führung eines gewissen Artemion zu einem Gemetzel an den griechischen Einwohnern. Die Aufständischen sollen Salamis, damals Hauptstadt der Insel, zerstört und 240.000 Griechen umgebracht haben. Auch wenn diese Zahl übertrieben ist, scheint der Eindruck dieses Aufstandes auf die zyprischen Griechen so nachhaltig gewesen zu sein, dass (laut Cassius Dio) ein Gesetz den Juden auf alle Zeit das Betreten Zyperns verbot, selbst im Fall eines Schiffbruchs.

Um diese Aufstände zu beenden und eine weitere Ausbreitung zu unterbinden entsandte Trajan den späteren Prätorianerpräfekten Quintus Marcius Turbo nach Nordafrika und die Legio VII Claudia nach Zypern, doch auch für die überlegene römische Militärmacht erwies sich die Niederschlagung der Aufstände in Ägypten, Zypern und der Kyrenaika als ein langwieriges Unterfangen. Erst im Jahr 117 war es gelungen. Bei der Einnahme von Alexandria wurde die im Altertum berühmte jüdische Synagoge zerstört. Auch versteht es sich, dass die siegreichen Römer den Juden in Brutalität und Barbarei nicht nachstehen wollten. Wie zuvor die Griechen niedergemetzelt wurden, so wurden jetzt die Juden zu Tausenden Opfer von Rache und Terror.

Aufstand in Mesopotamien

Parallel dazu, aber eventuell unter anderen Voraussetzung ist der Aufstand in Mesopotamien zu sehen. Der anfangs über die Parther siegreiche Trajan hatte sich im Winter 115/116 ins Winterquartier nach Antiochia zurückgezogen, als in den eben unterworfenen Provinzen ein Aufstand ausbrach, bei dem die im Zweistromland siedelnden Juden wohl eine besonders prominente Rolle spielten. Gemeinsam mit parthischen Truppen gingen sie gegen die Römer vor, was Trajans Nachfolger Hadrian letztlich zur Aufgabe der Eroberungen zwang.

Trajan eroberte und zerstörte zwar Nisibis (das heutige Nusaybin in der Türkei), Edessa und Seleukia am Tigris - allesamt Städte, in denen die es eine zahlreiche jüdische Diaspora gab. Dennoch blieb die Lage für Rom schwierig. Mit der Vernichtung noch bestehender Widerstandsnester im eigentlichen Imperium beauftragte der Kaiser den Feldherrn Lusius Quietus, der seine Aufgabe in Zypern und Syrien so gründlich erfüllte, dass er als Statthalter nach Iudaea entsandt wurde.

Dort kam es vielleicht nach dem Tod Trajans und dem Regierungsantritt Hadrians zu einem weiteren kleinen Aufstand, der (nur) in den talmudischen Quellen als "Krieg des Kitos" (polemos schel kitos) erscheint. Die Anführer sollen zwei alexandrinische Juden namens Julianus und Pappos gewesen sein. Der Legende nach wurden sie vor ihrer Hinrichtung durch die Abberufung des Quietus in letzter Minute gerettet. Jedenfalls ging der Tag, der 12. Adar, als Halbfeiertag in den jüdischen Festkalender ein (Trajanstag, jom tirjanus). Viele Gelehrte bezweifeln aber die Historizität dieser Ereignisse, die die römischen Quellen nicht erwähnen - man geht eher davon aus, dass es in Iudaea vorerst ruhig blieb.

Quellen

Literatur