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Knut Borchardt

Knut Borchardt (* 2. Juni 1929 in Berlin) ist ein deutscher Wirtschaftshistoriker.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Knut Borchardt (Prof. Dr. oec. publ., Dr. h.c. mult., Professor emeritus für Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaftslehre) legte 1948 das Abitur in Berlin-Spandau ab. Anschließend studierte er Germanistik, Geschichte, Betriebs- und Volkwirtschaftslehre in Berlin und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1954 wurde er in Volkswirtschaft diplomiert, 1956 in München zum Dr. oec. publ. promoviert. Von 1954 bis 1961 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Volkswirtschaftlichen Institut der LMU München. Nach der Habilitation 1961 übernahm er die Vertretung des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Tübingen. 1962 erfolgte die Berufung zum Professor für Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftshochschule bzw. Universität Mannheim, wo er 1967–1968 das Amt des Rektors bekleidete. Von 1969 bis zur Emeritierung 1991 war er Ordinarius für Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaftslehre an der LMU München.

Seine Forschungsschwerpunkte bilden unter anderem die Wirtschaftsgeschichte der Zeit zwischen den Weltkriegen, die Person Max Weber als Nationalökonom bzw. dessen Frühwerk und Lehrtätigkeit[1] sowie spezielle Aspekte der langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert.

1974 wurde Borchardt zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Dort gehört er als Vertreter der Philosophisch-historischen Klasse der Haushaltskommission an und ist Vorsitzender der Kommission für Wirtschafts- und Sozialgeschichte[2] sowie stellvertretender Vorsitzender der Kommission für kulturanthropologische Studien[3]. Er ist Mitglied im Wirtschaftshistorischen Ausschuss des Vereins für Socialpolitik und seit 1970 des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft. 1981–2007 gehörte er als Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an.

Zusammen mit weiteren renommierten Persönlichkeiten wie Alfred E. Ott und Heinrich Strecker gab er im Zeitraum von 1968 bis 1982 die „Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik“ heraus. Von 1980 bis 2007 war er Mitherausgeber der Historischen Zeitschrift.

In den vergangenen Jahren befasste sich Borchardt auch mit wirtschafts- und sozialpolitischen Aspekten der Globalisierung.[4]

Ehrungen

Knut Borchardt wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, dem Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst sowie dem Leibniz-Preis geehrt. Er erhielt Ehrendoktorate der Universitäten Innsbruck und Mannheim.

Die „Borchardt-Hypothese“ und die anschließende Kontroverse

Borchardts Thesen zur Wirtschaftspolitik in der Endphase der Weimarer Republik wurden in den 1980er Jahren Gegenstand einer heftigen Kontroverse. 1979 griff Borchardt die damals vorherrschende Auffassung an, die Deflationspolitik des Kabinetts Heinrich Brüning 1930–1932 trage die Hauptschuld an der Schwere der Weltwirtschaftskrise in Deutschland. Borchardt argumentierte, Brünings Politik sei alternativlos gewesen angesichts der Überschuldung der öffentlichen Haushalte, welche in der Weltwirtschaftskrise vom Kredit abgeschnitten gewesen seien. Dieses Schuldenproblem sei zumindest zum Teil die Folge einer zu großzügigen Lohn- und Sozialpolitik in der Weimarer Republik vor 1929 gewesen.

In der Folgezeit entzündete sich eine umfangreiche und oft leidenschaftlich geführte Debatte um diese Hypothese, an der führende Wirtschaftshistoriker in Deutschland wie im Ausland teilnahmen. Besonders dezidiert attackierte der Berliner Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich Borchardts These zu hoher Löhne in der Weimarer Republik. Holtfrerichs Gegenargumente wurden später allerdings selbst in Zweifel gezogen. In jüngerer Zeit hat der Borchardt-Schüler Albrecht Ritschl Borchardts Hypothese weiter ausgebaut.[5] Ritschl argumentiert, Deutschland sei 1930 in eine Zahlungsbilanzkrise geraten, die durch hohe Auslandsschulden und die Verschärfung des Reparationsregimes durch den Young-Plan verursacht worden war und in der eine Politik der Konjunkturstimulierung unmöglich gewesen sei.

Die Debatte um Borchardts Thesen ist bis heute zu keinem endgültigen Abschluss gekommen. Unbestreitbar jedoch hat Borchardt bleibende Zweifel gesät an der einst gängigen Sichtweise nach der eine expansive, „keynesianische“ Fiskal- und Geldpolitik die Weltwirtschaftskrise in Deutschland früher und mit geringerem Schaden hätte beenden können.

Publikationen (Auswahl)

Verweise

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

  1. s.a. H-Net Reviews: Knut Borchardt, Hrsg. Max Weber Gesamtausgabe, Abt. 1. Börsenwesen. Schriften und Reden 1893-1898, Band 5, 1. und 2. In Zusammenarbeit mit Cornelia Meyer-Stoll.
  2. Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
  3. Kommission für kulturanthropologische Studien
  4. vgl. Bayerische Akademie der Wissenschaften: Kompetenzhandbuch
  5. Albrecht Ritschl: Knut Borchardts Interpretation der Weimarer Wirtschaft. Zur Geschichte und Wirkung einer wirtschaftsgeschichtlichen Kontroverse, Vortrag, gehalten auf der 2001 Jahrestagung der Ranke-Gesellschaft
Personendaten
Borchardt, Knut
deutscher Wirtschaftshistoriker
2. Juni 1929
Berlin