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Ion Antonescu

Ion Antonescu (* 14. Juni 1882 in Piteşti; † 1. Juni 1946 durch Hinrichtung im Gefängnis Jilava bei Bukarest) war Generalstabschef des Heeres und diktatorisch regierender Ministerpräsident Rumäniens.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Im Ersten Weltkrieg war der aus kleinen Verhältnissen stammende spätere Regierungschef und Generalstabsoffizier Hauptarchitekt der erfolgreichen Verteidigung der Moldau gegen den deutschen Gegenangriff 1917 (nach dem rumänischen Kriegseintritt 1916), der fast zur Besetzung des ganzen Landes durch deutsche und österreichisch-ungarische Truppen geführt hätte. Im Jahr 1933 wurde er Generalstabschef des rumänischen Heeres. 1937 war er unter Premierminister Goga erstmals Regierungsmitglied. Sein Amt als Verteidigungsminister behielt er zunächst auch 1938 nach dem Beginn der so genannten „Königsdiktatur“ Carols II., wurde noch im gleichen Jahr aber entlassen. Am 9. Juli 1940 wurde er inhaftiert, nach zwei Tagen nicht zuletzt auf deutsches Betreiben wieder freigelassen. Nach Gebietsverlusten an die Sowjetunion sowie nach der durch das Dritte Reich erzwungenen Gebietsabtretung an Ungarn (Zweiter Wiener Schiedsspruch) war die Regierung Carols II. 1940 am Ende. Während das Militär immer energischer einen Angriff auf Ungarn forderte, versuchte die faschistische Eiserne Garde am 3. September 1940 einen Putsch. In dieser Lage ernannte Carol II. Antonescu am 4. September zum Ministerpräsidenten mit unbeschränkten Vollmachten, also praktisch zum Diktator. Antonescu nutzte sofort seine guten Kontakte zur Eisenern Garde, um mit ihrer Unterstützung Carol am 6. September zum Thronverzicht zu zwingen. Die Nachfolge trat sein Sohn Michael I. an.

Ministerpräsident

Antonescu regierte anfangs mit Hilfe der Eisernen Garde in diktatorischem Stil, ab dem 14. September nicht mehr als Premierminister, sondern als „Staatsführer“. Als die Eiserne Garde im Januar 1941 auch gegen Antonescu zu putschen versuchte, kam es zur blutigen Niederschlagung dieses Aufstandes und zum Bruch mit der Bewegung. Ab diesem Zeitpunkt stützte sich Antonescu, der sich am 23. August zum „Marschall Rumäniens“ ernennen ließ, fast ausschließlich auf das Militär.

Außenpolitisch hatte sich Antonescu 1940 von den Westmächten abgewendet, da er nur noch vom nationalsozialistischen Deutschland eine effektive Unterstützung gegen die Sowjetunion erwartete. Am 12. Oktober traten die ersten deutschen Militärausbilder ihren Dienst in Rumänien an, am 23. November trat das Land dem Dreimächtepakt bei. Antonescu bemühte sich jedoch, auch gegenüber den Achsenmächten die Souveränität Rumäniens zu wahren. Am 22. Juni 1941 trat Rumänien in den Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion ein. Eine erste große Niederlage gegen die sowjetischen Truppen erfolgte im Dezember 1942. Kurz zuvor hatte die deutsche Militärführung zwei Frontabschnitte nordwestlich und südlich von Stalingrad rumänischem Kommando unterstellt. Diese Truppen wurden von der Roten Armee nahezu restlos aufgerieben.

Unter Antonescus Herrschaft wurden Hunderttausende von rumänischen und ukrainischen Juden nach Transnistrien deportiert. Die im Oktober 2003 gegründete Internationale Kommission zur Erforschung des Rumänischen Holocaust, kurz Wiesel-Kommission nach ihrem Vorsitzenden, dem Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, benannt, hat ihren Abschlussbericht Ende 2004 vorgelegt. Darin wird von mehr als 300.000 ermordeten Juden und über 20.000 ermordeten Roma berichtet. Während der Militärdiktatur Antonescus konnten einige Tausend Juden nach Palästina auswandern, wobei sie sich vom rumänischen Staat loskaufen mussten. Die militärischen Misserfolge verschlechterten sowohl das Verhältnis zwischen Antonescu und König Michael I. als auch zur Führung des Dritten Reiches. Antonescu tolerierte ab Ende 1942 inoffizielle Verhandlungen zwischen rumänischen Politikern und den Westmächten über einen Friedensschluss, bestand selbst jedoch weiter auf dem Bündnis mit dem Deutschen Reich. Als sich die militärische Lage weiter rapide verschlechterte, wurden 1944 auch geheime Kontakte zur Sowjetunion aufgenommen. Ziel war es, die Unabhängigkeit des Landes zu erhalten.

Als die Rote Armee am 20. August 1944 mit der Operation Jassy-Kischinew zum Großangriff auf Rumänien ansetzte und innerhalb kürzester Zeit die deutsch-rumänische Front an der Moldau durchbrach, wurde Antonescu am 23. August 1944 von einem kurz zuvor gebildeten Oppositionsblock (bestehend aus der Nationalen Bauernpartei, der Nationalliberalen Partei, der Sozialdemokratischen Partei und der Kommunistischen Partei) mit Unterstützung des Königs gestürzt und von sowjetischen Agenten festgenommen. Michael I. erklärte am 25. August 1944 Deutschland den Krieg.

Im September 1944 wurde Antonescu zunächst an die Sowjetunion ausgeliefert und im April 1946 nach Rumänien zurückgebracht. Der extra für diesen Prozess geschaffene rumänische „Volksgerichtshof“ verurteilte ihn am 17. Mai 1946 in einem öffentlichen Prozess als Kriegsverbrecher zum Tode durch Erschießung. Das Urteil wurde am 1. Juni 1946 um 18:06 Uhr vollstreckt. Mit ihm wurden drei seiner engsten Mitarbeiter, darunter der ehemalige Außenminister Mihai Antonescu (mit Ion Antonescu nicht verwandt oder verschwägert) und der Gouverneur der von Rumäniens verwalteten Provinz Transnistrien, Gheorghe Alexianu, erschossen.

Zum Prozess waren auch bürgerliche Politiker als Zeugen geladen, beispielsweise Iuliu Maniu, der Vorsitzende der bis zum 23. August 1944 verbotenen Nationalen Bauernpartei PNŢ.

Antonescu, der sich den Titel eines Marschalls zugelegt hatte, ließ sich als Staats-Führer „conducătorul statului“ bezeichnen. Nicolae Ceauşescu ließ sich später ebenfalls als "conducător" (Führer) titulieren.

Literatur

 Commons: Ion Antonescu – Bilder, Videos und Audiodateien
Personendaten
Antonescu, Ion
Ministerpräsident und Generalstabschef Rumäniens
14. Juni 1882
Piteşti, Rumänien
1. Juni 1946
Jilava bei Bukarest