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Schloss (Architektur)

Ein Schloss ist ein groß angelegtes, künstlerisch gestaltetes, stattliches Gebäude, das dem Landesherrn oder anderen Mitgliedern des Adels als Wohnsitz diente. Ein Schloss ging häufig aus einer Burganlage hervor, einige Schlösser gründen auch auf früheren Klöstern.

Dieser Artikel behandelt daher nur die Kunstgeschichte der als Schlösser bezeichneten Wohnbauten in Europa.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Zeitgenössische verbindliche Definitionen gibt es nicht. Die Wehrbauten des Mittelalters wurden häufig "Schlösser" genannt. Unter Schloss war im Mittelalter sprachgeschichtlich primär der Türriegel, also das Tür- oder Torschloss zu verstehen, im übertragenen Sinn aber dann auch ein Gebäude, in dem man sich zur Verteidigung einschließen konnte. Schloss, Burg und Festung hatten so eine sehr ähnliche Bedeutung.

Schlösser waren die Macht- und Regierungszentren der vergangenen Jahrhunderte und viele haben große geschichtliche Bedeutung erlangt, mindestens aber waren sie regional wichtige Orte, an denen Wirtschaft und Kultur zusammen trafen und geprägt wurden. Häufig fehlt terminologisch eine klare Abgrenzung vom Schloss zum Herrenhaus; oder im süddeutschen Raum auch die Abgrenzung zum Ansitz. Umgangssprachlich werden besonders größere Herrenhäuser oft zum Schloss geadelt, so zum Beispiel das Schloss Blankensee oder das Schloss Ahrensburg. Ebenso wird der Begriff des Schlosses auf manche Burg übertragen. Die Bezeichnungen werden sowohl von Laien wie von Fachleuten sehr unterschiedlich angewandt: in der Regel meint der Begriff "Schloss" aber ein nicht Wehrzwecken dienendes, von landesherrlichen Auftraggebern bewohntes Gebäude.

Man differenziert verschiedene Begriffe: von Gräben umgebene oder in Flüssen und Seen errichtete Anlagen bezeichnet man als Wasserschloss, ein Jagdschloss diente der Aufnahme der Hofgesellschaft während der Jagd. Als Lustschloss bezeichnet man ein Gebäude, das in seinen Dimensionen bescheidener ist als die eigentliche Residenz und vorwiegend der Unterhaltung und dem Vergnügen, weniger den Staatsgeschäften diente. Als Sommerschloss werden Anlagen bezeichnet, die nur temporär bewohnt wurden, wie z. B. Schloss Nymphenburg. Es handelt sich meist um Jagd- oder Lustschlösser. Viele dieser Bezeichnungen vermischen sich auch und ebenso wurden viele Schlösser im Laufe der Jahrhunderte erweitert, um- und ausgebaut. Als Palast wird im allgemeinen ein besonders repräsentativ ausgestatteter Wohn- und Regierungssitz in einer Stadt verstanden, der fast immer mit den angrenzenden Bauten in einer Flucht steht. Dieser Begriff, der häufig auch in Verbindung mit orientalischen oder antiken Schlossgebäuden benutzt wird, ist dem italienischen Palazzo entlehnt und findet sich in verschiedenen Sprachen wieder: auch in England werden repräsentative Schlossbauten Palace genannt, in Frankreich bezeichnet das Palais ein repräsentatives Stadtschloss (im Gegensatz zum Château, einem Schloss auf dem Land). Grundsätzlich gibt es jedoch keine genaue Definition der Begriffe und sie werden daher im deutschen Sprachgebrauch auch oft nebeneinander gebraucht.

Die Geschichte des Schlossbaus entwickelte sich in Europa mit dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit. Durch die Erfindung der Feuerwaffen verloren die alten, unbequemen und von engen Mauerringen umgebenen Burgen immer mehr ihre schützende Funktion. Analog zur Entwicklung der Feuerwaffen veränderte sich die Kriegskunst und aus vielen Grenzstreitigkeiten, Erbkonflikten und Eroberungskriegen (aber auch durch geschickte Heiratspolitik) wuchsen langsam aus Kleinstkönigreichen, Fürsten- und Herzogtümern größere Staaten zusammen. Lokale Konflikte nahmen dabei ab. Vor allem kleinere Burganlagen boten - bedingt durch ihre Verletzlichkeit gegenüber den immer wirksameren Feuerwaffen (Kanonen) - kaum noch Schutz und wurden zu repräsentativen Wohnsitzen umgestaltet. In der Zeit der beginnenden aristokratischen Prachtentfaltung entstanden zudem vielerorts neue Schlösser, deren kunstgeschichtliche Entwicklung man in mehrere große Epochen zusammenfassen kann:

Die Entwicklung des Schlossbaus in Europa

Romanik und Gotik

In der Zeit des Mittelalter waren reine Schlossbauten selten. Das wichtigste Augenmerk wurde auf die Sicherheit gelegt und für den noch jungen Adel bildeten die Burgen die Wohnorte. Diese schützten vor feindlichen Nachbarn und bildeten vielerorts die Mittelpunkte künftiger Schlösser und Städte.

Wohlhabende Burgherren ließen sich ihre Festungen anfangs anhand der vom Kirchenbau übernommenen Stile der Romanik und später der Gotik ausschmücken. Beeindruckende Zeugnisse dieser Burgpaläste entstanden zum Beispiel in Frankreich mit den Loireschlössern, die ihr Aussehen zwar im Laufe der Jahrhunderte veränderten, deren ursprüngliche Gestalt aber in den Très Riches Heures des Herzogs von Berry überliefert sind. Im Gebiet des künftigen Deutschlands, des Heiliges Römisches Reiches, entstanden mit den Pfalzen schlossähnliche Burgen, die den wandernden Hof aufnahmen und dem Kaiser als Residenz dienten. Ein eindrucksvolles Beispiel für den Übergang von der befestigten Burg zur Schlossanlage ist die Albrechtsburg in Meißen. In Italien, besonders in Venedig und Florenz entstanden die ersten Stadtpaläste, wie die Ca' d'Oro. Diese waren zwar noch keine "Schlösser" im engeren Sinne und häufig gehörten sie statt dem Adel „lediglich“ reichen Kaufleuten, doch die hier entwickelte Kunst und die Verbindung von Wohnkomfort und Repräsentation diente bald als Vorbild für die Profanbauten der nächsten Epochen.

Renaissance

Im Italien der Renaissance entstanden ab dem 16. Jahrhundert neben den Stadtpalazzi die ersten freistehenden Villenbauten seit der Antike, zum Beispiel die La Rotonda bei Vicenza. Diese für den reichen Stadtadel errichteten Häuser sind die ersten Bauten der europäischen Neuzeit, bei denen der Wunsch nach Bequemlichkeit und/oder Repräsentation im Vordergrund stand und der Bauplan die unmittelbare Umgebung, die Natur oder die Stadt mit einbezog.

Der Stil der Renaissance orientierte sich an der Architektur des antiken Griechenlands und des alten Römisches Reichs und wurde bald in ganz Europa begeistert aufgenommen und kopiert. Man imitierte anhand von Ausgrabungen römische Villen (etwa der Hadriansvilla) oder Proportionen und Baudetails alter Tempel bzw. des Kolosseums und schmückte die neuen Bauten mit den klassischen Säulenordnungen und mächtigen Giebeln, die Stadtpaläste erhielten ebenmäßige Fassaden mit breiten Fensterreihen und geschmückte Portale bildeten die Eingänge. Anfangs wurden im nördlichen Europa die vorhandenen Burganlagen lediglich umgebaut oder anhand des neuen Stils (der oft sehr frei interpretiert wurde, da kaum ein Baumeister die Vorbilder wirklich zu Gesicht bekam) erweitert; wie beispielsweise das deutsche Heidelberger Schloss oder das französische Schloss Amboise. Die Schlösser dieser Zeit waren anfangs noch sehr unregelmäßig gestaffelt und folgten selten einem einheitlichen Bauplan, nach und nach wurden einzelne Gebäudekörper umgebaut oder neu errichtet. Doch bald befreite man sich von den Zwängen der alten Festungen und erbaute auch freistehende, neue Schlossbauten, wie das Schloss Chambord in Frankreich oder den Escorial in Spanien (welcher zugleich auch eine Kirche ist).

Barock

Das Zeitalter des Barock begann im 17. Jahrhundert und ging einher mit dem Aufblühen des Absolutismus. Die Fürsten konzentrierten immer mehr Macht in ihren Händen und wollten diese durch repräsentative Bauten zum Ausdruck bringen. Die Symmetrie wurde zum Kanon und die Ebenmäßigkeit der Schlösser der ausgehenden Renaissance zum Diktat. Ganze Städte wurden jetzt auf die Barockschlösser ausgerichtet, die nicht nur zum Mittelpunkt von ganzen Landstrichen, sondern auch von Kultur, Politik und Gesellschaft wurden. Das berühmteste Beispiel ist das Schloss Versailles, von welchem man sich in ganz Europa inspirieren ließ und das man zum Vorbild nahm, beeindruckende Beispiele finden sich im italienischen Palast von Caserta, im deutschen Schloss Rastatt oder im russischen Peterhof. Das Ideal wurde jedoch nur in den seltensten Fällen verwirklicht.

Die Bauwerke schmückte man überbordend mit Säulen, Pilastern und Statuen; während das Barock in England und Frankreich sowie in Norddeutschland und Skandinavien jedoch recht streng umgesetzt wurde und eine sachliche, klassizistische Dynamik entwickelte, war die Schlossarchitektur vor allem katholisch geprägten Europa sehr bewegt und die Fassaden sprühten oft vor Ideen und Detailreichtum. Im Inneren der Gebäude waren Folgen von Paradezimmern und Festsälen untergebracht, rhythmisch steigerten sich die Nebengebäude und Seitenflügel zum großen Corps de Logis im Zentrum, dem meist ein großer Ehrenhof vorgelagert war. Der Grundriss wurde selbst zum Ornament und gigantische Schlossparks verlängerten die Architektur nach außen in die Natur. Die Epoche endete mit dem Rokoko, welches die Kunst des Barock spielerisch zur letzten Blüte brachte.

Klassizismus

Im Zuge der Aufklärung änderte sich das Empfinden für die Kunst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der lebendige, bewegte Stil des Barocks wurde nun als schwülstig und übertrieben empfunden. Ähnlich wie schon zwei Jahrhunderte zuvor orientierte man sich stilistisch wieder an der Antike, die Entdeckung Pompejis fand sich in der Kunst überall wieder.

Der Klassizismus schuf neue Bauten, die ruhigere und klarere Linien erhielten, wie das Schloss Neuhardenberg oder das Kurfürstliche Schloss in Koblenz. Die alten Barockschlösser wurden umdekoriert, die Rocaille der Innendekoration galt als altmodisch und überholt und den prunkhaften Schmuck entfernte man. Beispiele finden sich im Hauptbau des Schlosses Ludwigsburg oder im Schloss Sondershausen. Die Fassaden der Schlösser wurden mit mächtigen, tempelartigen Giebeln geschmückt und vom System der gestaffelten Baukörper und Pavillons wandte man sich häufig ab. Mit der Üppigkeit des Barocks und des Rokoko verschwanden auch die symmetrischen, durchgeplanten Gärten und wichen immer öfter den natürlicher erscheinenden Landschaftsparks nach englischem Vorbild, exemplarisch kann hier das Schloss Wilhelmshöhe genannt werden. Bei vielen Anlagen vermischten sich aber auch die Gartenstile, wie z. B. beim Schwetzinger Schloss.

Historismus

Ab dem 19. Jahrhundert wurde der Historismus in all seinen Formen und Ausprägungen von der Neoromanik, Neogotik und Neorenaissance bis zum Neobarock stilbildend. Waren die früheren Stile noch jeweils sehr von lokalen Einflüssen geprägt, so entwickelte sich jetzt ein intereuropäisches Kunstverständnis und man bediente sich frei an den Vorbildern anderer Länder und vorangegangener Epochen. Manchmal wurden gar exotische Bauformen gewählt, wie für den Royal Pavilion in Brighton oder den Palácio da Pena in Sintra, Portugal.

Die alten europäischen Baustile wurden neu ausgelegt und imitiert, häufig sogar bunt zusammen gewürfelt. Vielerorts baute man im Zuge der Romantik alte Burgruinen aus und überformte diese, wie beim Schloss Stolzenfels, aber man kehrte auch wieder zu den Formen des Barocks und der Renaissance (z. B. am Schweriner Schloss) zurück und errichtete historisch erscheinende Neubauten. Die bekanntesten Bauwerke dieser Epoche wurden unter König Ludwig II. von Bayern geschaffen, der mit Neuschwanstein eine Ritterburg, mit Schloss Herrenchiemsee einen absolutistischen Palast und mit Schloss Linderhof ein französisches Lustschloss wieder entstehen lässt. Doch die Zeit der ganz großen Schlossbauten war in den meisten Ländern jetzt vorbei, aufgrund der stärker werdenden Bürgerschicht verlor der Adel langsam an Macht und Einfluss und große Bauprojekte wurden seltener.

Heute

Mit dem Ersten Weltkrieg und dem Abdanken der meisten europäischen Monarchien war die Zeit des Schlossbaus endgültig beendet.

Nur wenige Schlösser gehören heute noch ihren ursprünglichen Besitzern und werden bewohnt. Für viele der Anlagen musste nach neuen Nutzungskonzepten gesucht werden, wie im Schloss von Münster oder im Leineschloss in Hannover. Sofern sie Revolutionen, Brände oder den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, sind die Schlösser heute meistens Museen, oft Zentren von Kultur, häufig eine Herausforderung für den Denkmalschutz und kostspielig im Unterhalt und der Pflege. Gleichzeitig sind sie aber auch wertvolle Zeugen vergangener Epochen, Anziehungspunkt für viele Besucher und dadurch manchmal auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Wo die Schlösser nach ihrem Abriss fehlen, wie in Berlin oder Potsdam, wird kontrovers über Sinn und Unsinn ihres Wiederaufbaus diskutiert. Einerseits bildeten viele Schlossbauten den Kernbereich der Siedlungen, die später zu Städten wurden und gehören daher schon im historischen Kontext untrennbar zu einer Region. Zudem wurde hier früher die Politik gemacht, die den betreffenden Landstrich geprägt hat. Andererseits ist auch den Befürwortern eines Wiederaufbaus bewusst, dass hierbei hohe Kosten entstehen, die wiederherzustellenden Kunstwerke keine historischen mehr, sondern eben Rekonstruktionen sind und dass es häufig keine eigentliche Verwendung mehr für die Gebäude gibt.

Beispiele verschiedener Epochen

Diese Aufzählung stellt nur eine Auswahl von Schlössern verschiedener Epochen dar. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll die kunsthistorische Entwicklung des Schlossbaus in unterschiedlichen Regionen beispielhaft näher beschreiben. Für eine detaillierte Übersicht siehe Liste der Burgen und Schlösser

Deutschland

Renaissanceschlösser

Barockschlösser

Klassizistische Schlösser

Historistische Schlösser

Frankreich

Renaissanceschlösser

Barockschlösser

Klassizistische Schlösser

Großbritannien

Renaissanceschlösser

Barockschlösser

Österreich

Renaissanceschlösser

Barockschlösser

Russland

Renaissanceschlösser

Barockschlösser

Klassizistische Schlösser

Historistische Schlösser

Siehe auch

 Commons: Schloss (Gebäude) – Bilder, Videos und Audiodateien