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Jorinde und Joringel

Jorinde und Joringel ist ein Märchen (Typ 405 nach Aarne und Thompson). Es kommt in der Autobiographie Heinrich Stillings Jugend von Johann Heinrich Jung vor (danach genannt Jung-Stilling). Die Brüder Grimm übernahmen es in ihre Kinder- und Hausmärchen an Stelle 69 (KHM 69).

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

In einem Schloss im Wald wohnt eine alte Zauberin. Sie verwandelt sich tagsüber in eine Katze oder in eine Nachteule (in Jung-Stillings Version auch in einen Hasen). Sie lockt Tiere an, um sie zu schlachten. Wer dem Schloss zu nahe kommt, der kann sich nicht mehr bewegen, und Jungfrauen verwandelt sie in Nachtigallen, die sie im Schloss aufbewahrt. Jorinde und Joringel sind ein junges Liebespaar, das versehentlich in die Nähe des Schlosses kommt. Sie werden erst ganz traurig, dann wird Jorinde zu einer Nachtigall, und während Joringel sich nicht bewegen kann, fängt die Hexe sie ein und nimmt sie fort. Joringel fleht sie an, sie freizulassen, aber sie lässt sich nicht erweichen. Joringel verbringt lange Zeit in der Fremde als Schäfer und läuft oft um das Schloss herum. Dann träumt er von einer blutroten Blume mit einer Perle in der Mitte. Er wandert neun Tage und findet die Blume morgens mit einem Tautropfen in der Mitte. Dagegen ist die Hexe machtlos. Als sie versucht, einen Vogel wegzutragen, erkennt er Jorinde und befreit nach ihr die anderen.

Stilistische Besonderheiten

Die Geschichte ist trotz mancher Einzelheiten kurz erzählt. Einfache, aneinandergereihte Satzstrukturen ergeben lockeren Erzählton. Dabei sind manche Ausdrücke eigentümlich gewählt, so die erfundenen Namen Jorinde und Joringel. Das macht die Sprache natürlich und gehoben zugleich. Sätze wie mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein oder da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor scheinen mehr zu bedeuten. Besonders auffällig sind die beiden Gedichte. Zuerst singt Jorinde bei ihrer Verwandlung:

„Mein Vöglein mit dem Ringlein rot singt
Leide, Leide, Leide:
es singt dem Täubelein seinen Tod,
singt Leide, Lei - zicküth, zicküth, zicküth.“

Die alte Frau spricht Joringel mit einem zweiten Vierzeiler los. Obwohl die kürzeren Verse Bruchstücke der Melodie aus Jorindes Lied enthalten, passen sie hier nicht recht zueinander. Sie klingen plump, besonders am Schluss:

„Grüß dich, Zachiel,
wenn's Möndel ins Körbel scheint,
bind los Zachiel,
zu guter Stund.“

Die märchentypische Schwarz-Weiß-Malerei vom Sieg der Treue über Hexerei passt gut zu Jung-Stillings sehr pietistischer Erziehung. Gleichzeitig steht die Beziehung des Paares im Vordergrund. Untypisch ist, dass auch die Hexe zuerst ausführlich beschrieben wird, und dass sie nicht bestraft wird. Sie scheint mit Jorindes Erlösung zu verschwinden (wie in KHM 179 Die Gänsehirtin am Brunnen).

Interpretation

Das Liebespaar wird mit Turteltauben verglichen (Redensart: verliebt wie die Turteltauben): Als Jorinde weint und klagt, singt eine Turteltaube kläglich auf den alten Maibuchen. Als Jorinde verwandelt wird, singt sie vom „Vöglein mit dem Ringlein rot“ (Turteltauben haben einen roten Ring um ihre runden Augen). Die Taube ist bis heute Symbol für Friede, Reinheit und Unschuld (s.a. Venus). Die Turteltaube ist besonders schön, und sie hat einen hellen Bauch (ein reines Herz). Mit der Maibuche kann nur die gewöhnliche Rotbuche gemeint sein, ein Baum mit glatter Rinde und feinen, glatten (wachshaltigen) Blättern, wobei sich sog. Sommerblätter und Winterblätter deutlich unterscheiden. Auch die Nachtigall, in die Jorinde verwandelt wird, wird mit Liebe in Verbindung gebracht. Ihr nächtlicher Gesang verleiht dem aber eine sinnliche oder melancholische Färbung.

Die rote Blume stellt die Liebe und Treue dar, die Joringel beweist, als er statt einer anderen Frau in der Fremde Schafe hütet. Eine Blume ist lebendig und schön, die Perle oder der Tautropfen sind Zeichen der Unberührtheit, einer Träne ähnlich, und Rot ist die Farbe für Liebe oder Blut. Man kann die Blumensymbolik auch ausweiten auf eine schöne Frau oder überhaupt auf den Menschen[1] (vgl. KHM 9 Die zwölf Brüder, KHM 56 Der liebste Roland, KHM 76 Die Nelke, KHM 85 Die Goldkinder, KHM 160 Rätselmärchen, KHM 188 Spindel, Weberschiffchen und Nadel). Joringels Blume entspricht Jorindes „Ringlein rot“, beide sind rund mit etwas glänzendem in der Mitte. Sie stehen für den Ring am Fuß gezähmter Vögel oder den Ehering. In anderen Märchen legt oft der Mann der Frau zur Erkennung einen Ring in den Weinkelch[2] (KHM 65 Allerleirauh, KHM 25 Die sieben Raben, KHM 93 Die Rabe, KHM 101 Der Bärenhäuter, AaTh 947).

Führt man die sexuelle Deutung von Ring und Blume mit Tautropfen fort, so personifiziert die Zauberin in ihrer lähmenden, aber auch behütenden Wirkung die Angst beider junger Menschen vor der Initiation (vgl. KHM 12 Rapunzel, KHM 50 Dornröschen, KHM 53 Schneewittchen). Ihre Beschreibung mit großen roten Augen und krummer Nase ähnelt der Eule, in die sie sich verwandelt. Der Ruf „Schu - hu - hu - hu“ und die glühenden Augen passen am besten zu einer Waldohreule, wie die Katze ein nachtaktives Raubtier (s.a. Artemis, Hekate). Beide wurden, ganz im Gegensatz zu Tauben, mit Hexen assoziiert (s. KHM 70 Die drei Glückskinder, KHM 174 Die Eule). Auch der Mond, von dem die Hexe spricht, steht im Gegensatz zum Sonnenschein, in dem das Liebespaar spazieren geht (s.a. Lilith, Luna).

Die Hexe nutzt aus, dass sie ihre Opfer anzieht (vgl. KHM 8 Der wunderliche Spielmann), sie lähmt sie, und sie speit Gift. Ihr Neid auf junge Frauen oder ihre Angst vor Sexualität stehen in Zusammenhang mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit oder Angst vor dem Tod. Das sagt u.a. der Satz aus dem Text: Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen. Die Hexe ähnelt damit einer Schlange, deren Gift auch lähmend wirkt und die wegen ihrer Häutungen (Verwandlungen) als unsterblich verehrt wurde (s.a. Meduse, Basilisk, Gilgamesch-Epos). Durch ihren Körperbau und zwiespältige Bedeutung im Alten Testament und in gnostizistischem Gedankengut ist sie wichtiges Symbol der Dualität bzw. deren Überwindung (Ouroboros).

Die Bilder dieses Märchens vereinen Gespaltenheit mit Geschlossenheit. Das gilt für den Mond mit seiner zu- und abnehmenden Hälfte. Die Eule, obgleich bedrohlich, galt als scharfsichtig und weise. Die eigenwillige, elegante Katze ist als Haustier beliebt. In Jorindes Lied verrät die Formulierung „Mein Vöglein“ die Identität der jungen Frau mit der Hexe. Umgekehrt beweist die alte Frau Gnade, als sie Joringel losbindet „wenn's Möndel ins Körbel scheint“, wobei die Verkleinerungsformen dem „mein Vöglein mit dem Ringlein rot“ in Jorindes Lied entsprechen. Bannkreise, als Schadenszauber oder zur Heilung, ähneln einem Binden mit magischem Seil.[3] Im Märchentyp Jungfrau im Turm (Rapunzel) erfolgt die Befreiung in einem Korb an einem Seil.[4] So erscheint die Entwicklung von Jorinde (wie Rinde) und Joringel (wie sich ringeln) als Allegorie von Abgrenzung und Einheit.

Die Geliebte als Vogel im Käfig ist ein altes Literaturmotiv, das schon auf schamanistische Vorstellungen zurückgeht.[5] Hier sind es Körbe, was auf den Faden der griechischen Schicksalsgöttin Lachesis oder aber auch auf Bienenkörbe anspielen kann. Die antiken Mysterienkulte, die vielen literarischen Texten als geheimer Subtext zugrunde gelegen haben sollen (z.B. Ovids Metamorphosen), arbeiteten auch mit dem Wechsel von Nacht und Tageslicht. Im Mithraskult gehörten Schlange, Bienenpuppe, Taube und Licht mit der Liebesgöttin Venus zum zweiten Weihegrad Nymphus, dagegen Hirte, Eule, Nachtigall und Dämmerung mit dem Mond zum fünften Grad Perses.[6] Laut der Anthroposophin Friedel Lenz wurde bei den Eleusinischen Mysterien eine Opfergabe in einem Korb dargebracht, wobei der Mond in den Korb scheinen musste. Sie vermutet, dass in Zachiel der Erzengel Zachariel anklingt, also eine eigentlich gute, aber hier verstümmelte Göttlichkeit. Zachariel (Zadkiel) kommt in apokryphen Schriften vor. Gefallene Engel gibt es sowohl im Alten Testament als auch im Gnostizismus.

In der Alchemie erfolgte die Veredelung des Menschen über eine schwarze Phase (Sterben), gefolgt von einer weißen (Reinheit) und einer roten (Morgenröte). Letztere sind auch das Weibliche und das Männliche, die sich dann vereinen.[7] In Spagyrik und Homöopathie wird die rote Tigerlilie bei Frauenleiden und Herzbeschwerden mit dem Gefühl berstend voller Blutgefäße verwendet.[8] Die Anthroposophie sieht den Menschen als umgedrehte Pflanze. Psychoanalytisch gedeutet ist das Schloss der Zauberin ihr Körper, dem man nicht zu nahe kommen darf. Nach der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs steht die böse Hexe in vielen Mythen für den Archetypus des Schattens oder der nefasten Mutter, aus deren Fängen der Held die Anima befreien muss. In der modernen Psychologie werden Identitätsstörungen mit extremem Schwarz-Weiß-Denken mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in Verbindung gebracht.

Jung-Stillings Autobiographie

Johann Heinrich Jung (Jung-Stilling) beginnt seine Autobiographie Heinrich Stillings Jugend mit dem Heiratswunsch seines Vaters, wobei zwei Nachtigallen erwähnt werden, die wechselseitig auf das allerliebste singen. Das Elternhaus steht am Fuße des Geisenberges, auf dem das Geisenberger Schloss steht, eine Ruine, um die der Geist des einäugigen Räubers Johann Hübner spukt. Es ist die Ginsburg auf dem Ginsberg (heute bei Grund, Stadtteil von Hilchenbach). Stillings Vater und seine Frau Dortchen gehen dort während der Hochzeit und nach der Geburt ihres Sohnes spazieren. Bei beiden Gelegenheiten wird ein bedeutungsschweres Lied wiedergegeben, das die Stimmung abbildet. Dortchen fühlt sich krank und freudlos und stirbt später, worauf ihr Mann untröstlich immer wieder im Wald herumgeht.

Das Märchen selbst wird an späterer Stelle von Tante Mariechen erzählt. Währenddessen sucht der Großvater Holz und hat eine Vision seines bevorstehenden Todes, in der das verstorbene Dortchen „wie eine Jungfrau“ aus der Tür eines Schlosses tritt. Im letzten Satz des Buches werden nochmal ein Paar einsame Täubchen auf dem Grab des Großvaters erwähnt, die sich zwischen den Blumen liebkosen. Auch in der Fortsetzung Heinrich Stillings Jünglingsjahre gibt es immer wieder Rückblicke zu Mutter und Großvater bei der Schlossruine, wobei auch in eigenen Gedichten von untergehender Sonne, Tauben, Mond und Morgentau die Rede ist. Die übrigen Teile enthalten keine Anspielungen mehr. Mystische Initiationsrituale, wie in obiger Interpretation angedeutet, kommen allerdings auch in seinem Roman Das Heimweh vor.

Jung-Stilling schrieb seine Jugendbiographie 1772 nach seinem Medizinstudium. Sein Studienfreund Johann Wolfgang von Goethe kürzte und veröffentlichte sie 1777 als Henrich Stillings Jugend. Eine wahrhafte Geschichte. Der Verfasser blieb trotz verfremdeter Personen- und Ortsnamen nur kurze Zeit unerkannt und wurde dann nach der Hauptperson Jung-Stilling genannt. Nach seiner Aussage hatte Goethe dem Buch keine "Verzierungen" hinzugefügt. Die Fortsetzung (1778) und die übrigen Bücher veröffentlichte er selbst. [9] Es lässt sich nicht nachprüfen, ob er das Märchen wirklich von seiner Tante gehört hat oder inwieweit es sich sonst um ein Volksmärchen handelt. Die sorgfältige Wahl von Ausdrücken und Symbolen spricht für ein hohes Maß an literarischer Überarbeitung.

Jung-Stilling wurde durch Thüring von Ringoltingens Melusine (1456) beeinflusst, die er als Kind las und im Wald allein nachspielte:[10] Ein Grafensohn tötet versehentlich bei der Jagd seinen reichen Vetter, bei dem er lebt. Verzweifelt irrt er durch den Wald und findet morgens an einer Quelle die Wasserjungfrau Melusine, die ihn heiratet, reich und glücklich macht unter der Bedingung, dass er ihr an Samstagen nicht nachstellt. Als er eines Tages das Tabu bricht, sieht er sie im Bad mit dem Unterleib einer Schlange. Sie tut als sei nichts gewesen, doch der Sohn begeht Brandstiftung. Als der Mann sie anklagt, verliert sie ihre ersehnte Seligkeit als sterbliche Frau, entweicht durchs Fenster und umfliegt dreimal die Burg, und er verliert sein Glück. [11]

Dieter Cunz schreibt: Wir wissen, daß es Herder war, der Stillings Ohr geschärft hatte für das Raunen und Geistern in alten Bergruinen.[12] Die Tendenz zu Hell-Dunkel-Dualismen, die sich auch sprachlich ausdrücken, ist typisch für pietistische Literatur.[13] Für die Zauberin mag Circe aus Homers Odyssee Vorbild gewesen sein, die Stilling gerne las (in Heinrich Stillings Jünglingsjahre[14]), oder z.B. Nimue aus der Artussage. Stilling kannte auch Shakespeares Romeo und Julia.[15] Jorindes Lied klingt ähnlich wie Desdemonas Lied in Othello (Akt 4, Szene 3). Shakespeare verwendet auch viele blumige Umschreibungen (z.B. Hamlet, Akt 1, Szene 3).

Grimms Märchen

Bekannt ist das Märchen hauptsächlich durch die Brüder Grimm. Ihre Kinder- und Hausmärchen enthalten es seit der Erstausgabe 1812 an Stelle 69. Jung-Stillings Lebensgeschichte gehörte wohl zu ihren frühesten Erwerbungen und könnte sie nachhaltig beeinflusst haben.[16] Abgesehen davon, dass sich bei Jung-Stilling die Hexe auch in einen Hasen verwandelt, nahmen sie nur geringfügige sprachliche Glättungen vor. In ihren Anmerkungen weisen sie noch auf eine mündliche Erzählung aus den Schwalmgegenden hin von zwei Kindern und einer Hexe, die den Jungen in einen Vogel verwandelt. Das Mädchen befreit ihn mit einer Blume und verwandelt die Hexe in einen Raben, erlöst dann aber auch sie. KHM 123 Die Alte im Wald entstand vermutlich nach dem Vorbild von Jorinde und Joringel. Auf den Einfluss von Jorinde und Joringel scheint die Verwendung des Gedichtes in KHM 179 Die Gänsehirtin am Brunnen und das ums Schloss herumlaufen des Geliebten in KHM 198 Jungfrau Maleen zurückzugehen, da dies jeweils im Originaltext nicht vorkommt.

Ähnlich ist KHM 181 Die Nixe im Teich. Um den Partner in der Dunkelgestalt geht es auch in Märchen vom Tierbräutigam (AaTh 425: KHM 88 Das singende springende Löweneckerchen, KHM 127 Der Eisenofen). Relativ ähnlich sind auch solche von der Jungfrau im Turm (AaTh 310, 870: KHM 12, 76, 198) oder Schwanenjungfrau (AaTh 400, 401: KHM 92, 93, 193), der Totenvogel in KHM 47 und die Versteinerung in KHM 60, 74a, 85, 113. Das Motiv vom zwielichtigen Haus im Wald (KHM 9, 13, 22, 31, 40, 53, 68, 93, 123, 125, 127, 163, 169) oder Schloss im Wald (KHM 137, 197) ist sehr verbreitet.

Novalis

Novalis mochte Märchen und kannte Jung-Stillings Werk.[17] Er verwendet in seinem Roman Heinrich von Ofterdingen eine ähnliche Symbolsprache wie er: Ruinen im Wald, Lauf der Sonne, Sympathie der Gegensätze. Insbesondere gibt es eine Szene Ende des vierten Kapitels, wo er und die orientalische Sklavin Zulima im Wald unter aufgehendem Mond zum Schloss aufsteigen, wo sie einer Horde Kreuzritter dienen muss.[18] Die dabei zum Ausdruck kommende Sehnsucht nach dem Morgenland erinnert auch an Stillings Roman Das Heimweh. Verglichen mit Stillings moralisch-seelischem Ansatz scheint Novalis die Natur geistig erkennen zu wollen, was sich in der Suche nach einer hohen blauen Blume ausdrückt. Sie wurde Sinnbild der Romantik.

Varianten und Rezeptionen

Die Märchenklassifikation von Aarne und Thompson nennt einen eigenen Typ 405 Jorinde und Joringel[19], für den sich aber kaum Beispiele aus der Volksdichtung fanden. Zingerle findet ein tiroler Märchen von einem Bauer, der im Mondschein noch sein Korn schneiden will und eine Stimme hört: der tag ist dein, / die nacht ist mein, / schere dich nach hause bald, / sonst verfallst du einer üblen gewalt.[20] Psychologisch verwandt ist z.B. ein südafrikanisches Märchen von der Himmelsfrau, die am Lichtfaden eines Sterns zur Erde kam, mit einem geheimen Himmelsgut in einem Korb.[21] Ursula Enderle berichtet eine Variante Der Mädchenvogel aus dem serbokroatischen Raum.[22] Der Anthroposoph Rudolf Meyer legt in seinem Buch Die Weisheit der deutschen Volksmärchen Jorinde und Joringel je ein langes Gedicht in den Mund.[23] Hans-Jörg Uther findet Belege für mündliche Erzählungen besonders im skandinavischen, irischen, deutschen und slawischen Raum, die meist auf die Grimm'sche, seltener auf Jung-Stillings Version zurückgehen, sowie Parodien, die die Hexe als Rivalin auffassen.[24] Letzteres würde an Märchen von der falschen Braut erinnern (AaTh 403, 533: KHM 13, 89, 135). In einer spanischen Variante tötet Joringel eine Schlange als Wächter.[25]

In der DDR erschien eine Briefmarkenserie mit Jorinde und Joringel - Motiv. In Dänemark heißt offenbar ein Verlag Jorinde & Joringel. Der Name Jorinde hat als Vorname eine gewisse Verbreitung gefunden.

Bühnenstücke

Es gibt eine Oper Jorinde und Joringel von Günter Bialas (1963), die der Musikwissenschaftler Heinz-Albert Heindrichs hervorhebt.[26] Das Internet nennt Bühnenstücke von Martha Schlinkert, Karlheinz Komm, Claudia Hann, ein Musikstück von Rolf Lukowsky, auf den Brüder-Grimm-Märchenfestspielen in Hanau mehrmals ein Theaterstück und 1999 ein Musical in Uraufführung und ein Stück der Gruppe Wilde Reiter in Hannover 2007 (Jorinde und Joringel. A true Lovestory. Regie: Wolfgang A. Piontek).

Filme

Der erste Film Jorinde und Joringel war wohl ein deutscher Zeichentrickfilm 1920[27], der nicht erhalten ist. Die DEFA in der DDR drehte 1957 einen Puppentrickfilm (20 min, Regie: Johannes Hempel) und 1986 einen Spielfilm (76 min, Regie: Wolfgang Hübner) gleichen Titels. Auf Niederländisch existiert ein zehnminütiger Zeichentrickfilm Jorinde en Joringel (1978, Regie: Niek Reus). In der japanischen Zeichentrickserie Gurimu Meisaku Gekijo (japan. Erstausstrahlung 1987-1988), die auch auf deutsch synchronisiert wurde, ist Folge 17 yorinde to yoringeru (30 min). Die amerikanische Filmemacherin Lisa Hammer drehte 1995 einen 30-minütigen Schwarzweiß-Stummfilm Jorinda and Joringel.

Literatur

Primärliteratur

Nachschlagwerke

Sekundärliteratur und Deutungen

Anthroposophie

 Wikisource: Jorinde und Joringel – Quellentexte

Hörfassung (4,8 MB, MP3)

Einzelnachweise

  1. von Beit, Hedwig: Symbolik des Märchens. Bern, 1952. S. 280. (A. Francke AG, Verlag); von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Zweite, verbesserte Auflage, Bern 1956. S. 56, 61, 71, 239, 561. (A. Francke AG, Verlag)
  2. Graf, Klaus: Ring. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 11. Berlin/New York 2004. S. 688-696.
  3. Daxelmüller, Christoph: Festbannen. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 4. S. 1043-1052. Berlin, New York, 1984.
  4. Uther, Hans-Jörg: Jungfrau im Turm. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. S. 791-797. Berlin, New York, 1993.
  5. Müller, Klaus E., Prof. em.: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. 3. Auflage 2006, München. S. 21-22. (Verlag C.H. Beck; ISBN 978-3-406-41872-3)
  6. Merkelbach, Reinhold: Mithras. S. 85-118. Hain, 1984. (Verlag Anton Hain Meisenheim; ISBN 3-445-02329-8)
  7. Gebelein, Helmut: Alchemie. Sonderausgabe 2000, Kreuzlingen/München. S. 44, 48, 53-54. (Diederichs Gelbe Reihe; Heinrich Hugendubel Verlag; ISBN 3-89631-402-5); Jung, C.G.: Erlösungsvorstellungen in der Alchemie (Psychologie und Alchemie 2). Aus: Grundwerk C.G. Jung. Band 6 (hrsg. von Lilly Jung-Merker, Elisabeth Rüf et al.). 5. Auflage 1999, Zürich und Düsseldorf. S. 12-13. (Walter-Verlag; ISBN 3-530-40786-0)
  8. Lilium tigrinum. In: Bomhardt, Martin: Symbolische Materia Medica. 3., erweiterte und neu gestaltete Auflage. S. 778. Berlin, 1999. (Verlag Homöopathie und Symbol; ISBN 3-9804662-3-X); Phatak, S.R.: Homöopathische Arzneimittellehre. 2. Auflage 2004, München. S. 375-378. (Urban & Fischer Verlag, Elsevier GmbH; ISBN 3-437-56860-4)
  9. Cunz, Dieter. In: Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 367-368, 377-378, 398. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  10. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 51, 53, 60-61, 70. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  11. Ruh, Kurt: Die 'Melusine' des Thüring von Ringoltingen. S. 5-9. (ISSN 0342-5991; ISBN 3-7696-1538-7) In: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte. Jahrgang 1985. Heft 5. (München 1986; Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. In Kommission bei der C.H.Beck'schen Verlagsbuchhandlung München.
  12. Cunz, Dieter. In: Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. S. 410. Stuttgart 1997. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  13. Cunz, Dieter. In: Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. S. 413. Stuttgart 1997. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  14. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 101-102, 111. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  15. Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997. S. 284. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  16. Uther, Hans-Jörg: Die Brüder Grimm und Heinrich Jung-Stilling. Von Jorinde und Joringel und anderen Erzählungen. In: Müller, Ulrich und Springeth, Margarete: Paare und Paarungen. Festschrift für Werner Wunderlich zum 60. Geburtstag. Stuttgart 2004. S. 294. (Verlag Hans-Dieter Heinz; ISBN 3-88099-425-0)
  17. Panthel, Hans W.: From the 'blutrothe' to the Blaue Blume. In: Neophilologus 72 (1988), S. 582-587. (ISSN 0028-2677); Stecher, G.: Jung-Stilling als Schriftsteller. Berlin 1913. S. 266-267; Cunz, Dieter. In: Jung-Stilling, Johann Heinrich. Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. S. 415. Stuttgart 1997. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-000662-7)
  18. Schulz, Gerhard (Hrsg.): Novalis Werke. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz. Vierte Auflage. S. 176. (Verlag C.H. Beck München; ISBN 3-406-47764-x)
  19. Aarne, Antti. Thompson, Stith: The types of the folktale. A classification and bibliography. Second revision. S. 135. Helsinki, 1961.
  20. Zingerle, I.V.: Sagen aus Tirol. In: Wolf, J.W. (Hrsg.). Zeitschrift für Deutsche Mythologie und Sittenkunde. Zweiter Band. S. 355. Göttingen 1855. (Verlag der Dieterichschen Buchhandlung)
  21. Neumann, Siegfried: Das Märchen vom Korb der Himmelsfrau. In: Märchenspiegel. Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege. Februar 1999. S. 23. (ISSN 0946-1140)
  22. Enderle, Ursula (Hrsg.): Märchen der Völker Jugoslawiens, Leipzig 1990, S. 390–392. Originaltitel: Bajke Naroda Jugoslavije. Aus dem Serbokroatischen übertragen und mit einem Vorwort von Ursula Enderle. Kommentare von Jaromir Jech. (Insel-Verlag Anton Kippenberg; ISBN 3-7351-0121-6)
  23. Meyer, Rudolf: Die Weisheit der deutschen Volksmärchen, 5. Auflage, S. 198–199. Stuttgart, 1963. (zuerst 1935; Verlag Urachhaus Stuttgart)
  24. Uther, Hans-Jörg: Jorinde und Joringel. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. S. 633. Berlin, New York, 1993.
  25. Aarne, Antti. Thompson, Stith: The types of the folktale. A classification and bibliography. Second revision. S. 135. Helsinki, 1961.
  26. Heindrichs, Heinz-Albert: Warum es Märchenopern gibt. In: Märchenspiegel. Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege. Februar 1998. S. 21. (ISSN 0946-1140)
  27. Kinnard, Roy: Horror in silent films: A Filmography, 1896-1929. S. 118. Jefferson, North Carolina, and London, 1995. (McFarland & Company, Inc., Publishers; ISBN 0-7864-0036-6)