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Johann Hinrich Wichern

Kurzbiographie
1808 Geboren am 21. April in Hamburg
1814 Einschulung in eine Privatschule
1818 Wechsel zur Bürgerschule Johanneum
1823 Tod des Vaters
1826 Tätigkeit als Erziehungsgehilfe
1828–31 Studium der Theologie
1832 Theologisches Examen
1833 Gründung des Rauhen Hauses
1835 Eheschließung mit Amanda Böhme
1848 Rede auf dem Kirchentag in Wittenberg;
Gründung der „Inneren Mission“
1851 Beauftragter der preußischen Regierung
für die Reform des Gefängniswesens
1857 Eintritt in den preußischen Staatsdienst
als Direktor des Zellengefängnis Moabit
1858 Gründung des Brüderhauses Johannesstift
1881 Am 7. April in Hamburg gestorben

Johann Hinrich Wichern (* 21. April 1808 in Hamburg; † 7. April 1881 ebenda) war ein deutscher Theologe, Begründer der Inneren Mission der Evangelischen Kirche und von 1856 bis 1872 Direktor des Berliner Mustergefängnisses Moabit.

Inhaltsverzeichnis

Biographie

Kindheit, Schule, Studium

Wichern war das älteste von sieben Geschwistern einer gutbürgerlichen, christlichen Familie, die in einfachen Verhältnissen lebte. Sein Vater hatte sich vom Fuhrmann zum vereidigten Übersetzer (Notar) emporgearbeitet. Wichern teilte mit seinem Vater die Liebe zur Musik. Seine Mutter, Caroline Maria Elisabeth geb. Wittstock, stammte ebenfalls aus Hamburg und wird als energisch, praktisch und fromm beschrieben. Johann Hinrich Wichern besuchte eine Privatschule, in der nach der Pädagogik Pestalozzis unterrichtet wurde. 1818 wechselte er auf das Johanneum, ein altehrwürdiges Gymnasium, das bereits im 16. Jahrhundert von Johannes Bugenhagen, dem Mitstreiter Martin Luthers und Reformator Norddeutschlands und Nordeuropas, begründet worden war. Als sein Vater 1823 starb, musste er sich um den Lebensunterhalt der Familie kümmern, indem er Nachhilfe- und Klavierstunden erteilte. 1826 verließ er das Johanneum vor dem Abitur und wurde Erzieher an einer privaten Internatsschule. Er begann, ein Tagebuch zu schreiben, indem er auch einen Anfang seines geistlichen Lebens beschreibt (1824). Der Konfirmandenunterricht hatte ein Bekehrungserlebnis zur Folge: "Der Durchbruch geschah abends, als Gottes Geist mich anfang von neuem zu gebären. Das Licht des Evangelii erleuchtete auch für mich die Wissenschaften...ich habe Fortschritte in jeglichem gemacht." Hinzu kam eine Begegnung mit Johannes Claudius, dem Sohn des Dichters Matthias Claudius, im Jahre 1826, durch die er zu der Erkenntnis kam, "daß wir einen Gott haben, der uns unaussprechlich liebt und heiligen will". Nebenbei belegte er Vorlesungen am Akademischen Gymnasium und holte das Abitur nach. Dort traf er als Mitschüler auch einen seiner späteren Mitstreiter für die Belange der Inneren Mission, Clemens Theodor Perthes.

Mit Hilfe eines Stipendiums, das von Freunden aus den erwecklichen Kreisen Hamburgs finanziert wurde (Amalie Sieveking zahlte ihm eine jährliche Rente), hatte Wichern 1828 die Möglichkeit, ein Studium der Theologie aufzunehmen. Zunächst besuchte er die Universität Göttingen, dann wechselte er nach Berlin. In der Zeit seines Studiums in Berlin zog ihn die Tiefe des Erweckungstheologen August Neander besonders an. (August Neander – vor seiner Taufe hieß er David Mendel – hatte dieselbe Schule wie Wichern besucht: das Johanneum in Hamburg.) Er trat in den Mitarbeiterkreis des Barons Hans Ernst von Kottwitz ein, der sich aus einer erweckten, entschiedenen Christusfrömmigkeit heraus um die Armen der Großstadt kümmerte, zum Beispiel in der Beschäftigungsanstalt in der Kaserne am Alexanderplatz. In Berlin begegnete er auch dem jüdischen, später katholischen Arzt Dr. Nikolaus Heinrich Julius, der eine Arbeit über die Reformen im Gefängniswesen verfasst hatte. Unter den berühmten Predigern Berlins beeindruckte ihn vor allem Johannes Evangelista Goßner wegen der Entschiedenheit seiner Verkündigung. 1832 beendete er sein Studium mit dem Theologischen Examen.

Lehrtätigkeit, volksmissionarisches und soziales Engagement

Im Jahr 1832 übernahm Johann Hinrich Wichern eine Stelle als Oberlehrer an der von Johann Gerhard Oncken und dem evangelisch-lutherischen Pfarrer Johann Wilhelm Rautenberg initiierten Sonntagsschule in der ev. Kirchengemeinde St. Georg; der Stadtteil St. Georg vor den Toren der Stadt Hamburg war ein Elendsquartier: hierhin hatte man im Mittelalter Pestkranke und Aussätzige verbannt, hier stand der Galgen. Wichern trat einem Besuchsverein bei, der die Eltern der Sonntagsschulkinder zu Hause besuchte. Durch diese Arbeit lernte Wichern die schreiende Armut, die Wohnungsnot, die geistige und sittliche Verwahrlosung in Hamburg kennen. Im Hamburger Vorort Horn gründete er nach einem Jahr eine Anstalt "zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder". Die Gründungsversammlung war im Saal der Börsenhalle am 12. September 1833. Der Hamburger Syndikus Karl Sieveking, ein Verwandter von Amalie Sieveking, hatte ihm eine Kate, "Ruges Haus", mitsamt Grundstück überlassen. Der Volksmund machte aus "Ruges Haus" das "Rauhe Haus". Am 31. Oktober zog Wichern mit seiner Mutter und seiner Schwester in das "Rauhe Haus" ein. Bis zum 12. November waren 6500 Mark zusammengebracht worden. Bereits zum Jahresende 1833 hatte Wichern zwölf Jungen in die Hausgemeinschaft aufgenommen. Die Zahl der Jungen wuchs, so dass neue Gebäude errichtet werden mußten. Ab 1835 wurden auch Mädchen aufgenommen. Die Kinder lebten in familienähnlichen Strukturen, jeweils 10−12 Kinder mit einem Betreuer („Bruder“) zusammen, die Wichern ab 1839 in einem "Gehilfeninstitut" intensiv ausbildete. Wichern ist einer der Erneuerer des neutestamentlichen Diakonen-Amts, das bereits durch den Genfer Reformator Johannes Calvin wiederentdeckt, hervorgehoben und als gleichberechtigtes kirchliches Amt neben dem Amt der Pastoren, der Lehrer und Ältesten (Presbyter) in der Praxis der "nach Gottes Wort reformierten Kirche" eingerichtet wurde. Die von Wichern ausgebildeten Männer wurden auch Armen- und Volkssschullehrer oder Sozialarbeiter. Wichern errichtete zu den vorhandenen Gebäuden später auch Werkstätten, nämlich eine Spinnerei, eine Schuhmacherei und einen landwirtschaftlichen Betrieb, und einen Betsaal. 1842 wurde auch eine Buchdruckerei eingerichtet, in der die "Fliegenden Blätter" gedruckt wurden, in denen die Anliegen der "Inneren Mission" verbreitet wurden. Im Rauhen Haus hing auch der erste Adventskranz, als dessen Erfinder Wichern gilt. Seine erste Mitarbeiterin, Amanda Böhme, wurde 1835 seine Frau. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor.

Seit 1842 begegnet in Wicherns Schriften und Briefen immer öfter der Begriff der "Inneren Mission". Wichern wollte über seine eigene Tätigkeit im Rauhen Haus hinaus "Werke rettender Liebe" in ganz Deutschland anregen. Wichern sah in der Revolution des Jahres 1848 die Folge des sozialen Elends, des Versagens kirchlicher Verkündigung und Seelsorge. Am 22. September 1848 hielt Wichern auf dem ersten evangelischen Kirchtag 1848 in Wittenberg, einer Versammlung zur Vereinigung der Landeskirchen, eine programmatische Rede zur Gründung des „Centralausschusses für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“, der sich am 11. November 1848 konstituierte (Vorläuferorganisation des heutigen "Diakonischen Werkes"). In der Folgezeit entstanden in allen Regionen der deutschen evangelischen Kirche "Vereine für Innere Mission". Ebenfalls 1848 gründete Wichern in Hamburg, inspiriert durch die Stadtmissionen in Glasgow und London, die erste deutsche Stadtmission. Was für Wichern im allgemeinen die "Innere Mission" war, das nannte er in Hamburg "Stadtmission". Im Jahre 1849 widmete sich Wichern ausschließlich der Reisetätigkeit zur Förderung der "Inneren Mission". 1851 bekam er von der Universität Halle den Doktor der Theologie verliehen. Bis 1855 entstanden in Deutschland über 100 Rettungshäuser.

Für Wichern gehörten Glaube an Gott und Nächstenliebe, Mission und Diakonie, Erneuerung der Kirche und Erneuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse, zusammen. Das Wort Gottes, das Evangelium von Jesus Christus, der Ruf zum Glauben waren für ihn Quelle der Kraft und der Rettung der Menschen. Es lag ihm an freier, volksmissionarischer Wortverkündigung. Er arbeitete für eine evangelische Kirche, in der im Sinne des biblischen "allgemeinen Priestertums" der Gläubigen aus Hörern des Wortes auch Prediger und Täter des Wortes werden, so dass sich auch die Untätigkeit angesichts des Elends der Armen in tatkräftige Hilfe verwandelt. Das Christentum sollte wieder zur prägenden Kraft in den Familien, Schulen und Betrieben werden. Wichern forderte eine kirchliche Verkündigung, die nicht nur die rechte Lehre (lutherisch oder reformiert) vermittelt, sondern ein Glaubenszeugnis ist. Prediger sollten nicht nur wissenschaftlich ausgebildet, sondern auch "mit Geist und Feuer" getauft sein. Dazu sollten vermehrt Prädikanten ("Laienprediger") herangebildet und berufen werden. Er dachte auch an den Einsatz von Evangelisten an Orten außerhalb der Kirchengebäude, auf Straßen und Plätzen, in Scheunen und Theatern. Er bemängelte, dass viele fähige Leute in ferne Länder zur "Heidenmission" gesandt werden, während doch auch in deutschen Landen Missionsarbeit und Evangelisation nötig seien. Wichern übte Kritik an der herrschenden Praxis der Konfirmation: er nennt die "religiöse Verwahrlosung der meisten Elternhäuser" beim Namen, die Unaufrichtigkeit der Gelübde, das Desinteresse am Eintritt in die Abendmahlsgemeinschaft der christlichen Gemeinde; er sah und sagte, dass die Konfirmation von den meisten Heranwachsenden und ihren Eltern als Abschluss der Kindheit und Übergang zu ungebundenem Erwachsensein betrachtet wird. Er schlug vor, den kirchlichen Unterricht mit abschließender "Einsegnung" zu erhalten, aber das öffentliche Glaubensbekenntnis und das Gelübde als Voraussetzung der Zulassung zum Heiligen Abendmahl davon zu trennen und solchen vorzubehalten, denen es mit dem christlichen Glauben und Leben ernst ist.

Wichern im Dienst von Staat und Kirche

Ab 1842 wurde in Berlin unter Friedrich Wilhelm IV. mit Ratschlägen von Wichern ein neues Mustergefängnis geplant und errichtet, welches 1849 als Preußisches Mustergefängnis Moabit erröffnet wurde. Dank der erfolgreichen Zusammenarbeit wurde Wichern 1851 Beauftragter der preußischen Regierung für die Reform des Gefängniswesens. Sechs Jahre später ging er in den preußischen Staatsdienst, als der „Vortragende Rat der Strafanstalten und des Armenwesens“, mit dem Posten des Direktors des Mustergefängnis Moabit. Im selben Jahr wurde er Mitglied des Evangelischen Oberkirchenamtes Berlin. Bis 1872 war Wichern Direktor des Mustergefängnis Moabit, dort war er vor allem verantwortlich für die Einführung der strengen Einzelhaft. Auch die Hofgänge und die Kirchenbesuche waren so gestaltet, das die Häftlinge keinen Kontakt untereinander aufnehmen konnten. Lediglich einmal pro Woche durften die Häftlinge mit sogenannten Pädagogen in ihrer Zelle sprechen.[1]

1857 wurde Wichern zum Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin berufen und gründete 1858 das Brüderhaus Johannesstift. In diesem Haus wurden die Mitarbeiter für das Gefängniswesen ausgebildet. Während der Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 kümmerte er sich um die Auswahl und Ausbildung von Felddiakonen.

Letzte Jahre Wicherns

Johann Hinrich Wichern hatte trotz seiner Arbeit in Berlin nie ganz die Leitung des „Rauhen Hauses“ abgegeben und kehrte 1872 nach Hamburg zurück. Am 1. April 1873 gab er krankheitshalber die Leitung des "Rauhen Hauses" an seinen Sohn Johannes ab. 1874 wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Es folgte eine langjährige Leidenszeit mit Schwäche, Schmerzen und Schlaflosigkeit. Am 7. April 1881 starb Wichern nach mehreren Schlaganfällen und langem Leiden in Hamburg-Hamm. Er wurde auf dem Hammer Friedhof beigesetzt, der heute ein historischer Ort mit Gräbern bedeutender sozial engagierter Hamburger ist. Sein letztes Vermächtnis lautete: "Wenn Gott es beschlossen hat, mich zu sich zu nehmen, so sollt Ihr, meine Lieben, wissen, daß mein einziges Gebet ist, daß ich selig werde, daß ich zu ihm komme und Frieden in ihm finde. Ich habe mich immer zu ihm bekannt, aber in großer Schwachheit. Er wird mir aber meine Sünden vergeben, darauf geht alle meine Hoffnung um seiner Liebe und Liebestat willen, um seines für mich vergossenen Blutes willen."

Das Menschenbild Wicherns

Johann Hinrich Wichern sah den Menschen als ein von Gott geschaffenes Geschöpf an. Jedes Kind sei etwas Einzigartiges, so dass ihm eine individuelle Pflege und Behandlung zustehe. Der Mensch habe die Fähigkeit, sich zum „Guten“ zu entscheiden oder aber seine Neigungen zum „Bösen“ auszuleben. Da der Mensch von Wichern als eben diese freie Persönlichkeit gesehen wurde, wurden die Kinder und Jugendlichen in Freiheit erzogen. Die Erlösung zum „Guten“ kann nach Wichern nur durch den christlichen Glauben geschehen.

Das Erziehungskonzept bei Johann Hinrich Wichern

Der genaue Inhalt und die Bedeutung dieses „Guten“ des christlichen Glaubens, wie Wichern ihn verstand, wird explizit bei einer näheren Betrachtung seines Erziehungskonzepts. Entscheidend hierfür ist die theologische Entwicklung Wicherns, diese war geprägt von einem „Wiedergeburtserlebnis“, das ihn zu einem überzeugten Vertreter der gerade erstarkenden evangelischen „Erweckungsbewegung“ machte. Dieses Erlebnis wurde zu einem bestimmenden Moment seiner Erziehungskonzeption und eben derer Inhalte. Denn immer ging es Wichern, und hier unterschied er sich zumindest auf der sprachlichen Ebene nicht von August Hermann Francke, darum, den gottfernen Eigenwillen – die „verderbte Natur“, den „alten Adam“ – in den Kindern und Jugendlichen zu brechen und sie einem neuen Leben zuzuführen. [2]

Von der ersten Anstellung nach dem Studium an bemühte sich Wichern um Kontakte zu solchen wohlhabenden Familien der Hamburger Oberschicht, die ihn aus ihrer christlichen Glaubensmotivation heraus unterstützen konnten. Mit deren Hilfe gelang Wichern bereits ein Jahr später, 1833, er war jetzt 25 Jahre alt, die Gründung des Rauhen Hauses. Von Anfang an lag es in seinem Interesse, seine Einrichtung möglichst unabhängig von staatlichen Einflüssen, also von Zuschüssen, zu wissen. Um so mehr gelang es ihm, seiner eigenen Überzeugung treu zu bleiben und seine Anliegen zu verwirklichen. 1839 erweiterte Wichern das Rauhe Haus um das „Brüderhaus“ als Ausbildungsstätte für den Ev. Verein der „Inneren Mission“, damit auch zugleich um die erste, und um eine bis heute bestehende, sozialpädagogische Ausbildungsstätte in Deutschland.

Wichern und die Menschen, für die er sorgen wollte

In erster Linie stand für Wichern fest, und das wird weiter unten noch erweitert belegt, dass das „innere Verderben die Ursache auch des äußeren Verderbens ist“. [3] Die Hauptursache für die Armut lag nach Wichern daher im „immer zunehmenden Sittenverderben des Volks, das einzig und allein aus der herrschenden Irreligösität, der Verachtung des wahren Christentums und dem gottlosen Unglauben entsteht“. [4] Von seinen christlichen, biblisch begründeten Vorstellungen von Ehe und Familie her urteilend sah Wichern denn auch in den zerrütteten Familienverhältnissen des Proletariats eine Ursache des Verderbens.

„Aus diesen Familienverhältnissen (die Eltern haben oft keine Hausstände) geht zuallermeist das Geschlecht der sogenannten verwahrlosten Kinder, deren Zahl sich zu immer mehreren Tausenden steigert, hervor, hier ist die Pflanzschule des faulenden Proletariats, in dessen Behausung zugleich die weibliche Prostitution ihre erste Pflege, die Summe aller Laster und unbändiger Lust ihren Sammelplatz und das zahlreiche Verbrechen seine unmittelbare Vorschule findet.“ [5]

Wichern spricht in der Folge konsequenterweise von der „Entartung der untern Volksklassen“. [6] Der Erklärungsansatz für Armut bei Wichern ist also individualisierend: der Einzelne ist verantwortlich für das, was er aus seiner Lage macht. Und andererseits moralisierend: denn wenngleich arm sein an sich noch keine Sünde ist, so ist es doch moralisch verwerflich, sich in dieser Armut auch noch gänzlich sittenwidrig zu benehmen. Dieser Sittenwidrigkeit wollte Wichern mit seinem Rauhen Haus begegnen.

Während Wichern also einerseits im Hinblick auf die soziale Frage den einzelnen verantwortlich machte und seine Kräfte mobilisieren wollte, sah er je länger je mehr auch die Verantwortung der Politik. Er forderte nachdrücklich die "Besserung der politischen Gesetzgebung und der Fürsorge des Staates für die sozialen Verhältnisse des Volkslebens als wesentliche Voraussetzung" für ein erfolgreiches Wirken der Inneren Mission (1847). Er verlangte ein Eingreifen des Staates in die sozialen Verhältnisse: "Hier eröffnet sich das ganze Gebiet der großen staatswirtschaftlichen Fragen, die sich auf geistige und ökonomische Verhältnisse der Bevölkerung beziehen...". Er forderte die Untersuchung der Ursachen der Massennot und Vorschläge zur Beseitigung der Probleme ein.

Die einzelnen Elemente seines Erziehungskonzepts

Die Begrüßung

Folgendes waren die Worte die jedes neue Kind zu Beginn von Wichern gesagt bekam:

„Mein Kind, dir ist alles vergeben. Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist. Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel, nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, du magst wollen oder nicht, du magst sie zerreißen, wenn du kannst, diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. Das bieten wir dir, und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich, dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und den Menschen!“ [7]

Dieser Begrüßungssatz und die anschließende „Reinigung des Knaben“, welche der „notwendigen gänzlichen Umkleidung“ vorausging, erinnert sowohl an ein Aufnahmeritual in einem Kloster, als auch an ein christliches Taufritual; und muss als Ausdruck der religiösen Zielsetzungen Wicherns verstanden werden, der sein Wiedergeburtserlebnis (Tod der alten und Geburt einer neuen Identität) mit seinen Zöglingen zu teilen hoffte.

Das Noviziat

Die individuelle Entwicklung nimmt ihren Ausgang unter „quarantäneähnlichen“ Bedingungen. Alle Neuzugänge mussten als erstes, abgeschottet von allen anderen, das Noviziat durchlaufen. Eine Einrichtung in der Wichern sich in aller Ruhe des Zöglings und seiner Problematik annehmen konnte. Ein Ort erster anamnestischer und diagnostischer Bemühungen. Die Bedingungen des Noviziats waren nach Wichern nötig um, so Wichern selbst: „sittliche Ansteckungen“ zu vermeiden. [8]

Das Familienprinzip

Die Familien waren das Zentrum des Anspruchs der Förderung von Individualität. Das macht folgendes Zitat deutlich, in dem Wichern zuvor von der Notwendigkeit kleiner Gruppen spricht:

„Wenn diese kleineren Kreise in der Hausordnung nicht etwa als Schul- oder Sittenklassen oder Kompanien oder als Arbeitsgruppen bezeichnet, sondern Familien genannt worden sind, so liegt dem wiederum die Überzeugung zu Grunde, dass das Eigentümliche der Familie, soweit dieselbe überhaupt nachgebildet werden kann, gerade darin besteht, dass in ihr … zugleich das individuelle und individuellste Leben … zu seinem vollen Rechte und jedes einzelne Glied der Familie … zu dem vollen Rechte einer persönlichsten, liebenden, fürsorgenden Pflege des inneren und äußeren Lebens gelangen muß.“ [9]

Eine Familiengruppe bestand aus dem Erzieher, dem sogenannten Familienvorsteher und maximal 12 Zöglingen. Insgesamt wurden im Rauhen Haus nicht mehr als 10 Familiengruppen und 120 Zöglinge untergebracht. Nur unter diesen Bedingungen konnte sich die besonders effiziente Kontrolle herstellen, die Wichern selbst wie folgt beschreibt:

„In einem solchen kleineren leicht und vollständig übersehbaren Kinderkreise muss es, wenn auch mit dem Aufgebot aller Kräfte, möglich zu machen sein, jene individualisierende Liebespflege über alle im Haus befindlichen Kinder gleichmäßig auszubreiten und namentlich auch über ein neu aufgenommenes Kind jene geforderte unerläßlich feine, zarte Führung und Beaufsichtigung zur Ausführung zu bringen“. [10]

Gemäß bürgerlicher Familienvorstellungen, auf denen Wichern sein Erziehungskonzept aufbaute, war ihm die Trennung der Familien voneinander sehr wichtig. Daher durfte das Rauhe Haus auch nicht wie bei einer Kaserne oder anderen Fürsorgeeinrichtungen seiner Zeit ein einzelnes großes Haus sein. Wichern wünschte sich vielmehr viele kleine einfache Wohnhäuser:

„Die einzelnen Häuser sind durch kleine Lustgärten, die den Kindern zur Freude dienen sollen, getrennt … Es ist … der größte sittliche Gewinn, welcher teils für die Anstalt, teils für die einzelnen Kinder aus dieser Anlage erwachsen muss, nicht zu verschweigen … die Kinder (bleiben) nun auch mehr in ihren natürlichen Verhältnissen, und das Familienbewusstsein kann auf diese Weise leichter in ihnen erhalten und durchweg in Reinheit wieder in ihnen geadelt werden“. [11]

Berichtswesen

Wichern führte 1839 einen standardisierten Aufsichtsbericht ein, der 44 von den Erziehern auszufüllende Unterabschnitte enthielt. Jeder Unterabschnitt wies auf die Möglichkeit einer besonderen, zu verhindernden Unordnung hin. Diese Daten waren sowohl geeignet, Auskunft über die spezifische Gruppenstruktur jeder einzelnen Familie bzw. Arbeitsgruppe zu geben, als auch über die individuellen Fort- und Rückschritte sämtlicher Zöglinge und Erzieher in Hinblick auf die Internalisierung bürgerlicher Normen und Werte. [12]

Das Wochengespräch

Diese im Laufe der Woche erhobenen Daten wurden zu einem Gegenstand der den Familien zur Pflicht gemachten so genannten Wochengespräche. Hier fand ein pädagogischer Dialog statt. Es war Ziel dieser Gespräche, sowohl nebensächlichste Begebenheiten und unscheinbarste Vergehen, als auch verborgenste Absichten und heimlichste Begehren der Zöglinge in ein ungezwungenes pädagogisches Gespräch zu verwandeln, und damit in die Verfügungs- und Definitionsgewalt des Erziehers zu bringen. Vor allem wurde in den Wochengesprächen in „Erwägung des innern sittlichen Standes und Ganges der Familien“ unter Leitung des Familienvorstehers:

„alles dasjenige, was diese 12 unter sich erlebt haben, zur Sprache gebracht. Wichtiges und Unwichtiges, Inneres und Äußeres, Erfahrungen bei der Arbeit wie beim Unterricht, Wünsche und Bitten, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Hoffnungen und Befürchtungen. Erlebnisse untereinander und mit den Erwachsenen werden hier in bunter Reihe von den Kindern selbst zur Sprache gebracht. Selbstanklagen, Bekenntnisse, Schlichtung von Streitigkeiten, Untersuchungen über Recht und Unrecht bringen alles ans Licht, was bis dahin verborgen gewesen. Der Standpunkt jedes einzelnen wird dabei von selbst offenbar.“ [13]

Blieben die Arbeitszeugnisse einzelner Familienmitglieder hinter den gestellten Anforderungen zurück, wurde in den Familiengruppen des Rauhen Hauses ein über das erzwungene Konkurrenzverhältnis vermittelter Kontroll- und Disziplinierungsmechanismus wirksam. Wichern schreibt hierzu:

„Es wird nämlich von der Familie als eine große Schande angesehen, wenn eines ihrer Mitglieder zu den Nichtfleißigen gehört, und von den Kindern, die zu einer Familie gehören, wird unabhängig von aller Einwirkung der Gehülfen, ALLES aufgeboten, und den etwa nur mittelmäßig Fleißigen oder gar den Faulen zum Fleiße zu bewegen. Sie befürchten so sehr die Befleckung des guten Namens ihrer besonderen Familie durch einen trägen Cameraden, dass zum Beispiel bei Übergabe eines neuen Knaben aus dem Noviziat in diese Familie ihm von der Familie mit der Verwarnung und Ermahnung, fleißig und arbeitsam zu sein, entgegen gekommen wird. Ein, namentlich ein wiederholt, Träger würde von den übrigen Familienmitgliedern wegen seiner Faulheit sehr oft Strafe erlitten haben, wenn nicht Erwachsene als Vermittler dazwischen getreten wären. Und dass es unter unsern Kindern zu einer Schande geworden ist, nicht arbeiten zu wollen, ist doch gewiss ein zu beachtendes Ergebnis der Organisation, und ist ein um so erfreulicheres, als es entschieden in der wechselseitigen Erziehung der Zöglinge wurzelt; denn von den Erwachsenen ist unmittelbar nicht im Mindesten darauf hingewirkt.“ [14]

Die gegenseitige Erziehung

Die Hoffnung darauf, dass „vornehmlich auch die gegenseitige Erziehung der Kinder gefördert wird“ war ausschlaggebend für Wicherns Interesse an der Förderung der familialen Beziehungskonstellationen der Kleingruppen im Rauhen Haus. Es war das Ziel Wicherns, dass „alles von allen und jeder von jedem beaufsichtigt wird“. [15]

Arbeitserziehung im Rauhen Haus

Gearbeitet wurde im Rauhen Haus folgendermaßen: Im Sommer belief sich die tägliche Arbeitszeit auf 9½ und im Winter auf 6½ Stunden. Dazu kamen tägliche Unterrichtszeiten von je 2 bzw. 3 Stunden. Dass die Arbeit gegenüber dem Unterricht so viel mehr Zeit in Anspruch nahm, lag nicht zuletzt darin begründet, dass Wichern um die ermüdende, und damit subversiven Kräften einhaltgebietende Funktion von mit Konkurrenz und Leistungsdruck einhergehender Arbeit wusste. Diesen Umstand beschreibt er folgendermaßen: „Die Arbeit wurde der erste Ableiter der rohen Kräfte und führte bei den meisten dahin, dass die rohen verwüstenden Kräfte in heilsame verwandelt wurden.“ [16] Denn das Ziel war die Herstellung von „fleißigen, ehrenhaften, treuen, geschickten, stillen, gewissenhaften Arbeitern um das tägliche Brodt“ [17]

Pro Tag wurde dort, in Anwesenheit der Zöglinge, zwei- bis dreimal eine Fleißnote für diesen festgestellt und festgehalten. Die Bewertung geschah in Form eines entweder gar nicht, einmal oder zweimal eingerissenen Zettels, auf dem Namen des Bewerteten und des die Benotung Erteilenden vermerkt wurde. Einmal eingerissen stand für fleißig, zweimal für mittelmäßig und dreimal durchgerissen für träge. Diese Maßnahme war gedacht um Täuschungsversuche von Seiten der Zöglinge zu vermeiden. Dieser Zettel musste in der Familie wieder abgegeben werden, in der sich dann die oben beschriebene Situation auftat. Der, der seinen Zettel verloren hatte, bekam nicht eher wieder etwas zu essen, „bis er das Verlorene wiedergeliefert hat(te), so dass nach keiner Stelle ein Ausweichen aus der Ordnung möglich“ war. [18] Der Erfolg dieser Maßnahmen blieb nicht aus, innerhalb von 10 Monaten wurden von 85 Zöglingen 43084 solche Arbeitszeugnisse ausgestellt. Diese sind aber nicht mehr vorhanden.

Zum Verhältnis von Disziplinierung und Individualisierung in Wicherns Erziehungskonzept - eine Kritik aus marxistischer Sicht

Unter Bezugnahme auf das Disziplinverständnis bei Michel Foucault und vor dem Hintergrund einer kritischen Theorie der Gesellschaft (vgl. Karl Marx, Heinz Steinert) notierte Roland Anhorn in seiner Dissertation eine entsprechende Analyse dieses pädagogischen Wirkens Wicherns. Dieses ist demnach ein wohlorganisiertes Handeln gewesen, das herrschende bürgerliche Verhältnisse „elegant“ zu reproduzieren imstande gewesen war. Eine ähnliche Erörterung des Konzepts findet sich auch bei Ernst Köhler.

Es war demnach die Besonderheit Wicherns, die Bedürfnisse des einzelnen Zöglings zum Dreh- und Angelpunkt seiner eigenen Disziplinierung gemacht zu haben, ihn also - auf Einsicht und Dialog bauend - nützlich gemacht zu haben für fremde Zwecke. Dieser Fähigkeit wegen kann er als einer der ersten modernen Sozialpädagogen bezeichnet werden. Modern in dem Sinne, als er, im Gegensatz beispielsweise zu Francke in Halle, nicht mehr auf körperliche Züchtigung als erstes Mittel zum Zwecke der Anpassung an herrschende gesellschaftliche Verhältnisse setzte (ohne dieses jedoch gänzlich auszuschließen), sondern eben auf das pädagogische Gespräch („Wochengespräch“) und die Einsicht der zu Erziehenden. Sein Konzept steht an der Nahtstelle von (auch brutaler) Fremddisziplinierung bei eben zum Beispiel Francke, der von ihm geforderten Selbstdisziplinierung, hin zur Selbstbestimmung. Alles drei verweist aber auf das vom künftigen Bürger verlangte Funktionieren innerhalb der ihm vorgegebenen Verhältnisse. Als Funktionär derer ist er Herr seines Willens. Das wusste auch Wichern: „Wir schmieden unsere Ketten von inwendig und verschmähen die, so man von außen anlegt“[19]. Selbstdisziplinierung statt Schläge, bei absoluter Beibehaltung der Ziele - das kann demnach als das pädagogische Credo Wicherns gelten.

Als „Interventionslegitimation“ dienten Wichern zahlreiche seine Klientel degradierende Etiketten. Wichern beschrieb die Kinder, die ihm anvertraut werden sollten z. B. folgendermaßen: „Die Masse der Kinder ist der Pol des schlechten, des sittlich versunkenen, des verfaulten Lebens in der Christenheit, die verwilderte Sündenmasse, welche der Rettung bedürftig ist, ohne sie als notwendig erkannt zu haben.“[20] Und auch über das, was er mit diesen „Verfaulten Leben“ vorhatte, und in wessen Interesse das geschah, machte er deutliche Aussagen: „Die Anstalt trachtet danach, dem Wohle des Staates in Umbildung solcher Personen, welche ihm ohne diese Hilfe wie einen Krebsschaden würden eingewohnt haben, förderlich zu sein, ohne ihm je lästig zu wollen“[21]. Zwar wurden den Kindern, im Gegensatz zu den üblichen damaligen Praktiken (Kaffee sortieren, Pferdehaar zupfen …) in anderen ähnlichen Einrichtungen, eine Ausbildung (zumeist als Bauer oder in einem Handwerk) angeboten, aber die Ordnung selbst, innerhalb dessen das geschah, stand für Wichern niemals zur Debatte. Diese galt vielmehr immer schon als die notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche „Wiedergeburt der Kinder in Christi Namen“. Mögliche Widersprüche von Seiten der Kinder, sei es, dass sie sich bezogen hätten auf den 10 Stunden Tag, auf das Herausgerissen werden aus den bisherigen sozialen Beziehungen, auf das ihnen bevorstehende „Schicksal“ als Unterschichts-Bürger, konnte Wichern demnach nicht zulassen.

Die „Freiheit“ und „Schönheit“, in der seine „krebsschadengleichen“ Zöglinge aufgrund seiner Erziehung aufwuchsen, relativiert sich von einem solchen Hintergrund. Wichern ist nicht bloß Schöpfer eines auch humaneren und freundlicheren Erziehungskonzeptes. Er ist auch ein Pionier in Hinblick auf die Erfindung von, in aktueller Pädagogik nach wie vor angewendeten, Techniken für eine subtilere Disziplinierung von Mitgliedern nachwachsender Generationen.

Zitate zur Entstehung von sozialen Problemen (soziale Diagnose)

Wichern analysierte die Umstände in den Elendsquartieren und schrieb genaue und detaillierte Berichte. In der „Öffentlichen Begründung des Rauhen Hauses“ ist Folgendes zu lesen:

„Ich bitte, mir im Geiste in diese Wohnungen zu folgen. In der Tür gerade an wohnt eine Frau, die als Kind mit Mutter und Geschwistern bei Nacht von dem trunkfälligen Vater auf die Straße getrieben zu werden pflegte. Als die Eltern gestorben waren, verehelichte sie sich und wurde Mutter von einem Sohne, der jetzt, etwa 17 Jahre alt, tagaus, tagein Lumpen und Knochen sammelt. Nach dem Tode des ersten Mannes trat die Frau in eine wilde Ehe mit einem andern Manne […]. Der Mann ist gestorben und hat das Weib als Mutter von zwei Kindern zurückgelassen; das eine von diesen ist ein niedlicher Knabe von sechs bis sieben Jahren, der hilflos in diesem Jammer herumschleicht, das andere ein zwölfjähriges Mädchen. Seit vielen Jahren stockblind. Geistige Nahrung irgendwelcher Art ist ihr bis vor kurzem nie geboten. […] Das Erwähnte aber zeugt von einem merkwürdigen und bedeutungsvollen Erbteile, welches die unglücklichen Kinder von ihren Eltern empfangen haben. Diesem Sahle gegenüber wohnt in einer anderen Tür ein wilder Mensch, ein Wall- oder Chauseearbeiter, ein entsetzlicher Trunkenbold; eine Kinderbettstelle, ein wenig zerbrochenes anders Mobiliar und ekelhafter Schmutz füllen diese Behausung. Zwei junge Kinder von gewaltiger Leibesform, welche des Guten, das ihnen geboten wird, lachen, und den Tag über sich umhertreiben. […] Bis zum letzten Frühjahr hatte dieser Mensch einen Neffen bei sich, der seinen Vater und seine Mutter nie gesehen hat; derselbe ist 18 Jahre alt, sammelte bis zum vorigen Winter am Tage Lumpen, aus denen er des Nachts seine Kopfkissen bereitete; Wäsche hatte er im letzten Winter nicht auf seinem Leibe. Seit dem Frühjahr dient er bei einem Hufschmied, ist noch nicht konfirmiert, kann weder lesen noch beten, hat es auch nicht lernen wollen, so fleißig er dazu ist angetrieben worden.[…] Eine Treppe höher in einer Dachwohnung [leben] in wilder Ehe [andere Leute]. Der Mann schneidet Schwefelhölzer, das Weib unterstützt ihn dabei, ein kleiner Knabe muß die Ware verkaufen helfen. […] Er ist minder glücklich als seine in rechtmäßiger Ehe geborenen elf Geschwister, die alle bis auf eine zehnjährige Schwester bereits verstorben sind. Vor einigen Jahren hatten jene Menschen (dürfen wir sie noch Eltern nennen?) den armen Knaben eingesperrt, um ihn erfrieren und verhungern zu lassen. Das Gewinsel des Knaben zog die Nachbarn herbei; so ist er gerettet, hat aber an dem einen Fuß einen Teil der Zehen, und an einer Hand die Hälfte der Finger eingebüßt.“

[22]

Als eine der häufigsten Ursachen der Verwahrlosung beschrieb Wichern das Zerbrechen der traditionellen Familienstrukturen. Auf Grund der Arbeitssuche komme es zum häufigen Wohnortwechsel und Abbruch sozialer Bindungen, wie der Dorfgemeinschaft oder der Großfamilie. Der mangelnde gesellschaftliche Zusammenhalt und die fehlende Nächstenliebe zerstörten die Gesellschaft und vor allem die Kinder und Jugendlichen. Dies nannte Wichern die „soziale Entwurzlung des Menschen“.

„Man sehe auf unsere Volkstheater, welche die Ehe, die Kirche, die Sitte allabendlich bei Bier und Tabakrausch lachend unter die Füße treten. Man sehe das Volksvergnügen, die im [französischem] Tanz, des Cancan […] und in ähnlichen Frivolitäten aller Art jeder deutschen Sitte und allem Gewissen, nicht versteckt und verdeckt, sondern ganz offen unter laut schallendem Reclam, wie die Ecken der Stadt alltäglich zu lesen geben, Hohn sprechen. […] Das sind die Gräber für unsre lebendig zu Grabe getragene Jugend.“ [23]

Not und Armut beherrschten die soziale Unterschicht. Wohnungsknappheit und schlechte Wohnverhältnisse, bei denen mehr als zehn Personen in einem Raum wohnten, waren in den Großstädten keine Seltenheit. Die Kinder flohen aus der Enge auf die Straße. Es kam zum Straßenkinderdasein mit den Begleiterscheinungen von Alkoholismus, Bettelei und Kleinkriminalität. Wichern kritisierte den Verfall der sittlichen Normen, der nach seiner Meinung vor allem durch die Entartung der Leselust und durch die Verbreitung von kitschigen Romanen sowie pornographischen Schriften bedingt ist. Weiterhin sah Wichern die drohende Entchristlichung und Gottlosigkeit des Volkes als Ursache für die sozialen Missstände. Er meinte, dass die bürgerlichen und irdischen Verhältnisse das religiöse Bewusstsein unterdrückten.

Werke

Literatur

Siehe auch

 Commons: Johann Hinrich Wichern – Bilder, Videos und Audiodateien

Quellen

  1. Wolfgang Dreßen: Maschienenbauer und Erdarbeiter; in: Jochen Boberg (Hg.): Exerzierfeld der Moderne. Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert; München: Beck, 1984; ISBN 3406302017; S. 77-79
  2. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S. 119
  3. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S.205
  4. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S.17
  5. Wichern, sämtliche Werke, Band 1, S. 253
  6. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S. 104
  7. Wichern, Sämtliche Werke, Band 4/ 1, S. 119.
  8. Wichern, sämtliche Werke, Band 7, S. 48
  9. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/2, S. 253
  10. Wichern, sämtliche Werke, Band 7, S. 433
  11. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S. 103f
  12. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S. 105
  13. Wichern, 3 Jahresbericht, S. 35
  14. Wichern, 12 Jahresbericht, S. 60
  15. Wichern, 5. Jahresbericht, S. 21
  16. Wichern, sämtliche Werke Band 4/1, S. 140
  17. Wichern, 14 - 17 Jahresbericht, S. 58
  18. Wichern, 3 Jahresbericht, S. 55
  19. Wichern: Sämtliche Werke, Band 7, S.30
  20. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S.327
  21. Wichern, sämtliche Werke, Band 4/1, S.112
  22. Thole, Werner; Galuske, Michael; Gängler, Hans u.a. KlassikerInnen der Sozialen Arbeit. Sozialpädagogische Texte aus zwei Jahrhunderten. Ein Lesebuch; Neuwied: Luchterhand, 1998, S. 68f
  23. Wichern, Johann Hinrich Die Kirche und ihr soziales Handeln (Grundsätzliches, Allgemeines, Praktisches); Berlin: Lutherisches Verlagshaus, 1969; (Bd. III/Teil 2), 199
Personendaten
Wichern, Johann Hinrich
deutscher Theologe
21. April 1808
Hamburg
7. April 1881
Hamburg