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Algerien

الجمهورية الجَزائرية الديموقراطية الشعبية

al-Ğumhūriyya al-Ğazā’iriyya
ad-Dīmūqrātiyya aš-Ša'biyya
(arab.)
Demokratische Volksrepublik Algerien

Flagge Wappen
Wahlspruch: من الشعب و للشعب
(arabisch , „Vom Volk und für das Volk“)
Amtssprache Arabisch
Hauptstadt Algier
Staatsform Präsidialrepublik
Staatsoberhaupt Staatspräsident Abd al-Asis Bouteflika
Regierungschef Premierminister Abdelaziz Belkhadem
Fläche 2.381.741 km²
Einwohnerzahl 32,9 Mio. (2006)
Bevölkerungsdichte 13,8 Einwohner pro km²
BIP/Einwohner 3.086 US$ (2005)
Währung 1 Algerischer Dinar (DA) = 100 Centimes
Unabhängigkeit von Frankreich am 18. März 1962
Nationalhymne Qassaman
Zeitzone UTC +1
Kfz-Kennzeichen DZ
Internet-TLD .dz
Telefonvorwahl +213

Algerien (arabisch الجزائر‎ al-Ğazā’ir - „die Inseln“, amtlich Demokratische Volksrepublik Algerien) ist ein Staat im Nordwesten Afrikas. Algerien, das mittlere der Maghrebländer, ist nach dem Sudan und vor der Demokratischen Republik Kongo das zweitgrößte Land des afrikanischen Kontinents. Es grenzt im Norden an das Mittelmeer, im Westen an Mauretanien, Marokko und die von Marokko beanspruchte Westsahara, im Süden an Mali und Niger und im Osten an Libyen sowie Tunesien.

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Algerien wird im Nordteil, dem eigentlichen Lebensraum des Landes, vom Atlasgebirge (mit Tellatlas, Hochland der Schotts und Saharaatlas), im weitaus größeren Südteil von der Wüste Sahara eingenommen.

Hinter dem nur schmalen, buchtenreichen Saum der Mittelmeerküste erhebt sich der steil ansteigende Tellatlas. Der durch Becken, Längs- und Quertäler gegliederte Gebirgszug erreicht östlich von Algier in der wildzerschluchteten Kabylei 2.308 m Höhe. Auf seiner Südseite fällt der Tellatlas zum Hochland der Schotts (391 bis weit über 1.000 m. ü. M.) ab, das im Inneren zahlreiche abflusslose, versumpfte Salzseen, die sogenannten Schotts, aufweist. Der im Süden anschließende, parallel zur Küste und zum Tellatlas verlaufende Saharaatlas erhebt sich auf bis zu 2.328 m.

Südlich des markanten Gebirgsabfalls (in den Schotts des östlichen Tieflandes bis 35 m unter Meeresniveau) breitet sich die algerische Sahara aus; sie nimmt 85 % der Landesfläche ein. An einen Streifen Wüstensteppe im Norden schließen sich die ausgedehnten, fast vegetationslosen Sanddünengebiete des Östlichen und Westlichen Großen Erg, des Erg Iguidi und Erg Chech an. Zu einem größeren Teil aber wird die Sahara Algeriens von den Plateaus der steinigen Hammada und von Stufenlandschaften (Tassili n'Ajjer) eingenommen. Im Südosten erhebt sich das im Tahat (höchster Berg Algeriens) 2.918 m hohe Ahaggar-Massiv, ein wüstenhaftes Hochgebirge vulkanischen Ursprungs, das bis heute erdbebengefährdet ist.

Mit Ausnahme der meist kurzen Dauerflüsse in der Küstenregion des Tellatlas sind die Flusstäler Algeriens trocken (Wadis); durch heftige Regenfälle - auch in entfernteren Gebieten - können sie sich jedoch in reißende Ströme verwandeln. Als längster Fluss des Landes ist der Cheliff zu erwähnen.

Klima

Das Ahaggar-Gebirge in Südalgerien.

Algerien hat im Norden mediterranes Klima, im Süden extrem trockenes Wüstenklima. An der Mittelmeerküste und den Nordhängen des Tellatlas beträgt die Mitteltemperatur im August 25 °C, im Januar 12 °C; die Niederschläge fallen vorwiegend im Winter und erreichen durchschnittlich 500 bis 1.000 mm. Im Hochland der Schotts herrscht winterfeuchtes Steppenklima mit ausgeprägten saisonalen Temperaturschwankungen (Januarmittel kaum über 0 °C, Augustmittel 30 °C). Die Niederschläge, meist in Form von kurzen Platzregen, betragen hier nur noch 350 mm. Der Nordhang des Saharaatlas wird wieder stärker beregnet; an der Südseite aber vollzieht sich rasch der Übergang zum heißen, trockenen Wüstenklima der Sahara mit täglichen Temperaturschwankungen bis 20 °C und mehr. Die Temperaturen erreichen im Sommer über 40 °C, im Winter können sie unter 0 °C sinken. In manchen Gegenden liegt das langjährige Niederschlagsmittel bei nur 10 mm. Aus der Sahara weht in den Sommermonaten häufig der Schirokko, ein trockener, staubbeladener Wind.

Flora und Fauna

Algerien hat heute nur noch einen Waldanteil von 2 %, etwa vier Fünftel des Landes sind nahezu vegetationslos. Mit gezielten Aufforstungsmaßnahmen versucht man der Ausbreitung der Wüste entgegenzuwirken. Immerhin hat der Waldbestand zwischen 1990 und 2000 um 1,3 % zugenommen. An der ausreichend beregneten Nordseite des Tellatlas wachsen mediterrane Sträucher wie Macchie, Aleppo-Kiefern, Korkeichen und Steineichen sowie (über 1.600 m) Atlas-Zedern; in der Kabylei gibt es noch zusammenhängende Waldgebiete. Im Hochland der Schotts dominieren Steppen mit Alfagras und Wermutgewächsen. Die Gebirgssteppe des Saharaatlas geht nach Süden in die weitgehend vegetationslose Wüste über; nennenswerter Pflanzenwuchs (v.a. Dattelpalmen) beschränkt sich hier auf Randzonen und grundwasserbegünstigte Gebiete (Oasen). Das Ahaggar-Gebirge ist waldlos, weist aber stellenweise mediterrane Vegetation auf.

An wildlebenden Tieren kommen Gazellen, Wüstenfüchse (Feneks), Springmaus, Schlangen, Echsen, Skorpione und verschiedene Vogelarten, darunter große Raubvögel vor.

Bevölkerung

Vorwiegend Araber (70 %) und verschiedene Berberstämme (30 %), die zum Teil arabisiert sind, bevölkern Algerien. Jedoch muss man festhalten, dass diese Volksgruppen in den letzten Jahrzehnten immer mehr miteinander verschmelzen, so dass es mittlerweile schwer ist einen Algerier einem bestimmten Stamm zuzuordnen, denn immer mehr haben arabische wie auch berberische Wurzeln. Die Zahl der Europäer sank nach Erlangung der Unabhängigkeit bis auf etwa 20.000. Die Bevölkerungsverteilung Algeriens ist sehr ungleich. 96 % der Einwohner leben im Norden auf einem Fünftel der Staatsfläche. Über die Hälfte (2003 58,8 %) wohnen bereits in Städten, die hauptsächlich im Küstenbereich liegen. Die hohe Auswanderungsquote ist hauptsächlich auf fehlende Arbeitsmöglichkeiten und den wachsenden Bevölkerungsdruck zurückzuführen; schätzungsweise 2,3 Millionen Algerier leben im Ausland, davon über 1,5 Millionen in Frankreich, wo sie die Hauptvertreter des Islam in Frankreich sind. Die Algerier sind ein junges Volk; 33,9 % der Bevölkerung waren 2003 unter 15 Jahre alt.

Algerien gehört vom Pro-Kopf-Einkommen her zu den reicheren Ländern Afrikas. Die Inflationsrate lag 2004 durchschnittlich bei 4,5 %. Für alle Arbeitnehmer besteht eine allgemeine Sozialversicherung; ab dem 60. Lebensjahr wird eine Altersrente gezahlt. Ebenso gibt es Invaliden- und Hinterbliebenenrenten. Was fehlt, ist eine Arbeitslosenunterstützung - ein Manko, das bei der hohen Arbeitslosigkeit (2003: 26 % mit besonders hoher Jugendarbeitslosigkeit) beträchtliche soziale Auswirkungen hat. Der Standard des Gesundheitswesens konnte in den letzten Jahren verbessert werden, ist aber immer noch unzureichend. Bei kostenloser medizinischer Versorgung der Bevölkerung existiert vor allem ein beträchtliches Stadt-Land-Gefälle. Die Lebenserwartung lag 2003 bei 71 Jahren.

Allgemeine Schulpflicht besteht für 6- bis 15-Jährige. Die Bildungs- und Ausbildungsunterschiede zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Stadt und Land sind immer noch erheblich. Alphabetisierungsprogramme für Erwachsene und eine höhere Einschulungsrate bewirkten in den letzten Jahrzehnten ein langsames Absinken der Analphabetenrate auf mittlerweile 22 % bei Männern und 40 % bei Frauen. Das Land hat zwölf Universitäten; die älteste wurde 1879 in Algier gegründet.

Sprache

Offizielle Amtssprache ist Arabisch. Daneben spielt Französisch noch eine wichtige Rolle als Bildungs-, Handels- und Verkehrssprache. Staatliche Fernsehsender strahlen Nachrichten und Dokumentationen auch in Französisch aus. Seit 2002 ist Berberisch neben Arabisch in Algerien Landessprache und es gibt Radioprogramme auf Kabylisch, und vereinzelt auch Fernsehsendungen.

Schriftsprache ist entweder Französisch oder Hocharabisch, wobei es eine Initiative der Regierung zum Gebrauch des Hocharabischen gibt. In der großen und kleinen Kabylei wird auch Berberisch geschrieben. Allerdings sind dazu fast nur die jungen Leute in der Lage, da die Generation der Über-30-Jährigen noch nicht das Recht hatte, diese Sprache in der Schule zu lernen. Etwa 70 % der Bevölkerung spricht Arabisch als Muttersprache. Daneben spricht ein großer Teil, rund 30 % der Bevölkerung, Berbersprachen, vor allem im Süden des Landes, der fast nur von Tuareg bewohnt ist, und im Nordosten von Algier (Kabylisch). Die am meisten gesprochene Berbersprache ist Tamazight.

Religion

Die Staatsreligion in Algerien ist der sunnitische Islam. Nach offizieller Statistik ist die große Mehrheit der Bevölkerung Anhänger dieser Religion (ca. 99%). Eine Minderheit, in Algerien lebende Ausländer und konvertierte Algerier, gehören vor allem dem Christentum an. Im Gefolge des 1992 ausgebrochenen Bürgerkriegs zwischen Regierung und der islamistischen Heilsfront (FIS), die vor Massenmorden unter der eigenen Bevölkerung nicht zurückschreckte, wandten sich viele Menschen, v.a. in der Kabylei dem Christentum zu. Ein seit dem 28. März 2006 in Kraft getretenes Gesetz stellt die Missionierung unter hohe Strafen.[1]

Geschichte

Hauptartikel: Geschichte Algeriens

Ursprünglich war das Gebiet des heutigen Algerien von berberischen Volksstämmen bewohnt, im Osten von Tuareg. Vom 12. Jh. v. Chr. an errichteten die Phönizier an der Küste Handelsstützpunkte und gründeten 814 v. Chr. die Handelsstadt Karthago im heutigen Tunesien, die sich in der Folge zur Großmacht im westlichen Mittelmeer entwickelte. Um 202 v. Chr. schlossen sich die Berber-Stämme (Mauren) unter Massinissa zum Königreich Numidien zusammen und verbündeten sich mit Rom gegen Karthago. Die Erhebung Karthagos gegen Massinissa 149 v. Chr. lieferte Rom den erwünschten Vorwand für den Dritten Punischen Krieg, in dessen Verlauf Karthago zerstört wurde. 46 v. Chr. unterwarf Rom Numidien und vereinigte es mit Karthago zur römischen Provinz Numidia-Mauretania. Bis zum Einfall der Vandalen im Jahre 429 n. Chr. war diese die Kornkammer Roms. Die Vandalenherrschaft endete 534 mit der Eroberung durch Truppen des oströmischen Kaisers Justinian I.. Nordafrika wurde byzantinische Provinz.

Schon seit dem 3. Jh. hatte das Christentum in Nordafrika an Einfluss gewonnen. In den großen Städten waren mehrere Bistümer entstanden: So war der hl. Augustinus der bedeutendste Kirchenlehrer des frühen Christentums, Ende des 4. Jh. Bischof von Hippo Regius, dem heutigen Annaba. Um die Mitte des 7. Jh. stießen die Araber in den Maghreb vor. 697 eroberten sie einen Großteil des heutigen Algerien. Die Bevölkerung wurde größtenteils islamisiert. Im Laufe des 8. Jh. kam es wiederholt zu Aufständen der Berber gegen die arabischen Eroberer: 757 wurden die Berber-Reiche im Atlasgebirge vom Kalifat unabhängig, während die drei sich herausbildenden Fürstentümer der Idrisiden, Aghlabiden und Ziriden unter dessen Herrschaft gerieten.

Im 11. Jahrhundert konnte sich die Berber-Dynastie der Almoraviden im Gebiet des heutigen Algerien durchsetzen; sie beherrschte das Land fast 100 Jahre, bis sie 1147 von den Almohaden abgelöst wurde. Diese Dynastie eroberte in der Folgezeit den Maghreb und Südspanien; in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zerfiel das Reich dann jedoch. Ostalgerien wurde Teil eines tunesischen Fürstentums, im Westen bildete sich von 1269 an das Königreich der Abd-al-Wadiden mit der Hauptstadt Tlemcen (heutiges Tilimsen) heraus.

Anfang des 16. Jahrhundert versuchten die Spanier, an der algerischen Küste Fuß zu fassen. Daraufhin unterstellte sich das Land 1519 der Oberhoheit des Osmanischen Reiches und wurde Vasall; seit 1711 war das Gebiet aber wieder faktisch unabhängig. Bis ins 19. Jahrhundert hinein konnte sich Algerien gegen die Versuche der Spanier, Niederländer, Briten und Franzosen zur Eindämmung der Seeräuberei erfolgreich zur Wehr setzen.

1830 begannen die Franzosen mit der Eroberung des Landes und der Bekämpfung der Piraterie. Die Versuche des Berber-Führers Abd el-Kader (1808 bis 1883), die Franzosen zu vertreiben und ein großarabisches Reich zu schaffen, konnte Frankreich erst nach langen Kämpfen 1847 beenden. Auch in den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Aufständen gegen die Kolonialmacht. Zahlreiche französische Siedler strömten in die Kolonie. Die einheimischen Bauern wurden von ihren Ländereien in weniger fruchtbare Gebiete vertrieben. Um die Jahrhundertwende eroberten die Franzosen auch die Saharagebiete Algeriens und es wurde ein Département Frankreichs. Die Bevölkerung war jedoch in Bürger erster und zweiter Klasse unterteilt, in französische Staatsbürger (Algerien war Siedlungskolonie.) und Nichtfranzosen.

Im September 1947 wurde allen Algeriern die französische Staatsbürgerschaft zuerkannt (Algerien-Statut). Diese Reaktion auf das Erstarken der seit Ende der 30er Jahre bestehenden algerischen Unabhängigkeitsbewegung konnte den Kampf um die Loslösung von Frankreich jedoch nicht aufhalten. Zum Aufschwung der Unabhängigkeitsbewegung kam es, als 1945 nach Unruhen in Setif und Guelma zehntausende Algerier von der französischen Armee massakriert wurden. Der Algerienkrieg (1954 bis 1962) wurde von beiden Seiten mit äußerster Härte geführt. Unter Führung der Nationalen Befreiungsfront (Front de Liberation Nationale/FLN) erkämpfte das algerische Volk die Unabhängigkeit, die am 18. März 1962 im Abkommen von Evian anerkannt wurde. Am 5. Juli (Nationalfeiertag neben dem Tag der Revolution am 1. November) 1962 wurde offiziell die Unabhängigkeit proklamiert. Die Gesamtzahl getöteter Algerier wurde von Frankreich später mit 350.000, von algerischen Quellen mit bis zu 1,5 Millionen angegeben.

Erster Staatspräsident wurde Ferhat Abbas. Nach dessen Absetzung folgte 1963 Muhammad Ahmed Ben Bella, bis Verteidigungsminister Oberst Houari Boumedienne durch einen Militärputsch im Juni 1965 an die Macht gelangte. Seine Regierung versuchte zunächst, durch eine verstärkte Sozialisierungspolitik und durch eine Öffnung gegenüber dem Ostblock Algeriens wirtschaftliche Abhängigkeit von Frankreich zu überwinden. Ab 1972 verfolgte sie jedoch einen Kurs der Blockfreiheit und knüpfte Kontakte zum Westen. Nach dem Tod Boumediennes übernahm 1978 zunächst Rabah Bitat kommissarisch das Präsidentenamt, bis im Februar 1979 Oberst Chadli Bendjedid zum Präsidenten gewählt wurde. Mitte 1988 brachen schwere Unruhen aus, die zur Aufgabe des Machtmonopols der FLN führten. Ursache waren unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit und die Wohnungsnot. Eine Demokratisierung wurde eingeleitet und eine neue demokratische Verfassung, die die Trennung von Partei und Staat, parlamentarische Verantwortung, Pluralismus, politische Freiheiten und Garantien der Menschenrechte vorsah, geschaffen.

Der wirtschaftliche Niedergang um 1990 führte zum Aufschwung der islamistischen Bewegung. Nach dem sich abzeichnenden Sieg der Islamischen Heilsfront (Front islamique du salut/FIS) bei den Parlamentswahlen 1991/92 wurden die Wahlen abgebrochen; Präsident Benjedid trat unter dem Druck des Militärs zurück. Als Übergangspräsidenten setzte dieses zunächst Muhammad Boudiaf, nach dessen Ermordung Ali Kafi und schließlich 1994 General Liamine Zeroual ein. Im März 1992 erfolgte die Anordnung zur Auflösung der FIS, die daraufhin zum bewaffneten Kampf aufrief. Seitdem führten militante Islamisten einen Guerillakrieg, dem seither über 120.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Vor allem Jugendliche waren enttäuscht darüber, dass durch die FIS die bestrebte Liberalisierung abgebrochen wurde. Durch ihre Hoffnungslosigkeit ergab sich ihr Rückfall zur islamistischen Radikalisierung; ihr einzig übriggebliebener und deshalb bewährter Halt.

Abd al-Asis Bouteflika (FLN), seit 1999 mit der Rückendeckung des Militärs zum Präsidenten von Algerien gewählt, versuchte von Anbeginn seiner Regierungszeit, mit einem Friedensplan eine Aussöhnung mit islamistischen Extremisten und somit ein Ende des Bürgerkrieges zu erreichen. Im Jahr 2003 mussten die Minister Mourad Medelci und Abdelhamid Temmar unter dem massiven Druck des Gewerkschaftsdachverbands UGTA zurücktreten. Er hatte im Februar jenes Jahres - zum zweiten Mal seit Beginn des Jahrzehnts – einen dreitägigen Generalstreik durchgeführt, der sich gegen das Privatisierungsprogramm der Regierung richtete. An dem Streik nahmen über 90 % der Arbeiter teil.

Am 8. April 2004 fand eine erneute Präsidentschaftswahl statt. Nach einem Wahlkampf, in dem der gesamte Staatsapparat inklusive der staatlichen Massenmedien für eine maßgeschneiderte Darstellung des Präsidenten mobilisiert wurde, ließ Bouteflika das Wahlergebnis von 83 % der Stimmen verkünden. Bouteflika ist damit der erste Präsident Algeriens, der ein zweites Mandat erhält. Präsidentschaftskandidat Ali Benflis sprach von Betrug. Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sprachen aber von einer fairen Wahl. In der Folgezeit gelangen der Regierung mehrere gezielte Operationen gegen Islamisten, die umgekehrt aber wiederum auch verstärkte Angriffe auf Repräsentanten des Staates nach sich zogen.

Am 1. Mai 2005 kam es zu einer Regierungsumbildung. Mehrere Minister wurden durch ihre jeweiligen Vorgänger ersetzt, die nun vor allem in Schlüsselpositionen der Wirtschaftspolitik sitzen. Die Reformer Medelci und Temmar übernahmen das Finanz- bzw. Investitionsförderungsministerium. Sie setzen sich für die Privatisierung öffentlicher Betriebe und die Öffnung des Erdöl- und Erdgassektor für private Investitionen ein.

Am 30. September 2005 stimmten die algerischen Wähler für die nationale Versöhnung. Bei einem Referendum über die „Charte pour la paix et la réconciliation nationale“ stimmten 97 % der Wähler für den Plan der Regierung Bouteflika. Dieser bedeutet eine Amnestie für viele islamistische Extremisten. Die Mehrheit der Algerier will einen Schlussstrich unter die Bürgerkriegsära ziehen. Die Opposition, die zu einem Boykott des Volksentscheides aufgerufen hatte, kritisierte das Ergebnis als Wahlfälschung.

Am 27. Februar 2006 wurde das Gesetz zur Anwendung des Planes erlassen. Im Artikel 45 wird die Straffreiheit für Sicherheitskräfte festgeschrieben: „Keine Strafverfolgung kann eingeleitet werden gegen Einzelne oder Gruppen, die irgendeinem Bestandteil der Verteidigungs- und Sicherheitskräfte der Republik angehören, für Taten, die in der Absicht unternommen wurden, Personen und Güter, die Nation oder Institutionen der Demokratischen Volksrepublik Algerien zu schützen. Die zuständigen Justizbehörden müssen jede Anzeige oder Beschwerde abweisen“.

Kapitel 1 sieht vor, dass Mitgliedern und Unterstützern von bewaffneten Gruppen Straffreiheit gewährt wird, wenn sie keine „Blutverbrechen“ verübt haben. Sie müssen sich innerhalb der nächsten sechs Monate den Behörden stellen. Diejenigen, die bereits bestraft wurden und in Gefängnissen einsitzen, werden freigelassen. Diejenigen, die „Blutverbrechen“ begangen haben, können eine Strafminderung erwarten, wenn sie sich innerhalb der genannten Frist stellen.

Darüber hinaus sieht der Artikel 46 die Bestrafung derjenigen vor, die schriftlich oder mündlich den „Staat schwächen“, „der Ehrenhaftigkeit seiner Bediensteten, die ihm würdevoll gedient haben, Schaden zufügen“ oder „das Bild Algeriens international trüben“. Eine Gefängnisstrafe zwischen 3 und 5 Jahren und eine Geldstrafe zwischen 250.000 und 500.000 DA kann bei diesen Verstößen verhängt werden.

Politisches System

Gemäß der Verfassung von 1996 ist Algerien eine Präsidialrepublik mit einem alle fünf Jahre durch das Volk gewählten Staatsoberhaupt an der Spitze (einmalige Wiederwahl). Er ernennt und entlässt den nur ihm verantwortlichen Ministerpräsidenten als Vorsitzenden der Exekutive. Das die legislative Gewalt ausübende Parlament besteht aus der Nationalversammlung, deren 389 Mitglieder alle fünf Jahre gewählt werden und einem Rat der Nationen, von dem 96 Mitglieder alle sechs Jahre voll und alle drei Jahre zur Hälfte von den Kommunalräten neu gewählt und die restlichen 48 Mitglieder vom Staatsoberhaupt ernannt werden. Alle Algerier besitzen ab 18 Jahren das Wahlrecht.

Durch wirtschaftliche und soziale Probleme sowie die Unzufriedenheit mit den Leistungen des politischen Systems sind islamistische Bewegungen in Algerien sehr erfolgreich. Diese fordern einen islamischen Staat, dessen innere Struktur und Außenpolitik sich an den Regeln einer radikalen Interpretation des Islams orientieren soll. Sie sind gleichwohl zum überwiegenden Teil verboten und stellen höchstens so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition dar. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 2002 gewann die FLN 199, der Rassemblement National Democratique (RND) 48, der Mouvement de la Reforme Nationale (MRN - gemäßigte Islamisten) 38, die Parti des Travailleurs (PT) 21 und Sonstige 40 Sitze.

Im Justizwesen bestehen französisches und islamisches Recht nebeneinander. Das Gerichtswesen sieht Volkstribunale (Zivilrecht) und Strafvolksgerichte (Strafrecht) vor. Höchste Instanz ist der Oberste Gerichtshof. Algerien ist Mitglied der Vereinten Nationen (VN), der Afrikanischen Union (AU), der Arabischen Liga, der Organisation erdölexportierender Staaten (OPEC) und der Organisation arabischer erdölexportierender Staaten (OAPEC).

Militär

Seit 2005 werden die algerischen Streitkräfte mit modernsten russischen Waffen ausgerüstet, darunter 300 Kampfpanzer T-90, 12 Luftverteidigungskomplexe S-300PMU, 40 Luftüberlegenheitsjäger MiG-29SMT, 28 Mehrzweckjäger Su-30MKA, zwei Fregatten der Kriwak-IV-Klasse, drei Fregatten der Koni-Klasse und zwei U-Boote der Kilo-Klasse. Insgesamt gab Algerien 2006 für Waffen aus Russland 7,5 Milliarden Dollar aus. 2007 sind weitere Militärausgaben in Höhe von 7 Milliarden Dollar geplant, nachdem man von 2000 bis 2005 jährlich weniger als 100 Millionen Dollar für Waffenkäufe aufgewendet hat.[2]

Verwaltungsgliederung

Hauptartikel Wilayat Algeriens.

Siehe auch: Liste der Städte in Algerien

Das Land ist in 48 Verwaltungsbezirke (Wilayat, Singular Wilaya), die jeweils nach der Hauptstadt benannt sind, unterteilt. Die Wilayat haben eigene Parlamente, unterstehen jedoch letztlich der Zentralregierung.

Wirtschaft

Nach Erlangung der Unabhängigkeit begann Algerien mit der Verstaatlichung einiger Wirtschaftsbereiche. Seit Anfang der 80er Jahre bemüht sich das Land jedoch um eine ökonomische Liberalisierung und um die Förderung des Privatsektors. Zwischen 1999 und 2002 lag der Anteil der Staatsausgaben für das Gesundheitswesen bei 4 %, für das Bildungswesen bei 24 % und für das Militär bei 17 %.

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft ist der wichtigste Erwerbszweig (2003 Anteil 10 % am BIP), wird jedoch allmählich vom produzierenden Gewerbe überholt. Eine intensive landwirtschaftliche Nutzung ist nur auf einem schmalen Streifen im Norden möglich. Lediglich 3 % der Landesfläche sind Acker- und Dauerkulturland, das sich überwiegend in Privatbesitz befindet. Die wichtigsten Agrarprodukte sind Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Tomaten, Oliven, Datteln, Feigen, Tabak, Wein und Zitrusfrüchte. In Treibhäusern aus Kunststoff-Folie wird Frühgemüse für den Export kultiviert. Die extensive, zum Teil nomadische Viehhaltung konzentriert sich auf das Hochland der Schotts und die nördliche Sahara. In den Wäldern des Tellatlas wird Kork gewonnen. Im Nahrungsmittelsektor werden weniger als 40 % des Bedarfs durch Eigenproduktion gedeckt. Algerien ist deshalb der wichtigste Nahrungsmitteimporteur Afrikas: Nur 20% bei Getreide und Getreideprodukte, 20% bei Gemüse, 60% bei Milch und 95% bei rotem Fleisch werden lokal produziert. 95% des rohen Speiseöls und praktisch der gesamte Rohzucker und Kaffee werden importiert. Die Landwirtschaft beschäftigt ca. 1,2 Mio. Erwerbstätige [3]. .

In Algerien gibt es etwa 15 Mio. Dattelpalmen, die meisten davon in den Oasen. Sie liefern jährlich einen Ertrag von ca. 500.000 Tonnen Datteln unterschiedlicher Qualität. Die weichen, hochwertigen Sorten werden teilweise nach Europa exportiert, die harten, widerstandsfähigen Sorten werden auch in viele Länder Schwarzafrikas verkauft, die sich dort wegen ihrer Haltbarkeit im tropischen Klima großer Beliebtheit erfreuen.

Bodenschätze und Energie

Neben Eisen-, Kupfer-, Blei- und Zinkerzen werden Quecksilber und Phosphat abgebaut. Von größerer Bedeutung ist die Förderung von Erdöl (drittgrößtes Vorkommen Afrikas) und Erdgas in der Sahara. Zur Energieerzeugung wird statt Erdöl zunehmend das billigere Erdgas eingesetzt. Die Öleinnahmen sind teils in Prestigeobjekte investiert worden und teils der Oberschicht zugeflossen. Mit dem Rückgang der Öleinnahmen kam es zu einer Krise, da die Exporterlöse für die Rückzahlung von Auslandsschulden eingesetzt werden mussten.

Industrie und Handel

Die Schwerpunkte im industriellen Bereich liegen bei der Erdöl- und Erdgasverarbeitung sowie bei der Eisen- und Stahlindustrie und den darauf basierenden metallverarbeitenden Zweigen. Hinzu kommen die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, zum Beispiel eine Speiseöl-Raffinerie und eine Zuckerraffinerie in der Hafenstadt Oran, die Düngemittelproduktion und die Baustoffindustrie.

Ausgeführt wurden 2003 Waren im Wert von insgesamt 32 Mrd. US$, und zwar zu 97 % Rohöl, Erdgas und Erdölerzeugnisse und zu 2 % Halbwaren. Empfänger waren zu 23 % die USA , zu 17 % Italien, zu 11 % Spanien, zu 11 % Frankreich, zu 7 % die Niederlande und zu 1 % Deutschland. Importiert wurden 2003 Waren im Wert von insgesamt 17,7 Mrd. US$, und zwar zu 36 % Industriegüter, zu 35 % Produktionsgüter, zu 21 % Halbwaren, zu 20 % Nahrungsmittel, zu 5 % Rohwaren und zu je 1 % Landmaschinen und Schmierstoffe. Lieferanten waren zu 23 % Frankreich, zu 9 % Italien, zu 7 % Deutschland, zu 6 % die USA und zu 5 % Spanien.

Verkehr

Das Verkehrsnetz ist auf Nordalgerien konzentriert. Die Hafenstädte Algier, Annaba, Oran, Bejaia, Skikda und Arzew haben Anschluss an eine parallel zur Küste verlaufenden Eisenbahnlinie; insgesamt beläuft sich das Streckennetz der Eisenbahn auf knapp 4.300 km. Die Straßen (insgesamt 90.000 km, davon ist die Hälfte asphaltiert) gehen südlich des Atlasgebirges meist in Wüstenpisten über. Internationale Flughäfen gibt es in Algier und Oran. Der Tourismus ist, verglichen mit dem der Nachbarländer, noch wenig entwickelt. Für Algier wird ein 160 km/h schnelles S-Bahn-System geplant, das 2008 bis 2010 in Betrieb gehen soll. Dafür werden 64 vierteilige elektrische Triebzüge der Bauart FLIRT bei Stadler in der Schweiz bestellt.

Kultur

Die algerische Literatur ist stark vom arabischen Kulturerbe beeinflusst. Allerdings gibt es auch ein Kulturerbe der berberischen Minderheit. Viele berberische Autoren schreiben in französischer Sprache und Tamazight. Seit den 80er Jahren kam es verstärkt zu Auseinandersetzungen zwischen Berbern und der Zentralregierung, bei denen zahlreiche Menschen von der Gendarmerie umgebracht worden sind. Im Jahre 2001 beispielsweise wurden über 100 Menschen auf offener Straße erschossen. Im Zuge der 2004 angestrebten Parlamentswahlen machte die Regierung Bouteflika den Berbern schließlich Zugeständnisse (Berberisch an Schulen). Jedoch ist bis heute Berberisch keine offiziell anerkannte Amtssprache, was ein wesentlicher Unterschied zu einer Landessprache ist.

Sport

Bislang konnten vier algerische Sportler bei Olympischen Spielen eine Goldmedaille erreichen:

  1. Hassiba Boulmerka - (1992 - Leichtathletik, 1500 m, Frauen)
  2. Noureddine Morceli - (1996 - Leichtathletik, 1500 m, Männer)
  3. Hocine Soltani - (1996 - Boxen, Mittelgewicht 71-75 kg, Männer)
  4. Nouria Merah-Benida - (2000 - Leichtathletik, 1500 m, Frauen)

Der Kabyle Rabah Madjer war der erste Fußballspieler in Afrika, der die Champions League gewinnen konnte und zwar mit seinem portugiesischen Klub, dem FC Porto, 1987 gegen Bayern München im Finale in Wien. Legendär und einmalig ist immer noch sein Hackentrick-Tor gegen Jean-Marie Pfaff, den damaligen Torwart des FC Bayern München. Der dreimalige Weltfußballer Zinédine Zidane wurde als Sohn algerisch-kabylischer Einwanderer geboren, spielte allerdings unter französischer Flagge.

Siehe auch

Literatur

Quellen

  1. aidlr.org: Mission unter Moslems steht künftig unter Strafe vom 10. April 2006
  2. BAZ: Algerien will offenbar weiter aufrüsten 31. März 2007
  3. „Liberté“ Liberté, Algier, 28.082007
 Commons: Algerien – Bilder, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Algerien – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
 Wikimedia-Atlas: Algerien – geografische und historische Karten

Koordinaten: 27° 15' N, 3° 27' O