Melierdialog
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Melierdialog

Der Melierdialog ist eine Bezeichnung für eine berühmte Episode im Geschichtswerk Der Peloponnesische Krieg des griechischen Historikers Thukydides. Der Dialog zwischen Vertretern Athens und Melos gilt wie alle Dialoge gemäß dem Methodenkapitel (1,23) nicht als wörtliche, sondern je nach Interpretation als sinngemäße Wiedergabe oder Argumentation des Thukydides selbst.

Der Melierdialog (Buch V. Kap. 84-116) nimmt vom Umfang her einen sehr kleinen Teil des Werkes ein, seine Bedeutung ist jedoch immens, da in ihm sowohl die Triebfedern der Hegemonialpolitik des antiken Athens verdeutlicht werden, wie auch die Lage der "Drittstaaten". Es treten darin auch die durch den Krieg bedingte Verrohung und Verachtung für Sitten und Werte deutlich hervor, sowie die Grenzen der Macht, eben durch die darauf folgende Sizilienexpedition.

Inhaltsverzeichnis

Die Situation

Die Episode spielt im Jahr 416 v. Chr., im sechzehnten Jahr des Peloponnesischen Krieges. Die Athener waren mit 38 Trieren und 3.000 Hopliten – einer großen Übermacht – auf Melos gelandet, um diese militärisch unbedeutende Insel zu unterwerfen, die sich bis dahin als einzige Insel der Kykladen neutral verhalten und den Beitritt zum Attischen Bund verweigert hatte (da sie eine Kolonie Spartas war). Die athenischen Feldherren schickten Unterhändler in die Stadt, mit dem Ziel, die Melier von den Vorteilen einer freiwilligen Unterwerfung zu überzeugen. Die Aristokraten des oligarchisch regierten Melos empfangen die Gesandten unter Ausschluss der großen Masse der freien Bürger.

Die Regeln

Thukydides entwickelte den darauf folgenden Dialog in dem nicht vereinzelte große Reden gehalten werden, sondern auf jedes Argument sofort das Gegenargument folgt.

In den Konflikt gab es drei mögliche Lösungen:

Diese drei Lösungen wurden im Dialog nacheinander erörtert, die ersten zwei Punkte waren die von den Meliern vorgebrachten Argumente, darauf folgen die athenischen

Der Dialog

Die Tatsache, dass die melischen Oligarchen das Volk von diesen für alle existentiellen Verhandlungen ausschlossen, vertiefte die Antipathie der demokratischen Athener. Das erste Kriterium, die Gerechtigkeit, wurde von den Athenern ausgeschlossen: Recht könne nur zwischen gleich Starken gelten, bei ungleichen Kräfteverhältnissen tue der Starke was er könne, und erleide der Schwache was er müsse. Rechtliche Gesichtspunkte sollten daher keine Rolle spielen, sondern allein die Nützlichkeit.

Dem entgegneten die Melier, dass das Recht an sich auch für den Starken nützlich sei, da auch der Starke dereinst fallen und sich in der Position des Schwachen wiederfinden könne - ein Risiko, das die Athener nicht schreckte.

Die drei Handlungsmöglichkeiten wurden dann auf ihre jeweiligen Vor- und Nachteile für beide Seiten untersucht:

Nachdem auf diese Weise alle Handlungsmöglichkeiten auf ihre Vor- und Nachteile für beide Seiten untersucht waren, erklärten die Athener den Dialog für beendet und ermahnten die Melier, ihre Entscheidung nicht auf trügerische Hoffnungen zu gründen, sondern auf die Vernunft.

Das Ergebnis

Nach einer Beratung erklärten die melischen Oligarchen, dass sie ihre seit 700 Jahren bestehende Freiheit nicht aufgäben, sondern sich dem Beistand der Götter und der Spartaner anvertrauen und sich einer Unterwerfung widersetzen wollten.

Die Athener begannen daraufhin mit der Belagerung der Stadt, die nach einem halben Jahr durch Verrat endete. Die Athener richteten alle Männer aus Melos hin und verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei.

Thukydides setzte sein Werk mit der Sizilienexpedition der Athener fort, bei dem die Athener das Gegenteil von dem tun, zu dem sie die Melier ermahnt hatten, nämlich auf die Vernunft zu hören und nicht leichtsinnig auf Kriegsglück zu vertrauen.

Bedeutung

Die naturrechtlich anmutende Grundthese vom Recht des Stärkeren dient für Thukydides gleichzeitig als eine Offenlegung der Triebfedern der Machtpolitik, vor allem des Machterhalts. Der daraus gewonnene Schluss, nur durch Gewalt könne eine Hegemonialmacht sich vor ihren Feinden schützen, gipfelt in der Dialektik von Machtausübung und der daraus folgenden gleichzeitigen Vermehrung der Feinde. In kaum einem anderen Werk wurde das von Machtstreben bedingte Wesen des Menschen offener zu Tage gebracht als im Melierdialog.

Durch die von Thukydides vorgenommene Art und Weise der Darstellung der athener Motive, nämlich vollständig befreit von der üblichen Rhetorik über edle Moral und Gerechtigkeit, mit der Kriege oft begründet werden, sondern stattdessen völlig reduziert auf das nüchterne Kalkül der Machtausübung und des Machterhalts, legt er Wahrheiten offen, die auch heute noch so aktuell sind wie vor 2.400 Jahren. Allerdings dürfte er andere Faktoren, die das menschliche Handeln ebenfalls prägen, unterschätzt haben: aus heutiger Sicht müssen politischer und religiöser Fanatismus sicher als ebenso bedeutsame (und fatale) Momente gelten wie reine Machtpolitik.

Umstritten und vieldeutig ist die Frage, welche Meinung Thukydides selbst einnahm. Der Dialog ist in direkter Rede geschrieben, was zum einen eine Anleihe an das Drama und zum anderen eine Zurückhaltung des Autoren darstellt. Neben der Frage, wie das durch die Athener vertretene Naturrecht vom Autoren bewertet wird, findet die implizite Frage nach der Bewertung der mehr um den eigenen Machterhalt als um das Wohl der Bürger besorgten Oligarchen erst in jüngerer Zeit Beachtung in der Forschung.

Literatur

Übersetzungen

Sekundärliteratur

Siehe auch