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Franz von Papen

Franz Joseph Hermann Michael Maria von Papen, Erbsälzer zu Werl und Neuwerk (* 29. Oktober 1879 in Werl; † 2. Mai 1969 in Obersasbach) war ein deutscher Politiker (Zentrumspartei), 1932 Reichskanzler und 1933–1934 Vizekanzler im ersten Kabinett Hitler.

Papen gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Personen und wurde am 1. Oktober 1946 in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Leben im Kaiserreich (1879-1919)

Franz von Papen als Page am Kaiserlichen Hof in Berlin (1897).

Franz von Papen war das dritte von fünf Kindern einer alten katholischen Erbsälzerfamilie in Werl, die durch Salzgewinnung zu Reichtum und Adelstitel gekommen waren. Im Alter von elf Jahren schickten ihn seine Eltern auf seinen eigenen Wunsch hin auf eine Kadettenschule. Die Ausbildung dort legte den Grundstein für seine weitere militärische Karriere. Sie führte ihn über das Königliche Pagenkorps am Hof des Kaisers und das 5. Ulanen-Regiment in Düsseldorf bis in den Generalstab, dem er ab 1913 als Hauptmann angehörte. Dort machte er zahlreiche, für seine spätere Laufbahn entscheidende Bekanntschaften, so unter anderem mit Kurt von Schleicher. Außerdem gehörte Papen der Studentenverbindung KStV Rheno-Bavaria München an und erwarb er sich Ruhm als begeisterter und erfolgreicher Reitsportler.

1905 heiratete Papen Martha von Boch-Galhau (1880–1961), eine der Erbinnen der bekannten Keramikdynastie Villeroy & Boch. Sie brachte neben beträchtlichen Finanzmitteln auch ein Hofgut in Wallerfangen (Saar) in die Ehe ein, das seit 1905 als Gut Papen bekannt war, und das sich noch heute im Besitz der Familie befindet. Außerdem gewann Papen durch seine Frau für seinen späteren Werdegang entscheidende Kontakte zu rheinischen Industriekreisen.

Militärattaché in Washington (1913–1915)

Schließlich erhielt er einen diplomatischen Posten als Heeresattaché an der deutschen Botschaft in den USA, zuständig für die USA und Mexiko, den er vor allem den guten Beziehungen seines Vaters zum Kaiser zu verdanken hatte, mit dem dieser gemeinsam studiert hatte. In den USA lernte er zahlreiche Persönlichkeiten der politischen und halbpolitischen Szene kennen, die damals untergeordnete Führungspositionen bekleideten und später etwa zur selben Zeit wie er selbst in die obersten Staatspositionen aufrückten, so etwa Franklin Delano Roosevelt oder Douglas MacArthur, dem er während der Wirren der mexikanischen Revolution 1914 zur Flucht aus Veracruz verhalf. Während des Ersten Weltkriegs kam dem Doppelposten Washington, D. C.–Mexiko eine Bedeutung zu, der von Papen nicht gewachsen war.

Er sollte in den USA konspirativ tätig werden und eine deutschfreundliche Haltung in Mexiko bestärken. Gemeinsam mit Karl Boy-Ed und Heinrich Albert, den Attachés für Marine- bzw. Handelsangelegenheiten, baute von Papen einen Spionage- und Sabotagering in New York City auf. Diese Gruppe verteilte unter anderem gefälschte Pässe neutraler Staaten an deutsche Heeresreservisten, die in den Vereinigten Staaten weilten, um diesen die Einreise nach Deutschland durch die britische Seeblockade hindurch zu ermöglichen. Sie versorgten deutsche Schiffe im Pazifik von San Francisco aus mit Versorgungsgütern und meldeten die Abfahrtzeiten und Ladung US-amerikanischer Schiffe nach Berlin. In amerikanischen Zeitungen ließ von Papen Annoncen drucken, die im Namen der deutschen Botschaft amerikanische Staatsbürger ausdrücklich vor der Reise auf britischen Schiffen warnten. In letzterer Sache wurde von Papen in Zusammenhang mit der Versenkung der RMS Lusitania gebracht.

Die von ihm gegründete Scheinfirma „Bridgeport Projectile Company“ in Connecticut hatte die Aufgabe, die Produktionskapazitäten jener amerikanischen Industriebetriebe, die für den europäischen Kriegsschauplatz verwendungsfähige Güter fabrizierten, mit „Privataufträgen“ derart zu überlasten, dass keine Kapazitäten mehr frei sein sollten, um für die Entente-Staaten Waffen, Munition und ähnliche kriegsrelevante Güter herzustellen. So versuchte er etwa, sämtliche Toluol-Ressourcen in den USA aufzukaufen, um so die TNT-Produktion in Amerika unmöglich zu machen.

Den Vorwurf, er sei für die Planung der 1916 erfolgten Sprengung von Black Tom Island, dem wichtigsten Umschlagsplatz für Munitionsgüter aus den Vereinigten Staaten nach Europa, verantwortlich gewesen, bestritt von Papen sein Leben lang energisch, so noch zu Beginn der fünfziger Jahre in einem Leserbrief an das Time-Magazine.

Insgesamt unterliefen ihm bei seiner Arbeit, die ihn unter anderem nach Mexiko selbst führte, so viele Missgeschicke, dass er im Januar 1916 des Landes verwiesen wurde. Bei seiner Heimreise konnte er dank eines Diplomatenpasses die britische Seeblockade mit freiem Geleit passieren und so deutschen Boden erreichen. Papens naiver Glaube, dass die diplomatische Immunität seiner Person auch für sein Gepäck gelten würde, erfüllte sich jedoch nicht: Während seiner Kontrolle durch die britische Marine nahm man ihm sämtlichen Unterlagen, die er mit sich führte, ab. Das Ergebnis dieser Unachtsamkeit war, dass die Briten in den Besitz umfangreicher Geheiminformationen kamen und durch Quittungen, Rechnungsbücher und ähnliche Daten zahlreiche Angehörige von Papens amerikanischer Agentengruppe identifizieren konnten, was eine Reihe von Verhaftungen nach sich zog.

Kriegsteilnahme

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde von Papen von Kaiser Wilhelm II. mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und dann dem Deutschen Heer zur Verfügung gestellt. Im Ersten Weltkrieg diente er zunächst als Bataillonskommandeur an der Westfront. Später war er Generalstabsoffizier im Nahen Osten, danach Major in der osmanischen Armee in Palästina. Während seiner dortigen Tätigkeit im Stab von Erich von Falkenhayn lernte er Joachim von Ribbentrop kennen, eine Bekanntschaft, die für die politischen Vorgänge in Deutschland Anfang 1933 noch große Bedeutung haben sollte. Erst durch Ribbentrops Fürsprache bei Adolf Hitler zugunsten von Papens gelang es, dessen zunächst feindselige Haltung gegenüber dem reaktionären katholischen Aristokraten auszuräumen und ihn einem Zweckbündnis gewogen zu machen. Auf der Heimfahrt nach Deutschland machte von Papen eine weitere wichtige Bekanntschaft, die mit Paul von Hindenburg.

Leben in der Weimarer Republik

Nach der deutschen Niederlage nahm von Papen im Frühjahr 1919 als Oberstleutnant seinen Abschied aus dem Deutschen Heer. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie in Deutschland wurde er Zeit seines Lebens nicht fertig und daher wollte er nicht in einer republikanischen Armee dienen. Franz von Papen ließ sich im selben Jahr in Dülmen im Münsterland nieder und bewohnte bis zum Jahr 1930 das Haus Merfeld. Er fing an, politisch tätig zu werden, und war zunächst von 1921 bis 1928 für den Wahlkreis Westfalen-Nord Mitglied des Preußischen Landtags. Dort vertrat er als Vorstandsmitglied des Westfälischen Bauernvereins und weiterer landwirtschaftlicher Verbände die agrarischen Interessen seines Wahlkreises und den monarchistischen Flügel der katholischen Zentrumspartei. Im Landtagswahlkampf 1924 engagierte sich von Papen gegen die aus Zentrum, SPD, DDP und DVP bestehende große Koalition in Preußen. Er forderte statt dessen die Bildung einer „Bürgerblockregierung“, also das Ersetzen der SPD durch die DNVP. Sein spektakuläres Auftreten bei der Behandlung mehrerer Misstrauensanträge gegen Ministerpräsident Otto Braun (SPD) erregte in der Presse allgemeines Aufsehen. Weiterhin versagte von Papen bei der Reichspräsidentenwahl 1925 dem Kandidaten seiner eigenen Partei, Wilhelm Marx, die Unterstützung und trat stattdessen öffentlich für die Wahl Paul von Hindenburgs ein, was dieser ihm nie vergaß. Das Zentrum wollte ihn daraufhin ausschließen, jedoch hatte von Papen im Sommer 1924 ein bedeutendes Aktienpaket der Parteizeitung „Germania“ erworben und wurde im folgenden Jahr zu deren Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt, wodurch er über einen publizistischen Sperrriegel verfügte. In der Zeit zwischen 1928 und 1930 konzentrierte von Papen seine politische Tätigkeit auf verschiedene konservative Organisationen, wie zum Beispiel den Deutschen Herrenklub. 1930 siedelte er auf den Besitz seiner Schwiegereltern nach Wallerfangen an der Saar über. Im gleichen Jahr zog er wieder in den Preußischen Landtag ein, dem er bis zum 24. April 1932 als Abgeordneter angehörte. In dieser Funktion forderte er weiterhin das Ende der großen Koalition in Preußen und ein Bündnis zwischen Zentrum und DNVP.

Pläne für ein antikommunistisches Bündnis

Von Papen war ein enger Freund des für seine antisowjetischen Pläne bekannten Industriellen Arnold Rechberg. Am 31. Juli 1927 schrieb Papen an den Zentrumspolitiker und Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank Hans Graf von Praschma:

„[Es] scheint mir eins das Vordringlichste der europäischen Politik: Die Beseitigung des bolschewistischen Brandherdes“[1]

In einem Antwortbrief vom 12. August 1927 stimmte Praschma dem ausrücklich zu.[2] Am 10. Juni 1932, zehn Tage nachdem von Papen Reichskanzler geworden war, hielt er im Deutschen Herrenklub, dem unter anderem 100 führende Industrielle und Bankiers, 62 Großgrundbesitzer und 94 ehemalige Minister angehörten, im Beisein der Naziführer Göring, Röhm und Goebbels, eine Rede, in der er sein Projekt einer gegen die Sowjetunion gerichteten deutsch-französischen Koalition vorstellte und er rief dazu auf, dass sich alle Staaten unter der Parole „Tod dem Bolschewismus“ zusammentun sollten. In mehreren Gesprächen mit französischen Politikern unterbreitete von Papen sein antisowjetisches Bündnisangebot. Seine Pläne scheiterten jedoch und die sowjetische Regierung wurde von französischer Seite über von Papens Aktivitäten informiert.[3]

Zeit als Reichskanzler

Am 1. Juni 1932 wurde von Papen auf Betreiben seines alten Freundes Kurt von Schleicher durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und als Nachfolger von Heinrich Brüning zum Reichskanzler ernannt. Die Ernennung löste in der deutschen Öffentlichkeit, in der Papen damals weitgehend unbekannt war, zunächst Verblüffung aus. Über die Motive Schleichers, Papen vorzuschlagen, sind seither umfangreiche historische Betrachtungen angestellt worden. Schleichers Freund Werner von Rheinbaben fasste Schleichers angebliche Beweggründe 1965 auf die folgende Weise zusammen: "(Die Überlegungen) gingen dahin, einen Mann zum Kanzler vorzuschlagen, der drei Bedingungen erfüllte: Er musste Hindenburg liegen, d.h. ihm nach Herkunft und Denkart genehm sein, denn nur ein solcher Kanzler konnte bei der einfachen Denkungsart des selbstbewusst gewordenen Reichspräsidenten hinfort hoffen, seine Unterschrift unter die immer inhaltsreicher werdenden Vorlagen aufgrund des Artikels 48 der Verfassung zu erhalten. Nach Schleichers Illusion sollte der neue Mann ferner die Voraussetzung einer Unterstützung durch die Nazis erfüllen. Drittens sollte er geeignet sein, in enger Fühlung mit ihm, d.h. also nach Schleicher’schen Ideen, zu regieren."[4]

Papen bildete nach seiner Ernennung das so genannte „Kabinett der Barone“, das überwiegend aus parteilosen Fachministern bestand, von denen aber manche der DNVP nahe standen. Seinem Ausschluss aus der Zentrumspartei kam er zuvor, indem er am 3. Juni 1932 austrat. Am 4. Juni 1932 löste Paul von Hindenburg den Reichstag auf, schrieb Neuwahlen aus und hob am 16. Juni 1932 das unter Brüning verhängte Verbot der SA und der SS auf. Die von Hitler für beide „Vorleistungen“ in Aussicht gestellte Tolerierung des neuen Minderheitskabinetts kam aber nicht zustande. Auf der Konferenz von Lausanne vom 16. Juni 1932 bis 9. Juli 1932 erreichte von Papen das weitgehende Ende der durch den Versailler Vertrag auferlegten Reparationen.

Bei den preußischen Landtagswahlen vom 24. April 1932 verloren die seit 1920 regierenden Parteien der Regierungskoalition (bestehend aus SPD, DStP und Zentrum) ihre parlamentarische Mehrheit – andere Koalitionsbildungen waren nicht möglich. Man nutzte notgedrungen die in anderen deutschen Ländern bereits angewandte Lösung: Die alte Landesregierung wurde als „geschäftsführendes“ Gremium beibehalten. Franz von Papen wollte für Preußen eine Koalition von Mitte und Rechts, weshalb er Gespräche über ein mögliches Zusammenwirken von NSDAP, Deutschnationalen und Zentrum initiierte – diese scheiterten jedoch wegen des Totalitätsanspruches der NSDAP. Daraufhin visierte von Papen Möglichkeiten an: die erste bestand in der Durchführung einer schon länger debattierten Reichsreform, die den Freistaat Preußen auflösen würde. Weil dieser Weg allerdings erst mittelfristig zum Ziel führen würde, wählte von Papen die Alternative, die Reichswehr in Preußen einzusetzen, sich selbst zum Reichskommissar berufen zu lassen und so das größte deutsche Land unter seine Kontrolle zu bringen. Reichspräsident Hindenburg unterzeichnete am 14. Juli 1932 eine Notverordnung, die von Papen als Reichskommissar für Preußen einsetzte und ihn bevollmächtigte, die amtierende preußische Regierung abzusetzen, weil die „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ in Preußen gefährdet sei und wiederhergestellt werden müsse. Ein Datum setzte Hindenburg nicht ein – Papen konnte die Notverordnung zu einem ihm geeignet erscheinenden Zeitpunkt in Kraft setzen. Papen wählte den 20. Juli 1932 als Tag der Inkraftsetzung. Als Vorwand dienten die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen des Altonaer Blutsonntags vom 17. Juli 1932. Die Absetzung der amtierenden Landesregierung wird als „Preußenschlag“ bezeichnet. Die Regierung stützte sich dabei auf das verfassungsmäßige Instrument einer "Reichsexekution", wie sie zuvor bereits unter Reichspräsident Friedrich Ebert gegen Sachsen und Thüringen durchgeführt worden war.

Wie in Preußen hatte auch im Reich die Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 den radikalen Parteien NSDAP und KPD mehr Mandate verschafft als allen anderen Parteien zusammen. Als Vertreter der stärksten Partei wurde Hermann Göring auch von der demokratischen Mitte zum Reichstagspräsidenten gewählt. Als der neugewählte Reichstag am 12. September zusammentrat und von Papen seine Regierungserklärung abgeben wollte, beantragte die KPD die Änderung der Tagesordnung und die sofortige Aussprache des Misstrauens gegen die Regierung. Reichstagspräsident Hermann Göring „übersah“ geflissentlich die Wortmeldung des Reichskanzlers und ließ über den Antrag der KPD abstimmen, der schließlich eine überwältigende Mehrheit fand. Die Abstimmung war jedoch ungültig, weil von Papen während derselben die Auflösungsorder des Reichspräsidenten auf Görings Pult gelegt hatte und somit Neuwahlen auszuschreiben waren. Das politische Signal erwies sich jedoch als verheerend für die Reputation der Regierung, stimmten doch 9/10 aller Abgeordneten gegen sie (560:42).

Die Reichstagswahlen vom 6. November 1932 brachten schwere Verluste für die NSDAP, aber Gewinne für die DNVP, die einzige größere Partei, die den Reichskanzler unterstützte. Aber auch die KPD konnte zulegen, die beiden radikalen Parteien behielten ihre Sperrmajorität. Der Reichstag war somit weiterhin lahmgelegt. Daraufhin schlug von Papen dem Reichspräsidenten bei einer Besprechung am 2. Dezember 1932 einen Staatsstreich vor. Er wollte sein im Sommer in Preußen angewandtes Vorgehen nun im Reich wiederholen und mit Hilfe einer Notverordnung und der Reichswehr gegen Nationalsozialisten und Kommunisten vorgehen. Der Reichstag sollte für ein halbes Jahr ausgeschaltet, die Verfassung im autoritären, monarchischen Sinne geändert und das Reich aufgrund der Vollmachten des Reichspräsidenten regiert werden. Paul von Hindenburg stimmte dem Plan zunächst zu, doch hatte bereits Reichswehrminister Kurt von Schleicher das Reichskabinett überzeugt, solchen Plänen entschieden abzuschwören und stattdessen auf eine Spaltung der NSDAP zu setzen. Einem solchen Plan neigte Hindenburg eher zu, was von Papen von seinem einstigen Freund und Förderer nicht erwartet hatte. Der Reichspräsident ließ schließlich seinen „Lieblingskanzler“ am 1. Dezember 1932 fallen und durch Kurt von Schleicher ersetzen. Andernfalls hätte er mit von Papen eine Kabinettsumbildung, insbesondere an der Spitze des Reichswehrministeriums, vornehmen müssen, was er wohl aufgrund seines hohen Alters und einer gewissen Lethargie unterließ.

Während seiner gesamten Amtszeit regierte von Papen mit den Notverordnungen des Reichspräsidenten und war – Kennzeichen jedes Präsidialkabinetts – von seinem Einverständnis abhängig. Die von seinem Kabinett auf den Weg gebrachte Wirtschaftspolitik der Initialzündung, die ein bescheidenes Arbeitsbeschaffungsprogramm in Gang gebracht hatte und einen ersten Ausweg aus der Krise wies, führte zu einem beginnenden Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Die Pläne zum verstärkten Autobahnbau und zur Schaffung einer Wehrpflichtarmee mussten aber vorerst in der Schublade verweilen, da deren Umsetzung bis zum Dezember 1932 aufgrund von Beschränkungen des Versailler Vertrages nicht möglich war. Später griff Hitler auf diese Pläne zurück.

Siehe auch: Kabinett Papen

Das „Dritte Reich“ (1933-1945)

Am 4. Januar 1933 traf sich von Papen insgeheim mit Adolf Hitler im Haus des Bankiers Kurt Freiherr von Schröder, um über die Regierungsbeteiligung der NSDAP zu beraten. An einem späteren Treffen am 22. Januar nahmen auch Staatssekretär Otto Meißner und Oskar von Hindenburg teil. Allen drei Vertrauten Paul von Hindenburgs wird zugeschrieben, dass sie in den letzten Januartagen den Reichspräsidenten zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler überzeugten. Von Papens Plan war es, Hitler „einzurahmen“, ihn und seine Stimmen zu kaufen und in Wirklichkeit selbst die Macht auszuüben. Er soll dazu geäußert haben: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!“

Bereits im Februar 1933 entmachtete sich Papen weitgehend selbst, indem er Hindenburg dazu bewog, nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar die ihm von Hitler vorgelegte "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" zu unterzeichnen, die Hitler in Kombination mit dem Ermächtigungsgesetz vom März eine quasi diktatorische Stellung verlieh, die dieser voll ausnutzen konnte. Hindenburgs eigene Position, die Position des Reichspräsidenten, dessen Vertrauen letztlich Papens einzige wirkliche Machtgrundlage war, wurde dadurch erheblich geschwächt.

Nachdem von Papen im Wahlkampf der Monate Februar bis März gemeinsam mit Franz Seldte und Alfred Hugenberg auf einer "schwarz-rot-weißen" Einheitsliste als einer von drei zentralen Vertretern des konservativen Flügels der neuen Regierung aufgetreten war, wurde er immer weiter zurückgedrängt und mit zeremoniellen Aufgaben betraut. Im Juli 1933 schloss er als Bevollmächtigter der Reichsregierung das bis heute gültige sogenannte "Reichskonkordat" ab, das das Verhältnis des deutschen Staates zur katholischen Kirche regelt.

Von Papen war vom 30. Januar 1933 bis zum 7. August 1934 Vizekanzler im Kabinett Hitler. Im Zusammenhang mit dem nahenden Tod Hindenburgs bemühte er sich vergebens um ein Testament aus dessen Hand, in dem öffentlich die Wiederherstellung der Monarchie empfohlen werden sollte. In der berühmt gewordenen Marburger Rede, mahnte er: „Deutschland darf kein Zug ins Blaue werden!“ Während des sogenannten "Röhm-Putsches", einer politischen Säuberungswelle, in deren Zuge Hitler, Göring und die Führer von SS und Gestapo, Himmler und Heydrich, in den Tagen vom 30. Juni bis zum 2. Juli die Führung der SA entmachteten und zahlreiche innenpolitische Gegner ausschalteten, wurde von Papen auf Befehl Görings unter Hausarrest gestellt. Die Ermordung seiner engen Mitarbeiter Herbert von Bose und Edgar Julius Jung, der die Marburger Rede verfasst hatte, hinderte ihn in der Folge nicht daran, nach der Niederlegung des Amtes des Vizekanzlers im Juli seine Zusammenarbeit mit dem Regime fortzusetzen und noch im selben Monat als Sondergesandter Hitlers nach Wien zu gehen, um dort die diplomatischen Wogen zu glätten, die nach der Ermordung des österreichischen Kanzlers Engelbert Dollfuß durch Angehörige des österreichischen Zweiges der NS-Partei entstanden waren.

1936 wurde von Papen zum Botschafter ernannt und bereitete den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vor. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 endete seine Tätigkeit in dem Alpenstaat, der nun als "Ostmark" eine Provinz des Reiches geworden war. Die Ermordung seines Freundes und Mitarbeiters Wilhelm Freiherr von Ketteler durch die Gestapo, unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Armeen, hinderte Papen nicht daran, das ihm für seine "Verdienste" um den "Anschluss" verliehene Goldene Parteiabzeichen der NSDAP anzunehmen. Danach ging er kurzzeitig in den Ruhestand. 1939 wurde er Botschafter in Ankara und erreichte den Abschluss eines deutsch-türkischen Freundschaftsvertrags am 18. Juni 1940. Am 24. Februar 1942 überlebte von Papen ein von zwei sowjetischen Geheimagenten verübtes Attentat. Die diplomatischen Beziehungen brach die Türkei erst 1944 ab. Daraufhin erwog die deutsche Regierung, ob sie von Papen als Botschafter zum Heiligen Stuhl schicken sollte. Der Bischof von Berlin, Konrad von Preysing, verhinderte dies. Aus Hitlers Händen nahm Papen im August 1944, nach seiner Rückkehr aus der Türkei, wiederum überrascht das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz für seine angeblichen diplomatischen Erfolge in der Türkei entgegen. Seinen vorgeblichen Versuchen, enge Freunde und Mitarbeiter, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet worden waren, vor dem Tode zu bewahren, war weniger Erfolg beschieden.

Nach dieser letzten Begegnung mit Hitler im August 1944 geriet von Papen in den Strudel der militärischen Niederlage. Vor den anrückenden Alliierten floh er aus Wallerfangen nach Stockhausen bei Meschede, wo seine Tochter lebte. Er stand in dieser Periode unter Gestapo-Beobachtung. Am 9. April 1945 wurde Franz von Papen in einer Jagdhütte von einer amerikanischen Streife festgenommen.

Nachkriegszeit und Lebensabend (1945-1969)

Noch 1945 wurde ihm die 1933 verliehene Ehrenbürger-Würde seiner Heimatstadt Werl aberkannt. 1946 wurde er im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher freigesprochen, anschließend im sogenannten Spruchkammerverfahren (Entnazifizierung) zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Kurz danach wurde ihm 1949 die Amnestie eingeräumt. Ab 1949 bewohnte er für einige Jahre das Schloss Benzenhofen in der oberschwäbischen Gemeinde Berg und versuchte erfolglos, seine politische Karriere weiterzuführen. In den Jahren nach der Amnestie schrieb von Papen unter anderem an seiner Autobiographie Der Wahrheit eine Gasse, bevor er 1969 in Obersasbach (Baden-Württemberg) verstarb.

Bewertung durch Zeitgenossen und Nachwelt

Kurt von Schleicher wollte nach der Bildung der „Regierung Papen“ im Mai 1932, wie er Journalisten gegenüber äußerte, in dem neuen Kanzler nichts weiter sehen, als „einen Hut“ den er selbst, Schleicher, als der wahre Kopf der Regierung, sich aufs Haupt setzen würde. Diese Einschätzung erwies sich indessen noch im selben Jahr als eine kapitale politische Fehlkalkulation: So gelang es „Fränzchen“, wie Schleicher Papen im Privaten spöttisch nannte, nicht nur sich aus dessen Kontrolle zu entwinden und einen eigenen, den schleicherschen Plänen zuwiderlaufenden Kurs einzuschlagen. Sondern er schaffte es auch, Schleicher in der Gunst des greisen Hindenburg den Rang abzulaufen.

Hitler sah Papen zunächst als Rivalen um die Macht. Nachdem er ausgeschaltet worden war, zollte er ihm Anerkennung: So erblickte er 1942 sein großes „Verdienst“ darin, dass dieser 1932 durch die Absetzung der preußischen Landesregierung „den Einbruch in die heilige Verfassung vollzogen“ und so den ersten Schritt zur Beseitigung des „Weimarer Systems“ getan habe.[5] Hindenburg, der - nach den Worten Sebastian Haffners - in Papen, „spät im Leben“ sein „Männlichkeitsideal“ gefunden haben solle[6], brachte seine enge Verbundenheit mit Papen zum Ausdruck, als er diesem im Dezember 1932 ein Bild von sich mit der Widmung „Ich hatt' einen Kameraden“ schickte. Hitler behauptete später, Hindenburg habe Papen zwar „ganz gern“ gehabt, in ihm aber auch „eine Art Windhund“ gesehen.[7] Der ehemalige Wirtschaftsminister Hans von Raumer äußerte 1963, dass Papen die „Serenissimustaktik“, mit der die Männer um den Reichspräsidenten auf diesen eingewirkt hätten, am besten beherrsche und so einen unheilvollen Einfluss auf den „Ersatzmonarchen“ gewonnen habe. Papen müsse deswegen als der „Hauptschuldige“ für die fatalen Entscheidungen des Staatsoberhauptes angesehen werden.[8] Konrad Adenauer äußerte sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einer Bekannten gegenüber in ähnlicher Weise. Er schrieb, er habe in Papen schon in den 1920er Jahren einen Konjunkturritter gesehen, der in unverantwortlicher Weise alles dem Ziel untergeordnet habe, eine persönliche Rolle zu spielen.[9] Der Journalist Alfred Polgar fällte in den späten 1930er Jahren in einer Glosse unter dem Titel "Der Herrenreiter" ein vernichtendes Urteil über Papen, dessen "Charakterlosigkeitsbild in der Geschicht" feststehen würde, denn: „Fundamentalsatz seiner sämtlichen Gesinnung ist: keine zu haben. Sein persönliches politisches Credo lautet: um jeden Preis oben bleiben. Sein Wahlspruch: ich dien’...egal wem.“[10]

In der außerdeutschen Presse und Literatur bestand in den 1930er und 1940er Jahren zunächst eine Tendenz zur Dämonisierung Papens. Beinahe leitmotivisch war die Charakterisierung Papens als „Meisterspion“ und als „skrupellosem Intriganten“. Das amerikanische Time Magazine kennzeichnete ihn 1941 beispielsweise als einen eleganten Diplomaten, der in allem ein „preußisches Abbild“ des damaligen britischen Außenministers Anthony Eden sei - „mit Ausnahme seiner [fehlenden] Integrität“.[11] Der Ungar Tibor Kövès betitelte seine im selben Jahr erschiene Papenbiografie dem gleichen Gedanken verpflichtet Satan in Top Hat.

Die historische Forschung malt in ihrer Mehrheit ein ausgesprochen negatives Bild von der Person und dem Wirken Franz von Papens. Geflügelte Worte, die beinahe formelhaft benutzt werden, wenn von ihm die Rede ist, sind zwei Spottnamen, die ihn als „Herrenreiter“ und als „Hitlers Steigbügelhalter“ benennen. Die darin enthaltene Schuldzuweisung, Papen sei ein Hauptverantwortlicher dafür, dass Hitler den letzten Schritt zur Macht gehen konnte, wird bis heute von einer großen Zahl von Historikern vertreten. Papen-Biograph Joachim Petzold nennt ihn gleich im Untertitel Ein deutsches Verhängnis.[12]

Demgegenüber geht die jüngere Forschung etwas milder mit ihm ins Gericht: Sie sieht in ihm vor allem einen kurzsichtigen Reaktionär und einen politischen Dilettanten. So wurde etwa die These aufgestellt, dass die zahlreichen diplomatischen Ungeschicklichkeiten, die dem unerfahrenen Papen bei den Reparationsverhandlungen in Lausanne unterliefen, eine Einigung überhaupt erst möglich machten, weil sie die deutsche Verhandlungsposition schwächten.[13] Mit dem Amerikanern Henry M. Adams und Robin K. Adams fand Papen sogar zwei leidenschaftliche Verteidiger, die in ihm einen „rebellischen Patrioten“ sehen wollen.[14] Friedrich-Karl von Plewhe sieht in Papen zwar eine Unglücksfigur und kritisiert ihn nachdrücklich für sein Verhalten im Dezember 1932/Januar 1933, sowie für seine verfehlte Politik als Kanzler im Sommer und Herbst 1932, wendet sich aber gegen den leitmotivischen Gebrauch des Etiketts Herrenreiter, das er als willkürlich und ungerecht erachtet.[15]

Kirchliche Ehren

Franz von Papen war Mitglied des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem und Ritter des Malteserordens.

1923 ernannte ihn Papst Pius XI. zum päpstlichen Geheimkämmerer. Diese Ernennung wurde ihm 1939 von Papst Pius XII. aberkannt, 1959 wiederholte Papst Johannes XXIII. aber die Ernennung. Der Papst war in Ankara mit von Papen befreundet.

Schriften

Literatur

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Schumann, Ludwig Nestler (Hrsg.): Weltherrschaft im Visier, Dokumente zu den Europa- und Weltherrschaftsplänen des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis Mai 1945. Berlin 1975, S. 203
  2. Ebenda, S. 207
  3. Günter Rosenfeld: Sowjetunion und Deutschland 1922–1933. Berlin 1984, S. 450
  4. Werner von Rheinbaben: Erlebte Zeitgeschichte, 1965, S.40. An gleicher Stelle erwähnt Rheinbaben, dass Schleichers Wahl erst auf Papen gefallen sei, nachdem der Graft Westarp sich dem Kanzlerposten verweigert hatte.
  5. Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Tischgespräch vom 18. Januar 1942.
  6. Sebastian Haffner: Historische Variationen.
  7. Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Tischgespräch vom 18. Januar 1942.
  8. Brief Raumers an Werner von Rheinbaben vom 9. Februar 1963, Nachlass Rheinbaben, BAK, Nachlass Rheinbaben Akte 1.
  9. Kurt Petzold: Franz von Papen.
  10. Marcel Reich-Ranicki: Alfred Polgar. Gesammelte Werke, Bd. 1 Musterung, S. 180. Weiter heisst es: „Es fehlt ihm nichts als die Persönlichkeit, das Format, das Geschick, die Klugheit und das Talent, um ein kleiner Fouché zu sein, an dessen Maske übrigens das schmale, nervös witternde Fuchsgesicht des Herrn von Papen ein wenig erinnert.“
  11. Time Magazine vom 20. Oktober 1941, Artikel: It Should not Happen to a Papen.
  12. Joachim Petzold: Franz von Papen. Ein deutsches Verhängnis,München 1995.
  13. Philipp Heyde, Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929 – 1932, Schöningh, Paderborn 1998, S. 429f
  14. Henry M. Adams/ Robin K. Adams: Rebel Patriot. A Biography of Franz von Papen, Santa Barbara 1987.
  15. Friedrich-Karl von Plewhe: Reichskanzler Kurt von Schleicher. Weimars letzte Chance gegen Hitler, 1983.
Personendaten
Papen, Franz von
Papen, Franz Joseph Hermann Michael Maria von
deutscher Politiker (Zentrumspartei) und Reichskanzler der Weimarer Republik
29. Oktober 1879
Werl
2. Mai 1969
Sasbach (Ortenau)