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Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra

Die Bewegung der Landarbeiter ohne Boden (portugiesisch Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra), häufig kurz Bewegung der Landlosen (Movimento dos Sem Terra), abgekürzt MST, ist eine Massenbewegung in Brasilien, welche sich für eine radikale Landreform einsetzt und darüber hinaus auch soziale und politische Forderungen stellt. Die Bewegung erhielt 1991 den Alternativen Nobelpreis.

Ursache ist die extrem ungleiche Landverteilung in Brasilien, wo etwa 10 % der Bevölkerung rund 80 % des Landes besitzen. So gehören 20 Großgrundbesitzern 20 Millionen Hektar Land, während 3,3 Millionen Kleinbauern zusammen ebensoviel Land gehört. Von den Böden, die Großgrundbesitzern oder Konzernen gehören, sind etwa die Hälfte ungenutzt. Häufig sind sie nur Spekulationsobjekte.

Zwar ist die Landfrage oder questão agrária in Brasilien kein neues Thema, und es hat in der Geschichte schon mehrere Landlosenbewegungen gegeben. Diese wurden jedoch entweder vom Militär unterdrückt oder durch Abwanderung der Landlosen nach Amazonien gelöst.

Als Landlose gelten für die MST folgende Gruppen:

Die Vorläufer der MST entstanden in den 1970er Jahren im Süden Brasiliens, wo in dieser Zeit infolge von Modernisierungsmaßnahmen einerseits viele agroindustrielle Großbetriebe für Exportprodukte entstanden sind, andererseits viele Landarbeiter durch die Mechanisierung ihre Arbeit verloren haben. Ihre Anhänger und Mitglieder sehen sich somit als Verlierer der Modernisierung.

Da die anderen Organisationen mit ähnlichen Zielen zu wenig revolutionär und mit der Regierung zu konformistisch waren, erhielt die MST einen starken Zulauf. Sie stieg in der Folge zu einer gesamtgesellschaftlich relevanten sozialen Bewegung in Brasilien auf, die den Anspruch erhebt, die Gesellschaft insgesamt verändern zu wollen. Dabei orientiert sie sich an kollektiven Aktionsformen und Lösungen (zum Beispiel Genossenschaften), will die Bedeutung der Arbeit über die des Kapitals stellen und kämpft für soziale Gerechtigkeit und gegen die Diskriminierung der Frauen. Ihre Aktionen folgen dem Prinzip der Gewaltlosigkeit, motiviert durch den christlichen (meist katholischen) Glauben. Die Ideale der Landlosenbewegung sind denen der Befreiungstheologie nahe.

Formell wurde die MST 1984 in der Stadt Cascavel (Bundesstaat Paraná) gegründet. Dies wurde durch die Demokratisierung nach der 20 Jahre dauernden Militärdiktatur möglich: Während der Regierungszeit des Präsidenten José Sarney sabotierten die Großgrundbesitzer die Pläne zur Agrarreform mit Hilfe bewaffneter Milizen. Als Gegenbewegung organisierten sich die Landlosen mit Hilfe der Kirche (CPT).

Popularität verschafft sich die MST vor allem auch durch Aktionismus. Dazu gehören

Daneben spielten die teils blutigen Repressionen des Militärs, der Regierung oder privater Milizen eine wichtige Rolle dabei, der MST zusätzlich Zulauf zu verschaffen. So gab es 1996 in Eldorado de Carajás ein Massaker, bei dem 19 MST-Aktivisten ums Leben kamen.

Bis Ende der 1990er Jahre konnte die MST für ca. 350.000 Familien Land erkämpfen. Verglichen mit den geschätzten 4,5 Millionen landlosen Familien ist dies jedoch eher wenig. Mitte der 2000er Jahre ist die MST in 23 der 26 Bundesstaaten Brasiliens aktiv und betreut rund 1,5 Millionen Landlose.

Unter der gegenwärtigen Regierung von Luiz Inácio Lula da Silva, zu dessen Partei PT (Partido dos Trabalhadores, Arbeiterpartei) einige der Mitglieder gehören, sind die Chancen auf eine Bodenreform groß wie nie. Trotzdem will sich die MST nicht in eine politische Partei verwandeln. Ihre jungen und radikalen Führer lassen sich auch nicht ihren Aktivismus nehmen.

Literatur

Siehe auch