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Nihilismus

Der Begriff Nihilismus (lat. nihil „nichts“) bezeichnet allgemein eine Orientierung, die auf der Verneinung jeglicher Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung basiert. Er wurde in der abendländischen Geschichte auch polemisch verwendet, so etwa für die Ablehnung von Kirche und Religion.

Umgangssprachlich bedeutet Nihilismus die Verneinung aller positiven Ansätze und Ideale sowie die Ablehnung aller Regeln.

Inhaltsverzeichnis

Philosophie

Im philosophischen Sinn bezeichnet Nihilismus Lehren, die entweder die Existenz einer Wirklichkeit (metaphysischer Nihilismus), die Geltung eines Sittengesetzes (ethischer Nihilismus), oder den Bestand irgend einer Wahrheit (logischer Nihilismus) verneinen. In der modernen Philosophie wird der Begriff Nihilismus aufgrund der Mehrdeutigkeit und des diffamierenden Beigeschmacks wenig verwendet. Seine unterschiedlichen Bedeutungen im Verlauf der Geistesgeschichte lassen sich auch in folgender Weise festmachen an dem, was verneint wird:

Im ersten und zweiten Fall verneinen Nihilisten, dass irgendeine Religion, Weltanschauung, philosophische oder politische Lehre den richtigen Weg zu leben weisen kann und lehnen daher jede Form von Engagement ab. Da ein Leben ohne Handeln nicht möglich ist, stehen sie dann vor dem Problem, ihre nach eigener Einschätzung sinnlose Lebensspanne bis zum Tod irgendwie zu gestalten und können so zu Hedonismus, Egoismus oder Verwahrlosung tendieren. Im dritten Fall handelt es sich um erkenntnistheoretischen Skeptizismus, im vierten Fall um Amoralismus.

Manche konservativ-christlichen Strömungen werfen ihren Gegnern Nihilismus vor, da sie sich nicht an der Religion orientierten, die allein aber die letzten Begründungen für Sinnhaftigkeit liefern könne. Säkulare Strömungen bestreiten dies wiederum (siehe Metaphysik). Auch dem Buddhismus wurde oft vorgeworfen, er sei eine nihilistische Lehre. Dies bezog sich auf seinen Begriff des Nirvanas, der jedoch mit philosophischem Nihilismus nichts gemein hat, denn Nirvana ist nicht, wie oft angenommen, ein Ort des Nichts, sondern lediglich die buddhistische Idealvorstellung vom Ende des Leidens.

Wortherkunft

1733 erwähnte Friedrich Lebrecht Goetz das Wort Neinismus bzw. Nihilismus als literarischen Terminus. Etliche Jahre später versuchte der theosophische Mystiker Obereit Kants Hypostasierung des Subjektes zum Erkenntnisgaranten durch eine spekulative Methode zu unterlaufen, der er 1787 den Namen Nihilismus gab. Bei Obereit bezeichnet Nihilismus die methodisch notwendige Annihilation einer natürlichen Weltgewissheit, so dass die Offenheit eines inhaltsleeren Bewusstseins entsteht. Als Verabsolutierung der Negation im philosophischen Sinne wurde Nihilismus 1799 erstmals von Friedrich Heinrich Jacobi in einem Brief an Johann Gottlieb Fichte verwendet, in welchem er Einwände gegen dessen philosophisches System erhob.

Der russische Dichter Iwan Sergejewitsch Turgenjew gab dem Wort Nihilismus 1862 mit seinem Roman „Väter und Söhne“, in dem Anhänger sozialrevolutionärer Ideen Nihilisten genannt wurden, einen abwertend gemeinten politischen Inhalt. In der Folge gewann der Begriff eine breite öffentliche Aufmerksamkeit und manche russische Anarchisten übernahmen ihn zur Selbstbezeichnung. Der sich zunächst als Schüler Schopenhauers („Nichts“ ist das letzte Wort von Arthur Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung) bekennende Friedrich Nietzsche bezog sich auf die Verwendung des Ausdrucks bei Turgenjew durch die „russischen Nihilisten“ und meinte damit das Phänomen einer Entwertung der obersten, sinngebenden Werte der Menschen einer Kulturgemeinschaft. In Nietzsches Werk „Jenseits von Gut und Böse“ ist von einem „Russischen Nihilin“ die Rede, einem Pessimismus „der nicht bloss Nein sagt, Nein will, sondern ... Nein tut.“ (Jenseits von Gut und Böse, Sechstes Hauptstück: Wir Gelehrten, Nr. 208)

Nietzsche

Obwohl heute der Begriff oft gegen Atheisten (und speziell gegen Nietzsches Weltanschauung) verwendet wird, hatte Nietzsche ihn selbst gegen die christliche Religion verwendet, die er als im Kern nihilistisch brandmarkte. Für Nietzsche ist der Nihilismus eine dekadente Entwicklung der abendländischen Kultur, welche er bis auf Sokrates zurückverfolgt (Vgl. die Sokratische Einsicht in das Nichtwissen, „da die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts“ (Apologie, 23a).) Später lässt dann, laut Nietzsche, die Verabsolutierung christlich-metaphysischer Werte mit ihrem Glauben an das Jenseits zerstörerische, schizoide Menschen entstehen, was sich in Opportunismus, Mittelmäßigkeit, Schwäche („Sklavenmoral“) oder der skrupellosen Ausbeutung anderer äußert. Allerdings ist der Nihilismus für Nietzsche ein historisch wie auch psychologisch notwendiges Durchgangsstadium und so strebt Nietzsche dessen Überwindung durch die „Umwertung aller Werte“ und den Übermenschen aus „Also sprach Zarathustra“ an. Hierzu dient die Triebkraft des Willens zur Macht, welcher die Ewige Wiederkehr vorantreibt. Zwar liegt in der ewigen Wiederholung des Gleichen die größte Möglichkeit des Nihilismus, zugleich aber auch die Errettung, denn die ewige Wiederkehr vermag den „Übermenschen“ hervorzubringen.

Nietzsche formuliert den Nihilismus insbesondere mit diesen Argumenten:

Heidegger

Martin Heidegger sieht in Nietzsches Philosophie einen geschichtlichen Höhepunkt des Nihilismus, da Nietzsche seiner Philosophie ein metaphysisches Prinzip – den Willen zur Macht – zu Grunde lege. (Heideggers Auseinandersetzung mit Nietzsches „Willen zur Macht“ erfolgt allerdings auf Basis eines Buches, das aus Nietzsches Nachlass teils sinnentstellend kompiliert wurde.) Nach Heidegger hat Nietzsche das Wesen des Nihilismus, dass dieser auf metaphysischem Denken beruhe, verkannt. Wenn nun Nietzsche versuche, den Nihilismus zu überwinden, so tut er dies laut Heidegger durch die bloße Umkehrung metaphysischer Sätze, womit er allerdings immer noch im metaphysischen Denken verhaftet bleibe.

Heidegger greift dies in seinem seinsgeschichtlichen Denken auf. Nach Heidegger haben die Philosophen ihrer Zeit stets nur dem Sein „entsprechen“ können, indem sie es zur Sprache gebracht haben. Nietzsche hätte somit den Nihilismus zur Sprache gebracht, welcher seine und auch unsere „seinsgeschichtliche Epoche“ kennzeichnet.

In seiner Technikkritik deutet Heidegger das Wesen der Technik als Erscheinungsform des von Nietzsche gemeinten Willens zur Macht. Demnach würde sich in der Technik eine Ausbreitung des nihilistischen Denkens, des Willens zur Macht, zeigen. Die industrialisiert-technologische Gesellschaft unserer Zeit verortet Heidegger seinsgeschichtlich in der Epoche der Seinsvergessenheit. Die Überwindung des Nihilismus besteht für Heidegger in der „Verwindung“ der Metaphysik. Eine Aufgabe, die der Intention des Heideggerschen Lebenswerkes entspricht.

Kritik

Popper bestreitet die komplette Sinnlosigkeit des Lebens, da er meint, man könne den Sinn des Lebens selbst schaffen, so dass nur Teile des Lebens sinnlos blieben.

Ein Häufig vorgebrachte Kritk gegen den Nihilismus, sofern er als starker Skeptizismus interpretiert wird, der behauptet, man kann tatsächlich nichts erkennen, ist, dass er auf sich selbst angewandt zur Selbstnegation führen würde, da man dann ja nicht erkennen kann, dass man nichts erkennen kann. Dies trifft aber nicht den schwachen Skeptizismus, der nur dazu rät, Zweifelsgründe gegen alle Dogmen zu finden.

Umgekehrt wird auch den nicht negierenden sondern postulierenden Weltanschauungen vorgehalten, sie fielen ohne ihre Grundannahmen gegenstandslos in sich zusammen. So stelle etwa der Theismus den Versuch dar, durch die (axiomatische) Annahme eines Gottes, welche nicht kritisierbar sei, sich aus sich selbst zu beweisen. Insofern seien alle Weltanschauungen mit dem Makel nichtkonsistenter Theorien behaftet, die ihre Allgemeingültigkeit entweder selbst in Frage stellten oder nicht von einem äußeren Standpunkt her belegen könnten. Insbesondere halten viele gemäß dem Münchhausen-Trilemma Letztbegründungen für nicht möglich. Apel, Hösle und Kuhlmann beanspruchen aber, dass dies nicht für den Spezialfall "reflexiver Letztbegründungen" gelten kann, da sonst prinzipiell keine Erhebung von Geltungsansprüchen möglich wären bzw. sich diese selbst widersprechen würden, was auch für einen "totalen Nihilismus" gelten würde.

Solche Versuche, eine angebliche Selbstwidersprüchlichkeit bzw. Selbstverneinung des starken Skeptizismus zu konstruieren und dies zu einer (reflexiven) Letztbegründung auszunutzen, stehen allerding in starker Kritik. Selbst Philosophen, die dem philosophischen Skeptizismus bzw. Nihilismus nicht nahe stehen (beispielsweise Wolfgang Stegmüller) haben diesem Versuch aus mehreren Gründen eine Absage erteilt. So könne u.a. etwa ein "starker" Skeptizismus mit einem logischen Skeptizmus verbunden sein, so dass die klassische Logik abgelehnt wird und damit auch der Satz vom ausgeschlossenen Dritten nicht mehr gilt womit kein Widerspruch mehr konstruierbar ist. Universellem Skeptizismus, Nihilismus und damit verbundenen relativistischen Auffassungen könne letztlich nur durch performative Argumente entgegen gewirkt werden[1]



Kritik am Amoralismus siehe dort.

Siehe auch

Literatur

Quellen

  1. siehe etwa W.Stegmüller "Metaphysik-Skepsis-Wissenschaft," 1969
 Wiktionary: Nihilismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik