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Bukowina

Die Bukowina (veraltet deutsch Buchenland[1][2]; rumänisch Bucovina, ukrainisch Буковина/Bukowyna) ist eine historische Landschaft im südöstlichen Mitteleuropa. Die nördliche Hälfte gehört zur Ukraine und ist Teil der Oblast Tscherniwzi. Die südliche Hälfte gehört zu Rumänien und ist Teil der Bezirke Suceava und Botoşani. Hier liegt auch der Archipel der Moldauklöster, der zu dem Weltkulturerbe der Unesco zählt. Die Bukowina, so wie das östlich davon liegende Bessarabien, ist ein Teil der historischen Region Moldau. Nordwestlich davon liegt Galizien, im Südwesten grenzt es an Siebenbürgen.

Inhaltsverzeichnis

Name

Der Begriff „Bukowina“ stammt aus den slawischen Sprachen und bezeichnet ein mit Buchen bewaldetes Gebiet (buk = Buche). Vor allem im westslawischen Raum ist er als Toponym weit verbreitet. Dieser Begriff wurde im Laufe des Mittelalters auch von der rumänischen Sprache übernommen und mehrere buchenreiche Gegenden im Fürstentum Moldau wurden als "bucovină" benannt, einschließlich der Landesteil der später von den Habsburgern annektiert wurde.

Geographie

Die Landschaft grenzt im Südwesten an die Karpaten, den Übergang nach Siebenbürgen bildet der Borgo-Pass. In den Karpaten entspringen die Flüsse Siret und Moldova, nach letzterem sind Landschaft und Fürstentum Moldau benannt. Im Norden geht das Land in die Ebene über und reicht bis an den Dnister. Auch der Pruth, der östliche Grenzfluss Rumäniens, fließt durch die Bukowina.

Bevölkerung

Historische Hauptstadt ist Czernowitz. Das Herzogtum Bukowina erstreckte sich im Jahr 1900 auf 10.442 km² und hatte 730.000 Einwohner. Die Bevölkerung war sehr stark gemischt, wobei neben Ukrainern und Rumänen der Anteil der Juden vor allem im Gebiet um Czernowitz sehr bedeutend war. Es bekannten sich 1910 etwa 22 % der Bevölkerung zur deutschen Umgangssprache, wovon 96.000 Juden und 72.000 Christen (meist Buchenland- oder Bukowinadeutsche) waren.[3] Eine eigene Zählung von jiddischsprachigen Bewohnern war vom Wiener Ministerium abgelehnt worden, schließlich hatten vorige Volkszählungen ein starkes Anwachsen des Deutschen ergeben. Eine getrennte Zählung der Juden hätte deutsche Besitzstände in Frage gestellt.[4]

Der Bevölkerungsanteil der Rumänen und Ukrainer in der Bukowina hat sich im Laufe der habsburgischen Herrschaft stark geändert, wie die Ergebnisse folgender Volkszählungen zeigen:

Jahr Rumänen Ukrainer Andere
1774 64,000 85.33% 8,000 10.66% 3,000 4.0%
1786 91.823 67,8% 31.671 23,4% 12.000 8,8%
1848 209.293 55,4% 108.907 28,8% 59.381 15,8%
1869 207.000 40,5% 186.000 36,4% 118.364 23,1%
1880 190.005 33,4% 239.960 42,2% 138.758 24,4%
1890 208.301 32,4% 268.367 41,8% 165.827 25,8%
1900 229.018 31,4% 297.798 40,8% 203.379 27,8%
1910 273.254 34,1% 305.101 38,4% 216.574 27,2%

Geschichte

In der Antike war das Gebiet der heutigen Bukowina von Daker und Bastarnen bewohnt. Vom 1. Jh v. Chr. bis im Jahr 106 n. Chr. (nach dem letzten Dakerkrieg) gehörte es zu diversen Dakerreichen. Im 7. Jahrhundert wurde die Region von Slawen besiedelt. Sie wurde später Bestandteil der Kiewer Rus sowie des ostslawischen Fürstentum Halitsch-Wolhynien. In diese Zeit fällt auch die Gründung von Czernowitz. Nach der Verwüstung der Rus durch die Mongolen wurde Bukowina Teil des Fürstentums Moldau und im 14./15. Jahrhundert, mit der Hauptstadt Suceava bis 1563, sogar dessen politisches Zentrum. Ab 1512 geriet das Fürstentum unter zunehmenden osmanischen Einfluss. 1775 kam es nach dem Frieden von Küçük Kaynarca an Österreich, das sich nach offizieller Lesart für seine „Vermittlerdienste“ zwischen dem Osmanischen Reich und Russland belohnen ließ. Tatsächlich hatten österreichische Truppen bereits 1774 das Gebiet im Laufe des Russisch-Osmanischen Kriegs (1768–1774) besetzt. Denn Kaiser Joseph II strebte eine direkte Verbindung von Siebenbürgen zum gerade erworbenen Galizien an. Die Erwerbung wurde damit legitimiert, das Gebiet sei einst Teil Galiziens gewesen.[5]

Anfänglich wurde die Bukowina dann auch als Teil von Galizien und Lodomerien verwaltet und erst 1849 zum selbständigen Kronland. Dennoch wurde das neue Kronland in den folgenden Jahren meist vom Lemberg aus regiert. Erst 1861 wurde der eigene Landtag in Czernowitz eingerichtet, in dem neben einigen Abgeordneten der Gemeinden vorerst hauptsächlich rumänische Adelige saßen. In der Verwaltung und vor Gericht waren seit 1864 Deutsch, Rumänisch und Ruthenisch, wie das Ukrainische damals genannt wurde, gleichberechtigte Sprachen.[6]

Deutsche Siedler und deutsch- bzw. jiddischsprachige Juden, die schon bald nach der Angliederung an Österreich einwanderten, trugen zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes im 19. Jahrhundert bei. Sadagora wurde in dieser Zeit zu einem Zentrum des Chassidismus. Nach 1776 und im Laufe des gesamten 19. Jahrhunderts strömten viele Ukrainer aus Galizien ein. 1776 betrug die Bevölkerung des Gebiets nur etwa 60.-70.000. Dennoch blieben die Rumänen die größte Bevölkerungsgruppe der Bukowina, bis sie 1880 von den Ukrainern anteilsmäßig überflügelt wurden.

Die Bukowina blieb zwar innerhalb der Habsburgermonarchie eine zurückgebliebene Region, doch verglichen mit Rumänien sah die wirtschaftliche Bilanz gut aus.[7]

Die nationalitätenrechtlichen Probleme der Bukowina sollten im Ausgleich von 1910 gelöst werden. Durch die ethnische Vielfalt des Landes soll es eines der kompliziertesten Wahlsysteme in ganz Europa gewesen sein.[8]

Im Ersten Weltkrieg wurde die Bukowina vorübergehend von Russland besetzt und am 28. November 1918 nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns an Rumänien angeschlossen.

1939 schloss Deutschland mit der Sowjetunion vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Hitler-Stalin-Pakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll wurden die territorialen Interessenbereiche der beiden Länder in Nord-, Ost- und Südeuropa festgelegt. In diesem Zusatzprotokoll war zwar nur die Rede von Bessarabien, aber die Sowjetunion besetzte am 28. Juni 1940 neben dem Territorium Bessarabiens auch den nördlichen Teil der Bukowina. Am 5. September 1940 wurde in Moskau zwischen einer deutschen Kommission und dem Beauftragten vom Außenkommissariat der UdSSR die „Vereinbarung über die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus den Gebieten Bessarabiens und der nördlichen Bukowina in das deutsche Reich“ unterzeichnet. Für die Umsiedlung wurde die Zeit vom 15. September bis 15. November 1940 vereinbart. Die Bukowinadeutschen wurden in das Deutsche Reich oder in besetzte Gebiete in Polen umgesiedelt. Zehntausende Rumänen wurden umgebracht oder nach Zentralasien deportiert. Die Grenzziehung von 1940 folgte nicht gänzlich den ethnischen Siedlungsgebieten, so dass zahlreiche Rumänen und Ukrainer auf der jeweils anderen Seite verblieben. 1941 eroberten rumänische Truppen das sowjetisch besetzte Gebiet zurück. Viele Juden wurden in den 1940er Jahren vertrieben und ermordet (siehe auch Transnistrien im Zweiten Weltkrieg). 1944 wurde die Bukowina durch den Moskauer Vertrag nach den Grenzen von 1940 wieder geteilt. Der nördliche Teil gehört seitdem zur Ukraine, der südliche Teil zu Rumänien.

Die Geschichte der Bukowina hat Gemeinsamkeiten mit der Geschichte von Galizien, dem Fürstentum Moldau und Bessarabiens.

Kulturblüte und Untergang

Aus wirtschaftlichen und historischen Gründen entstand in der Bukowina, ähnlich wie in Prag, eine multikulturelle, deutschsprachige Literatur. Czernowitz wurde ein Zentrum intensiven Handels- und Kulturaustausches zwischen den benachbarten Ländern. Den Mittelpunkt bildete die 1875 in Czernowitz gegründete Franz-Josephs-Universität. Der berühmteste Autor aus der Bukowina des späten neunzehnten Jahrhunderts war Karl Emil Franzos (1848–1904), der erste Herausgeber der Gesammelten Werke Georg Büchners (1813−1837). Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Bukowina Teil des rumänischen Königreiches wurde, sollte die deutschsprachige Kultur eine zweite, letzte Blüte unter Alfred Margul-Sperber (1898–1967), Rose Ausländer (1901–1988), Alfred Kittner (1906–1991) sowie Paul Celan (1920−1970) erleben, um nur einige wenige klingende Namen von Lyrikern aus der Bukowina deutsch-jüdischen Ursprungs zu nennen. Auch Ninon Hesse, geb. Ausländer, die dritte Ehefrau Hermann Hesses wurde 1895 in Czernowitz geboren. Der wachsende Nationalismus setzte dem Prozess dieser jüdischen Akkulturation jedoch ein jähes Ende. Heute spricht man aus diesem Grund bezüglich der jüdisch-deutschen Kultur von der "Versunkenen Literaturlandschaft der Bukowina".

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten Bukowiner Juden 1941−1944 vom faschistischen Antonescu-Regime in die rumänischen Ghettos und KZs nach Transnistrien deportiert. Lediglich die Hälfte überlebte.

Städte

Städte und Siedlungen städtischen Typs in der Nordbukowina (Ukraine)

Städte in der Südbukowina (Rumänien)

Siehe auch

Literatur

Dokumentarfilme

Einzelnachweise

  1. http://lexikon.meyers.de/meyers/Bukowina
  2. http://www.brockhaus-suche.de/suche/abstract.php?shortname=b15&verweis=1&artikel_id=11206200
  3. Eintrag über die Bukowina im Österreich-Lexikon von aeiou
  4. Emil Brix: Die Umgangssprachen in Altösterreich zwischen Agitation und Assimilation. Die Sprachenstatistik in den zisleithanischen Volkszählungen 1880 bis 1910. Verlag Böhlau, Wien 1982, ISBN 3-205-08745-3, S. 392
  5. Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Grossrumäniens 1918 - 1944. Verlag Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56585-0, S. 29 und 31
  6. Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Grossrumäniens 1918 - 1944. Verlag Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56585-0, S. 37-38
  7. Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Grossrumäniens 1918 - 1944. Verlag Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56585-0, S. 30
  8. Gerald Stourzh: Der nationale Ausgleich in der Bukowina 1909/10. In: Illona Slawinski: Die Bukowina. Vergangenheit und Gegenwart. Verlag Lang, Bern/Wien 1995, ISBN 3-906755-37-1, S. 35-52, hier: S. 49