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Solmisation

Mit Solmisation bezeichnet man das Benennen der Töne nach dem Verfahren des Guido von Arezzo und das dementsprechende Singen der Noten seit dem 11. Jahrhundert.

Guido von Arezzo legte eine sechsstufige Tonleiter mit den Silben ut, re, mi, fa, sol, la fest (Hexachordsilben). Das sind die Anfangssilben der jedes Mal um einen Ton höher beginnenden Verse der ersten Strophe vom Johannes-Hymnus.

Die mittelalterliche Musiktheorie kannte drei Hexachorde (durum, naturale, molle), die, über drei Oktaven verteilt, ineinandergreifen. Der Wechsel von einem Hexachord zum nächsten wurde Mutation genannt. Entscheidend dafür war die Lage des Halbtons, der immer auf die Silben mi und fa fallen musste. Mit diesen Hexachorden konnte der Gregorianische Gesang, der sich auf der diatonischen Skala aufbaut, leicht auch den Schülern beigebracht werden, die die Tonarten nicht kannten.

Inhaltsverzeichnis

Die Guidonische Hand

Die Guidonische Hand
(aus einem Manuskript aus Mantua, spätes 15. Jh.)

Guido von Arezzo entwickelte im 11. Jahrhundert ein später „guidonische Hand“ genanntes Modell, das die Einteilung der linken Hand in einzelne Abschnitte bezeichnet, sodass jedes einzelne Fingerglied einer Tonhöhe entspricht, die der Chorleiter dann vermutlich durch Antippen mit dem Daumen oder dem Zeigefinger derselben Hand erkennbar macht.

Lernpsychologisch gilt heute noch die Reizverknüpfung als Hauptmittel des unbewussten Lernens (Konditionierung). Das Singen, Sehen und Greifen der Töne führt im Sinne des Wortes zum Begreifen. Heutige Methoden der haptischen Erfassung sind die Stumme Tastatur und flexible Konzepte wie die Tontreppe oder die Tonsäule.

Solmisation heute

In späterer Zeit wurde das Singen solcher oder ähnlicher Notenbezeichnungen allgemein als Solmisieren bezeichnet. Die einsetzende stärkere Verwendung chromatischer Tonstufen führte zu Erweiterungen dieses Grundschemas. Heute unterscheidet man zwischen absoluter und relativer Solmisation:

Absolute Solmisation

Bei der absoluten Methode, die vor allem in romanischen Ländern in Gebrauch ist, werden die Tonsilben Do, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si als Äquivalent zu ces/c/cis, des/d/dis, es/e/eis, etc. verwendet. Die Tonfolge as - c - es wird also mit La - Do - Mi gesungen. Die Tonsilben bezeichnen dann nicht mehr bestimmte Stufen der Tonleiter, sondern feste Tonhöhen.

Lernpsychologen kritisieren, dass dabei der Vorteil der Reizverknüpfung verloren gehe, weil man die Töne einer Melodie nicht mehr relativ zueinander benennt, also in jeder beliebigen Tonhöhe gleich assoziiert, sondern wie in der absoluten Notation je nach Tonart wechselhaft benennt. Bereits der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) hatte die Reizverknüpfung der Guidonischen Silben befürwortet und die absolute Solmisation verurteilt: „Die französischen Musiker haben diese Unterschiede aufs Befremdlichste durcheinandergebracht. Die haben die Bedeutung der Silben mit der Bedeutung der Buchstaben verwechselt.“

Relative Solmisation

Die von John Curwen entwickelte Tonika-Do-Methode, die von Zoltán Kodály aufgenommen wurde, verwendet die Tonsilben Do, Re, Mi, Fa, So, La, Ti für die sieben Stufen der aktuellen Tonart. As - c - es wird also in As-Dur als Tonikadreiklang Do - Mi - So, aber in Des-Dur (als Dominante) So - Ti - Re. Diese Methode hat den Vorteil, dass eine Melodie auch in verschiedenen Tonarten mit dem gleichen Text gesungen werden kann. Für Moll-Tonleitern können die Tonsilben La, Ti, Do, Re, Mi, Fa, Si, La verwendet werden. Tonerniedrigungen und -Erhöhungen werden dargestellt, indem der Vokal der Tonsilbe durch ein u bzw. i ersetzt wird. Beispielsweise wird So und La als Si und Li (beim erhöhen) beziehungsweise Su und Lu (beim erniedrigen) definiert. Damit begründet sich auch das Abweichen der siebten Stufe gegenüber der absoluten Solmisation; eine erhöhte fünfte Stufe So wird zum Si und erhält so den Namen der siebten Stufe in absoluter Solmisation.

1892 erfand der Musikpädagoge Carl Eitz ein neues Tonsilbensystem, das so genannte Tonwort, das später verschiedene Modifikationen erfuhr. Am bekanntesten wurde das System von Richard Münnich (Ja, Le, Mi, Ni, Ro, Su, Wa, Ja), das beispielsweise im Musikunterricht in der DDR zur Anwendung kam. Die Silben beginnen der Reihe nach mit den klingenden Konsonanten und gebrauchen dann alle fünf Vokale so, dass Halbtönen die gleichen Vokale zugeordnet werden. Das System ist äußerst flexibel und vermag auch vorübergehende Modulation ohne Umdeutung darzustellen oder Moll über Do, also Dur/Moll als dynamische Polarität - ganz im Sinne des Musiktheoretikers Heinrich Schenkers. Diese neuen Tonsilben haben sich nicht durchsetzen können. Die Bildungsregeln für die Vokale lassen sich aber auch auf die Konsonanten der traditionellen Tonsilben übertragen.[1]

Siehe auch

Solfège

Einzelnachweise

  1. Josef Karner:Tonale Didaktik zwischen Tradition und Reformation. In: Die Tonkunst, Ausgabe 2/2007. ISSN 1863-3536