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Simon Petrus

Simon Petrus (* in Galiläa, Datum unbekannt; † vermutlich in Rom um 65) war einer der ersten Juden, die Jesus von Nazaret als Jünger in seine Nachfolge berief. Informationen über ihn überliefert vor allem das Neue Testament (NT). Dort ist Petrus erster Bekenner, aber auch Verleugner Jesu Christi, dann, nach den ältesten NT-Texten, der erste männliche Augenzeuge des Auferstandenen sowie Sprecher der Apostel und Leiter der Jerusalemer Urgemeinde.

Hinzu kommen Notizen von Kirchenvätern, wonach Petrus erster Bischof von Antiochia sowie Gründer und Haupt der Gemeinde von Rom gewesen und dort als Märtyrer hingerichtet worden sein soll. Ihre Historizität ist umstritten. Der Katholizismus führt den Primatsanspruch des römischen Bischofs und damit das Papsttum auf Petrus zurück („petrinisches Prinzip“). In der orthodoxen und römisch-katholischen Kirche wird Petrus als Heiliger verehrt.

Inhaltsverzeichnis

Neues Testament

Name

Nach allen Evangelien lautete sein Name Simon, nach Apg 15,14 EU und 2_Petr 1,1 EU in der Version Symeon. Paulus von Tarsus dagegen nannte ihn stets nur Kephas. Dieser Ausdruck ist eine Gräzisierung des aramäischen Wortes kefa כיפא, griechisch übersetzt πετρος (petros), latinisiert Petrus. Es bedeutet in beiden Sprachen gewöhnlich „Stein“, griechisch auch „Fels“ sowohl für Naturstein wie für einen behauenen Steinblock.[1]

Diesen Beinamen soll Jesus persönlich Simon verliehen haben; wo und wann er dies tat, überliefern die Evangelien unterschiedlich. Mt 16,18 EU erklärt den Beinamen mit Jesu Zusage an Petrus: Auf diesen Felsen [petra] will ich meine ecclesia bauen. Der Begriff ecclesia bedeutet „die Herausgerufene“ und wird auf die Gemeinschaft der erstberufenen Jesusanhänger, dann auch auf die Kirche insgesamt bezogen.

In Mt 16,17 EU spricht Jesus Simon als barjona an. Das aramäische bar jona bedeutet wörtlich „Sohn des Jona“. Joh 1,42 EU nennt jedoch einen Johannes als Vater Simons; dieser Name könnte den aramäischen Namen gräzisieren. Ob die Stelle auf den leiblichen oder den geistlichen Vater - hier Johannes der Täufer - anspielt, ist nicht klar. Als Adjektiv bedeutet barjona auch „impulsiv“, „unbeherrscht“. Dies gilt einigen Exegeten als Indiz für eine mögliche frühere Zugehörigkeit Simons zu den Zeloten. Denn im späteren Talmud wurden jüdische Freiheitskämpfer als barjonim (Plural) bezeichnet.

Herkunft und Berufung

Simon Petrus stammte wie Jesus aus Galiläa. Er gehörte nach allen Evangelien zu den ersten Jüngern, die Jesus in seine Nachfolge berief. Alle Nachrichten über ihn folgen auf diese Berufung. Nur wenige Notizen beziehen sich auf seine Herkunft. Von seinem Vater wird nur der Name erwähnt; seine Mutter wird nicht genannt. Er hatte einen Bruder namens Andreas, den Jesus mit ihm berief. Diesen Bruder nennen alle Apostellisten an zweiter Stelle neben Simon: Daraus schließt man, dass er wohl der Jüngere von beiden war.

Nach der Apostelgeschichte wurde Petrus im traditionellen jüdischen Glauben erzogen. Er beachtete jüdische Speisevorschriften und verkehrte nicht mit Nichtjuden (Apg 10,14.28 EU). Den synoptischen Evangelien zufolge wohnte er in Kafarnaum am See Genezareth. Dort besaßen er und sein Bruder Andreas ein Haus, wo auch seine Schwiegermutter lebte (Mk 1,29ff EU; Lk 4,38 EU). Auf dessen Überresten kann eine der ersten Pilgerstätten des Urchristentums errichtet worden sein, die Archäologen in Kafarnaum ausgegraben haben.[2]

Jesus soll Simons Schwiegermutter geheilt haben, worauf sie den Jüngern gedient habe (Mk 1,31 EU). Den Namen ihrer Tochter, seiner Frau, erwähnen die Evangelien nicht. Daher glauben manche Exegeten, Petrus habe sie gemäß der Aufforderung Jesu, alles zu verlassen (Mk 10,28f EU), in Kafarnaum zurückgelassen. Nach Paulus, der ihn um das Jahr 39 in Jerusalem traf, wurden Petrus und andere Apostel jedoch von ihren Ehefrauen begleitet (1_Kor 9,5 EU). Da Jesus nichts gegen Ehe bzw. Ehestand äußerte und außerdem die Ehescheidung verbot (Mt 5,32 EU), kann Simons Frau auch vorher schon, wie andere Frauen aus Galiläa (Mk 15,41 EU; Lk 8,2 EU), mit ihrem Mann umhergezogen sein.

Nach den Synoptikern, die hier wohl dem Markusevangelium folgten, arbeiteten Simon (noch ohne Zuname) und Andreas als Fischer. Am See Genezareth habe Jesus sie beim Auswerfen ihrer Fischernetze getroffen und aufgefordert, ihm nachzufolgen. Daraufhin hätten die Brüder die Netze verlassen und seien ihm gefolgt (Mk 1,16 EU). Bei der Berufung der übrigen Zwölf habe Jesus Simon dann den Beinamen „Petrus“ gegeben (Mk 3,16 EU).

Nach dem Lukasevangelium wurde Simon zum „Menschenfischer“ berufen, nachdem Jesus seine Antrittspredigt in der Synagoge von Kafarnaum gehalten und seine Schwiegermutter geheilt hatte. Die Berufung ist hier Abschluss eines unerwartet großen Fischfangs, nach dem Simon bekennt: Herr, gehe von mir fort! Ich bin ein sündiger Mensch (Lk 5,1-11 EU). Hier nennt Lukas erstmals seinen Beinamen Petrus, dann auch bei der Auswahl der Zwölf (Lk 6,14 EU). Beide Evangelisten erklären den Beinamen nicht.

Auch das Matthäusevangelium nennt Simon ab seiner Berufung Petrus (Mt 4,18 EU). Er stellt diesen Beinamen besonders heraus, nachdem Simon bekannte: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Als Antwort erhält er eine Seligpreisung und Zusage, dass Jesus seine ecclesia auf „diesen Felsen“ bauen wolle (Mt 16,18 EU).

Nach dem Johannesevangelium kamen Petrus und sein Bruder aus Bethsaida. Ob hier der Geburts- oder der zeitweise Wohnort gemeint ist, bleibt offen. Andreas soll als ein Jünger Johannes des Täufers Jesus zuerst getroffen, ihn als Messias erkannt und dann seinen Bruder Simon zu ihm geführt haben. Jesus habe ihm sofort, als er ihn sah, den Beinamen Kephas verliehen (Joh 1,35-44 EU).

Nach allen Evangelien hatte Simon Petrus im Jüngerkreis eine Führungsrolle inne. Er steht in allen Apostellisten im NT an erster Stelle und zählt, zusammen mit Jakobus dem Älteren und Johannes, zu den drei Aposteln, die Jesus besonders nahe standen. Sie galten nach Mk 9,2-13 EU (Verklärung Christi) als die Einzigen der Zwölf, denen Gott die Göttlichkeit und künftige Auferstehung seines Sohnes bereits vor dessen Tod offenbarte. Sie begleiteten Jesus zudem in seinen letzten Stunden im Garten Getsemani (Mk 14,33 EU).

Christusbekenner und Christusverleugner

Nur Petrus bekannte sich nach den Evangelien schon vor Jesu Auferstehung ausdrücklich zu dessen Messiaswürde (Mk 8,29ff EU): Du bist der Christus! Doch gleich darauf, nachdem Jesus den Jüngern erstmals seinen vorherbestimmten Leidensweg ankündigte, nahm Petrus ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren (V. 32). Er habe also versucht, Jesus von diesem Weg ans Kreuz abzubringen, so dass sein Glaubensbekenntnis als Missverständnis der Sendung Jesu erscheint. Daraufhin habe Jesus ihn schroff zurechtgewiesen (V. 33):

Weiche von mir, Satan! Denn Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

„Satan“ bedeutet im Hebräischen „Gegner“ oder „Widersacher“. Petrus wird hier mit dem Versucher Jesu in der Wüste verglichen, der den Sohn Gottes ebenfalls von seinem Leidensweg abhalten wollte (Mt 4,1-11 EU); er wird auch an anderen Stellen des NT in die Nähe des Satans gerückt (Lk 22,31 EU). Hier folgt die Jüngerbelehrung Jesu (Mk 8,34):

Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer es aber verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es erhalten.

Diese paradoxe Einladung zur Kreuzesnachfolge ist Hintergrund für das später erzählte Versagen des Petrus im Verlauf der Passion Jesu, als er, um sein Leben zu retten, nicht sich, sondern Jesus verleugnete (Mk 14,66-72 EU).

Der Widerspruch zwischen Reden und Handeln zeigte sich bei Petrus schon in Galiläa: Einerseits vertraute er dem Ruf Jesu in die Nachfolge („Komm her!“), andererseits schwand sein Glaube beim ersten Gegenwind, so dass nur Jesus ihn vor dem Versinken im Meer retten konnte (Mt 14,29ff EU).

Laut Joh 13,6-9 EU widersprach er auch Jesu Ansinnen, ihm die Füße zu waschen. Diese Handlung war damals ein typischer Sklavendienst: Petrus wehrte sich also dagegen, sich von Jesus als seinem Herrn wie von einem Sklaven bedienen zu lassen. Aber nur dieser Dienst gab ihm vorweg Anteil an dem am Kreuz Jesu erwirkten Heil und deutete auf die „Taufe in den Tod“ voraus. Das war mit der Verpflichtung an alle Jünger verbunden, einander ebenso zu dienen.

Im Verlauf der Passion Jesu spitzen alle Evangelien das Versagen des ersten Jüngers und Christusbekenners zu. Jesus kündete Petrus beim letzten Mahl Jesu an, er werde ihn noch in derselben Nacht dreimal verleugnen. Dies wies er wie alle übrigen Jünger weit von sich (Mk 14,27-31 EU par.):

Wenn ich auch mit Dir sterben müsste, so wollte ich Dich doch nicht verleugnen. Ebenso sprachen sie alle.

Doch kurz darauf schlief er ein, als Jesus in Getsemani den Beistand der Jünger besonders nötig brauchte und erbat (Mt 26,40.43f EU). Dann wiederum soll er nach Joh 18,10 EU mit Waffengewalt die Verhaftung Jesu zu verhindern versucht haben: Er wird hier mit jenem namenlosen Jünger identifiziert, der einem Soldaten der Tempelwache laut Mk 14,47 EU ein Ohr abhieb. Sein Versagen gipfelt in der Verleugnung Jesu, während dieser sich vor dem Hohen Rat als Messias und kommender Menschensohn bekannte und sein Todesurteil empfing (Mk 14,62 EU). Als das Krähen eines Hahnes im Morgengrauen Petrus an Jesu Vorhersage erinnerte, habe er zu weinen begonnen (Mk 14,66-72 EU).

Petrus fehlte also nach neutestamentlicher Darstellung die Kraft, seinem Glauben gemäß zu handeln, als es darauf angekommen wäre. Dennoch erhielt gerade er auf sein Christusbekenntnis hin von Jesus den Namen „Fels“ und die Zusage der Gemeindegründung (Mt 16,16-23 EU).

Die Apostelgeschichte stellt Petrus nach Pfingsten demgemäß als todesmutigen Bekenner vor dem Hohen Rat dar, der die Sendung des Heiligen Geistes als Missionar und Leiter der Urgemeinde vorbildlich erfüllte (Apg 5,29 EU). Paulus dagegen zeigt ihn auch als wankelmütig: Er berichtet, dass Petrus aus Furcht vor den Judenchristen um Jakobus die Tischgemeinschaft mit Heiden aufgab und vor einigen Juden Gesetzestreue „heuchelte“, statt nach der „Wahrheit des Evangeliums“ zu wandeln (Gal 2,11-14 EU).

Einige Exegeten schließen daraus auf seinen ambivalenten Charakter. Andere sehen Petrus als Beispiel für das Verhalten aller Jünger, die Jesus angesichts seines bevorstehenden Todes verließen (Mk 14,50 EU). Er steht im NT für das dichte Beieinander von Glauben und Unglauben, Zeugendienst und schuldhaft verweigerter Kreuzesnachfolge in der ganzen Kirche.

Zeuge der Auferstehung

Petrus ist für das NT einer der Ersten, dem der auferstandene Jesus begegnete. Als Ausgangspunkt der Osterüberlieferung des NT gelten frühe Bekenntnissätze der Urchristen wie Lk 24,34 EU:

Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen!

Der in der Versammlung der Jünger vor ihrer gemeinsamen Vision des Auferstandenen situierte Satz legt nahe, dass Petrus noch vor den übrigen Jüngern eine eigene, nur ihm geltende Erscheinung (Vision) des auferweckten Jesus hatte. Die älteste, von Paulus aus der Jerusalemer Urgemeinde übernommene Zeugenliste der Ostererscheinungen Jesu bestätigt dies (1_Kor 15,5 EU):

Er wurde gesehen von Kephas, danach von den Zwölfen.

Die von Lukas überlieferte Credoformel nennt ihn „Simon“, die Zeugenliste „Kephas“ und stellt seine Jesusvision neben die der Zwölf: Daraus folgern manche Exegeten, dass dieser Titel ihm nach Ostern beigelegt und dann in seine vorherige Jesusnachfolge zurück verlegt wurde.

Ort und Inhalt der Petrusvision lassen die synoptischen Evangelien jedoch unbestimmt. Nach dem Markusevangelium erhielten die Frauen, die das leere Grab Jesu entdeckten, dabei die Botschaft eines Engels, dass Jesus den Jüngern in Galiläa erscheinen werde. Dabei wird Petrus namentlich neben den übrigen Jüngern genannt (Mk 16,6 EU).

Das Matthäusevangelium berichtet von keiner Einzelvision des Petrus. Hier begegnet Jesus zuerst den Frauen, die unterwegs vom leeren Grab nach Galiläa waren (Mt 28,9 EU). Danach erscheint er den erstberufenen Jüngern (Elf ohne Judas Ischariot) gemeinsam (Mt 28,17ff EU).

Auch das Lukasevangelium beschreibt keine Erstvision des Petrus. Es deutet an, dass die Jünger nach Jesu Tod auf getrennten Wegen in ihre Heimat zurückkehrten. Unterwegs seien einige von ihnen Jesus begegnet, deshalb wieder umgekehrt und hätten sich in einem Haus in Jerusalem versammelt. Dort habe Jesus sich ihnen gemeinsam offenbart und ihnen den Auftrag zur Völkermission gegeben. Dabei kündet er hier die Ausschüttung des Heiligen Geistes nur an, die 50 Tage später an Pfingsten erfolgte (Lk 24,13-50 EU).

Im Johannesevangelium geschah eine gemeinsame Jüngervision ebenfalls in der Tempelstadt. Dabei erhielten alle Jünger den Geist und damit die Vollmacht zum „Binden und Lösen“ der Sünder (Joh 20,19-23 EU). Dem ging die Begegnung Jesu mit Maria Magdalena voraus: Sie, nicht Petrus, sah und verkündete den Auferstandenen hier zuerst. Petrus habe zuvor das leere Grab Jesu betreten und darin das aufgewickelte Schweißtuch des Gekreuzigten entdeckt. Weil er sich dies nicht habe erklären können, sei er zunächst „nachhause“ gegangen. Nicht die Entdeckung des leeren Grabes, sondern erst die Selbstoffenbarung des Auferstandenen konnte demnach seinen Glauben wecken (Joh 20,1-18 EU).

Daran anknüpfend berichtet das später ergänzte Schlusskapitel Joh 21,1-19 EU, Jesus sei Petrus und sechs weiteren Jüngern aus dem Zwölferkreis nochmals erschienen. Wie er anfangs in Galiläa nach einem wunderbaren Fischzug berufen wurde (Lk 5,1-11 EU), so erkennt er auch diesmal durch den übergroßen Fischfang, dass Jesus der auferstandene Kyrios ist. So wie er Jesus dreimal verleugnet hatte, so fragt dieser ihn nun dreimal: Liebst du mich?, was er jedesmal bejaht. Daraufhin erhält Petrus dreimal den Befehl: Weide meine Schafe! und den erneuten Ruf Folge mir nach. Dabei kündet Jesus ihm an, dass er als Märtyrer sterben werde.

Die Lokalisierung am See Genezareth bestätigt, dass die ersten Jüngervisionen in Galiläa, nicht in Jerusalem stattfanden. Sie wurden als Versöhnung mit Jesus und erneute Nachfolgeberufung verstanden: Das gemeinsame Mahl mit dem Auferstandenen bedeutete für Juden Vergebung und Anteilgabe am endzeitlichen Heil. Ostererinnerung und Abendmahl waren im Gottesdienst der Urchristen eng verbunden.

Der später angehängte Schluss des Markusevangeliums (Mk 16,9-20 EU) versuchte - wahrscheinlich bei der beginnenden Kanonisierung des Neuen Testaments (um 180) -, die verschiedenen Erscheinungsberichte in eine harmonische Abfolge zu bringen. Er folgt Joh 20 und nennt Maria Magdala als erste Augenzeugin des Auferstandenen.

Aus den Unterschieden in den Ostertexten der Evangelien schließen NT-Historiker meist, dass Erscheinungen und Grabentdeckung ursprünglich unabhängig voneinander überliefert und dann auf verschiedene Weise kombiniert wurden, um das Jüngertreffen in Jerusalem zu erklären.

Missionarische Tätigkeit

Aus der Apostelgeschichte stammen fast alle Nachrichten vom nachösterlichen Wirken der zwölf Apostel. Danach soll Petrus sich mit ihnen in Jerusalem versteckt haben, bis ihn mit der anwesenden Menge zu Pfingsten die Kraft des Heiligen Geistes erfasste. Darauf habe er die erste öffentliche Predigt in Jerusalem gehalten. Sie legte Jesu Erscheinen als Gottes vorherbestimmte Erfüllung der Geistverheißung in Israels Heilsgeschichte aus und gipfelte in der Aussage (Apg 2,36 EU):

So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat!

Nach Lukas bekannten sich daraufhin noch am selben Tag 3.000 Menschen zum neuen Glauben. So sei dort die Urgemeinde der Christen entstanden, die nach Apg 2,5 EU Angehörige verschiedener Völker und Sprachen umfasste.

Petrus könnte deshalb einen solchen Erfolg unter seinen jüdischen Landsleuten gehabt haben, weil seine Missionspredigt sie zwar für Jesu Kreuzigung haftbar machte, aber nicht verurteilte, sondern ihnen Gottes Versöhnung zusagte und anbot (Apg 3,17 EU). Er geriet jedoch bald in Konflikt mit den Jerusalemer Behörden und musste sich vor dem Hohen Rat verantworten (Apg 4,8ff EU; Apg 5,29 EU). Dabei soll er seinen Glauben diesmal nicht verleugnet, sondern freimütig bekannt haben.

Nach der Verfolgung der Urgemeinde im Anschluss an die Hinrichtung des Stephanus missionierten einige Apostel, darunter Petrus, offenbar auch außerhalb Jerusalems. Laut Apg 8,14-25 EU kam er dabei auch nach Samaria, um bereits Neugetauften den Heiligen Geist zu spenden. Dies unterstreicht seine Autorität über die Urgemeinde hinaus. Er war wohl anfangs der Hauptvertreter der Israelmission, die der universalen Völkermission vorausgehen sollte (Gal 2,8 EU; Mt 10,5 EU; vgl. Lk 24,47 EU). Nach Apg 10 EU predigte er erstmals auch Nichtjuden das Evangelium.

Von Petrus werden auch Spontanheilungen und sogar Totenerweckungen analog zu denen Jesu berichtet, etwa in Lydda und Joppe (Apg 9,32-43 EU). Damit wird die Kontinuität zwischen dem Heilwirken Jesu und dem der Urchristen betont, das zu ihrem Auftrag gehörte (Mk 16,15-20 EU; Mt 10,8 EU).

Wie er in seiner ersten Predigt Christus ganz als Erfüllung jüdischer Verheißungstraditionen verkündete, so hielt er auch an der jüdischen Tora inklusive der Speise- und Reinheitsgesetze fest (Apg 10,13f EU). Doch dann habe er nahe der Römerstadt Cäsarea Philippi eine Vision Gottes erhalten, der ihm die Tischgemeinschaft mit dem Hauptmann Kornelius, einem der „gottesfürchtigen“ Römer, befohlen habe. Damit begann nach lukanischer Darstellung die urchristliche Heidenmission.

Diese führte zu Konflikten mit den Judenchristen, die von Heiden die Beschneidung und Einhaltung jüdischer Gebote verlangten. Petrus habe sie mit Hinweis auf seine göttliche Autorisierung überwunden (Apg 11,17 EU):

Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe gegeben hat wie auch uns, die da gläubig geworden sind an den Herrn Jesus Christus: Wer wäre ich, dass ich könnte Gott widerstehen?

Nach dem Ende der Regentschaft des Pontius Pilatus ließ der jüdische König Herodes Agrippa I. (41-44) die Urgemeinde in Jerusalem verfolgen und den Apostel Jakobus den Älteren enthaupten. Auch Petrus wurde verhaftet und zwischen zwei Kriegsknechten in eine Gefängniszelle geworfen und an Ketten gelegt. Doch laut Apg 12,1-19 EU verhalf ihm ein Engel auf wunderbare Weise zur Freiheit. Er ließ dies Jakobus und den übrigen Aposteln mitteilen und verließ Jerusalem, um seine Mission fortzusetzen.

Patristische Notizen des 3. Jahrhunderts (s.u.) deuteten diese Nachricht als Übergabe der Leitung der Urgemeinde an Jakobus. Dem widerspricht Paulus, der Petrus, Jakobus den Gerechten und Johannes beim Apostelkonzil (um 48) gemeinsam als „Säulen“ der Urgemeinde antraf (Gal 2,9 EU). Dort wurde über seine gesetzesfreie Heidenmission entschieden. Petrus sei dabei als deren Fürsprecher aufgetreten (Apg 15,7-11 EU). So betont Lukas den Einklang zwischen beiden in dieser Frage.

Paulus bestätigt Angaben wie Apg 9,32 EU, wonach Petrus als Vertreter der Urgemeinde neue Gemeinden, darunter auch Antiochia, besuchte und mit den Heidenchristen dort die Tischgemeinschaft pflegte: Das bedeutet, dass er die Heidenmission anerkannte. Dann aber hätten Anhänger des Jakobus aus Jerusalem dies kritisiert (vgl. Apg 11,3 EU). Daraufhin sei Petrus vor ihnen zurückgewichen und habe die Tischgemeinschaft mit den Heiden beendet. Deshalb habe er, Paulus, ihn öffentlich für seine Inkonsequenz gerügt und an den beim Apostelkonzil erreichten Konsens erinnert, wonach den getauften Heidenchristen die Einhaltung der Tora ganz erlassen worden sei (Gal 2,11-14 EU).

Paulus zeichnet also ein anderes Bild von Petrus als Lukas. Er sah ihn als Vertreter des „Evangeliums an die Juden“ an, der den Heidenchristen bis zum Apostelbeschluss zur gesetzesfreien Heidenmission bestimmte Toragebote auferlegte. Als er danach zur Befreiung nichtjüdischer Christen von den Speisevorschriften hätte stehen müssen, wurde er unter dem Druck strengerer Judenchristen wieder schwankend. Diese Angaben aus dem Galaterbrief werden meist als Hinweis auf nach dem Apostelkonzil fortbestehende Spannungen gesehen, die die spätere lukanische Darstellung zu beschönigen versucht habe.

Notizen zum Ende

Das NT erwähnt weder eine Romreise des Petrus noch seinen Tod. Zwar wird in der synoptischen Tradition allen Jüngern Jesu Verfolgung und Tod vorhergesagt (u.a. Mk 10,39 EU; Mk 13,12 EU); aber nur ein Redaktor des Johannesevangeliums lässt Jesus dem Petrus dessen Hinrichtung ankündigen, ohne deren Ort und Umstände zu nennen (Joh 21,18f EU).

Wäre Petrus nach dem Apostelkonzil nach Rom gereist, so argumentieren viele Historiker, hätte sich dies an vielen Stellen des NT niedergeschlagen: vor allem im Römerbrief des Paulus (um 56-60), der Christen in Rom namentlich grüßt und bereits auf dortige Verfolgung hinweist, sowie in der Apostelgeschichte. Diese, so entgegnen andere, sei als periodisierende Missionsgeschichte nicht an lückenloser Chronologie interessiert. Doch sie stelle den Übergang von der Judenmission des Petrus und der Jerusalemer Apostel zur Heidenmission des Paulus dar und berichte am Ende über dessen ungehinderte Missionstätigkeit in Rom (Apg 28,17-31 EU): Wäre er Petrus dort begegnet, hätte der Autor dies sicher vermerkt.

Zudem, so etwa Hans Conzelmann (Geschichte des Urchristentums S. 136), setze das Petrusbekenntnis nach Mt 16,16-19 EU eine Gemeinde in Syrien oder Kleinasien voraus, die von Petrus gegründet wurde und schon auf seinen Tod zurückblickt. Denn hier werden die „Pforten der Unterwelt“, die sich laut Jes 38,10 EU hinter jedem Sterblichen („Fleisch und Blut“) schließen, in den Gegensatz zur Auferstehung der Christusbekenner und Fortdauer ihrer Gemeinschaft über den Tod des Einzelnen hinaus gestellt. Dennoch schließt Conzelmann einen Romaufenthalt des Petrus nicht aus, da vielleicht schon der 1. Petrusbrief mit dem Hinweis auf „Babylon“ indirekt davon ausgehe.

Petrus zugeschriebene Schriften

Petrusbriefe

Das Neue Testament enthält unter dem Namen des Petrus zwei Briefe:

Einige Exegeten deuten den „Gruß aus Babylon“ in 1_Petr 5,13 EU als versteckten Hinweis auf Rom. Denn Babylon ist in der Bibel häufig Metapher für eine besonders verdorbene, sündige Weltstadt: So identifiziert auch die Offenbarung des Johannes „die Hure Babel“ mit Rom. Dort könnte der Brief demnach abgefasst worden sein.

Wird Petrus als Autor angenommen, dann wäre der Brief um 65 entstanden. Meist wird der Brief aufgrund inhaltlicher und sprachlicher Indizien jedoch auf den Zeitraum um 100 datiert, als es bereits Christenverfolgungen im Römischen Reich gab. Darauf weisen die in Kapitel 4,12-16 angesprochenen Motive der Märtyrertheologie, z.B. das „Leiden mit Christus“ und das „Geschmäht werden für den Namen Christi“ hin.

Andere, darunter die Zeugen Jehovas, verstehen den Gruß aus Babylon wörtlich und nehmen an, dass Petrus tatsächlich dort missionierte, da er auch sonst jüdische Diasporagemeinden wie Antiochia bereiste. Ob Babylon damals überhaupt noch existierte, ist unbekannt.

Der Brief autorisiert kurz vor dem Tod des Autors als sein „Testament“ die Lehren des Paulus (2_Petr 1,14 EU; 2_Petr 3,15 EU). Heute wird er meist auf 100-130 datiert. Die Aufnahme in den Kanon des NT war wegen ungewisser Autorschaft des Petrus umstritten.

Markusevangelium

Die Kirchenväter brachten Petrus auch mit dem Markusevangelium in Verbindung. Papias von Hierapolis führt es auf Johannes Markus zurück, der im NT zuerst in Jerusalem (Apg 12 EU), dann im Umkreis von Barnabas und Paulus (Apg 15 EU; Kol 4,10 EU; 2_Tim 4,11 EU; Phlm 1,24 EU) erscheint. Nur in 1_Petr 5,13 EU erscheint er als Begleiter des Petrus. Papias zufolge diente Markus dem Petrus als Dolmetscher in Rom und verfasste dort aufgrund von dessen Reden sein Evangelium. Daher galt Petrus traditionell als dessen „Koautor“.

Die Gleichsetzung von Johannes Markus mit dem Autor des ältesten Evangeliums und seine Bekanntschaft mit Petrus sind außer diesen Notizen nirgends belegt und gelten Christentumshistorikern heute meist als patristische Konstruktion. Der Autor des Markusevangelium wird eher dem hellenistischen Urchristentum zugerechnet, während Petrus nach den als zuverlässig geltenden Notizen der Paulusbriefe eher eine Position vertrat, die den „Judaisten“ nahestand (Gal 1,12-14).

Didache und Apokryphen

Die Didache, ein um 100 entstandener frühchristlicher Katechismus, wird in einer Handschrift als „Zeugnis des Petrus“ bezeichnet. Sie könnte inhaltlich von der von Petrus dominierten Theologie der Urgemeinde abhängig sein. Denn sie besteht hauptsächlich aus einer von Christen umgeformten jüdischen Morallehre, die auf judenchristliche Traditionen Judäas zurückgeht.

Hinzu kommen einige Apokryphen, die von der frühen Kirche aus theologischen Gründen nicht in den Kanon aufgenommen wurden oder verschollen sind:

Kirchenväter

Die wenigen antiken Notizen zum späteren Schicksal des Petrus stammen alle aus dem 2. bis 4. Jahrhundert, als in der Auseinandersetzung mit Häresien der Kanon des Neuen Testaments, das monarchische Bischofsamt mit kirchenrechtlicher Entscheidungsbefugnis für Gemeindebezirke und die Idee der Apostolischen Sukzession geschaffen wurden.

Romaufenthalt und Märtyrertod

Zwei Randbemerkungen von zwei Kirchenvätern gelten als Indizien dafür, dass Petrus gegen Ende seines Lebens nach Rom gekommen sein und dort zwischen 64 und 67 den Tod als christlicher Märtyrer gefunden haben könnte.

Der 1. Clemensbrief, der wahrscheinlich in oder bald nach der Regierungszeit Domitians zwischen 90 und 100 in Rom verfasst wurde, stellt in Kapitel 5 und 6 das vorbildliche Leiden des Petrus und Paulus heraus, dem viele Christen gefolgt seien:

Wegen Eifersucht und Neid sind die größten und gerechtesten Säulen verfolgt worden und haben bis zum Tode gekämpft. [...] Petrus, der wegen ungerechtfertigter Eifersucht nicht eine und nicht zwei, sondern viele Mühen erduldet hat und der so - nachdem er Zeugnis abgelegt hatte - ist gelangt an den (ihm) gebührenden Ort der Herrlichkeit.

Dies wird als Hinweis auf ein Martyrium der Apostel gedeutet. Dessen Ort und Umstände werden nicht erwähnt. Da die Notiz als Rückblick des Bischofs Clemens von Rom erscheint und es vor Domitian keine größeren Christenverfolungen gab, könnte sie sich auf die kurze Christenverfolgung unter Nero im Jahr 65 beziehen.

Ignatius von Antiochien schrieb in seinem Brief an die Römische Gemeinde (um 110):[3]

Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch. [...][4]

Auch dies weist auf eine bereits etablierte Tradition vom Märtyrertod der Beiden in Rom hin. Notizen, die dieser widersprechen, gibt es laut Hans Küng nicht.

Laut Eusebius von Caesarea (Anf. 4. Jhd.) soll der Bischof Dionysius von Korinth (ca. 165-175) über Petrus und Paulus gesagt haben:

Und sie lehrten gemeinsam auf gleiche Weise in Italien und erlitten zur gleichen Zeit den Märtyrertod.

Diese Notizen legen nahe, dass in der Kirche ab etwa 150 der beispielhafte Märtyrertod von Petrus und Paulus in Rom zur Zeit Neros angenommen wurde. Sie wären dann gemeinsam mit anderen Christen hingerichtet worden, Paulus als römischer Bürger durch das Schwert, Petrus als Jude durch Kreuzigung wie es bei ausbleibender Fürsprache von Angehörigen für Peregrine (also Reichsangehörige ohne Bürgerrecht) üblich war. Der Legende nach wurde Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt (Petruskreuz).

Eusebius folgerte daraus (2, XXV.):

Es ist daher aufgezeichnet, dass Paulus in Rom selbst enthauptet wurde und dass Petrus ebenso unter Nero gekreuzigt wurde. Dieser Bericht über Petrus und Paulus wird gestützt durch die Tatsache, dass ihre Namen in den Grabstätten bis zum heutigen Tag bewahrt wurden. Es ist ebenso durch Gaius bestätigt, ein Mitglied der Kirche unter Bischof Zephyrinus von Rom [199-217], ... der über die Orte, wo die heiligen Leichname der Apostel liegen, sagt: Aber ich kann die Trophäen der Apostel zeigen. Denn wenn du zum Vatikan [-hügel] oder zur Via Ostia gehst, wirst du die Trophäen derer finden, die diese Kirche gründeten.

Hier zeigt sich ein grundlegender Wandel im Verständnis des Apostolats: Aus der akuten Naherwartung des Reiches Gottes aufgrund der Ostererscheinungen Jesu wurde die apostolische Sukzession, die aus dem Besitz leiblicher Reliquien der Apostel einen ewigen Bestand der Kirche ableitete.

Im späten 4. Jahrhundert, als der römische Bischof bereits eine Sonderrolle beanspruchte, erwähnt Hieronymus (348-420) eine römische Amtszeit des Petrus von 25 Jahren: Das setzt seinen Romaufenthalt ab 40 voraus. Dem widerspricht Apg 15,7 EU, wonach Petrus mindestens bis zum Apostelkonzil (um 48) ein Leiter der Jerusalemer Urgemeinde war.

Petrus als Bischof

Kreuzigung des Petrus von Caravaggio

Die späteren Patriarchate von Alexandria, Antiochia und Rom, später auch Jerusalem und Konstantinopel, führten ihre Gründung direkt oder indirekt auf den Apostel Petrus zurück und beanspruchten ihn als ersten Bischof ihrer Gemeinde. Da so damals der Rang der eigenen Gemeinde erhöht werden sollte, werden die meisten dieser Nachrichten von Historikern bezweifelt.

Nach Apg 1,2ff EU entstand die Urgemeinde durch das Wirken des Heiligen Geistes, der Jesu Auferstehung allen Jüngern offenbarte, die sie dann gemeinsam den Jerusalemern verkündeten. Petrus hatte dabei die Vorreiterrolle (Apg 2,41 EU). Wegen seiner Hervorhebung im Zwölferkreis und seines Auftretens als erster Verkünder der Auferstehung Jesu (Apg 2 EU) wird er als Gründer und einer der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde angesehen. Dass er darüber hinaus weitere Gemeinden gründete und leitete, berichtet das NT nicht.

In der Großstadt Antiochia gründeten Anhänger des hingerichteten Urchristen Stephanus laut Apg 11,20 EU eine mehrheitlich heidenchristliche Gemeinde, deren Mitglieder auch Römer als „Christiani“ identifizierten. Dort lehrte Paulus ein Jahr lang (Apg 13,16ff). Der in Gal 2,11-14 berichtete Konflikt mit Petrus spricht gegen dessen dortiges Führungsamt.

Irenäus von Lyon (ca. 135 - 202) berichtet, die Apostel hätten die Kirche in der ganzen Welt „gegründet und festgesetzt“ [5]. Um diese Zeit kam die Ansicht auf, dass Petrus auch die Kirche in Rom als Bischof geleitet habe. Sie baut auf der etwas älteren Tradition seines Romaufenthalts auf, ist jedoch ahistorisch, da Petrus noch in Jerusalem wirkte, als Paulus nach Apg 18,1 EU in Korinth Christen aus Rom traf (um 50). Demnach bestand dort bereits eine von keinem der beiden gegründete Gemeinde.

Eusebius zitiert in seiner Kirchengeschichte (2,I.) Clemens von Alexandria (150-215):

Denn sie sagen, dass Petrus und Jakobus und Johannes nach der Himmelfahrt unseres Erlösers, obwohl sie von unserem Herrn bevorzugt waren, nicht nach Ehre strebten, sondern Jakobus den Gerechten zum Bischof von Jerusalem wählten.

Demnach sollen die drei „Säulen“ der Urgemeinde (Gal 2,9 EU) Jakobus den Gerechten schon früh zum alleinigen Leiter der Urgemeinde ernannt haben. Nach Hieronymus soll schon Hegesippus (90-180) davon gewusst haben. Diese Amtsübergabe hätte die Romreise des Petrus ermöglicht.

Doch wie die Nachwahl des Matthias (Apg 1,26 EU) zeigt, sollte der Zwölferkreis anfangs als gemeinsames Leitungsorgan erhalten bleiben. Nicht Apostel, sondern die Vollversammlung aller Mitglieder der Urgemeinde wählte laut Apg 6,5 EU und Apg 15,22 EU neue Führungspersonen.

Eine spätere Leitung des Jakobus lässt sich aus Apg 21,15ff EU folgern, wo er mit den „Ältesten“ zusammen auftrat. Das Testimonium Flavianum überliefert, dass er - offenbar als Leiter der Urgemeinde - im Jahr 62 vom Hohen Rat gesteinigt wurde. Seine Enkel sollen nach Zitaten Hegesipps bei Eusebius unter Kaiser Domitian verhaftet und verhört worden sein: Dann hatten sie noch zwei Generationen später eine Führungsrolle im Christentum.

Eine Führungsdynastie war den ersten Christengenerationen unbekannt und widersprach ihrem Selbstverständnis: Alle Christen waren gemäß Jesu Gebot des gemeinsamen Dienens ohne Rangordnung gleichermaßen die „Heiligen“ (Röm 15,25 EU). Evangelientexte vom Rangstreit der Jünger (u.a. Mk 10,35-45 EU) lehnen ein Führungsprivileg für einzelne der von Jesus Berufenen ausdrücklich ab und kritisieren den Wunsch danach als Verleugnung der Selbsthingabe Jesu. Zwar hatten die Zeugen der Ostererscheinungen Jesu die unumstrittene Autorität (1_Kor 15,3-8 EU) als Missionare: Doch nicht sie, sondern Gemeindesynoden trafen Entscheidungen für alle (Apg 15,28 u.a.).

Das monarchische Bischofsamt entstand nach 100; die damals entstandenen Ignatiusbriefe kennen es noch nicht. Es setzte sich parallel zur Kanonbildung des NT bis 400 allmählich durch und prägte die orthodoxe und später katholische Staatskirche. Es reagierte auf das Wachstum des Christentums und übernahm römische Verwaltungsstrukturen.[6]

Petrusgrab

Kaiser Konstantin der Große begann nach 324 auf dem vatikanischen Hügel den Bau der Petersbasilika. Sie wurde als Grabkirche über der Stelle errichtet, die spätestens seit 200 als Petrusgrab - genannt Tropaion des Apostels, so der christliche Römer Gaius - verehrt wurde.

Archäologische Grabungen der 1940er Jahre ergaben, dass der bauliche Kern des Grabes darunter aus einem um das Jahr 160 errichteten kleinen Grabmonument besteht, unter dem ein schlichtes Erdgrab aus dem späten 1. Jahrhundert lag. Während die Frage nach der Identität der dort gefundenen Gebeine offen bleibt, gilt die seit etwa 70 n. Chr. erfolgte ungewöhnliche und dichte Anordnung christlicher Erdgräber rings um dieses Zentralgrab als Hinweis auf den Beginn einer Verehrung als Petrusgrab.

Diese Verehrung bestätigen Grabinschriften aus der Zeit um 300. Die Reste des Grabmonuments sind heute hinter dem Christusmosaik der Pallien-Nische in der Confessio verborgen, über der sich der Papstaltar des Petersdoms befindet.

Bedeutung

in der katholischen Theologie

Die katholische Tradition betrachtet Petrus als ersten Vorsteher (Papst) der ecclesia catholica, das heißt, einer „universalen Kirche“. Sie leitet daraus das Amt des Papstes und den Führungsanspruch des Heiligen Stuhls für die Gesamtkirche ab. Diese Autorität des Petrus begründet sie vor allem mit Jesu Zusage nach Mt 16,18f EU:

Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.

Die Patristik, u.a. Augustin von Hippo, hatte den Ausdruck petra noch nicht auf Simon Petrus, sondern auf Christus bezogen.

Weitere Stellen, mit denen ein besonderes Petrusamt begründet wird, sind:

Joh 21,15ff EU: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweitenmal [...]. Zum drittenmal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? [...] Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebhabe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

Lk 22,31f EU: Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.

Nach römisch-katholischer Auffassung ist der Papst als Bischof von Rom demnach ein Nachfolger Petri. Linus wäre dann sein unmittelbarer Nachfolger gewesen. Die besondere Vollmacht des Petrus als Stellvertreter Christi auf Erden und Leiter der ganzen Kirche sei in einer ununterbrochenen Kette auf alle seine Nachfolger im römischen Bischofsamt übergegangen (Apostolische Sukzession). Diese Auslegung der neutestamentlichen Passagen begründet also bis heute den Anspruch des Papstes auf die Führung aller übrigen Ortskirchen.

in der evangelischen Theologie

Die protestantischen und anglikanischen Kirchen lehnen seit der Reformation wie zuvor bereits die orthodoxe Kirche seit dem frühen Mittelalter die römisch-katholische Lehre eines „Petrusamtes“ und damit den Anspruch der römischen Kirche auf die Führung der Christenheit ab.

Petrus ist auch nach evangelischem Verständnis ein besonderer Jünger Jesu, aber nur als Ur- und Vorbild aller gläubigen Menschen, die trotz ihres Bekenntnisses zu Christus immer wieder versagen und trotz ihres Versagens von Gott die Zusage der gegenwärtigen Vergebung und zukünftigen Erlösung erhalten. Auch der Glaube ist nach evangelischem Verständnis keine Eigenleistung des Petrus, sondern reines Gnadengeschenk der stellvertretenden Fürbitte Jesu, des Gekreuzigten (Lk 22,31 EUff):

Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, dass er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dich einst bekehrst, so stärke deine Brüder.

Dieses Gebet Jesu sei, so eine verbreitete evangelische Exegese, mit der Versöhnung des auferstandenen Jesus mit seinen Jüngern und der dadurch bewirkten Neukonstituierung des Jüngerkreises nach Ostern in Erfüllung gegangen. Die Kirche basiere daher nicht auf einer historischen Amtsnachfolge einzelner Petrusnachfolger. Sondern alle, die wie Petrus zu Jüngern Jesu werden, seien seine Nachfolger und damit Teil der Gemeinschaft, die Christus berufen habe, seine Zeugen zu sein. Gott sei in Christus allen Menschen gleich nahe („Äquidistanz“), so dass außer Christus keine weiteren Mittler nötig und möglich seien. Dieses „Priestertum aller Gläubigen“ verbot für Martin Luther jeden Rückfall in das seit dem stellvertretenden Sühnopfer des Gekreuzigten überwundene hierarchisch-sakrale, aus dem Tempelkult des Judentums stammende Amtsverständnis.

Luther und andere Reformatoren haben den Doppelanspruch des Papsttums, den die beiden Schlüssel darstellen, vehement abgelehnt und die Berufung auf Mt 16,19 dazu bestritten: so z.B. Luther in Von dem Papsttum zu Rom (1520) und später oft wiederholt. Eine Sondervollmacht Petri lasse sich aus dem NT nicht herleiten: Die „Schlüsselgewalt“ zum Binden und Lösen der Sünden werde nach Mt 18,18 EU und Joh 20,21ff EU allen Jüngern gegeben. Besonders das Matthäusevangelium lasse keinen Zweifel daran, dass die christliche Gemeinde nur auf dem Glaubensgehorsam aller ihrer Mitglieder erbaut sein könne. Denn dort wird die Bergpredigt Jesu mit dem Zuspruch eröffnet (Mt 5,14 EU):

Ihr seid das Licht der Welt!

Sie endet mit dem Anspruch (Mt 7,24 EU):

Darum, wer diese meine Rede hört und tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen (petra) baute.

Demgemäß habe Petrus auch keine eigene Erstvision, sondern mit allen Jüngern gemeinsam den Auftrag des Auferstandenen erhalten, alle Getauften aus den Völkern das Befolgen der Gebote Jesu zu lehren: Die damit verbundene Zusage der Geistesgegenwart Christi sei der eigentliche „Fels“, auf dem die Kirche gebaut sei (Mt 28,19f EU). Das Wirken des Heiligen Geistes lasse sich nicht erneut in menschliche Formen und Rituale zwängen und „festnageln“.

Darum bezweifelten protestantische Historiker oft nicht nur das Bischofsamt, sondern schon den Romaufenthalt des Petrus. Heute schließen sie diese Möglichkeit nicht aus, ohne deswegen das Papsttum anzuerkennen. Denn auch eine mögliche „Amtsübergabe“ des Petrus an seinen Nachfolger in Rom begründe keine Vorrangstellung des römischen Bischofs für alle Zeit.

Verehrung

Der Gedenktag von Petrus und Paulus ist der 29. Juni. Ihnen zu Ehren ist in der Orthodoxen Kirche ein leichtes Fasten, das so genannte Apostelfasten, von drei Tagen (26. Juni) bis zu diesem Tag üblich.

Petrus ist einer der wichtigsten katholischen Heiligen und gilt als Schutzpatron

Katholische Gläubige rufen Petrus als Heiligen an gegen Besessenheit, Fallsucht, Tollwut, Fieber, Schlangenbiss, Fußleiden und Diebstahl.

Im Volksglauben wird er auch für das Wetter, insbesondere das Regenwetter verantwortlich gemacht, weil er die Schlüssel zum Himmel hat. Mit diesen Schlüsseln wird er auch als Wächter einer real vorgestellten Himmelstür angesehen, der die anklopfenden Seelen der Verstorbenen abweist oder einlässt. Diese Vorstellung ist als Motiv zahlreicher Witze stark trivialisiert und banalisiert worden.

Weltweit sind wie der Petersdom im Vatikan zahlreiche Orte und Kirchen nach Petrus benannt.

Petrus in der Kunst

In der Kunst wird Petrus gewöhnlich als alter Mann mit lockigem Haar und Bart mit den Gegenständen Schlüssel, Schiff, Buch, Hahn oder umgedrehtem Kreuz dargestellt. Besonders der oder die Schlüssel sind sein Hauptattribut. In mittelalterlichen Bilddarstellungen bis zur späten Gotik trägt Petrus meist zwei verschiedenfarbige Exemplare. In Anspielung auf Mt 16,19 soll der Erdenschlüssel Macht über die Erde, irdische Gewalt, der Himmelsschlüssel den Einlass ins Himmelreich, die geistliche Gewalt, symbolisieren.

Die Petruslegenden wurden im Katholizismus zur Glaubensüberzeugung und dienten immer wieder als Thema künstlerischer Werke. Bekannt geworden ist etwa die Verfilmung „Quo vadis?“ von 1951, die auf dem gleichnamigen Roman von 1895 beruht.

Einzelbelege

  1. Fritz Rienecker: Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament, Gießen 1970, S. 43
  2. Gerd Teißen, Anette Merz: Der Historische Jesus, Göttingen 2005, S. 160f
  3. Hans Küng: Das Christentum, S.115
  4. Ignatios von Antiochien, An die Römer 4.3
  5. Adversus Haereses III
  6. Kurt Dietrich Schmidt: Grundriß der Kirchengechichte, Vandenhoeck & Ruprecht, 9. Auflage, Göttingen 1990, S. 77

Siehe auch

Literatur

 Wikinews: Themenportal Papst – Nachrichten
 Commons: Simon Petrus – Bilder, Videos und Audiodateien
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Personendaten
Simon Petrus
Apostel des Religionsstifters Jesus von Nazaret
um 65
Rom